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Full text of "Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus"

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 



VORTRAGE UBER DAS SOZIALE LEBEN UND 
DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS 



RUDOLF STEINER 



Vom Einheitsstaat zum 
;liedrigen sozialen Organismus 



Elf offentliche Vortrage 
gehalten in Basel, Zurich und Dornach 
zwischen dem 5. Januar und 6. Mai 1920 



1983 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Walter Kugler 



1 . Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1983 



Einzelausgaben und Veroffentlichungen in Zeitschriften 
siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 334 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlafSverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1983 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-3340-X 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk vom Rudolf Steiner 

Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die vonRudolf Steiner (1861-1925) geschriebenenundveroffent- 
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche 
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der 
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, daiS seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage 
nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum 
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zu- 
nehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefer- 
tigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwakung der 
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nurin ganz wenigen Fallen die 
Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor- 
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es 
wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht 
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge- 
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu 
den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Wege und Ziele der Geisteswissenschaft (Anthroposophie) 

Erster Vortrag, Basel, 5 . Januar 1 920 \\ 

Uber den Ursprung des gegenwartigen Geisteslebens und der von 
Technik durchzogenen Lebenspraxis. Die Bildungsstatten des alten 
Orients. Die Entwicklung des geistig-seelischen Menschen im Orient. 
Das Wesen des gegenwartigen Geisteslebens. Zwei Menschheitsstro- 
mungen: Ubermensch - Untermensch. Uber die Ausbildung des Den- 
kens und den anthroposophischen Schulungsweg. Beispiele aus dem 
gegenwartigen Geistesleben. 



Die geisteswissenschaftlichen Grundlagen der leiblichen und 
seelischen Gesundheit 

Zweiter Vortrag, Basel, 6. Januar 1920 35 

Das Verhaltnis des Geistig- Seelischen des Menschen zum Leiblich-Phy- 
sischen. Padagogik und spirituelle Hygiene. Wille und Intellekt. Uber 
Mediumismus. Geisteswissenschaft und Medizin. Goethes Weltan- 
schauung als Ausgangspunkt zu einer hoheren Ausbildung der mensch- 
lichen Erkenntnisfahigkeit. Intuitive Menschenerkenntnis und intuitive 
Medizin auf der Grundlage der Erkenntnis vom dreigegliederten Men- 
schenwesen. 



Die sittlichen und religiosen Krafte im Sinne der 
Geisteswissenschaft 

Dritter Vortrag, Basel, 7. Januar 1920 57 

Erkenntnisfahigkeit und moralische Antriebe. Wege zur imaginativen 
Erkenntnis. Ubungen zur Entwicklung des Willenslebens. Das Durch- 

dringen der Imaginationen durch sittliche Inspirationen. Geisteswissen- 
schaftliche Erkenntnisse als Erlebnisse. Naturkausalitat und Freiheit in 
ihrem Verhaltnis zur Sittlichkeit. Liebe als wiirdigster Antrieb sittli- 
chen Handelns. Geisteswissenschaft nicht als Prediger, sondern Gran- 
der der Moral. Die Erkenntnis von Geist und Seele und ihre Bedeutung 
fur die gegenwartige Wissenschaft. 



Ungeist und Geist in der Gegenwart und fur die Zukunft 

Erster Vortrag, Zurich, 17. Mdrz 1920 80 

Die Beurteilung der Weltlage durch den Okonomen J. M. Keynes. Die 
Weltanschauungsgrundlage der Gegenwart und ihre Grenzen. Uber 
das Verhaltnis des Menschen zur Sprache. Die Weltherrschaft der 
Phrase im Geistesleben. Die Weltherrschaft der Konvention im Rechts- 
leben. Die Weltherrschaft der Routine im Wirtschaftsleben. Die Uber- 
windung von Phrase, Konvention und Routine durch die gedankentra- 
gende Rede, durch ein durch menschlich-soziales Fuhlen erfulltes 
Rechtsleben, durch eine durchgeistigte, assoziative Wirtschaft. 

Schlufiwort nach einer Diskussion 102 



Die geistigen Krafte in der Erziehungskunst und im Volksleben 

Zweiter Vortrag, Zurich, 18. Mdrz 1920 107 

Vom naturwissenschaftlichen, willensentblofiten Denken zum durch- 
seelten, lebendigen Denken. Die Uberwindung des gedankenentblofi- 
ten Wollens durch geistgetragenes Wollen. Anthroposophisch orien- 
tierte Geisteswissenschaft als methodische Grundlage der Erziehungs- 
kunst. Epochen in der Entwicklung des Kindes. Die Bedeutung des 
Kunstlerischen fur die Erziehung. Gedanken zur Lehr- und Stunden- 
plangestaltung. Die Erganzung unseres eigenen Wesens durch Geistes- 
wissenschaft zur Uberwindung des abstrakten Denkens. Notwendig- 
keit und Wirklichkeitssinn eines dreigegliederten sozialen Organismus. 

Schlufiwort nach einer Diskussion 130 



Dreigliederung und gegenwartige Weltlage 

Vortrag, Zurich, 19. Mdrz 1920 136 

vor der Statistisch-Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons 
Zurich 

Gedanken uber das Zusammenwirken der Menschen zur Bewaltigung 
der sozialen Aufgaben. Geisteswissenschaftliche Erkenntnismethoden 
und Wahrnehmungen der Tatsachen des Lebens der Volker als Grund- 
lage des Erkennens von Entwicklungsbedingungen. Uber das russische 
Volkswesen. Gedanken zum Verhaltnis von Staat und Wirtschaft in 
Frankreich. Zur Konstituierung des Reichsrates von Osterreich. Vom 
Wesen der Sozialdemokratie. Die Notwendigkeit der Dreigliederung 
zur Losung der sozialen Frage. 

Schlufiwort nach einer Diskussion und Fragenbeantwortung . 1 60 



Ansprache anlafilich des Besuches des Schweizer Staatsbiirger- 
Vereines zur Baubesichtigung in Dornach 

Dornach, 18. April 1920 173 

Die Entstehung des Dreigliederungsgedankens aus der Beobachtung 
gegenwartiger mitteleuropaischer Verhaltnisse. Warum man die Drei- 
gliederung fiir eine Art Utopie halt. Uber die Entwicklung der geisti- 
gen, staatlichen und wirtschaftlichen Verhaltnisse der Gegenwart unter 
Beriicksichtigung ihrer Entwicklung in den letzten drei bis vier Jahr- 
hunderten. Die Erde als einheitliches Wirtschaftsgebiet. Staat und 
Demokratie. Die geistigen Hintergriinde der Klassenkampfsituation. 
Die Befreiung des Geisteslebens, dargestellt am Beispiel der Waldorf- 
schule. Die Forderung nach einer assoziativen Wirtschaftsweise. Die 
grundlegenden Aufgaben der einzelnen Glieder des sozialen Organis- 
mus. Die Bedeutung des Christentums fiir die Gegenwart und Zukunft. 



Die gegenwartige Wirtschaftskrisis und die Gesundung des 
Wirtschaftslebens durch die Dreigliederung des sozialen 
Organismus 

Vortrag, Basel, 26. April 1920 194 

fur Wirtschafter anlafilich der Mustermesse in Basel im groflen Saal zu 
den «Rebleuten» 

Geisteswissenschaftliche Betatigung als Grundlage zum Erfassen der 
Wirklichkeit. Der Krisenbegriff in der Okonomie. Ideologischer Uber- 
bau und Wirklichkeit. Der Ursprung des Materialismus. Zur Entwick- 
lungsgeschichte Rufilands. Das Verhaltnis der Geldwirtschaft zum 
gesamten Wirtschaftsleben. Der Einheitsstaat als Allheilmittel im Be- 
wufitsein der Gegenwart. Die Bedeutung des Erbrechtes im heutigen 
Wirtschafts- und Rechtsleben. Die drei Grundforderungen des Drei- 
gliederungsimpulses : ein freiheitliches Geistesleben, ein demokrati- 
sches Rechtsleben, ein assoziativ gestaltetes Wirtschaftsleben. 

Fragenbeantwortung 219 



Geisteswissenschaft (Anthroposophie) im Verhaltnis zu Geist 
und Ungeist in der Gegenwart 

Erster Vortrag, Basel, 4. Mai 1920 225 

Beispiele gegenwartiger Lebenspraxis. Anthroposophie und prakti- 
sches Leben. Die Erkenntnis vom werdenden Menschen. Die Uberwin- 
dung des gewohnlichen Denkens durch Meditation. Von der Ent- 



wicklung des Willenslebens. Die Entwicklung des Denkens und des 
Willens und ihr Verhaltnis zum vorgeburtlichen und nachtodlichen 
Leben. Geistesschulung und Lebenswirklichkeit. 

Seelenwesen und sittlicher Menschenwert im Lichte der 
Geisteswissenschaft (Anthroposophie) 

Zweiter Vortrag, Basel, 5. Mai 1920 251 

Die Bedeutung des sittlichen Lebens im gegenwartigen Weltbild. Zur 
Entwicklung des naturwissenschaftlichen Weltbildes. Entwicklungen 
des Seelenlebens. Zum Unterschied zwischen leibfreiem und gewdhnli- 
chem Denken. Die Schulung eines leibfreien Fiihlens und Wollens. Die 
inneren Beziehungen zwischen dem Mineral-, Pflanzen-, Tierreich und 
der Menschenwelt. Geisteswissenschaftliche Weltanschauung als Ret- 
ter der sittlichen Menschenwerte. Die Notwendigkeit einer Annahe- 
rung an die Geheimnisse des Christentums. 

Die geistigen und sittlichen Krafte der gegenwartigen Volker 
im Lichte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie) 

Dritter Vortrag, Basel, 6. Mai 1920 273 

Das Verhaltnis der heute die Erde bewohnenden Volker zueinander 
hinsichtlich ihrer geistig-seelischen und materiellen Entwicklung. Die 
Charakterisierung der drei Menschentypen in der Menschheitsentwick- 
lung in Verbindung mit den drei Wesensgliedern des Menschen. Die 
orientalische Weltauffassung und ihr Zusammenhang mit dem Stoff- 
wechselsystem. Der rhythmische Mensch als Ideal des orientalischen 
Volkstypus. Die Vorherrschaft des rhythmischen Systems im griechi- 
schen Menschentypus. Die Fortsetzung des Griechentums im Goethe- 
anismus. Der Nerven-Sinnesmensch als Ideal des mittellandischen 
Menschentypus. Der westlandische Menschentypus und sein Verhalt- 
nis zum Nerven-Sinnessystem. Naturerkenntnis und materielle Er- 
kenntnis als Ideal des westlichen Menschentypus. Die Abstrahierung 
der sittlichen Idee und die Sinngebung der Freiheit aus dem Natura- 
lismus heraus. Die Notwendigkeit des Herauswachsens der Menschen 
aus ihrem Volkstum. Das Wesen des ethischen Individualismus. 



Hinweise 296 



Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



311 



WEGE UND ZIELE DER GEISTESWISSENSCHAFT 

(ANTHROPOSOPHIE) 

Erster Vortrag, Basel, 5. Januar 1920 

Wer draufien in der Nachbarschaft den Bau betrachtet, der dem 
sogenannten Goetheanum, einer freien Hochschule fiir Geisteswis- 
senschaft, gewidmet ist, die den Geistes-, den Zivilisationsinteres- 
sen der Zukunft dienen will, der kann zunachst absonderlich be- 
riihrt sein von den Formen, von der Stilweise, die ihm da entgegen- 
treten. Man mag nun gegen das, was man da sieht, mancherlei 
einzuwenden haben. Diejenigen, die am Bau beteiligt sind, werden 
solche Einwande, dafi es sich um einen vorlaufigen Versuch handelt, 
durchaus verstehen konnen, wenn sie aus gutem Willen hervorge- 
hen. Aber gegeniiber diesem Bau muE eine gewisse Frage aufge- 
worfen werden, die charakteristisch ist fiir alles das, was jene 
geistige Bewegung will und anstrebt, deren Reprasentant dieser Bau 
sein soil. Hatte man in der gewohnlichen Art die Notwendigkeit 
gehabt, fiir eine gewisse geistige Stromung, fiir eine gewisse Art von 
geistiger Tatigkeit einen selbstandigen Bau irgendwo zu errichten, 
dann hatte man sich wohl an diesen oder jenen Architekten ge- 
wandt, an diesen oder jenen Kunstler, und man hatte vielleicht mit 
ihnen verhandelt dariiber, was in einem solchen Bau getrieben 
werden soil, und dann ware in irgendeinem antiken, einem Renais- 
sancestil oder in irgendeinem anderen Stil ein Bau errichtet worden, 
in dem nun diese geisteswissenschaftliche Tatigkeit ihre Wohnung 
finden sollte. Es wiirde nur ein au£erliches Verhaltnis bestehen zwi- 
schen den Formen innerhalb des Gebaudes und um das Gebaude, das 
dieser geistigen Tatigkeit gewidmet ist, und dieser letzteren selbst. 

So konnte es gerade bei dieser geistigen Bewegung nicht gemacht 
werden. Hier handelt es sich darum, fiir eine gewisse Geistes- 
strtimung eine aufiere Umhiifliing zu scbaffen, welche im ganzen 
und in jeder, auch der geringsten Einzelheit wie herausgeboren ist 
aus dern ganzen Denken, Empfinden und Wollen dieser Geistesbe- 
wegung selbst. Es handelte sich darum, in den aufieren Formen bis 



ins einzelnste hinein etwas zu schaffen, was in gleicher Weise ein 
aufierer Ausdruck ist fiir das innerlich Gewollte wie das Wort oder 
irgend etwas anderes, das ausdriicken soli den Inhalt dieser Geistes- 
bewegung selbst. Da konnte man sich nicht wenden an irgendeinen 
schon bestehenden Stil, an irgendwelche Formensprache, die histo- 
risch iiberliefert ist. Da mufite aus demselben geistigen Untergrunde 
heraus, aus dem der Inhalt der Weltanschauung geschopft ist, auch 
das geschopft werden, was fiir das Auge sichtbar in den Bauformen 
auftritt. Nicht nur im innersten Antriebe der geisteswissenschaft- 
lichen Bewegung, die sich auch die anthroposophische nennt, liegt 
dies, sondern in der ganzen Art, wie diese Bewegung ihre Aufgabe, 
ihre Wege, ihre Ziele im Verhaltnis zu den grofien Anforderungen 
der gegenwartigen zivilisierten Welt auffafit. 

Diese geistige Bewegung will nicht so irgendeine abgezogene 
Theorie, eine nur den Intellekt beschaftigende Wissenschaft, sie will 
nicht etwas sein, was dienen kann allein einer einseitigen Befriedi- 
gung der inneren Seeleninteressen, sie will etwas sein, was allerdings 
Befriedigung, innigste Befriedigung gewahren kann jenen Sehn- 
siichten der menschlichen Seele, die nach Weltanschauung hinge- 
hen. Sie will aber diese Weltanschauung so fest in der Wirklichkeit 
verankern, dafi sie einzugreifen vermag in alles praktische Leben. 
Und so ist, was wir ja zunachst allein leisten konnten, das unmit- 
telbare Schaffen von Bau- und Kunstformen fiir unsere Sache, 
charakteristisch fiir diese ganze Bewegung. Wie sie da allerdings nur 
auf einem engbegrenzten und zunachst auch dem aufieren Leben 
scheinbar fernliegenden Gebiete unmittelbar in das Allerprak- 
tischste eingegriffen hat, so will diese geistige Bewegung Wege 
suchen und Ziele weisen, die in alles Soziale, in alles Sittliche, in alles 
in weitestem Umfange zu denkende menschliche Zusammenleben 
hineingreifen. Nicht weltfremde Idealisten sollen jene Idealisten 
sein, welche auf diese Geisteswissenschaft bauen, sondern sie sollen 
solche Idealisten werden, welche das, was aus ihrer Seele wird, 
unmittelbar einflieften lassen konnen in ihre praktische Lebensbeta- 
tigung. Und alles das, was oftmals so fremd verlauft in demjenigen, 
was der Mensch denkt, das soil zusammengestimmt werden mit 



dem, was in des Menschen innerstem seelischen Streben ist. Die 
aufiere Lebenspraxis, sie soil eins werden mit dem, wodurch der 
Mensch seine sittlichen Impulse sucht, seine sozialen Triebe entwik- 
kelt, seiner religiosen Verehrung nachhangt. Mit einer solchen 
Gesinnung, mit einer solchen Anschauung steht allerdings diese 
geisteswissenschaftliche Stromung heute noch ziemlich fern demje- 
nigen, was in weitesten Kreisen der heute gebildeten Menschen 
angestrebt, gewollt, ja fur das Richtige gehalten wird. 

Dafi das so sein mufi, aber auch dafi es notwendig ist, dafi in 
unsere moderne Zivilisation sich eine solche geistige Bewegung 
hineinstellt, das kann ersichtlich werden, wenn man den Blick 
wendet auf die Art und Weise, wie unser ganzes Leben, in dem wir 
heute drinnenstehen, eigentlich aus den verschiedensten Stromun- 
gen zusammengeflossen ist. Ich mochte heute zunachst von zwei 
hauptsachlichsten Stromungen unseres Zivilisationslebens spre- 
chen. Wir haben heute das, was wir unsere geistige Bildung nennen, 
in dem unsere religiosen Uberzeugungen wurzeln, in dem unsere 
sittlichen Ideale entspringen, aber in dem auch unser ganzes hoheres 
Geistesleben wurzelt. Wir haben dasjenige, wodurch der Mensch 
ausbilden soil iiber das gewohnliche Handarbeitliche hinaus seine 
Fahigkeiten und Krafte fur eine geistige Bildung. Und wir haben 
neben dem die praktische Lebenstatigkeit, die in den letzten Jahr- 
hunderten so intensive Impulse erhalten hat. Wir haben um uns 
herum eine allerdings von unserer Wissenschaft angeregte, aber tief 
in das soziale Leben hineingreifende Technik, die umgestaltet hat 
das moderne Zivilisationsleben in einem Sinne, welcher ganz gewift 
noch einem Menschen vor acht bis neun Jahrhunderten vollig 
unfafilich gewesen ware. 

Wenn wir uns nun fragen, woher das eine, unser geistiges Bil- 
dungsleben, das nicht etwa blofi unsere hoheren Schulen beherrscht, 
das bis in unsere Volksschulen hinunter seine Triebe entfaltet, und 
wo her andererseits unsere von einer so ausgebreiteten Technik 
durchzogene Lebenspraxis komrnt, so erhalt man eine Antwort, 
iiber die sich der Mensch der Gegenwart heute noch wenig Rechen- 
schaft gibt. Aber man braucht ja nur - und wir werden das noch 



ausfiihrlicher im dritten Vortrag auseinandersetzen man braucht 
nur das, was gewissermafien doch die Grundlage fur unsere abend- 
landische Zivilisation, namentlich fur ihren hoheren geistigen Teil 
bildet, ins Auge zu fassen, man braucht im weitesten Sinne auf das 
Christentum zu sehen, so wird man sich auch bei einer oberflach- 
lichen weltgeschichtlichen Betrachtung sagen konnen: Wenn man 
von dem, was in uns als die christlichen Anschauungen, die christ- 
lichen Uberzeugungen lebt, aus denen sich soviel von unseren 
allgemein geistigen Anschauungen und Uberzeugungen herausge- 
bildet hat, viel mehr, als man heute zugeben will, wenn man den 
Ursprung dieser Uberzeugungen und Anschauungen sucht, so wird 
man zuletzt doch auf den Weg kommen, den das Christentum 
genommen hat vom Orient heniber zum Okzident. Und man kann 
ja nach dem Leitfaden, den man in solcher Art gewonnen hat, weiter 
Umschau halten, und man wird finden, dafi jene Wege, die sich 
ergeben, wenn man unsere geistige Bildung zuriickverfolgt - jene 
Wege, die ins Lateinisch-Romische hinein, ins Griechische fuhren, 
von denen unsere geistige Bildung doch innerlich noch die Nachfol- 
gerschaft deutlich zeigt dafi diese Wege zuletzt hmuberfuhren in 
die besondere Geistesverfassung, in die besondere Seelenkonstitu- 
tion, durch welche vor Jahrtausenden, vor vorgeschichtlichen Jahr- 
tausenden, aus dem Orient heriiber gerade unser mehr auf das 
Innere, auf das Seelisch- Geistige gerichtetes Bildungsleben seinen 
Ursprung genommen hat. Nur weil dieses Bildungsleben, diese 
innere Geistesanschauung sich im Laufe der Jahrhunderte und 
Jahrtausende sehr gewandelt hat, bemerken wir heute nicht mehr, 
wie es seine Herkunft ableitet von dem, was, wie gesagt, vor 
vorchristlichen Jahrtausenden aus einer Geistesverfassung heraus, 
die den heutigen zivilisierten Menschen ganz fremd geworden ist, 
seinen Ursprung genommen hat. Man mufi, um diesen weiten Weg 
zu verstehen, nicht allein zuriickgehen auf das, was die aufiere, 
durch Dokumente zu belegende Geschichtsschreibung bietet, man 
mufi iiber das, was diese Geschichtsschreibung sagen kann, hinaus- 
gehen eben in vorgeschichtliche Zeiten. Das wird dem gegenwar- 
tigen Menschen recht schwierig. Denn der denkt in seinem Inner- 



sten, dafi er es im Laufe der letzten Jahrhunderte, vielleicht erst des 
allerletzten Jahrhunderts, in geistigen Dingen «so herrlich weit 
gebracht» habe, daft alles dasjenige, was in Zeiten liegt, auf die eben 
hingedeutet worden ist, in das Gebiet des Kindlichen, des Primiti- 
ven verwiesen werden miisse. 

Wer nun aber ungetriibt durch ein solches Vorurteil den Weg in 
die alte Kultur des Orients zuriickzugehen vermag, der sieht, dafi 
allerdings in den vorchristlichen Zeiten im Orient die Zivilisation, 
die Geistesbildung eine wesentlich andere war, dafi sie aber durch- 
aus intensive geistige Inhalte den menschlichen Seelen bot. Nur 
wurden diese auf ganz andere, ich mochte sagen, auf radikal andere 
Weise erreicht, als heute das erreicht wird, was die Menschen 
beherrschen sollen, die an hoheren Schulen sich eine hohere Geistes- 
bildung aneignen. 

Wer einstmals im alten Orient die hohere Geisteskultur sich 
aneignen sollte, der mufite durchmachen, nachdem er auserwahlt 
war von den Leitern und Lenkern der betreffenden Bildungsstatten, 
eine vollige Umwandlung seines ganzen menschlichen Wesens. Von 
den Bildungsstatten dieses alten Orients spreche ich. Der Geistes- 
wissenschaft, von der hier gesprochen wird, sind sie erkenntnis- 
mafiig zuganglich; aber wenn man vorurteilslos genug ist, wenn 
man einen gewissen Mut des Denkens und Erkennens hat, dann 
kann man auch aus dem, was geschichtlich iiberliefert ist, zuriick- 
schliefien auf das, was da vorgeschichtlich vorhanden war. Von 
diesen Bildungsstatten mufi man so sprechen, dafi sie dasjenige wie 
in einer inneren Einheit batten, was bei uns getrennt auftritt. Diese 
Bildungsstatten, auf die zuriickweist alles, was wir eigentlich heute 
noch in uns tragen, aber in wesentlich verwandelter Gestalt, sie 
waren zugleich das, was wir heute Kirche nennen, aber auch das, 
was wir heute Schule nennen, waren zugleich auch das, was wir 
heute Kunstanstalten nennen. Kunst, Wissenschaft, Religion, sie 
bildeten in alteren menschlichen Zivilisationen eine Einheit. Und 
wer in diesen Bildungsstatten entwickelt werden sollte, der mulke 
s ein en ganzen Menschen zur Entwickelung bringen. Er mulke 
seinen ganzen JVIenschen umwandeln. Er mufite eine andere Form 



des Denkens annehmen als diejenige, die im alltaglichen Leben die 
wirksame ist. Er mufite sich hingeben beschaulichem Denken. Er 
mufite sich daran gewohnen, mit dem Denken so umzugehen, wie 
man sonst nur mit der aufieren Welt umgeht. Er mufite sich aber 
auch daran gewohnen, sein ganzes Gefiihls- und Willensleben 
umzuwandeln. Man macht sich heute schwer eine Vorstellung von 
dem, was in solcher Richtung angestrebt worden ist. Denn wie 
denken wir eigentlich iiber unser Leben? Wir geben zu: das Kind, 
das mufi entwickelt werden. Seine Fahigkeiten und Krafte, mit 
deren Anlagen es in die Welt hereinversetzt ist, sie miissen durch die 
Erziehung entwickelt werden. Nun ja, das Kind kann sich nicht 
selber erziehen; die anderen, die Erwachsenen, haben zunachst die 
Anschauung, daft das Kind mit seinen Fahigkeiten und Kraften 
entwickelt werden mufi. Und wir machen das Kind auch anders in 
bezug auf sein Denken, Fiihlen und Wollen, als es hereingeboren 
wird in die Welt. Wenn wir aber nun dem Menschen zumuten, dafi 
er auch dann noch, wenn er bereits zu seinem eigenen Willen 
gekommen ist, wenn nicht mehr die anderen aus ihren Anschau- 
ungen heraus seine Entwickelung besorgen, diese Entwickelung 
fortsetzen soli, dann findet der gegenwartige Mensch darin eine 
sonderbare Zumutung; denn man soil nur entwickelt werden, 
solange man diese Entwickelung nicht durch eigene Willkur besor- 
gen, nicht selbst in die Hand nehmen kann. Kommt man einmal zu 
einer gewissen Freiheit in bezug auf sein eigenes Entwickeln, dann 
verlafit man die Entwickelung. Das ist der intellektuelle Hochmut, 
in dem wir heute leben. Wir denken in dem Augenblicke, wo wir in 
die Lage kamen, unsere Entwickelung selbst in die Hand zu neh- 
men, wir seien schon fertig, und stellen uns als fertige Menschen in 
die Welt hinein. 

Solch eine Anschauung gab es innerhalb jener Zivilisation, auf die 
ich hier hindeuten mochte, nicht, sondern der Mensch wurde weiter 
und immer weiter entwickelt. Und ebenso wie dasjenige, was das 
Kind imstande ist zu erkennen, zu fiihlen, zu tun, nachdem es durch 
eine gewisse Schulung gegangen ist, wie das in der Seelenverfassung 
eine Art Aufwachen darstellt, so gibt es fur die Weiterentwickelung, 



die der Mensch nun in die Hand nehmen kann, auch ein solches 
Aufwachen. Zu diesem Aufwachen in Seelentatigkeiten, die hohere 
waren gegeniiber den gewohnlichen in demselben Sinne, wie die 
hoheren Fahigkeiten der Erwachsenen hoher sind als die des Kin- 
des, zu solchem Aufwachen wurde der orientalische Mysterien- 
schiiler erzogen. Und man hatte die Anschauung, daft nur derjenige 
urteilsfahig sei iiber die hochsten Angelegenheiten des Lebens, 
welcher also jene spatere Erweckung im besten Sinne des Wortes im 
Leben durchgemacht hat. Und vorbereitet wurde man da nicht etwa 
blofi dazu, nun ein Mensch zu sein, der, wenn er nachdenkt, wenn er 
ein gewisses innerliches Ftihlen und Empfinden entwickelt, durch 
das Wissen von seinem Zusammenhang mit einer geistigen Welt sich 
befriedigt fiihlt, nein, entwickelt wurde da nicht nur die Fahigkeit 
fur eine Weltanschauung, entwickelt wurden da jene Fahigkeiten, 
durch die das soziale und aufierlich technische Leben geleitet, durch 
die das menschliche Zusammenleben dirigiert wurde. Das ganze 
Leben wurde da aus der geistigen Bildung und Entwickelung heraus 
beeinflufit. 

Wir konnen uns so schwer zuriickversetzen in das, was da am 
Ausgangspunkt unserer neueren menschlichen Entwickelung vor 
Jahrtausenden im Orient driiben waltend war, weil unsere ganze 
Seelenverfassung mit der Fortentwickelung der Menschheit etwas 
anderes geworden ist, weil wir zu anderen Empfindungen und 
Anschauungen iiber das Leben gekommen sind. Denjenigen Men- 
schen, die in der hier angedeuteten Geistesbildung drinnenstanden, 
war es instinktiv, zu einer solchen Umbildung des menschlichen 
Wesens hinaufzuriicken. Die Instinkte dieser Menschen waren 
andere. Sie tendierten hin zu einem solchen Erschauen des Geistes- 
lebens nach einer gewissen Umbildung. Die Menschen, die nicht 
selbst solche Ausbildung durchmachten, sahen aus ihren Instinkten, 
die auch bei ihnen vorhanden waren, zu demjenigen empor, was die 
Ausgebildeten ihnen geben konnten. Sie folgten ihnen in bezug auf 
die Ausbildung ihres inneren Seelenlebens. Sie folgten ihnen aber 
auch in bezug auf die Einrichtung des gesellschaftlichen Lebens, in 
bezug auf das Sich-Hineinstellen in das Gesamtleben. 



Die Instinkte, die zu solchem Leben fiihrten, sie sind ebenso aus 
der heutigen Gesamtkultur der Menschheit heraus, wie beim Er- 
wachsenen die besonderen Seeleninstinkte des Kindes umgewandelt 
sind. Aber durch diese Instinkte, im Zusammenhang mit dem, was 
aus jenen Bildungsstatten, die man eben Mysterien nennen kann, 
erwachsen ist, ergab sich eine menschliche Seelenstimmung, durch 
die man gar nicht anders konnte, als das, was des Menschen 
Wesenskern ist, nicht hier in dem Umkreis des Lebens zu suchen, 
der den menschlichen Leib in sich schliefit, sondern diese ganze 
Lebensanschauung fuhrte dahin, auch gewissermafien instinktiv 
sich zu erheben, im ganz popularen Bewufitsein sich zu erheben zu 
dem hoheren Menschen im Menschen, zu demjenigen im Men- 
schen, was wesentlich geistig-seelischer Art ist, zu demjenigen im 
Menschen, was zwar im sinnlichen Leibe fur die Zeit zwischen 
Geburt und Tod erscheint, was aber in sich selber ewig ist und einer 
geistigen Welt angehort, in die man eben instinktiv hineinschaute. 
Etwas Ubermenschliches, wenn ich diesen Ausdruck, der durch die 
Nietzsche-Anhanger etwas bedenklich geworden ist, gebrauchen 
darf, etwas Ubermenschliches wurde als das Wesen des Menschen 
angesehen. Dasjenige, worauf der Mensch hinsah als auf sein eigenes 
Wesen, war etwas, was iiber diesen gewohnlichen Menschen hinaus- 
ging. Darin war jene Bildung grofi: den Menschen aufzusuchen 
seinem Wesen nach in einem Geistig-Seelischen, das im Leiblichen 
nur seinen Ausdruck findet, das aus geistig-seelischer Welt herein- 
greift in das ganze Menschenwesen, dieses Menschenwesen in 
seinen materiellsten Aufierungen vom Geistig-Seelischen aus diri- 
gierend. 

In vielen Metamorphosen, durch viele Umwandlungen hindurch 
ist das, was da als Inhalt der Geistesbildung zustande kam, dann 
ausgearbeitet worden im Orient, ist in weiten Umwandlungen 
herubergekommen nach Griechenland. Es erscheint da, ich mochte 
sagen, filtriert. Wahrend wir in der altesten Griechenzeit, die Fried- 
rich Nietzsche genannt hat das tragische Zeitalter der Griechen, 
noch etwas sehen von einem solchen Hinauflenken des ganzen 
Menschen zum hoheren Menschen, tritt in der spateren Griechen- 



zeit das ein, was man in einem umfassenderen Sinne das dialektische, 
das rein intellektuelle Wesen des Menschen nennen kann. Es wurde 
gewissermafien der ganze reiche und intensiv allmenschliche Inhalt 
einer Urkultur filtriert und weiter und weiter filtriert, und im 
verdiinntesten Zustande kam er heriiber in unser Zeitalter. Und so 
bildet das die eine Stromung unseres Lebens, was durchaus hinauf- 
ging zum geistig-seelischen Menschen und was dem Menschen ein 
Bewufitsein gab, durch das er sich in jedem Augenblick des Lebens, 
beim Gebet und bei der schmutzigsten Arbeit, als einen aufierlichen 
Ausdruck fuhlte des geistig-seelischen Menschen. 

Wir werden im dritten Vortrage sehen: das Mysterium von 
Golgatha, von dem das Christentum in seiner Entwickelung auf 
dieser Erde ausgegangen ist, stent als eine Tatsache fur sich da, die in 
verschiedenen Zeitaltern in verschiedenster Weise begriffen werden 
kann. Aber das, woraus man gepragt hat das nachste Verstandnis 
dieses Mysteriums von Golgatha, das war das, was man an Bildung 
vom Orient heriibergebracht hatte. Und im Grunde genommen lebt 
in alledem, was wir auch heute noch aufbringen zum Begreifen des 
Christentums, dasjenige, was letztes, allerdings geistesmafiig ver- 
diinntes Erleben des Orients ist. Es gibt eine gewisse Eigentiim- 
lichkeit dieser ganzen Seelenkonfiguration, die nur mehr in ihrer 
letzten Metamorphose in uns lebt. Und diese Eigentumlichkeit mufi 
man in dem Folgenden suchen. 

So grofi und gewaltig diese Weltanschauung ist mit Bezug auf das 
Hinaufgehen zum Ubermenschlichen im Menschen, herunter- 
steigen zu dem, wozu die abendlandische, die westliche Zivilisation 
gestiegen und worin sie grofi geworden ist, hatte diese orientalische 
Zivilisation niemals konnen. Den Ubermenschen, den geistig-seeli- 
schen, konnte sie hervorbringen, etwas anderes konnte sie nicht 
hervorbringen. Es ist etwas, worauf ich in anderen Zusammen- 
hangen hier schon hingedeutet habe. Gerade in der Zeit, als schon 
die letzte Metamorphose des orientahschen Geisteslebens im 
Abendlande begann Platz zu greifen, da fing ein Ansatz zu einem 
neuen Geistesleben an, zu einem Geistesleben, das bis in unsere Zeit 
in der Lebenspraxis allerdings gewaltige Bliiten hervorgebracht hat, 



aber Bliiten ganz anderer Art als das eben geschilderte orientalische 
Geistesleben. Sehen wir auf diese anderen Bliiten. 

Auf folgende Tatsache mochte ich da noch einmal hinweisen. Ich 
habe sie, wie gesagt, von anderen Gesichtspunkten aus auch hier 
schon angefiihrt. Wenn wir heute die gebrauchlichen Handbiicher 
durchschauen danach, wie viele Menschen auf der Erde sind, so 
wird uns gesagt, ungefahr 1500 Millionen Menschen bewohnen die 
Erde. Wenn wir auf das schauen, was innerhalb der menschlichen 
Zivilisation gearbeitet wird, wenn wir auf die Arbeitskrafte schauen, 
die in unserem Menschenwesen und Menschenleben tatig sind, dann 
miissen wir merkwiirdigerweise etwas anderes sagen. Dann miilken 
wir eigentlich sagen: die Erde arbeitet so, wie wenn sie nicht blofi 
von 1500 Millionen Menschen, sondern von 2200 Millionen Men- 
schen bewohnt ware. Seit drei bis vier Jahrhunderten arbeitet unsere 
Welt der Maschinen so, daft dadurch Arbeit geleistet wird, die man 
sich denken konnte auch von Menschen geleistet. Wir ersetzen 
menschliche Arbeitskraft durch Maschinenkraft. Und wenn man 
umrechnet, was unsere Maschinen leisten, in menschliche Arbeits- 
kraft, so bekommt man heraus, wenn man achtstiindige Arbeitszeit 
in Anschlag bringt, dafi in unserer Erdenarbeit drinnenstecken 
sieben- bis achtmal hundert Millionen Menschen, das heifit, nicht 
wirkliche Menschen, sondern menschliche Arbeit, die aber durch 
Maschinen aufgebracht wird. 

Das ist etwas, was hineingeliefert wird in die Menschheitszivili- 
sation durch jene Geisteskrafte, die erwachsen sind dem Menschen 
des Westens, jene Geisteskrafte, die niemals hatten in gerader Linie 
sich entwickeln konnen aus jener inneren Geistes- und Seelenkul- 
tur, die in so grandioser Weise zu dem Ubermenschen hinauf, zu 
dem hoheren Menschen im Menschen, zu dem geistig-seelischen 
Menschen sich aufgeschwungen hatte. Diese Kultur blieb in gewis- 
sen Seelenhohen. Sie durchdrang nicht das, was wir heute prakti- 
sches Leben nennen. Sie hatte niemals totes Metall oder sonstiges 
Material in solchen Zusammenhang bringen konnen, daft mitten 
unter den Menschen arbeitet, jetzt allerdings kein Ubermensch, 
aber ein Untermensch, ein Mensch, der eigentlich gegeniiber den 



Menschen aus Fleisch und Blut ein Homunkulus ist, ein Mecha- 
nismus, der aber in die menschliche Kultur hereinstellt das, was 
sonst Menschen hereinstellen konnten. Das ist das Wesentliche 
unseres westlichen Geisteslebens. Es ist um so mehr charakteristisch 
fur dieses westliche Geistesleben, je weiter wir nach dem Westen 
kommen, wo aus diesem Geistesleben hervorgegangen ist der me- 
chanische Mensch, der Untermensch, wie aus dem orientalischen 
Geistesleben der seelisch-geistige Mensch, der Ubermensch hervor- 
gegangen ist. 

Dafi aber solches geschaffen werden konnte im Westen, das ist 
hier nicht eine isolierte Erscheinung des Zivilisationslebens. Es 
hangt ja zusammen mit der ganzen Ausbildung des Vorstellens, 
Fuhlens und Denkens. Die Menschen, die diesen Homunkulus ins 
Leben hereinstellten, die sind in ihrer ganzen Seelenverfassung 
selbstverstandlich grofi nach der anderen Richtung hin als der 
orientalische Mensch. Man kann heute das Leben nicht durch- 
schauen, wenn man nicht diesen Gegensatz in seiner ganzen Intensi- 
tat durchschauen kann. Denn auf der einen Seite tragt dieser moder- 
ne Mensch in sich noch die letzte Metamorphose desjenigen, was 
ihm vom Orient gekommen ist, und auf der anderen Seite nimmt er 
auf schon seit Jahrhunderten das andere, was das Wesentlichste des 
westlichen Geisteslebens ist. Ein Ausgleich ist heute noch nicht da. 
Wie zwei getrennt voneinander fliefiende Stromungen, so stehen sie 
da, die Stromung vom Ubermenschen, wenn auch sehr verandert, 
die Stromung vom Untermenschen, wenn auch erst in ihrem Anfan- 
ge. Und der moderne Mensch, der Mensch der Gegenwart, wenn er 
zum Bewufitsein erwacht, dafi in seiner Seele unvermittelt diese 
beiden Stromungen leben, er leidet seelisch, geistig und wohl auch 
leiblich an dem Mifiklang, der da herauskommt. Gewifi, das sind 
Dinge, die sich so tief in demjenigen abwickeln, was unbewufk und 
unterbewufit bleibt, daft in das Bewufksein des Menschen herauf, 
nicht allein nur in dieses, sondern sogar in seine Leibeskonstitution 
ganz anderes eintritt als die eigentliche Ursache. Der moderne 
Mensch findet sich nervos, findet sich unzufrieden in den Verhalt- 
nissen. Hunderterlei konnte man anfiihren, wie dieser moderne 



Mensch einen Mifiklang zwischen sich selbst und der Umgebung 
fiihlt, wie dieser Mifiklang auch in seiner leiblichen Gesundheit zum 
Ausdruck kommt. Das, was angefiihrt worden ist, das steckt dahin- 
ter. Es steckt dahinter die grofie Frage: Wie bringen wir fiir die 
Zivilisation der Zukunft das in Einklang, was den Untermenschen 
hervorgebracht hat, mit dem, was in seiner letzten Phase in uns lebt 
als Erbstuck einer Zivilisation, die zum geistig-seelischen Menschen 
gefiihrt hat? 

Dieses, was da liegt in den Kraften unserer Zivilisation, wie ich es 
Ihnen eben angefiihrt habe, das sucht sich anthroposophisch orien- 
tierte Geisteswissenschaft besonders vor die Seele zu stellen. Sie 
sieht als ein notwendiges, von den bedeutsamsten Zeitforderungen 
getragenes Ziel vor sich einen Ausgleich zwischen den Seelenkraf- 
ten, die in der einen Richtung, und den Seelenkraften, die in der 
anderen Richtung gefiihrt haben. Und sie ist sich bewufit, wie 
ungeheuer notwendig und bedeutungsvoll es fiir die Menschheit ist, 
die Wege zu finden zu diesem Ziele. Instinktiv habe ich das orientali- 
sche Geistesleben genannt. 

Aus den Instinkten der alten Menschen war dieses Geistesleben 
herausgeboren. Wir haben es als Erbstuck erhalten. Aber wir haben 
es erhalten in einem schon intellektualisierten Zustande; in Begrif- 
fen, in Vorstellungen recht abstrakter Art hat es sich in unsere 
Zivilisation hineingelebt. Denn wir haben nicht mehr die Instinkte, 
die der ehemalige Trager dieses Geisteslebens hatte. Man mag, soviel 
man will, davon phantasieren, dafi der gegenwartige Mensch zur 
Naivitat zuriickkehren, dafi er wiederum instinktiv werden soil. 
Man hat gewifi in einer Beziehung recht mit einer solchen Forde- 
rung. Allein die Naivitat wird sich in anderer Weise ausdnicken als 
fruher. Das Instinktleben wird nach anderen Richtungen gehen. 
Und zu fordern, wir sollten so werden wie Menschen fruherer 
Jahrtausende, das kommt gleich der Forderung: der Erwachsene 
solle spielen wie das Kind. Nein, weder konnen wir zuriickgehen, 
um unsere tiefsten Seelenbedurfnisse zu befriedigen, in die Zivili- 
sation abgelebter Jahrtausende, noch konnen wir, wenn wir nicht in 
Dekadenz verfallen wollen, als abendlandische Menschen «ex orien- 



te lux» rafen; nein, das diirfen wir nicht rufen, aus dem Orient 
komme uns das Licht. Denn das Licht, das heute dort ist, das hat 
ebenfalls viele Metamorphosen durchgemacht, und wir konnen uns 
durchaus nicht der Illusion hingeben, dafi das, was heute noch 
irgendwo im Orient zu finden ist, eine Spiritualitat darstelle, die 
irgendwie fruchtbar in unsere Zivilisation hineingreifen konne. Es 
war eine Dekadenz der schlimmsten Art, als eine theosophische 
Bewegung sich geltend machte aus den religiosen und Kulturbe- 
diirfnissen des Abendlandes heraus, aus dem Maschinenzeitalter 
heraus, das sich auch eine mechanistische Weltanschauung, die den 
Menschen nicht befriedigen kann, gebildet hatte, es war Dekadenz 
der schlimmsten Sorte, dafi man in dasjenige Gebiet ging, das die 
heutige dekadente orientalische Nachfolgerschaft eines geistigen 
Lebens friiherer Zeiten hat. Wenn man indische Kultur heute 
aufgesucht hat, um sie der Theosophie des Abendlandes einzuver- 
leiben, so zeigte das eben, wie unfruchtbar man geworden war, wie 
nicht mehr sich die Schaffenskrafte regen aus dem eigenen Geistes- 
leben heraus, wie man nur grofi sein konnte im Mechanistischen, 
wie man aber keinen eigenen Weg fand in diejenigen Gebiete hinein, 
die die Seele braucht zu ihrer Anschauung von dem wahren geistig- 
seelischen Wesen des Menschen. 

Diese Tendenz liegt iibrigens dem heutigen Leben nur allzu sehr 
zugrunde. Sehen wir denn nicht, wie diejenigen, die mit dem 
gegenwartigen Christentum unzufrieden sind, oftmals nachfor- 
schen: Wie war das Christentum fruher? Wie war das Urchristen- 
tum? Machen wir es wiederum so, wie es die Urchristen gemacht 
haben. Als ob wir nicht fortgeschritten waren seither, als ob wir 
nicht ein neues Verstandnis des Christentums brauchten! Oh, es ist 
iiberall das Charakteristikon der Unfruchtbarkeit da, der Unmog- 
lichkeit des eigenen Schaffens. Nein, das will anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft nicht: Anleihen machen bei irgend- 
einer alten Kultur oder bei der gegenwartigen Nachfolgerschaft 
einer alten Kultur. 

Gerade wenn man das Konkrete desjenigen begreift, worin an- 
throposophisch orientierte Geisteswissenschaft wurzelt, wird man 



das Gesagte leicht einsehen. Sie konnen horen, wie der heutige 
Orientale noch, ich mochte sagen, wie nachbildend alte Methoden, 
den Weg ins Geistige sucht in einem gewissen Atmungsprozesse, in 
einer Regelung des Atmens diejenige Menschheitskonstitution aus- 
zubilden sucht, durch die man innere Erkenntniskrafte und Fiih- 
lenskrafte und Willenskrafte findet, um in die geistige Welt hinauf- 
zusteigen, wo der geistig-seelische Mensch zu finden ist, wo wahre 
Selbsterkenntnis ist. Der Orientale tut heute das, was der Orientale 
in friiheren Jahrhunderten und Jahrtausenden immer fur solchen 
Weg getan hat, er steigt herunter von dem blofien intellektuellen 
Leben des Kopfes in das Leben des ganzen Menschen. Er weifi, 
welcher innere organische Zusammenhang ist zwischen der Art, wie 
wir ein-, wie wir ausatmen - ich werde in den nachsten Tagen davon 
noch sprechen — und dem Vorgang unseres Vorstellens und Den- 
kens. Aber er weifi auch, daft das Denken und Vorstellen wie 
herauswachst aus dem Atmungsprozefi. Und so mochte er zuriick- 
gehen zu der Wurzel des Denkens, zum Atmungsprozeft. In einer 
Regulierung des Atmungsprozesses sucht er den Weg hinauf in die 
geistige Welt. Diesen Weg konnen wir nicht nachmachen. Wiirden 
wir ihn nachmachen, so wiirden wir siindigen wider unsere ganz 
anders gewordene Menschenkonstitution. Das innere Gefiige unse- 
res Gehirns und Nervensystems ist ein anderes als dasjenige, aus 
dem die instinktive Geisteskultur des Orients hervorgegangen ist. 
Wiirden wir heute als das Richtige ansehen, uns nur einem regu- 
lierten Atmungsprozefi hinzugeben, so wiirden wir verleugnen das 
intellektuelle Leben. Wir wiirden verleugnen das, wofiir wir heute 
konstituiert sind. 

Wir miissen, um die Wege in die geistige Welt hinaufzugehen, 
andere Metamorphosen einschlagen. Wir miissen nicht mehr zu- 
riickgehen vom Denken zu Leibesvorgangen wie dem Atem, wir 
miissen das Denken selber ausbilden. Deshalb mufi heutige, auf der 
Hohe ihrer Zeit lebende Geisteswissenschaft sprechen von einer 
Ausbildung des intellektuellen Lebens, aber nicht desjenigen intel- 
lektuellen Lebens, das man heute fast einzig und allein kennt. 
Gerade dieses intellektuelle Leben hat uns fur den ganzen Umfang 



des Lebens wie ausgedorrt gemacht, trocken und niichtern gemacht. 
So sehr auch von einzelnen Seiten in der Gegenwart gewettert wird 
gegen den einseitigen Intellektualismus, man bringt ja nichts auf, urn 
diesen Intellektualismus wirklich bekampfen zu konnen. Man fuhlt, 
die blofien Begriffe, auch diejenigen, die aus der ernsten und 
gewissenhaften Wissenschaft genommen sind, lassen die Seele kalt, 
so dafi sie die Wege durch das wahre Leben nicht findet. Aber man 
findet andererseits nicht die Moglichkeit, dieses intellektuelle Leben 
nach einer Richtung hin zu lenken, die befriedigend sein kann, weil 
man gerade dasjenige vermeiden will, was die hier gemeinte Gei- 
steswissenschaft als das Richtige fur den Gegenwartsmenschen 
ansehen mu8. Der Gegenwartsmensch kann nicht, wenn er einsieht 
die Trockenheit, die Nuchternheit, das Einseitige des blofien Intel- 
lektualismus, aus irgendeinem, wie man oftmals sagt, vorgedank- 
lichen, primitiven elementarischen Leben heraus Emotionen holen, 
urn sich aufzubessern als intellektueller Mensch. Er kann nicht, ich 
mochte sagen, in einem blindwiitigen Leben, das man nicht versteht, 
dasjenige suchen, was er aufierlich anleimen will an die intellektua- 
listische Zivilisation. 

Deshalb sucht anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft 
durch ubungsmafiige Entwickelung der Seele dasjenige, wonach 
dieser moderne Mensch eigentlich zur wirklichen Befriedigung 
seiner Seele lechzt. Im einzelnen habe ich beschrieben im zweiten 
Teil meiner «Geheimwissenschaft», in meinem Buch «Wie erlangt 
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und in anderen meiner 
Schriften, wie dieser Weg in einer dem abendlandischen Menschen 
angemessenen Weise gegangen werden soil. Prinzipiell will ich nur 
andeuten, dafi es sich darum handelt, das Seelenleben so in die Hand 
zu nehmen, dafi man allerdings vermeidet, Vorstellungen, Begriffe, 
Ideen ins Hochste hineingehend zu entwickeln, daft man also nicht 
einseitig bloft das Gedankenleben entwickelt, sondern die Seele so 
iibt, da£ mit den Gedanken selber, die da kommen, die sich 
verbinden, die sich trennen, die lebendigsten Gefiihle sich verbin- 
den. Wahrend heute der einseitige Intellektualist niichtern in seinern 
Gedankenleben ist, aber auch dieses Gedankenleben spazieren lafit 



auf dem dem Leben fremden Gebiete der Wissenschaft oder auf 
anderen Gebieten und sonst gedankenlos sich ins Leben hineinlebt, 
sucht dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissen- 
schaft ihr Uben nennt, ins Denken sich zu vertiefen, aber an dieser 
Vertiefung des Denkens Gefiihl zu entwickeln, so daft man sich 
freuen kann, zornig werden kann, dafi man hassen und lieben kann 
das, was man nur denkt, wie man Menschen hafit und liebt, wie man 
zornig wird iiber aufiere Ereignisse, dafi ein ganzes inneres Leben 
aufgeht, in solcher Lebendigkeit aufgeht, wie das aufiere Leben ist. 
Dafi dies systematisch gemacht werden kann, dafur sollen eben die 
genannten Biicher Zeugnis ablegen. 

Dann aber, wenn der Mensch solche Wege aufsucht, wenn er 
wirklich das, was sonst in seinem Inneren schlaft an Erkenntnis-, an 
Fiihlens- und Wollenskraften, zur Entwickelung bringt, wenn er 
also nicht vom Leibe aus, wie die alte orientalische Kultur, in einem 
regulierten Atmungsprozefi, sondern von der Seele und vom Geiste 
aus seine Entwickelung in die Hand nimmt, dann findet er den Weg 
in die geistige Welt hinein. Und was wendet er fur Krafte an? Er 
wendet die Krafte an, durch die seine Zivilisation grofi geworden ist. 
Er wendet die Krafte an, die er auch anwandte, indem er seine 
Maschinen ausbaute, indem er seine mechanistischen Kopernikani- 
schen, Galileischen, Keplerschen, Newtonschen astronomischen 
Anschauungen entwickelte. Was von unserem Geiste und von 
unserer Seele in die Maschinen hinein sich an Scharfsinn des Vorstel- 
lens entwickelt, was lebt in unserer Astronomie, in unserer Chemie, 
was liegt in unserem sozialen Leben, alles das wird ausgebildet. Der 
Orientale hatte das gar nicht. Er hatte sein Seelenleben nicht bis zu 
diesen Seelenkraften fortsetzen konnen. Er mufite zur Atmung des 
Leibes gehen, um den Erkenntnisweg zu beschreiten. Wir miissen 
einsetzen da, worinnen wir im aufieren praktischen Leben einset- 
zen. Wir miissen von denselben Seelen- und Geisteskraften ausge- 
hen, die in unserer mechanistischen Kultur leben, die den Unter- 
menschen in sieben- bis achthundert Millionen Exemplaren hervor- 
gebracht haben. Wir miissen einen neuen Orient, das heifit, ein 
Erschauen des Hoheren, des Ewigen, des unsterblichen Menschen 



aus dem Sinnlichsten, aus dem Maschinellsten, aus demjenigen 
herausbilden, was unserer abendlandischen Zivilisation als der Weg 
zum Untermenschen sich erweist. 

Allerdings, es ist den modernen Menschen nicht in alien Punkten 
sympathisch, was also in die moderne Zivilisation sich hineinstellen 
will. Denn dieser moderne Mensch, er verlangt ja eben, das Kind 
solle sich entwickeln, denn das kann noch nicht selber die Entschei- 
dung iiber seine Entwickelung treffen. In dem Augenblick, wo er 
selber die Entscheidung treffen soli, da lafit er sich nicht mehr ein auf 
die Entwickelung; da ist man fertig; da lalk man sich in die 
Stadtversammlung, ins Parlament wahlen, denn man weifi ja alles. 
Man kennt alles. Man braucht nicht mehr hinunterzusteigen zu der 
Entwickelung der Fahigkeiten, durch die man etwas weifi. Man ist 
Kritiker fur alles, wenn man nur einmal zum Bewufitsein seiner 
Willkiir gekommen ist, wenn nur die anderen allein nicht mehr 
herummurksen diirfen in bezug auf die Entwickelung. Dieser mo- 
derne Mensch, er mufi eben den Weg suchen, hinaufzusteigen 
wiederum zu jenen Hohen, wo man findet den geistig-seelischen 
Menschen. 

Nun ist die Sache ja so, dafi vorlaufig der innere Antrieb, diesen 
geistig-seelischen Menschen zu suchen, den Weg zu diesen Erkennt- 
nissen zu beschreiten, noch ein entsagungsvoller ist, denn dieser 
Weg fordert ein Leben, das allerdings in Schmerzen und Leiden vor 
sich geht, ein Leben, das heute noch nicht jeder gehen mufi, nicht 
jeder gehen kann, auch nicht jeder zu gehen braucht. Aber geradeso, 
wie nicht jeder ein Chemiker werden kann, aber die Ergebnisse der 
Chemie fur alle Menschen nutzlich werden konnen, wie nicht jeder 
ein Astronom werden kann, aber die Ergebnisse der Astronomie in 
alle Seelen hineinspielen konnen, so kann es wenige Geistesforscher 
geben, aber die Ergebnisse dieser Geistesforschung, sie konnen - 
das habe ich hier oftmals gesagt - mit dem gewohnlichen gesunden 
Menschenverstande begriffen werden. Die wenigen Geistesforscher 
konnen ihre geistigen Schauungen mitteilen, und der gesunde Men- 
schenverstand wird sie begreifen. Aber das leugnen ja heute gerade 
die Menschen. Sie kommen und sagen: Was du Geistesforscher uns 



mitteilst, das mogen schone Phantasien sein; aber wir zergliedern es 
logisch, wir lassen es nicht gelten, denn vor unserem Menschenver- 
stand zeigt es sich nicht. Zum hoheren Schauen haben wir uns noch 
nicht hinaufgebildet. 

Man erfahrt ja auf diesem Gebiete ganz sonderbare Dinge. Eben 
ist wieder eine Broschiire erschienen uber das, was ich als anthropo- 
sophisch orientierte Weltanschauung vor der Menschheit heute zu 
vertreten habe. Da sagt ein Mann, der, nun, «Universitatsprofessor» 
ist, der sagt da, wo er mich abkanzelt als Philosoph und, wie er sagt, 
als Theosoph: Ja, da behauptet dieser Steiner, dafi man ja auch ein 
Chemiker werden miisse, um die chemischen Dinge zu verstehen, 
ein Physiker werden miisse, um die physischen Dinge zu verstehen; 
das kann man ihm zugeben. Aber nun ist es sehr merkwurdig, wie 
sich dieser Herr sonderbar verhalt. Er sagt: Jeder kann einverstan- 
den sein damit, dafi die Chemiker dieses oder jenes behaupten, denn 
wenn er selbst Chemiker wird, so wird er ja einsehen, dafi das richtig 
ist; jedermann kann einverstanden sein mit dem, was die Physiker 
behaupten, denn wenn er selbst Physiker wird, so wird er einsehen, 
dafi das richtig ist, was die Physiker sagen. Aber um dasjenige 
einzusehen, was Geisteswissenschaft sagt, miifite man ja besondere 
Fahigkeiten entwickeln. 

Etwas anderes sage ich aber auch nicht. Wie der Mensch, um tiber 
Chemie ein Urteil zu haben, Chemiker werden mufi, wie der 
Mensch, um tiber Physik ein Urteil zu haben, Physiker werden 
mufi, so mufi der Mensch, um uber Geisteswissenschaft zu ent- 
scheiden, Geisteswissenschafter werden. Aber nun sagt, seinen Text 
weitersetzend, jener sonderbare - vielleicht ist er gar nicht sonder- 
bar - Universitatsprofessor: Es handelt sich nicht darum, dafi das, 
was Steiner behauptet, sich nur vor geisteswissenschaftlich geschul- 
ten Leuten rechtfertigen lafit, sondern es mufi sich vor mir recht- 
fertigen lassen! Das heifit, es mufi sich rechtfertigen lassen vor dem, 
der nicht nur keinen Dunst davon hat, sondern sich auch nicht 
verschaffen will. 

Das ist allerdings ein «gesunder Menschenverstand», in Anfiih- 
rungszeichen geschrieben, der nicht taugt, das zu verstehen, was 



Geisteswissenschaft zu verzeichnen hat. Der unbefangene gesunde 
Menschenverstand wird es fassen. Ja, man wird iiber diese Dinge 
vielleicht in der Zukunft noch ganz anders denken, als man heute in 
vielen Kreisen gewohnt ist, zu denken. Die Welt ist da. Die Philoso- 
phen haben sich immer gestritten urn die Welt. Nun, die Philoso- 
phen werden doch gesunden Menschenverstand haben. Und man 
kann sogar sagen, wenn man unbefangen ist: die Philosophie ist 
besser als ihr Ruf. Aber die Philosophen streiten sich. Und ist man 
unbefangen, so kann man sogar demjenigen einen gewissen Scharf- 
sinn auf philosophischem Gebiete zubilligen, der das Gegenteil von 
dem sagt, was eben ein anderer vorbringt, wiederum aus einem 
gewissen Scharfsinn heraus. Ja, man kommt, wenn man hier auf 
diesem Gebiete unbefangen ist, dazu, ein sehr merkwurdiges Urteil 
iiber den gesunden Menschenverstand zu gewinnen. Er ist da. Die 
Leute reden im allgemeinen in diesem gesunden Menschenverstand. 
Aber er ist ja gar nicht geeignet, die Welt zu begreifen, sonst 
brauchten sich die Philosophen nicht zu streiten. Die Welt, die 
aufierlich den Sinnen vorliegt, so ohne weiteres zu begreifen, dazu 
scheint gar nicht zu taugen dieser gewohnliche gesunde Menschen- 
verstand. Man probiere es einmal, ob er dasjenige begreift, was 
Geisteswissenschaft zu sagen hat, und man wird sehen: der Weg 
wird sich eroffnen, dafi man gerade das begreifen wird. Es ist 
Wischiwaschi, nicht einmal blofi ein Vorurteil, wenn man sagt: 
Geisteswissenschafter behaupten auch verschiedenes; der eine das 
oder der andere das. Das sagt man ohne Kenntnis der Tatsachen. 
Lernt man die Tatsachen kennen, so wird man dies nicht mehr 
behaupten. 

So wird allerdings manches Vorurteil und namentlich manches 
Vorempfinden iiberwunden werden miissen, wenn sich die hier 
gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in das 

moderne Leben hineinstellen soil. Aber sie wird sich hineinstellen 
miissen. Denn der Weg wird gefunden werden miissen, urn die 
beiden Ihnen heute gekennzeichneten Geistesstrornungen zu ver- 
binden. Wir konnen keine Reaktionare werden, um zuriickzukeh- 
ren zu fr 11 Keren Geistesbildungen. Wir miissen uns hineinstellen in 



dasjenige, was das naturwissenschaftliche, das mechanistische Zeit- 
alter hervorgebracht hat. Aber wir miissen die Krafte, die einen 
Kopernikus, einen Galilei, einen Giordano Bruno, einen Rontgen, 
einen Becquerel und so weiter bis in unsere Tage hervorgebracht 
haben, wir miissen die Krafte so weit vergeistigen, dafi wir durch 
dieselben Krafte der menschlichen Seele, durch die wir Maschinen 
bauen, auch hinaufsteigen zur Erkenntnis des geistig-seelischen 
Menschen. Dann werden wir nicht mehr blofi vom Geiste reden, 
dann werden wir dem Streben nach dem Geiste einen Inhalt zu 
geben vermogen. 

Das ist es, was dem tieferen Betrachter der Gegen warts zivilisa- 
tion so nahegeht, dafi die Leute heute viel vom Geiste reden, aber 
diesem Reden vom Geiste keinen Inhalt geben. Dadurch entstehen 
Weltanschauungen auf der einen Seite, entsteht die Lebenspraxis 
unorganisch mit diesen Weltanschauungen verbunden auf der ande- 
ren Seite so, wie sich ausnehmen wtirde unsere geisteswissenschaft- 
lich schaffende Weltanschauung in einem Hause, das einen alten 
Baustil tragt. Unsere geisteswissenschaftlich orientierte Weltan- 
schauung will in Bauformen leben, die aus ihr selbst geboren sind. 
Sie soil so schaffen und kann so schaffen, dafi sie das au£ere 
materielle Leben bis in die technischen Einzelheiten, bis in die 
sozialen Verkettungen zu durchdringen vermag. Dann wird diese 
Geisteswissenschaft der Trager einer Zivilisation werden konnen, 
die die rechten Wege findet zu den Zielen, die heute angedeutet 
worden sind. Dann wird diese Geisteswissenschaft es sein, welche 
nicht mehr grofi werden lafit jenes Leben, von dem man sagen kann: 
Nun ja, einzelne streben wieder nach dem Geiste hin; sie verlangen, 
dafi der Mensch, der in der Fabrik hart arbeitet, nicht mehr blofi in 
der Fabrik arbeitet, sondern dafi er Zeit genug iibrig habe, um sich 
auch dem Geiste zu widmen. Oh, nein, das verlangt Geisteswissen- 
schaft nicht allein, dafi man in der Fabrik zu arbeiten hat und, wenn 
man die Tiire hinter sich zuschliefit, dann heraustritt aus der Fabrik, 
um da das Geistesleben zu finden. Nein, das Umgekehrte verlangt 
Geisteswissenschaft, dafi, wenn man sie aufschlieik, die Fabrik, um 
zur Arbeit zu gehen, man den Geist hineintrage, damit jede Maschi- 



ne durchgeistigt ist von dem, was auch die Weltanschauung in die 
hochsten Hdhen des Erkennens, des Unsterblichen hinauftragt. 
Nicht Zeit iibrig lassen fur den Geist mochte die Geisteswissen- 
schaft, sondern alle Zeit durchtranken von dem, was der Mensch als 
den Inhalt seines Geistes finden kann. 

Nun, die Menschen schreien heute vielfach nach Geist. Eben ist 
ein Buch iiber den Sozialismus erschienen - es gibt allerlei gefuhl- 
volle und auch manchmal verstandige Anschauungen - von Robert 
Wilbrandt, dem Tubinger Universitatsprofessor. Es tont aus: Ja, 
aber wir kommen mit dem Sozialismus doch nicht weiter, wenn wir 
nicht den neuen Geist, die neue Seele finden. Auf den letzten Seiten 
des Buches also der Schrei nach dem Geist, nach der Seele! Fiihrt 
man einen solchen Mann, eine solche Personlichkeit jedoch dahin, 
wo dem Geiste Inhalt gegeben werden soli, wo man nicht nur in 
abstracto nach dem Geiste und der Seele deutet, wo man von 
geistigen und Seeleninhalten spricht, wie sonst die Naturwissen- 
schaft von naturlichen Inhalten spricht, da driickt sich die betref- 
fende Personlichkeit hinweg, da hat sie nicht den Mut, zum wirkli- 
chen inhaltsvollen Geiste sich zu bekennen. Und so sehen wir das 
bei vielen. Sie schreien nach dem Geiste. Aber wenn dann der Geist 
einen wirklichen Inhalt sucht, dann finden sie sich nicht ein. Sie 
bleiben beim blofien Hinweisen auf ein abstraktes Zusammen- 
schliefien der Menschenseelen mit dem Geistigen. Das ist dasjenige, 
was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als Weg 
sucht: den Weg zum wirklichen geistigen Inhalte, zu einer wirkli- 
chen geistigen Welt, aus unseren eigenen organischen Erkenntnis- 
kraften heraus als Ziel sucht: sich die blofi unorganisch in uns 
zusammengefugten zwei Stromungen, den Orientalismus und den 
Okzidentalismus, zu einem Streben auszubilden, das aus unserem 
eigenen Streben den Weg wie hinunter in den Mechanismus, so 
hinauf in die hochste Spiritualitat findet. 

Den weiteren Ausfiihrungen dieses Themas, die ich morgen und 
iibermorgen geben werde, wo auch manches wird breiter charakteri- 
siert werden konnen, als ich das heute in der Einleitung tun konnte, 
will ich zum Schlusse heute nur das Folgende noch vorausschicken. 



Der Ruf nach einer neuen Geistigkeit, er geht heute durch viele 
Herzen, durch viele Gemiiter, und in einer gewissen Weise ahnt 
man schon, dafi unser Ungliick, das sich so furchtbar, so schrecklich 
geoffenbart hat in den letzten funf Jahren, in der aufieren Welt 
zusammenhangt damit, dafi unser Geist in eine Sackgasse geraten 
ist. Dafi durchbrochen werden miisse eine Wand, um vorwartszu- 
kommen im Geiste. Geahnt wird, dafi wir im Sozialen, im Politi- 
schen, im aufierlich Technischen nicht weiterkommen ohne einen 
neuen Geist. Ein Mann, der vielleicht nicht immer eine ganz vorteil- 
hafte, aber doch vielleicht eine gescheitere Rolle als mancher seiner 
Kollegen unter den «Staatsmannern» - ich sage das in Anfuhrungs- 
zeichen, wenn ich von Staatsmannern heute spreche - in den letzten 
Jahren gespielt hat, der hat nun auch - Staatsmanner und Generale 
schreiben ja heute Kriegserinnerungen -, der hat nun auch seine 
Kriegserinnerungen geschrieben. Sie endigen mit den folgenden 
Worten: 

«Der Krieg geht weiter, wenn auch in veranderter Form. Ich 
glaube, dafi die kommenden Generationen das grofie Drama, wel- 
ches seit funf Jahren die Welt beherrscht, gar nicht den Weltkrieg 
nennen werden, sondern die Weltrevolution...» 

Das sagt Czernin, der osterreichische Staatsmann. Also wenig- 
stens einer sieht schon Dinge ein, wie sie zusammenhangen, wenn 
auch noch in sehr beschranktem Mafie. Und er fahrt fort: 

«... und wissen werden, dafi diese Weltrevolution nur mit dem 
Weltkrieg begonnen hat. Weder Versailles noch Saint Germain 
werden ein dauerndes Werk schaffen. In diesem Frieden liegt der 
zersetzende Keim des Todes. Die Krampfe, die Europa schutteln, 
sind noch nicht im Abnehmen. So wie bei einem gewaltigen Erdbe- 
ben dauert das unterirdische Grollen an. Immer wieder wird sich 
bald hier, bald dort die Erde offnen und Feuer gegen den Himmel 
schleudern, immer wieder werden Ereignisse elementaren Charak- 
ters und elementarer Gewalt verheerend iiber die Lander sturmen. 
Bis alles das hinweggefegt ist, was an den Wahnsinn dieses Krieges 
und die franzosischen Frieden erinnert. 

Langsam, unter unsaglichen Qualen, wird eine neue Welt gebo- 



ren werden. Die kommenden Generationen werden zuriickblicken 
auf unsere Zeit wie auf einen langen bosen Traum, aber der schwar- 
zesten Nacht folgt einmal der Tag. Generationen sind in das Grab 
gesunken, ermordet, verhungert, der Krankheit erlegen. Millionen 
sind gestorben in dem Bestreben, zu vernichten und zu zerstoren, 
Hafi und Mord im Herzen. 

Aber andere Generationen erstehen und mit ihnen ein neuer 
Geist. Sie werden aufbauen, was Krieg und Revolution zerstort 
haben. Jedem Winter folgt der Friihling. Auch das ist ein ewiges 
Gesetz im Kreislauf des Lebens, dafi dem Tod die Auferstehung 
folgt. 

Wohl denen, die berufen sein werden, als Soldaten der Arbeit die 
neue Welt mitaufzubauen.» 

Auch hier aus einem beschrankten staatsmannischen Geist der 
alten Zeit heraus der Ruf nach dem neuen Geiste. Nun ja, dieser Ruf 
nach dem neuen Geiste mufi nur begriffen werden und wahr und 
ernst genug in den Menschenseelen Wurzeln fassen. Denn auch das 
Aufierlichste im Leben hangt mit dem Innerlichsten, die aufierlich- 
sten materiellen Ereignisse mit den innerlichsten geistigen Erleb- 
nissen zusammen. Und wenn wir anschauen, was sich als der Geist, 
der im Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Hohepunkt erreicht hat, 
ausgelebt hat in den Ereignissen der letzten Jahre, dann werden wir 
verstehen, dafi der Ruf eintreten mufi nach einem neuen Geistes- 
leben. Mit diesem neuen Geistesleben mochte ihre Wege und Ziele 
die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zum Aufbau 
der Welt ebenso verbunden haben, wie diejenigen geistigen Bestre- 
bungen, die sie bekampfen, ersichtlich verbunden sind mit den 
furchtbaren Ereignissen der letzten Jahre. 

Ich habe noch in diesen Tagen einen merkwiirdigen Vortrag 
gelesen, der im Baltenlande gehalten worden ist - merken Sie auf das 
Datum - am 1. Mai 1918. Da klingt der Vortrag eines Physikers, am 
1. Mai 1918, aus in die Worte: Der Weltkrieg hat doch gezeigt, da£ 
noch zu isoliert dastehen die geistigen Bestrebungen der Gegen- 
wart, die wissenschaftlichen Arbeiten der Gegenwart. Der Welt- 
krieg - so ungefahr sagt dieser Physiker - hat uns gelehrt, dafi 



zukiinftig dasjenige, was in den wissenschaftlichen Laboratorien 
gearbeitet wird, in innerem organischem Zusammenhange, in fort- 
wahrendem innerem Ideenaustausch mit dem stehen mufi, was in 
den Generalstaben gearbeitet wird. Es mufi ein innigstes Biindnis 
angestrebt werden - so sagt dieser Physiker - zwischen der Wissen- 
schaft und dem Generalstab. Darin sieht er das Heil der Zukunft! 

Man sieht, die Wissenschaft der Vergangenheit kann Biindnisse, 
die zwischen ihr und den zerstorendsten Kraften der Menschheit 
geschlossen werden, sogar als Ideal ansehen. Anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft mochte das Biindnis zwischen ih- 
rem geistigen Streben und alien wahrhaft aufbauenden Kraften der 
Menschheitszivilisation schliefien. 



DIE GEISTESWISSENSCHAFTLICHEN GRUNDLAGEN 
DER LEIBLICHEN UND SEELISCHEN GESUNDHEIT 

Zweiter Vortrag, Basel, 6. Januar 1920 

Bevor ich anschliefiend an die gestrigen einleitenden Ausfuhrungen 
iiber Wege und Ziele der Geisteswissenschaft morgen zu jenen 
wichtigen, insbesondere das Interesse der Gegenwart unmittelbar 
beriihrenden Konsequenzen dieser Geisteswissenschaft schreiten 
werde, welche den geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt fur die- 
sittlichen, sozialen und religiosen Krafte des Menschenwesens be- 
handeln, mochte ich heute eine Betrachtung einfiigen iiber dasjeni- 
ge, was Geisteswissenschaft zu sagen hat iiber leibliche und seelische 
Gesundheit des Menschen. Gerechtfertigt wird eine solche Betrach- 
tung wie die heutige ja auch deshalb sein, weil schliefilich der 
Mensch sich nur dann menschenwerte und menschenwiirdige sittli- 
che Ziele setzen, soziale Aufgaben stellen und ein entsprechend 
religioses Leben aus den Untergriinden seiner Seele wird hervor- 
bringen konnen, wenn zugrunde liegt diesen seinen Zielsetzungen 
und Hervorbringungen das, was man nennen kann seine auf leib- 
licher, seelischer und geistiger Gesundheit ruhende Tiichtigkeit. 

Sie werden von vornherein voraussetzen, dafi, wenn im geistes- 
wissenschaftlich-anthroposophischen Sinne iiber die Grundlage des 
Gesundseins gesprochen werden soli, dann gerade die geistigen und 
seelischen Faktoren, die dabei in Betracht kommen, besonders 
beriihrt werden. Nun stofit man aber mit einer solchen Betrachtung 
sofort auf eine der altesten und zu gleicher Zeit, man darf sagen, 
strittigsten Fragen menschlicher Weltanschauung: auf die Frage 
nach dem Zusammenhange des Seelisch-Geistigen in der Men- 
schenwesenheit mit dem Leiblich-Physischen uberhaupt. Vieles ist 
nachgedacht, vieles ist nachgeforscht worden mit den Mitteln ver- 
schiedener wisseiiscliaftlicher Gebiete iiber diese Frage: Wie verhalt 
sich eigentlich das Geistig-Seelische des Menschen zum Leiblich- 
Physischen? 

Die hier eemeinte Geisteswissenschaft iv.x\il sich auf den Stand- 

o 



punkt stellen, dafi sie diese Frage so, wie sie gewohnlich gestellt 
wird, nicht von vornherein schon als eine richtig gestellte ansehen 
kann. Man fragt gewohnlich: Wie verhalt sich des Menschen Geist 
oder Seele zu seinem Leib, zu seiner physischen Organisation? Man 
beriicksichtigt dabei nicht, ob das, was wir die unter die Willkiir 
gestellte Seelenverfassung und Seelentiichtigkeit des Menschen nen- 
nen konnen, nicht vielleicht in verschiedener Weise bei verschie- 
denen Menschen ein besonderes Verhaltnis begriindet zwischen 
Geist und Leib, ob nicht eingreifen konnte durch gewisse Verhalt- 
nisse der Mensch gerade durch diese Krafte, die er in seiner Seele 
entwickelt, in seine leibliche Organisation. Und diese Frage kann 
eigentlich nur eine geisteswissenschaftliche Betrachtung behandeln, 
wie diejenige ist, die ich mir erlaubte gestern vor Ihnen anzustellen. 
Denn gerade wenn wir das in Betracht ziehen, was die Wissenschaft 
des Abendlandes in dem Sinne, wie sie gestern charakterisiert 
worden ist, zu ihren Triumphen gefiihrt hat, so miissen wir sagen: es 
ist dies nicht ein Element, das zum Menschen hinfiihrt, sondern es 
ist ein Element, das in einer gewissen Beziehung eigentlich vom 
Menschen entfernt. 

Was strebt der Wissenschafter, welcher die Grundsatze der letz- 
ten drei bis vier Jahrhunderte angenommen hat, fur seine Wissen- 
schaft besonders an? Er strebt besonders an, solche Vorstellungen 
tiber die aufieren Dinge und auch iiber den Menschen zu gewinnen, 
in die sich moglichst wenig, ja womoglich gar nicht einmischen die 
menschlichen Gefuhle und Willensimpulse. Je mehr man alles das, 
was man das Subjektiv-Personliche nennen kann, auseinanderzu- 
halten vermag von wissenschaftlicher Betrachtung, um so mehr 
glaubt man das Ideal dieser wissenschaftlichen Betrachtung erfiillt. 
Der Physiker, der Biologe glaubt heute seiner Aufgabe nicht mehr 
nachkommen zu konnen, wenn er irgend etwas, was nur innerlich in 
der Seele erfafit werden kann, in seine Feststellungen einmischt. 

Wenn ich erinnern darf an dasjenige, was ich als ein allerdings 
einer weiten Vergangenheit angehoriges Ideal orientalischer Weltbe- 
trachtung gestern charakterisierte, so mufi gesagt werden: da dort 
der ganze Mensch herangezogen wurde zu jener Umwandlung, zu 



jener Entwickelung der Menschennatur, die im Orient die Grundla- 
ge zu einer Weltanschauung bildeten, so war diese Methode das 
vollige Gegenbild von dem, was uns heute als wissenschaftliches 
Ideal erscheint. 

Nun mufi man, wenn man sich solchen Dingen hingibt, heute gar 
viele Vorurteile abstreifen, die da gelten, ich mochte sagen, als 
Selbstverstandlichkeit, die aber in kurzer Zeit keine Selbstverstand- 
lichkeiten mehr sein werden, sondern Vorurteile, die durch die 
Menschheitserziehung der letzten drei bis vier Jahrhunderte bedingt 
sind. 

Wenn man wirklich eingeht auf den Grundcharakter desjenigen, 
was all unser durch die Wissenschaft impragniertes Denken kenn- 
zeichnet, so findet man, dafi eigentlich vor diesem Denken heute nur 
ein Teil, ein Glied der ganzen Menschennatur Gnade findet: dasjeni- 
ge, was man nennen kann das intellektualistische Element, das 
Element, das zu den gefuhls- und willensfreien Gedanken aufsteigt, 
das nichts hinzutun will aus der eigenen, subjektiven Menschenna- 
tur zu diesem Vorstellen. Dadurch aber nimmt gerade an der 
wichtigsten wissenschaftlichen Arbeit der ganze Mensch als solcher 
nicht teil, sondern nur dasjenige vom Menschen, was eben der 
Trager des intellektualistischen Seelenlebens ist. 

Was ich gestern charakterisierte als das wahrhaft abendlandische 
Streben nach einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, das 
will wieder, ohne etwa zuriickzukehren zu orientalischen Idealen, 
aus der ganzen Menschennatur heraus die Seelenkrafte entwickeln, 
die eine Weltanschauung produzieren. Daher mufite ich gestern 
etwa in der folgenden Weise die Erkenntniswege charakterisieren, 
die zu einer solchen anthroposophisch orientierten geisteswissen- 
schaftlichen Weltanschauung fuhren. Wahrend der Mensch, der 
blofi wissenschaftlich ist, mit seinen Experimenten oder mit seiner 
Naturbeobachtung zusammen das intellektualistische Vorstellen 
entwickelt, mufi derjenige, der zu einer geisteswissenschaftlichen 
Anschauung aufsteigen will, aus den Tiefen seines Seelenlebens 
heraufholen gelauterte Gefuhle, gelauterte Willensimpulse. Er mufi 
sich allerdings versenken in eine Gedankenweit. Er mufi ebenso 



intellektualistisch arbeiten konnen wie nur der exakteste Wissen- 
schafter. Aber er steht mit seinem Menschen in anderer Weise als 
dieser exakte Wissenschafter zur Intellektualitat. Er versenkt sich in 
Ideenwelten, er versenkt sich in dasjenige, was sonst nur der blasse, 
schattenhafte Gedanke liefert. Aber so, wie man sonst nur an den 
Ereignissen des aufieren Lebens mit seinen Sympathien und Antipa- 
thien, mit seiner ganzen Gefuhlswelt teilnimmt, wie man sonst nur 
an den Forderungen des Lebens mit seinen Willensimpulsen teil- 
nimmt, so begleiten bei demjenigen, der den Weg in die geistige 
Welt hinein suchen will im Sinne dieser Geisteswissenschaft, das 
Fiihlen, das Wollen, die Sympathien und Antipathien den Gedan- 
ken, die Ideen. Mit der Art und Weise, wie die Ideen wirken, wie sie 
sich zueinander stellen, verbindet man ein innerliches Sympathie- 
und Antipathie-Element, ein innerliches Wollen, das man sonst nur 
etwa dem Menschen von Fleisch und Blut oder der Natur in 
geringerem Sinne entgegenbringt oder das man entwickelt, wenn 
man Hunger oder Durst hat, oder wenn andere Aufgaben des 
gewohnlichen Lebens gestellt sind. So innerlich lebendig wie im 
Wollen unter dem Einflusse von Hunger und Durst, wie in den 
Gefuhlen, die man zu geliebten oder gehafiten Menschen entwik- 
kelt, so innerlich lebendig ist man bei den Methoden, die zur 
geisteswissenschaftlichen Einsicht fuhren sollen. Der ganze Mensch 
mit seinem Fiihlen und Wollen nimmt teil an diesen Methoden. 
Das entwickelt eben andere Erkenntnisse, andere Verhaltnisse zur 
Aufienwelt und auch zu den anderen Menschen als blofi das intel- 
lektualistische Treiben. 

Wenn nun diejenigen Erkenntnisse, die auf diese Weise Inhalt der 
Geisteswissenschaft werden - die ja aller dings fur die weitesten 
Kreise der gegenwartigen Menschheit ein Buch mit sieben Siegeln 
sind, nicht etwa, weil die Geisteswissenschafter dieses Buch mit 
sieben Siegeln versiegeln, sondern weil diejenigen, die herangehen 
sollten an diese Geisteswissenschaft, damit sie nicht heranzugehen 
brauchen, erst mit den sieben Siegeln ihrer Vorurteile und ihres 
Hohnes und Spottes es versiegeln wenn dieser Inhalt der Geistes- 
wissenschaft dann von den Menschen aufgenommen wird, wenn 



sich die Seele des Menschen mit ihm vereint, so wirkt er daher auch 
anders als der Inhalt des blofi intellektualistischen Wissens. Er 
ergreift unmittelbar die ganze Seele des Menschen. Er giefk Ener- 
gien, Krafte in diese ganze Seele des Menschen. Und wenn der Inhalt 
der Geisteswissenschaft so gewonnen ist, dafi er entspricht den 
grofien weltgesetzlichen Zusammenhangen, dann gielk er gewisser- 
mafien dieselben Krafte in die menschliche Seele, aus denen der 
menschliche Organismus aufgebaut ist. Denn der menschliche Or- 
ganismus ist aus den Kraften der Welt heraus aufgebaut. Das 
geisteswissenschaftliche Erkennen geht wiederum zuriick zu diesen 
Kraften der Welt. Also mufi es ein innerliches Zusammenstimmen 
zwischen demjenigen geben, was aus der Weltgesetzlichkeit heraus 
erkannt wird durch Geisteswissenschaft, und dem, was bei der 
Organisation des Menschenwesens entsteht als der Mensch selbst, 
indem der Mensch aus den Grundlagen der Weltenordnung heraus 
seine eigene Organisation empfangt. 

Das aber hat zur Folge, dafi ein ganz anderes Verhaltnis besteht 
zwischen dem, was man als Inhalt der Geisteswissenschaft auf- 
nimmt, und der ganzen Entwickelung des Menschen, als zwischen 
dem, was nur den Intellekt beschaftigt, wie die Naturwissenschaft 
oder wie heute die Sozialwissenschaft und ahnliches, und diesem 
Menschen selbst. Aber es gibt etwas, was dieses Verhaltnis verhullt. 
Dadurch ist es schwierig fiir den, der noch nicht in den eigentlichen 
Sinn der Geisteswissenschaft eingedrungen ist, sich iiber solche 
Dinge genaue Vorstellungen zu machen. Durchaus mufi gesagt 
werden: Wie die gesunde Natur des Menschen in gesunder Art aus 
der Welt heraus organisiert ist, so wird in gesunder Art das gewon- 
nen, was Inhalt der Geisteswissenschaft ist, und kann daher, da es 
den ganzen Menschen begreift, nicht nur auf den Intellekt, sondern 
wiederum auf den ganzen Menschen zuriickwirken. Wenn man das 
sagt, so wird heute derjenige, der der Geisteswissenschaft gegeniiber 
Laie ist, etwa folgenden Schlufi ziehen. Er wird sagen: Gewifi, ich 
will dir zunachst hypothetisch zugeben, du ziehst als Geisteswissen- 
schafter gesunde Gedanken aus deiner Weltbetrachtung. Gedanken, 
die intellektualistisch schattenhaft sind, die wirken nicht auf den 



menschlichen Organismus; die deinigen sind unter der Inanspruch- 
nahme der ganzen Menschennatur gefafit, sie wirken also auf den 
menschlichen Organismus, also wird man sie brauchen konnen, 
nehmen wir hypothetisch an, im Sinne der gesunden Menschenna- 
tur. Sagen wir also: diejenigen Gedanken, die du durch deine 
Geisteswissenschaft als gesunde Gedanken entwickelst, werden wir 
so anwenden, dafi wir uns mit ihnen erfullen, sie auf uns wirken 
lassen, dann werden sie wie eine Arznei eben gegen Abirrungen der 
menschlichen Natur von der Gesundheit wirken konnen. 

So naheliegend diese Hypothese ware, und soviel Glauben sie 
auch bei gewissen aberglaubischen Menschen gefunden hat, so 
wenig entspricht sie so, wie ich sie jetzt eben ausgesprochen habe, 
der Wirklichkeit. Und hier ist es notig, gerade, ich mochte sagen, das 
Fundament zu beriihren, das gelegt werden mufi, damit man in der 
richtigen Art das Zusammenwirken zwischen gesundem Geistig- 
Seelischen und gesunder Leiblichkeit einsehen kann. Wenn der 
Mensch durch die Geburt oder durch die Empfangnis aus geistigen 
Welten in das physische Dasein tritt, indem er sich umkleidet mit 
einem physischen Leib, so sehen wir ja, wie dasjenige, was geistig- 
seelisch sich mit diesem physischen Leib umkleidet, Zeit braucht, 
um sich auszuwirken. Das Kind kommt mit seinen Anlagen in der 
physischen Welt an. Aber es mufi heranwachsen. Wir konnen 
verfolgen, wie von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahr- 
zehnt zu Jahrzehnt in der physischen Organisation erst dasjenige 
herauskommt, was geistig-seelisch im Menschen veranlagt ist. Wer 
sich durch die hier gemeinte Geisteswissenschaft die Moglichkeit 
erwirbt, einzudringen in den wirklichen Zusammenhang zwischen 
Geistig-Seelischem und Leiblich-Physischem, der kommt nun nicht 
durch irgendeine logische Phantasie, sondern durch eine eindring- 
liche, ganz gewissenhafte und durch lange Zeiten fortgesetzte Beob- 
achtung des Lebens zu folgender Erkenntnis: 

So wie die Gesamtnatur des Menschen Zeit braucht, um sich als 
Geistig-Seelisches einzugliedern der physischen Organisation, so 
bedarf alles das, was wir geistig-seelisch auf nehmen, erst der Zeit, 
um sich einzugliedern in die physisch-leibliche Organisation. Wenn 



ich also als achtjahriges Kind oder als zwanzigjahriger oder erst als 
fiinfzigjahriger Mensch irgend etwas aufnehme von geistig-seeli- 
schem Inhalt, wenn irgend etwas meine Seele ergreift von solchem 
Inhalte, dann ist dieser Inhalt im Verhaltnis zu meiner leiblichen 
Organisation da, wo er in meine Seele eintritt, so jung wie die 
Seele eines Kindes in bezug auf die leibliche Organisation, und es 
braucht ein soldier seelischer Inhalt Zeit, urn sich im Leibe aus- 
zuwirken. Man kann daher nicht hoffen, dafi man nach Art ameri- 
kanischer Gedankenheilungskunst Gedanken erfinden kann, die 
dem Menschen wie eine fliissige Medizin eingegeben werden und 
die unmittelbar wirken. Nein, zu jener Umwandlung, die der gei- 
stig-seelische Inhalt erfahrt dadurch, daft er immer mehr und mehr 
das Leiblich-Physische durchdringt, bedarf es Zeit. Der eine gei- 
stig-seelische Inhalt braucht weniger, der andere mehr Zeit, aber 
Zeit mufi verfliefien zwischen dem Augenblick, wo ein geistig- 
seelischer Inhalt abstrakt aufgenommen wird, wo wir ihn er- 
kenntnismaftig durchdringen, und dem Zustande, wo er uns durch- 
organisiert hat. 

Was ich Ihnen hier erzahle, das ist nicht irgendeine Idee, die man 
leichtfertig ankniipft an die Lebenserscheinungen, sondern das ist 
etwas, was in so gewissenhafter Weise gefunden wird wie nur 
irgendein Laboratorium- oder Klinik-Ergebnis, ja viel gewissen- 
hafter. Man geht bei solchen Untersuchungen zunachst aus von den 
Wegen, die das gewohnliche alltagliche geistige Aufnehmen im 
Menschen durchmacht, indem der Mensch erinnerungsmafiig dasje- 
nige spater wieder aus seinen Seelentiefen hervorzaubern kann, was 
er einmal in diese Seele hinein aufgenommen hat. An den Wegen, die 
das Seelenleben mit Bezug auf die Erinnerung macht, gehen ja die 
allermeisten Menschen im Leben einfach vorbei; sie beobachten 
nicht, wie es ganz anders sich erlebt, wenn wir uns an etwas 
erinnern, was wir vor Jahrzehnten erlebt haben, und an etwas, was 
wir vor drei Tagen erlebt haben. Das eine und das andere holen wir 
aus den Seelentiefen herauf, gewift. Das aber, was wir vor drei Tagen 
oder selbst noeh vor drei jahren erlebt haben, das erweist sich vor 
dem, der Beobachtungsverrnogen hat fur seiche Dinge, als etwas, 



was, ich mochte sagen, aus geringen Tiefen des Seelenlebens herauf- 
geholt wird, was noch durchaus seelischer Inhalt ist. Dasjenige, an 
das man sich vielleicht als alterer Mensch als an die Erlebnisse seiner 
Kindheit erinnert, das holt man aus Seelentiefen herauf. Beobachtet 
man den Vorgang, so schaut man, wie das schon innig verflochten ist 
mit der ganzen Leiblichkeit, wie es wie ein seelisches Blut unsere 
Leiblichkeit durchdringt, wie es stark den Charakter angenommen 
hat, den die Krafte haben, die das Gewohnheitsmafiige in uns 
bezeichnen. 

Das ist freilich nur der Anfang jener ausfiihrlichen Methode, 
durch die beobachtet wird, wie im Laufe der Zeit erst dasjenige, was 
wir als geistig-seelischen Inhalt aufnehmen, sich vereint mit dem 
Leiblich-Physischen. Daraus aber werden Sie einsehen, wie Gei- 
steswissenschaft verlangen mufi, dafi ihre Art, leibliche, seelische 
Gesundheit zu pflegen, nicht nur unter die augenblicklich wirken- 
den Kiinste gerechnet werde, sondern wie sie appelliert an dasjenige, 
was erstens Kindererziehung ist, zweitens was Volkserziehung und 
Volksleben ist. Denn mit Voraussicht, ich mochte sagen, mit einem 
prophetischen Gesichte mufi Geisteswissenschaft in bezug auf das 
Gesundsein des Menschen wirken. 

Durchschaut man das, was ich hier beriihre, dann merkt man erst, 
was es bedeutet, wenn in die Erziehungsmethode geisteswissen- 
schaftliche Impulse aufgenommen werden, wenn tatsachlich unsere 
Kinder so erzogen werden, dafi die Erziehungsantriebe in geistes- 
wissenschaftlichem Sinne gehalten werden; und dann werden die 
Dinge, die man den Kindern beibringt, durchdrungen, nicht etwa 
mit geisteswissenschaftlichen Theorien - davor braucht die Welt 
keine Angst zu haben -, aber mit geisteswissenschaftlicher Gesin- 
nung, mit geisteswissenschaftlicher Seelenverfassung, vor alien Din- 
gen mit geisteswissenschaftlichem padagogischem Feuer. Dadurch 
wird schon in das Kindergemiit das gesenkt, was sich dann verbin- 
den soil mit der seelischen und physischen Organisation, was 
heranwachst und was, weil es gesund ist, in gesunder Weise ver- 
wachst mit der menschlichen Organisation und sie gesund und stark 
macht, widerstandsfahig macht gegen aufiere Einfliisse. 



Wenn die Welt einmal die voile Bedeutung dessen, was hier 
Geisteswissenschaft leisten kann, einsehen wird, dann werden all- 
mahlich nicht verschwinden, aber von geringerer Bedeutung wer- 
den alle die schonen - ich sage das nicht ironisch, sondern durchaus 
im ernsten Sinne -, all die schonen Theorien von Infektionskrank- 
heiten und dergleichen, die heute nur in einseitiger Weise betrachtet 
werden. Es wird viel mehr als auf die Art, wie die Bazillen und 
Bakterien einziehen in unseren Organismus, darauf gesehen wer- 
den, wie stark wir von der Seele und vom Geiste geworden sind, um 
diesen Invasionen zu widerstehen. Diese Starke wird in der mensch- 
lichen Natur kein aufieres Heilmittel bedingen, aber das Heilmittel, 
das innerlich den Menschen starkt vom Geiste und von der Seele aus 
durch einen gesunden geisteswissenschaftlichen Inhalt. Damit wird 
allerdings offentliche Gesundheitspflege gerade durch Geisteswis- 
senschaft auf eine wesentlich andere Grundlage gestellt, als die sich 
traumen lassen, die glauben, daft nur im Fortgange der gegenwar- 
tigen Ansichten das Heil der menschlichen Entwickelung liegen 
konne. 

Ich mochte unter vielem nur auf eines aufmerksam machen, auf 
das ich von anderen Gesichtspunkten aus auch hier in dieser Stadt 
schon einige Personlichkeiten aufmerksam gemacht habe. Heute 
legt man zum Beispiel in der Erziehung, im Unterricht einen 
ungeheuren Wert auf die sogenannte Anschauung, mit Recht, denn 
innerhalb gewisser Grenzen ist es gut, wenn man das Kind unmit- 
telbar hinfuhrt vor das aufterlich oder innerlich Anschaubare und 
seine Vorstellungen, seine Begriffe sich ihm einbilden laftt so, daft es 
sie selbst abzieht. Aber nicht alles kann in dieser Weise an das Kind 
herangebracht werden, wessen es bedarf zu seiner Entwickelung fur 
ein menschenwurdiges Dasein. Und so muft in das Kind vieles 
einziehen bloft dadurch, daft es hinaufsieht zu seinem Erzieher, zu 
seinem Unterrichter als zu seiner Autoritat, zu dem, der ein gewis- 
ses Feuer im Erziehen, im Unterrichten entwickelt, der Impondera- 
bilien mit seinem Feuer von sich in das Kind hiniiberleitet. Da wird 
es dann manches geben konnen, was das Kind aufnimmt in dem 
Glauben, die Autoritat glaube an das; es versteht es aber noch nicht. 



Dann konnen die Zeiten eintreten vielleicht nach fiinfzehn, zwanzig 
Jahren, nachdem das Kind die Schule verlassen hat, wo es sich 
erinnert: das hast du dazumal gelernt und nicht verstanden, jetzt bist 
du reif geworden, jetzt hoist du es rein gedachtnismafiig aus deinem 
Seelenquell herauf. Jetzt verstehst du es. Wer das Seelenleben des 
Menschen kennt, der weifi, dafi ein solches durch spateres Reifwer- 
den vermitteltes Verstehen desjenigen, was man schon Jahre, viel- 
leicht Jahrzehnte in der Seele getragen hat, Krafte entwickelt, die 
innerlich den Menschen erstarken; es giefit in den Willen nichts eine 
solche Energie hinein vom Innersten der Seele aus wie das Verstehen- 
lernen von etwas durch seine eigene Reifekraft, von etwas, was man 
vor Jahren auf Autoritat, auf Mitteilung hin aufgenommen hat. 

So kann verbunden werden Padagogik mit ideeller, mit spirituel- 
ler Hygiene. Wenn einmal wirklich unsere offentliche Gesundheits- 
pflege durchzogen werden wird mit solchen weitgehenden An- 
schauungen, dann wird erst das Geistige, das in der Menschheit 
wurzelt, seine fur die Menschheit so heilsamen Energien wirklich 
entfalten konnen. Wahrend all das, was wir nur aufnehmen durch 
den Intellekt und seine Ausbildung, gewissermafien vom Menschen 
losgelost ist und daher auch nicht auf den Menschen zuriickwirken 
kann, wird das, was aus der ganzen Menschennatur herausgeholt ist, 
das Geisteswissenschaftliche, auch zuriickwirken konnen auf diese 
ganze Menschennatur. Und wir haben, wenn wir auch in der 
Medizin nicht blofi auf Augenblickserfolge, sondern auf eine Ge- 
sundheitspflege sehen, die mit den Weltgesetzen, also auch mit den 
Zeitgesetzen rechnet, wir haben die Moglichkeit, ungeheuer Giinsti- 
ges in dieser Richtung zu wirken. Nur ist leider die gegenwartige 
Menschheit so geartet, daft sie gar nicht gern hinschaut auf dasjeni- 
ge, was sich dem Augenblick entzieht und was mit seiner Wirkung, 
ich mochte sagen, ins Grofie geht. Der gegenwartige Mensch moch- 
te sich am liebsten von den Weltgesetzen die Erlaubnis nehmen, 
krank zu werden, wenn es ihm beliebt - Sie verstehen, daft ich das 
nicht in ganz wortlichem Sinne meine, aber es ist so etwas unter den 
Neigungen der Menschennatur - und dann mochte er wiederum im 
Augenblicke geheilt werden konnen. Auf was aber gesehen werden 



mufi, das ist, daft die innerliche starke Energie entwickelt werde in 
einzelnen Volkserziehungen, ja durch das ganze Leben hindurch in 
den Menschen die gesundenden, die Heilkrafte von der Seele, vom 
Geiste aus wirklich zur Entfaltung zu bringen. Von diesem Ge- 
sichtspunkt aus wird man einsehen, daft leibliche und seelische 
Gesundheit gar sehr davon abhangt, daft ein so starkes, ein so 
energisches Seelenleben in den Menschen heranentwickelt werde, 
daft dieses starke, energische Seelenleben wirklich auch in das 
leibliche Wesen eingreifen kann. 

Dazu ist wiederum die Ausdehnung der Betrachtungsweise iiber 
groftere Zeitraume notwendig. Dasjenige, was auf unsern Intellekt 
wirkt, wirkt nicht zu gleicher Zeit auf unsern Willen. Und wir 
konnen uns allerdings, wenn wir niemals auf unsern Willen gewirkt 
haben, in irgendeinem Lebensalter mit noch so gesunden Ideen und 
Gedanken anstrengen, um vom Intellekt aus auf unsere Seele zu 
wirken, wir werden keinen Erfolg haben. Denn vom Intellekt aus 
greift nicht unmittelbar irgendein geistig-seelischer Inhalt in die 
Menschennatur ein. Wir miissen auch auf den Willen einwirken. 
Auf den Willen wirken wir ein durch alles das, was unser Interesse 
an der Welt erregt, was unsern Anteil, unsere liebevolle Teilnahme 
an der Welt erregt. Menschen gehen oftmals durch die Welt, ich 
mochte sagen, mit einem gewissen Schwachsinn. Gewift, es gibt 
auch tiefer liegende Ursachen, aber eine der Ursachen des Schwach- 
sinns ist, daft man nicht verstanden hat bei solchen Menschen, als sie 
noch Kinder waren, weitgehende, tiefeingreifende Interessen fiir 
alles, was in ihrer Umgebung wirkt und lebt, zu entfalten, denn 
dieses Interesse-Entfalten, das wirkt auf den Willen. Und nur, wenn 
der Wille in dieser Weise gestarkt wird, kann spater dasjenige, was 
auf den Intellekt wirkt, auch wiederum auf den ganzen Menschen 
Einfluft gewinnen. Das Schlimmste, was dem Menschen in bezug 
auf seine leibliche und seelische Gesundheit passieren kann, ist, daft 
seine leiblich-physische Organisation sich abtrennt von seinem 
seelisch-geistigen Wesen. Geradezu experimentell wird diese Ab- 
trennung der physischen Organisation des Menschen von seinem 
seelisch-geistigen Wesen beim Mediumismus herbeigefiihrt. Da 



sehen wir, dafi das geistig-seelische Wesen geradezu gelahmt, einge- 
schlafert wird fur eine gewisse Zeit, damit das Leiblich-Physische, 
mit dem aber auch Geistiges immer verbunden ist, wie automatisch 
wirkt. Von einem richtigen Gesichtspunkt aus angesehen ist das 
mediale Wesen nichts anderes als eine wirkliche Krankheit, ein 
wirklicher Mifiklang zwischen dem ganz unenergisch gewordenen 
Geistig-Seelischen und dem daher die Oberhand gewinnenden 
Leiblich-Physischen. Daher ist auch immer Mediumismus, wenn er 
radikal ausgedehnt wird, verbunden mit der Willenslahmung, mit 
der ganzen Seelenlahmung des betreffenden Mediums. Und da das 
Moralische nur aus der seelischen Energie erquellen kann, so ist in 
der Regel auch ein gewisses moralisches Herabkommen mit dem 
Mediumismus verbunden. Gerade aus der Einsicht in den Zusam- 
menhang zwischen geistig-seelischer Gesundheit und physisch-leib- 
licher Gesundheit kann alles, was Schattenseite des Mediumismus 
ist, auch wirklich eingesehen werden. 

Wenn diejenigen, die ohne Kenntnis des eigentlichen Wesens der 
Geisteswissenschaft iiber diese urteilen, nur nicht allzu oft diese 
Geisteswissenschaft zusammenwerfen wiirden mit all den Verir- 
rungen des Zeitgeistes oder iiberhaupt der neueren Zeit, auf die ich 
hier hinweise! Es ist allerdings leichter, zu appellieren an den 
geistlosen Mediumismus, um etwas zu erfahren iiber die geistige 
Welt, als zu appellieren an die Geisteswissenschaft, die Anstren- 
gungen fordert. Wenn man an den Mediumismus appelliert, so lafit 
man sich iiber den Geist berichten von einem Medium, bei dem man 
erst den Geist ausschaltet. Es ist eine bequeme Methode, zum Geiste 
zu kommen. Geisteswissenschaft verlangt allerdings, dafi man nicht 
bei einem anderen den Geist ausschalte, um iiber den Geist etwas zu 
erfahren, sondern dafi man den Geist in sich selber zur hoheren 
Entfaltung und Entwickelung bringe, damit er seine Krafte hineinge- 
leiten kann in die geistige Welt, dafi sie dort die Eigentiimlichkeiten 
der geistigen Welt erfahren. Wollte man vorurteilslos die Geistes- 
wissenschaft betrachten, so wiirde man geradezu sehen, wie sie das 
Universalheilmittel ist gegen solche Verirrungen, wie diejenigen 
sind, auf die ich jetzt mit ein paar Worten hingedeutet habe. 



So kann man sagen: Gesundheitspflege ist eine notwendige Kon- 
sequenz desjenigen, was Geisteswissenschaft hineintragen will in 
die Menschheitsentwickelung. Aber selbstverstandlich ist die Men- 
schennatur mannigfaltigen Einfliissen unterworfen. Niemand darf 
dasjenige, was ich bisher besprochen habe, so deuten, als ob ich 
meinen wollte, daft durch die Pflege der Geisteswissenschaft etwa 
einmal alle Krankheiten aus der Welt geschafft werden sollten. Das 
meine ich durchaus nicht. Krankheiten haben ihre Ursachen. Wich- 
tiger als die Erkenntnis ihrer Ursachen ist der Prozefi ihrer Heilung. 
Und hier handelt es sich darum, dafi allerdings die Geisteswissen- 
schaft auch etwas zu sagen hat nicht nur iiber jene Gesundheits- 
pflege, die geisteswissenschaftliche Grundlagen hat, sondern dafi 
sie, wie iiber alle Lebenspraxis, so auch iiber die Medizin selber 
etwas zu sagen hat. Es ist eine zwar von vielen geleugnete, weil sie 
sich in diesem Punkt den wahren Tatbestand nicht gestehen wollen, 
aber doch eben bestehende Tatsache, daft viele wirklich griindlich 
denkende Menschen, die durch das medizinische Studium heute 
gegangen sind, wenn sie sich dann losgelassen fiihlen auf die leiden- 
de Menschheit, von den herbsten Seelenqualen befallen werden, 
weil ihnen dann vor Augen tritt, welche Anforderungen der mensch- 
liche Organismus, wenn er vom Gesunden abirrt in das Kranke 
hinein, an die menschliche Einsicht stellt, und wie wenig gerade aus 
den Erkenntnismitteln und Erkenntnismethoden der rein naturwis- 
senschaftlichen Betrachtungsweise fur dieses medizinische Wirken 
gewonnen werden kann. Gerade an der Medizin zeigt sich so recht 
die Schattenseite der blofien naturwissenschaftlichen Betrachtung, 
die iibrigens mit Bezug auf die Anschauung iiber die blofie aufiere 
Natur auch eine Lichtseite hat. In der Medizin ist die Schattenseite 
da, Denn man mufi nur das Folgende beachten: Diese Naturwissen- 
schaft, noch einmal sei es gesagt, legt ihren Hauptwert darauf, den 
Menschen ganz auszuschalten, indem sie intellektualistisch die Welt 
betrachtet und inteiiektualistisch mit den Experimenten zusammen 
ihre Naturgesetze sucht. Man lernt das, was man aus der Beobach- 
tung iernen kann von der Wirksamkeit dieser oder jener Heilmittel 
auf den kranken Menschen, von der Wirksamkeit iiberhauot dieses 



oder jenes Naturprodukts auf den Menschen. Aber es fehlt einem 
das innere Anschauen von dem Zusammenhange erstens der ganzen 
Menschennatur, zweitens aber von dem Zusammenhange zwischen 
dem, was drauften in der Natur hervorgebracht wird, sei es als 
Nahrung, sei es als Heilmittel, und der menschlichen Wesenheit 
selber. Und man merkt erst, wenn man in solch unbefangener Weise 
von der bloften Naturwissenschaft zur Medizin fortschreiten moch- 
te, was es heiftt, den Menschen ausschalten von der Betrachtungs- 
weise, und nachher das, was man durch eine solche Betrachtungs- 
weise gewonnen hat, auf die Natur des Menschen anwenden. Das 
racht sich, daft Naturwissenschaft alles, was in der Menschennatur 
aufsprieften kann, ausschaltet, um, wie sie sagt, zur rechten Objekti- 
vitat zu kommen. Da kommt sie zur Objektivitat. Allein in dieser 
Objektivitat ist der Mensch nicht drinnen. Der Mensch schaltet erst 
sich selbst aus. Kein Wunder, daft er in der Wissenschaft, die er nun 
ausbildet, den Menschen nicht drinnen hat. Nun soil man anwenden 
diese Wissenschaft auf den Menschen. Man kann es nicht, weil man 
auf den Menschen keine Riicksicht genommen hat. 

Das voile Gegenteil findet statt bei dem, was anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft anstrebt. Da wird der ganze Mensch 
aufgerufen, um iiber den Menschen und iiber die Welt Urteile zu 
gewinnen. Da allerdings werden die Erkenntnisse auch anders 
fundiert. Um mich in diesem Punkte klarzumachen, mochte ich 
auch heute daran erinnern, wie die Geisteswissenschaft, die hier 
gemeint ist, im Grunde genommen nur eine Ausgestaltung desjeni- 
gen ist, was in dem ersten Elemente wie eine neue Erkenntnis der 
Natur begriindet worden ist durch den vielverkannten Naturfor- 
scher, nicht den Dichter Goethe. Gerade deshalb nennen wir ja 
unseren Bau drauften auf dem Dornacher Hiigel das Goetheanum, 
weil wir Goetheanismus treiben wollen, allerdings nicht Goetheanis- 
mus, wie ihn die Goethe-Forscher treiben, die glauben, der Goethe- 
sche Geist habe 1832 aufgehort, und man miisse studieren, was 
dieser Goethesche Geist hervorgebracht hat, um Goethe- Wissen- 
schaft zu treiben. Nein, wir treiben einen Goetheanismus, der nicht 
zuriickgeht auf 1832, sondern der ein Goetheanismus ist durch den 



fortwirkenden Goethe-Geist heute vom Jahre 1920. Aber was bei 
Goethe noch ganz elementar auftritt, kann heute eben in einer 
hoheren Ausbildung vom Entwickelungsgang der Menschheit er- 
griffen werden. 

Nun will ich etwas scheinbar recht Fernliegendes erwahnen, an 
dem ich aber werde anschaulich machen konnen, wie man vom 
Goetheanismus ausgehend zu den hochsten Hohen der Geisteswis- 
senschaft kommt. Goethe ging nach den Ahnlichkeiten, den Ver- 
wandtschaften namentlich in der Natur der Lebewesen. Ihm ist es 
klar geworden, wie die ganze Pflanze nur ein kompliziertes Blatt ist 
und ein einzelnes Pflanzenblatt eine ganze Pflanze, nur einfach 
gestaltet. So sah Goethe in jedem Gliede eines Organismus die 
Metamorphose, die Umwandlungsform des anderen Gliedes. So hat 
er gesucht, woher die ratselvollen, fur den unbefangenen Beobach- 
ter namlich ratselvollen, Formen der menschlichen Schadelknochen 
herkommen. Als er, er erzahlt es selbst, einmal auf den Juden- 
kirchhof in Venedig ging, da fand er einen besonders gliicklich 
gespaltenen Schafschadel liegen. Die Knochen waren so auseinan- 
dergefallen, da£ ihre Form unmittelbar auf Goethes Seele wirkte. 
Und so, wie er diese Form anschaute, da sagte er sich: Ja, diese 
Schadelknochen sind nichts anderes als umgestaltete, metamorpho- 
sierte Rxickgratsknochen. Wenn sich die einfachen fast ringformi- 
gen Riickenwirbelknochen - so ist Goethes Ansicht - so umwan- 
deln, daft gewisse Fortsetzungen starker anwachsen, gewisse Wulste 
sich abflachen, so entsteht durch ein umgebildetes Wachstum des 
einfachen Riickenwirbels der Schadelknochen. Dadurch konnte 
Goethe zum ersten Mai dasjenige aussprechen, was mit einer gewis- 
sen Modifikation ein Ergebnis auch unserer heutigen menschlichen 
Anatomie ist, dafi die Schadelknochen umgewandelte Riicken- 
markwirbel sind, Ich darf im Zusammenhange damit, weil es ja auch 
die Sache, die ich meine, erlautern wird, eine Art personlichen 
Eriebnisses erzahien. Mir lagen ja diese Goctheschen Anschauun- 
gen seit dem Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts beson- 
ders nahe. Nun, ich ha be bereits dazumal begonnen zu schreiben 
uber die Goethesche naturwissenschaftiiche Weltanschauung. Auch 



diese Anschairang von der Umwandlung der Schadeiknochen, der 
Wirbelknochen in Schadeiknochen bildete ein Bestandstiick desje- 
nigen, was ich fiir die Goethesche Weltanschauung naher ausarbei- 
tete. Aber ich sagte mir, wie konnte es einem so universellen Geiste 
wie Goethe entgangen sein, dafi man ja, wenn man von der Umbil- 
dung der Wirbelknochen in Schadeiknochen spricht, fortschreiten 
miisse zu der Anschauung von der Umbildung des einfachen Ner- 
vengebildes im Riickenmark in den komplizierten Bau des Gehirns, 
so dafi man auch anschauen miisse das Gehirn als eine Umwandlung 
des einfachen Nervengebildes, das eben im Riickenmarkwirbel 
drinnensitzt. Und als ich dann am Ende der achtziger Jahre des 
vorigen Jahrhunderts nach Weimar berufen wurde, um mitzuar- 
beiten am Goethe- und Schiller- Archiv fiir die Neuherausgabe oder 
iiberhaupt erste Herausgabe der noch unveroffentlichten Goethe- 
schen Schriften, da war es mir selbstverstandlich eine liebe Aufgabe, 
nun zu untersuchen, ob vielleicht irgendwo etwas zu finden sei von 
einer Spur, dafi Goethe auch diese Anschauung von der Formum- 
wandlung des Gehirns aus einfachen Nervenganglien schon hatte. 
Und siehe da, als ich ein Notizbuch mit schlecht geschriebenen 
Bleistiftstrichen aus den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts in 
die Hand bekam, da stand von Goethe aufnotiert diese Anschauung 
iiber das menschliche Gehirn ganz so, wie ich es vermutet hatte! 

Ich weise Sie dabei hin auf eine andere Anschauungsweise - bei 
Goethe tritt sie allerdings noch elementar nur zutage -, auf eine 
andere Anschauungsweise, als die die Naturgesetze blofi intellektua- 
listisch beobachtende ist. Ich weise Sie auf eine Betrachtungsweise 
hin, wie sie instinktiv in Goethe sitzt, die den ganzen Menschen zu 
Hilfe nimmt. In der Art von zergliedernder analytischer Experimen- 
tiermethode, die heute in der Naturwissenschaft iiblich ist, kommt 
man nicht darauf, solche Umwandlungen richtig zu sehen, denn 
man mufi da alles beriicksichtigen, nicht blofi dasjenige, was man 
messen und zahlen kann. Man mufi auch dasjenige beriicksichtigen, 
was man nur seiner Intensitat, seiner Qualitat nach beobachten 
kann. In der Geisteswissenschaft mufi man noch weiter vorriicken. 
Da mufi man die Dinge tatsachlich beobachten nach Eigenschaften, 



die ihnen der Geist der Welt, das Seelische der Welt aufpragt, die 
man bei der aufterlichen wissenschaftlichen Methode eben nicht 
findet. 

Dann kommt mail zu solchen Resultaten wie demjenigen, von 
dem man glauben konnte, daft es vielleicht nur ein Apercu sei, das 
aber kein Apergu ist, sondern das Ergebnis einer geisteswissenschaft- 
lichen Arbeit, von der ich sagen darf, dafi ich mehr als dreifiig Jahre 
an ihr gearbeitet habe, jenes Ergebnis, das den Menschen gliedert in 
drei, ich mochte sagen, Unterglieder seiner Natur. Gewohnlich 
nimmt man an, daft das, was im Menschen geistig ist, Seelisches ist, 
an sein Sinnes-Nervensystem gebunden sei. Das ist ja die heutige 
einseitige Anschauung - derjenige, der die Entwickelung der Wis- 
senschaft kennt, der begreift, da£ das hat so kommen miissen -, dafi 
der Mensch heute glaubt, das geistig-seelische Leben hange einzig 
und allein an dem Nervensystem. Sie konnen nachlesen, was ich 
iiber diesen Punkt zu sagen habe aus geisteswissenschaftlichen 
Untersuchungen heraus, in meinem vor zwei Jahren erschienenen 
Buch «Von Seelenratseln». Da versuchte ich zu zeigen, dafi an das 
Sinnes-Nervensystem als sein Werkzeug in der menschlichen Natur 
nur gebunden ist das intellektualistisch-sinnliche Leben, dasjenige, 
was sinnlich die Gegenstande beobachtet und sie intellektuell verar- 
beitet. Dagegen ist das Gefiihlsleben des Menschen gebunden unmit- 
telbar, nicht bloE mittelbar, an das rhythmische Leben im Men- 
schen, jenes rhythmische Leben, welches einschliefk das Atmungs- 
system, das damit zusammenhangende Blutzirkulationssystem, und 
das mit dem Trager des intellektualistischen Systems in einer eigen- 
tiimlichen Art zusammenhangt, und zwar so: Wir haben in uns als 
wichtigsten Bestandteil unseres Gehirns das sogenannte Gehirn- 
wasser. Unser Gehirn ist allerdings zunachst ein Nervenorgan, das 
weiterzuverarbeiten hat dasjenige, was durch die Sinne vermittelt 
wird. Aber dieses Gehirn schwimmt im Gehirnwasser. Und dieses 
Gehirnwasser, das ausfiillt unsere fiaupteshohle, unsere Riicken- 
markshohle, es hat eine besondere Aufgabe. Atmen wir aus, senkt 
sich das Gehirnwasser von oben nach unten. Das Zwerchfell steigt 
in die Hdhe, das Gehirnwasser steigt dadurch nach unten; umge- 



kehrt beim Einatmen. So dalS wir in einem fortwahrenden Rhyth- 
mus des auf- und absteigenden Gehirnwassers drinnen sind. 

Dieser Rhythmus des auf- und absteigenden Gehirnwassers ist 
der aufiere Trager des Gefuhlslebens im Menschen. Und durch die 
Wechselwirkung desjenigen, was die Gehirnnerven erleben, mit 
dem, was als solcher Rhythmus erfolgt durch das Gehirnwasser, 
entsteht das, was Austausch zwischen den Gefuhlen und den Ge- 
danken ist. 

Hier liegt ein Punkt, wo anthroposophisch orientierte Erkenntnis 
der Menschenwesenheit einen weiten Weg wird durchzumachen 
haben, wenn der Mensch richtig in seiner seelisch-geistigen und 
seiner physischen Wesenheit verstanden werden soli. Nur dann, 
wenn man jene Erkenntnismethoden in sich entwickelt, welche 
charakterisiert sind in meinem Buche «Wie erlangt man Erkennt- 
nisse der hoheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft», in 
anderen meiner Schriften, dann lernt man wirklich erkennen - 
indem man ein innerliches Seelenerleben hat, das solches zu durch- 
schauen vermag wie sich abtrennen lafit Gefiihlsleben von intel- 
lektuellem Leben. Sonst vermischen sie sich. Und der Mensch mit 
der gewohnlichen Wissenschaft lernt gar nicht erkennen, daft das 
Gehirn, dafi der Nerven-Sinnes-Apparat nur Trager des Intellek- 
tuellen ist, wahrend das Rhythmische im Menschen Trager des 
Gefuhlslebens ist. 

Und ebenso ist Trager des Willenslebens der Stoffwechsel, iiber- 
all, wo er vorkommt, der Stoffwechsel; auch der Stoffwechsel im 
Gehirn ist Trager des Willenslebens. Aber mit der Nerven-Sinnesta- 
tigkeit, mit der rhythmischen Tatigkeit, mit der Stoffwechseltatig- 
keit ist das Wesen des Menschen in bezug auf seine Funktionen 
erschopft. Das ist der ganze Mensch. Diesen ganzen Menschen 
sucht aus den Erkenntniskraften wiederum des ganzen Menschen 
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu erfassen. Da- 
her, weil sie zu Hilfe nimmt alles dasjenige, was nicht blofi aus dem 
Intellekt, was aus dem Gefiihlsleben und was aus seinem Trager, aus 
der rhythmischen Tatigkeit des Menschen kommt, weil sie auch aus 
dem, was geistig im Stoffwechsel webt und lebt, ihre Erkenntnisse 



hervorholt, kann sie den ganzen Menschen erfassen. Dadurch lernt 
sie eigentlich erst erkennen, was Lunge, was Leber, was Milz, was 
die anderen Organe im Menschen bedeuten; denn das lafit sich nur 
auf dem Weg erkennen, der zu Hilfe nimmt die geistige Impre- 
gnation der Dinge. 

Dadurch erlangt man eine intuitive Menschenerkenntnis, und 
man schafft den Weg zu einer intuitiven Medizin. Dadurch, dafi 
man den Menschen betrachtet wie einen Mechanismus, lernt man 
ihn nicht erkennen. Man lernt nur das Mechanische an ihm erken- 
nen. Dadurch, dafi man den Menschen so erfalk, dafi man die 
Goethesche Anschauungsweise, die intuitiv ist, noch weiter aus- 
dehnt, noch weiter vergeistigt, dadurch werden einem erst die 
einzelnen Organe des Menschen in ihren Metamorphosen durch- 
schaubar. Dann aber, wenn man kennengelernt hat, was diese 
einzelnen Metamorphosen des menschlichen Organismus bedeu- 
ten, dann kann man den Menschen, den man jetzt erfafit hat, in die 
Natur wiederum hineinstellen. Wenn man die Natur erst so er- 
kennt, dafi man den Menschen ausschaltet, dann kann man den 
Menschen auch nicht wiederum in die Natur hineinstellen. Lernt 
man den Menschen so, wie ich ihn geschildert habe, wirklich 
kennen, so kann man ihn auch wieder in die Natur hineinstellen. 
Man studiert seine Organologie, und man lernt erkennen die tiefe 
Verwandtschaft, die zwischen dem Menschen und dem Kosmos 
besteht. Dann geht einem der Zusammenhang auf zwischen dem 
Nahrungsmittel, das aus der aufieren Natur genommen wird, und 
der menschlichen Organisation. Dann geht einem aber auch der 
Zusammenhang auf zwischen dem Heilmittel, das aus der aufieren 
Natur oder auch aus dem seelischen bei der geistigen Heilung 
genommen wird, und der ganzen Menschennatur. 

Nur skizzieren konnte ich diese Anschauunesweise iiber den 
Menschen. Aber was ich da skizziert habe, das ist der Weg aus der 
anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft lieraus in eine 
intuitive Medizin, in diejenige Medizin, nach der, ich mdchte 
sagen, sich heute so viele sehnen, die vorurteilslos den Gang des 
medizmischen Studiums durcheemacht haben und dann auf die 



leidende Menschheit sich losgelassen fuhlen. Sie vermissen in demje- 
nigen, was auf sie gewirkt hat in Menschenerkenntnis und Men- 
schenheilungskunst, das intuitive, das geistige Element. Gerade in 
der Medizin zeigt sich am intensivsten, wozu es eine Wissenschaft 
bringt, welche den Menschen ausschlielk bei ihren Methoden. 

Oh, ich weifi, dafi ich mit dem, was ich also ausspreche, noch vor 
einer Mauer von Vorurteilen in der Gegenwart stehe. Aber diese 
Mauer von Vorurteilen, sie mufi wieder und wiederum angespro- 
chen werden. Es wird lange dauern, bis man den hier skizzierten 
Weg von einer grofieren Anzahl von Menschen wird versucht 
finden, weil er allerdings weniger bequem ist als derjenige Weg, der 
heute eingeschlagen wird. Denn so, wie die ganze Pflanze schon im 
Goetheschen Sinne ein kompliziertes Blatt ist, so ist der ganze 
Mensch gewissermafien aus drei Menschen zusammengesetzt: aus 
dem denkenden und durch die Sinne aufnehmenden Menschen, aus 
dem rhythmischen Menschen, aus dem Stoffwechselmenschen. Jeder 
stellt in einer gewissen Weise einen Menschen dar, und man mull aus 
den drei Menschen sich die Gesamtnatur des Menschen aufbauen. 
Und jedes Glied des Menschen steht in einer anderen Beziehung zur 
aufieren Natur. Das aber, was jener geheimnisvolle Zusammenhang 
zwischen Heilmittel und Krankheit ist, das kann nur der hier 
gekennzeichneten intuitiven Medizin aufgehen. 

Ich weifi auch, da£ es viele Menschen heute noch als eine Anma- 
fiung der hier gemeinten Geisteswissenschaft empfinden, daft sie 
neben manchem anderen nun auch noch an die Reform der Medizin 
denke. Sie mujR daran denken aus einer heiligen Verpflichtung 
gegeniiber dem Menschheitsfortschritt. Denn sie mufi einsehen, wie 
niemals der Weg, den die Naturwissenschaft zum Segen auf so 
vielen Gebieten in den letzten drei bis vier Jahrhunderten gegangen 
ist, ein heilsamer werden kann fur die Behandlung des kranken 
Menschen. So, wie der Kiinstler selber kein wirklicher Kiinstler sein 
kann, wenn er nur intellektuell die asthetischen Gesetze kennt, so 
kann der Arzt kein Heiler sein, wenn er nur dasjenige kennt, was 
heute Naturgesetze sind. Er muft sich mit seinem ganzen Menschen 
einleben konnen in das Weben und Wesen der Natur selber. Er mufi 



untertauchen konnen in die schaffende und webende Natur. Dann 
wird er mit innigem Anteil verfolgen konnen auch jene Wege, 
welche die Natur einschlagt beim Kranksein. Dann wird ihm 
aufgehen aus der Anschauung des gesunden Menschen die Anschau- 
ung des kranken Menschen. 

Nicht nur dafi Geistes wis sens chaft hinzuweisen hat auf eine 
Hygiene, die sie aus geistigen Kraften heraus gewinnt, Geisteswis- 
senschaft mufi die Perspektive eroffnen auf eine intuitive Medizin. 
Wer sich einlafit auf diese Geisteswissenschaft, der wird vernehmen, 
wie ich heute nur in grofien Strichen und im allgemeinen, im 
Abstrakten einen Weg charakterisiert habe zu einer intuitiven Medi- 
zin, wie aber manches von dem, was ich hier skizziert habe, schon 
ausgebaut ist, wie manches nur wartet auf den Moment, an dem die 
offiziellen Vertreter medizinischen Wissens kommen und sich die 
Einsicht aneignen, dafi es aufgenommen werden musse. So in bezug 
auf physische Krankheiten des Leibes, so in bezug auf Erkran- 
kungen der Seele selber. Man mufi heute schon wie unbescheiden 
erscheinen, wenn man auf das hinweisen will, was aus guten Er- 
kenntnisgrundlagen heraus fur Menschenheil und Menschenwesen 
Geisteswissenschaft glaubt leisten zu konnen. 

Ich mochte den Ubergang zu dem, was ich morgen werde ausein- 
anderzusetzen haben iiber die sittliche, die religiose und soziale 
Natur des Menschen, dadurch gewinnen, dafi ich jetzt zum Schlusse 
hinweise darauf, wie gerade auf einem solchen Gebiet, wie dem 
einer wirklichen intuitiven Medizin, es das Ideal des Geisteswissen- 
schafters ware, einmal sich aussprechen zu konnen vor denjenigen, 
die ganz sachverstandig sind. Wiirden sie sich einfinden und wiirden 
sie ihre Sachverstandigkeit vorurteilslos sprechen lass en, dann wiir- 
den sie sehen, welche Befruchtung gerade diese Sachverstandigkeit 
erfahren konnte von seiten der Geisteswissenschaft. Geisteswissen- 
schaft furchtet die Kritik der Sachverstandigen nicht. Geisteswissen- 
schaft ist kein laienhafter Dilettantisrnus. Geisteswissenschaft ver- 
sucht zu schopfen aus tieferen wissenschaftiichen Grundlagen her- 
aus, ais die gewohnliche heutige au£ere Wissenschaft ist. Geisteswis- 
senschaft wei& y dafi laienhafter Sinn, nicht Sachverstandigkeit dasje- 



nige ist, vor dem sie sich vielleicht fiirchten konnte, wenn sie sich 
nicht das Fiirchten langst abgewohnt hatte aus leicht begreiflichen 
Griinden. Vor Sachverstandigkeit, vor Vorurteilslosigkeit hat Gei- 
steswissenschaft keine Scheu zu tragen, sich nicht zu fiirchten. Sie 
weifi: je sachverstandiger man ihre Ergebnisse betrachten wird, 
desto mehr wird man im positiven Sinne auf sie eingehen. Gerade an 
dem, was einem als Perspektive einer intuitiven Medizin vor- 
schweben kann, mochte man erinnern an ein altes Wort, dessen 
Universalwert ich heute nicht untersuchen mochte, das aber in 
einem gewissen eingeschrankten Sinne ganz gewifi fur diejenige 
Anschauungsweise gelten mufi, die sich willig zeigt, ihre Anwen- 
dung zu finden in der Behandlungskunst des kranken Menschen. 
Alte Weise haben gesagt: Gleiches werde nur von Gleichem er- 
kannt. Um den Menschen zu heilen, mufi man ihn erst erkennen. 
Was vom Menschen heute in der Wissenschaft sich betatigt, ist nicht 
der ganze Mensch, darum nicht der Mensch, darum nicht ein dem 
Menschen Gleiches. Wenn der ganze Mensch aufgerufen wird zur 
Erkenntnis des Menschen, dann wird Gleiches - der Mensch - von 
Gleichem - von dem Menschen - erkannt werden. Und dann wird 
eine Menschenerkenntnis und eine Menschenbehandlungskunst 
entstehen, welche auf der einen Seite des Menschen Gesundheit 
erhalten wird im sozialen Zusammenleben, soviel sie nur erhalten 
werden kann, und welche auf der anderen Seite die Krankheit so 
behandeln wird, wie sie nur aus der Zusammennahme aller wirkli- 
chen Heilfaktoren heraus behandelt werden kann. 



DIE SITTLICHEN UND RELIGIOSEN KRAFTE 
IM SINNE DER GEISTESWISSENSCHAFT 



Dritter Vortrag, Basel, 7. Januar 1920 



Eine Anschauung von der Welt, wie sie ja auch die geisteswissen- 
schaftliche sein will, mufi sich dadurch bewahren, dafi sie dem 
Menschen eine Stiitze gibt fur dasjenige, was er im Leben braucht. 
Stiitze fiir das Leben mufi das sein, was wir nennen konnen morali- 
sche Tiichtigkeit, moralische Kraft. Stiitze fiir das Leben mufi aber 
auch unter anderem dasjenige sein, was wir nennen konnen die 
innere Seelenverfassung, die dem Menschen werden kann dadurch, 
dafi er sich in dem grofien Weltenganzen als ein Glied fiihlt, dafi er 
sich so eingegliedert fiihlt in das Weltenganze, wie es entspricht 
dem, was man nennen kann sein religioses Bediirfnis. Was nun 
zunachst die innere moralische Kraft des Menschen betrifft, so hat 
Schopenhauer ein treffliches Wort gesprochen, wenn auch die weite- 
ren Ausfiihrungen, die er an diese Worte in seiner Art geknupft hat, 
recht anfechtbar erscheinen. Er sagte: Moral predigen ist leicht, 
Moral begriinden ist schwierig. - Dies ist tatsachlich ein wahres 
Lebenswort. Denn einsehen im allgemeinen, was das Gute ist, was 
das moralische Leben von uns fordert, das ist als eine Sache des 
Intellektes verhaltnismafiig leicht. Dagegen heraufholen aus den 
Urkraften der Seele diejenigen Antriebe, die im Menschen notwen- 
dig sind, damit er sich in das Lebensgefiige als ein moralisch 
Kraftvoller hineinstellt, das ist schwierig. Das aber heifit erst Moral 
begriinden. Moral begriinden heifk nicht blofi sagen, was gut, was 
moralisch ist. Moral begriinden heifit an den Menschen solche 
Impulse heranbringen, welche, indem er sie in sein Seelenleben 
aufnimmt, in ihm eine wirkliche Kraft, eine wirkliche Tiichtigkeit 
werden. 

Nun steht der Mensch unserer gegenwartigen Zivilisationsstufe 
mit Bezug auf sein sittliches Bewufksein in einer ganz eigenartigen 
Weise in der Welt drinnen, in einer Weise, die durchaus nicht immer 
voll bewufit beobachtet wird, die aber der Grund ist fiir mancherlei 



Unsicherheit und Haltlosigkeit, die sich im Leben der Menschen 
geltend machen. Wir haben auf der einen Seite unser intellektuali- 
stisch orientiertes Wissen, unsere Erkenntnis, die es uns moglich 
macht, in die Naturerscheinungen einzudringen, die es uns moglich 
macht, das Weltenganze in unser Vorstellen bis zu einem gewissen 
Grade aufzunehmen, die es uns moglich macht, in einem allerdings, 
wie wir in den zwei letzten Betrachtungen hier gesehen haben, sehr 
eingeschrankten Mafie uns auch Vorstellungen iiber das Wesen des 
Menschen zu machen. 

Neben dem, was da in uns aufleuchtet als unsere Erkenntnisfahig- 
keit, als alles dasjenige, was, ich mochte sagen, dirigiert wird von 
unserer Menschenlogik, neben all dem macht sich geltend, mufi sich 
geltend machen im Menschen ein anderes Element seines Wesens, 
dasjenige, aus dem ihm seine sittliche Pflicht, seine sittliche Liebe, 
kurz, die Antriebe zum moralischen Handeln quellen. Und man 
muft sagen: der moderne Mensch lebt auf der einen Seite in seinen 
Erkenntnisfahigkeiten und ihren Ergebnissen, auf der anderen Seite 
lebt er in dem, was seine moralischen Antriebe sind. Beides sind 
Seeleninhalte. Aber es ist fur diesen modernen Menschen im Grun- 
de genommen zunachst wenig Vermittlung zwischen beiden, so 
wenig Vermittlung, daft zum Beispiel Kant den Ausspruch tun 
konnte: Zweierlei sei ihm das Wertvollste in der Welt, der gestirnte 
Himmel iiber ihm, das moralische Gesetz in ihm. - Aber gerade 
diese Kantsche Vorstellungsart, die in dem modernen Menschen 
west, sie kennt keine Briicke zwischen dem, was zur Erkenntnis der 
Welt auf der einen Seite fuhrt, und dem, was moralische Impulse auf 
der anderen Seite sind. Wie unvermittelt betrachtet Kant das Er- 
kenntnisleben in seiner «Kritik der reinen Vernunft», das morali- 
sche Leben in seiner «Kritik der praktischen Vernunft». 

Und wir miissen eigentlich sagen, wenn wir vollig ehrlich sind 
gegeniiber unserem Zeitbewufttsein, daft hier ein Abgrund liegt 
zwischen zweierlei Erlebnissen der Menschennatur. Indem die 
heutige Wissenschaft sich Vorstellungen macht iiber den Gang der 
Weltenentwickelung in den verschiedensten Wissensgebieten, be- 
trachtet sie das Geschehen der Natur von den einfachsten Lebewe- 



sen, ja von der unorganischen Natur an bis herauf zum Menschen. 
Sie macht sich Vorstellungen dariiber, wie etwa dieses uns unmit- 
telbar vorliegende Weltenganze entstanden sei. Sie macht sich auch 
Vorstellungen, in welchen Vorgangen das einstmalige Ende dieses 
uns zunachst vorliegenden Weltenganzen sich abspielen konnte. 
Aber nun quillt aus dem Menschen, der doch eingesponnen ist in 
diese Naturordnung, das hervor, was er seine sittlichen Ideale 
nennt. Und diese sittlichen Ideale empfindet der Mensch so, dafi er 
eigentlich sich selbst nur als wertvoll fiihlen kann, wenn er diesen 
Idealen folgt, wenn eine Ubereinstimmung ist zwischen ihm und 
diesen Idealen. Der Mensch macht seinen Wert abhangig von diesen 
sittlichen Idealen. Aber wenn wir uns vorstellen, dafi einstmals 
durch die Naturkrafte, die dem Menschen zuganglich werden durch 
seine Erkenntnis, das uns zugangliche Weltenganze seinem Ende 
entgegengeht, wo bleibt fur das heutige Zeitbewufitsein dasjenige, 
was der Mensch aus seinen sittlichen Idealen, aus seinen morali- 
schen Antrieben heraus schafft? Wer ehrlich ist, wer nicht in 
Nebuloses einhullt dasjenige, was heutiges Zeitbewufitsein ist, der 
mufi sich sagen: Diese sittlichen Ideale sind vor der gegenwartigen 
naturwissenschaftlichen Anschauung etwas, wonach sich der 
Mensch im Leben zwar richten mufi, wodurch aber nichts entsteht, 
was einstmals triumphieren konnte, wenn die Erde mit dem Men- 
schen selbst ihrem Untergang entgegengeht. 

Es ist fur das heutige Zeitbewulksein, das mufi man sich nur 
gestehen, keine Briicke zwischen den Erkenntnisfahigkeiten, die 
zum Naturwissen fuhren, und den Fahigkeiten, welche uns beherr- 
schen, indem wir sittliche Wesen sind. Dem Menschen wird nicht 
alles bewufk, was in den Tiefen seiner Seele vorgeht. Vieles bleibt 
unbewufk. Aber was da unten unbewufit rumort, das macht sich 
geltend im Leben durch Disharmonien, durch seelische oder sogar 
leibliche Krankheitserscheinungen. Und wer nur unbefangen sehen 
will in dasjenige, was heute vorgeht, der wird sich sagen miissen: da 
wogt unser Leben, und da sind die Menschen in diesem Leben 
driimen mit alien moglichen seelischen und leiblichen Zwiespaken. 
Und das, was da wogt, das wogt auf aus einer Tiefe herauf, in der 



allerdings so etwas tatig ist wie jene schwachen Menschheitskrafte, 
die keine Briicke bauen konnen zwischen dem moralischen Leben 
und dem Naturerkennen. Anthroposophisch orientierte Geisteswis- 
senschaft stellt sich zu diesen Fragen in der folgenden Art. Sie muE 
verlassen alles dasjenige, was auf der einen Seite nur theoretische 
Anschauung der aufieren Wirklichkeit ist. Sie mufi also alles das 
erkennen - das habe ich in den beiden letzten Vortragen hier 
ausgefiihrt -, was den Menschen gewissermafien bei dieser An- 
schauung von der Natur ausschalten mochte, damit nur ja eine 
rechte Objektivitat entstehen konne. 

Was ich als Weg in die geistige Welt charakterisierte, das stellt sich 
ja — ich mochte zusammenfassend das noch einmal sagen - etwa in 
der folgenden Art dar: Zunachst mufi sich derjenige, der diesen Weg 
in die geistige Welt hinein gehen will, einer gewissen inneren 
seelisch-geistigen Arbeit hingeben. In meinen Biichern habe ich 
zusammenfassend dieses innere Uben, dieses innere geistig-seeli- 
sche Arbeiten eine Meditations-, eine Konzentrationsarbeit ge- 
nannt. Diese Arbeit bringt den Menschen in die Lage, sich seinem 
Vorstellungsleben anders gegenuberzustellen, als das im gewohn- 
lichen Leben geschieht, wenn wir die Naturerscheinungen oder 
auch das soziale Leben verfolgen. Es ist ein vollstandiges Zusam- 
mensein mit den Vorstellungen, die sonst nur schattenhaft die 
aufieren Emdriicke begleiten. Wie wir sonst, so sagte ich, mit 
unserem Gefiihl, mit unseren Sympathien und Antipathien Men- 
schen oder der Natur oder sonst etwas im physischen Leben 
gegeniiberstehen, wie wir Tatsachen gegeniiberstehen mit unseren 
Willensemotionen, so stehen wir als einer, der den Weg in die 
geistige Welt sucht, den blofien Vorstellungen gegeniiber. Wie 
Vorstellungen auftreten, das regt uns auf, das fordert unsere Sympa- 
thie und Antipathie heraus, das regt unsere ganze Lebenskraft an. 
Das wird fur uns ein Schicksal. Wir machen, wahrend wir aufierlich 
ganz ruhig sind, innerlich etwas durch, was durchaus nicht schwa- 
cher ist als dasjenige, was wir sonst als Lebensschicksal in der 
aufieren Welt durchmachen. Wir verdoppeln gewissermafien unser 
Leben. Wahrend wir sonst in Aufregung geraten, Sympathie und 



Antipathie entwickeln, Willensimpulse geltend machen nur im 
aufieren Leben, aufieren Ereignissen gegeniiber, tragen wir das, was 
uns sonst nur in dieser aufieren materiellen Welt beschaftigt, hinein 
in unser inneres Gedankenleben. Konnen wir dies - und jeder 
Mensch kann es, wenn er in der Art sich iibt, wie ich es beschrieben 
habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren 
Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft» -, kommt der 
Mensch dazu, dies wirklich auszufiihren, so tritt fur ihn zuletzt ein 
Augenbiick ein, in dem er Bilder der Welt nicht nur hat, wenn er 
seine Sinne offnet, wenn er hort oder sieht, sondern wo er Bilder hat 
rein aus dem Vorstellungsleben heraus, so vollinhaltliche Bilder - 
wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf -, so vollsaftige Bilder, wie 
sie sonst nur durch die Sinneswahrnehmung uns kommen. Die 
kommen durch dieses also verstarkte und verscharfte Vorstellungs- 
leben. Ohne das Sinneswahrnehmen zu haben, leben wir in einer 
Welt von Bildern, wie sie uns sonst nur werden durch die Sinnes- 
wahrnehmung. 

Damit ist aber ein anderes bedeutsames Erlebnis verkniipft - diese 
Dinge konnen nur als Erlebnisse verstanden werden, abstrakte 
Logik, sogenannte Beweisfuhrung fuhrt nicht an sie hera*n -, ein 
anderes Erlebnis ist damit verbunden: Wir lernen wissen durch 
solches Uben, was es heifit, eine geistig-seelische Tatigkeit unabhan- 
gig von der leiblichen Tatigkeit zu entwickeln. Es tritt der Augen- 
biick fur den Menschen ein, wo er sich - wenn ich mich so 
ausdriicken darf - mit Recht gestehen darf, ein Materialist zu sein, so 
sonderbar und paradox das klingt. Er darf in diesem Augenbiick 
sagen: jawohl, im gewohnlichen Leben sind wir ganz abhangig von 
dem Werkzeug unseres Leibes. Da denken wir durch das Werkzeug 
unseres Nervensy stems. Aber das ist eben gerade das Charakteri- 
stische dieses aufieren Lebens, daft wir es durchmessen, indem wir 
das Geistig-Seelische nur dann entwickeln konnen, wenn es sich der 
leiblichen Werkzeuge bedient. Aber dieses Geistig-Seelische ist 
nicht angewiesen darauf, sich blo£ der leiblichen Werkzeuge zu 
bedienen. Es kann sich durch die geschilderten Anstrengungen 
loslosen von dem leiblichen Werkzeug, kann leibfrei werden. Man 



kann noch soviel spekulieren und philosophieren mit dem Materia- 
lismus. Wenn man nur das gegen ihn ins Feld fiihrt, was man wissen 
kann aus dem gewohnlichen Leben, wird man ihn nie widerlegen, 
denn fiir das gewohnliche Leben hat der Materialismus Recht. 
Widerlegen kann man den Materialismus nur durch die spirituelle 
Praxis, dadurch, dafi man im unmittelbaren Erleben loslost das 
Seelisch-Geistige von dem Leiblichen. Man stellt in Bildern vor - ich 
nannte es in den genannten Biichern imaginatives Vorstellen oder 
Imagination -, man stellt in Bildern vor, aber aufierhalb des Leibes, 
wobei das «aufierhalb» selbstverstandlich nicht raumlich, sondern 
unabhangig vom Leibe vorzustellen ist. Das ist die eine Seite 
desjenigen, was man kennenlernen mufi innerhalb der anthroposo- 
phisch orientierten Geisteswissenschaft, um die Briicke, die auf die 
Art nicht geschlagen werden kann, wie wir es geschildert haben, 
wirklich zu schlagen. Was man auf diese Art erlangt als Inhalt der 
imaginativen Erkenntnis, das ist nicht im Menschenleibe, das ist 
aufierhalb des Menschenleibes und gibt die praktische Erklarung, 
dafi unser innerstes Wesen, bevor es sich mit diesem Leibe umklei- 
det hat, in der geistig-seelischen Welt war. Denn man ist nicht nur 
aufierhalb des Leibes, man ist aufterhalb der Zeit, in der man mit 
dem Leibe lebt. Man erlebt auf diese Art wirklich das Vorgeburtli- 
che, oder sagen wir, das vor der physischen Empfangnis Liegende 
im Menschen. Wie ein Licht von aufierhalb in das Zimmer herein- 
scheint, so scheint unser vorgeburtliches Leben in dieser Imagina- 
tion in unser gegenwartiges Leben herein. 

Was da hereinscheint, das sind jetzt nicht blofi Gedanken, das hat 
einen lebendigen Inhalt. Dieser lebendige Inhalt enthiillt sich als 
etwas ganz Besonderes. Er enthiillt sich als ein gewisser, ich mochte 
sagen, Intelligenzinhalt. Wahrend wir also auf die Art, wie ich es 
geschildert habe, das Vorstellungsleben pflegen, scharfen, erkraften, 
kommen wir aus uns selber heraus in einen Willensinhalt hinein, der 
aber zu gleicher Zeit etwas Lebendiges hat. Es ist der Willensinhalt, 
der dasjenige in uns schafft, was sich mit dem physischen Leib 
umkleidet, was wir nicht durch Vererbung, was wir uberhaupt nicht 
aus der physischen Welt haben. 



Zur Erkenntnis der Unsterblichkeit gelangt die anthroposo- 
phisch orientierte Geisteswissenschaft nicht durch spekulatives Ver- 
arbeiten des gewohnlichen Lebens, sondern durch die Kultivierung 
einer Erkenntnisfahigkeit, die zunachst im gewohnlichen Leben 
nicht da ist. Was heute fur uns besonders wichtig ist, ist aber, dafi 
wir Menschen auf diese Weise aufterhalb unseres physischen Leibes 
gelangen, sogar aufierhalb der Zeit, in der unser physischer Leib 
lebt. Man gelangt da zu Ideen, die fur den grofiten Teil der gegenwar- 
tigen Menschen noch schwer vorstellbar sind, die aber ein wichtiges 
Glied in der Entwickelung der Menschheit nach der Zukunft zu 
werden bilden miissen. 

Und jetzt stellt sich etwas sehr Merkwiirdiges heraus, wenn man 
nicht nur nach der einen Seite hin, nach der des Vorstellungslebens 
Ubungen macht, sondern wenn man auch nach der Seite des Willens- 
lebens Ubungen macht. Wir Menschen leben, ich mochte sagen, so, 
wie Faust das Leben durchmacht, der da sagt: Ich bin nur durch die 
Welt gerannt. - Wir rennen durch die Welt. Gewifi, wir machen 
eine Entwickelung durch zwischen Geburt und Tod, von Monat zu 
Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt; aber wir 
machen diese Entwickelung durch, indem wir uns gewissermalSen 
der aufieren Objektivitat iiberlassen: Hand aufs Herz, wie viele 
Menschen tun es denn anders, als sich vom Leben, sei es vom 
Kindesleben, wo die Erwachsenen sie erziehen, sei es von dem 
spateren Leben und seinem Schicksal tragen lassen? Sie werden 
vollkommener, weil die Welt sie vollkommener macht. Aber was 
tun denn die meisten Menschen anderes, als daf$ sie sich eben dem 
Strom des Lebens iiberlassen? Mit diesem Sich-Uberlassen dem 
Strom des Lebens kommt man allerdings nicht auf den hier gemein- 
ten geisteswissenschaftlichen Weg. Da ist notwendig, dafi man in 
Selbsttatigkeit seine Selbstzucht ubernimmt, dafi man tatsachlich an 
sich so arbeitet, da£ man nicht nur durch das Leben, das an einen 
durch das Schicksal herantritt, sich weiterentwickelt, sondern daft 
man sich weiterentwickelt dadurch, daft man sich vornimmt: du 
wilist dir diese oder jene Gesinnungsrichtung einpflanzen. Jetzt 
arbeitet man daran, diese Gesinnungsrichtung sich einzupflanzen. 



Man kann im kleinen, man kann im grofien so etwas unternehmen. 
Aber es ist ein grofier Unterschied, ob man irgend etwas an sich 
selbst, in der Zucht seines eigenen Wesens nur ausfiihrt, indem man 
sich dem Leben iiberlafit, oder ob man diese Zucht des eigenen 
Selbst wiederum durch das eigene Selbst in die Hand nimmt. Man 
lernt durch dieses In-die-Hand-Nehmen den Willen in seiner Wirk- 
samkeit kennen; denn man lernt erkennen, was fur Widerstande 
diesem Willen entgegenstehen, wenn man ihn nun in Selbstzucht 
kultivieren will. Oh, man lernt auf diese Weise allerlei kennen, man 
verstarkt vor alien Dingen die eigenen Krafte des Geistig-Seeli- 
schen, und man wird sehr bald bemerken, wenn man solche Ubun- 
gen in Selbstzucht ausiibt - aber man mufi sie jahrelang ausiiben -, 
dafi einem dann innere Krafte zuwachsen. Diese inneren Krafte, die 
sind von solcher Art, daft wir sie nicht in der aufieren Natur finden. 
Sie sind von solcher Art, daft wir sie auch nicht in dem gewohnlichen 
Seelenleben finden, das wir vor unseren Ubungen in uns getragen 
hab.en. Diese Krafte entdecken wir erst, wenn wir eben eine solche 
innere Ubung mit uns anstellen. Diese Krafte sind zu etwas ganz 
Bestimmtem imstande: Sie sind imstande, die moralischen Antriebe, 
die sonst wie instinktiv, wie unbestimmt und getrennt von den 
Erkenntnisfahigkeiten aufquellen in der Seele, in unser eigenes 
Selbst viel bewufiter aufzunehmen, Aber verstehen Sie mich recht, 
nicht in das Selbst, das wir entwickeln in unserem Leibe, sondern in 
dasjenige Selbst, das wir entwickeln, wenn wir auf die vorhin 
geschilderte Weise aus unserem Leibe heraustreten mit unserer 
Imagination. Nicht konnen wir die wahre Gestalt der moralischen 
Antriebe in unseren sinnlichen Leib, in unser sinnliches Erkennen 
hereinbekommen; aber wir bekommen das, was so isoliert dasteht, 
dafi Kant es ganz isoliert als kategorischen Imperativ hinstellte, wir 
bekommen das herein in unser Selbst, das sich vom Leibe getrennt 
hat. 

Und dann wird das, was ich vorhin geschildert habe als Imagina- 
tion, als' Bildvorstellungen, durchtrankt von dem, was man nennen 
kann die objektive Kraft der sittlichen Impulse; es wird durchtrankt 
von der sittlichen Inspiration. Wir erkennen jetzt, dafi dasjenige, 



was in uns als sittliche Imperative, als sittliche Ideale aufquillt, nicht 
blofi in uns wurzelt, dafi es im Weltenganzen wurzelt. Wir lernen, 
indem wir auflerhalb unseres physischen Menschen sind, erkennen, 
dafi dasjenige, was in seiner wahren Gestalt nicht innerhalb der 
physischen Organisation erscheint, in dieser seiner wahren Gestalt, 
in der wir es erkennen durch imaginatives Anschauen, objektive 
Krafte der Welt sind. 

Solch eine Anschauung kann dem Menschen aufgehen, der richtig 
mit seinem gesunden Menschenverstand das aufnimmt, was der 
Geistesforscher zu sagen vermag aus seiner Anschauung der geisti- 
gen Welt heraus. Wer sich mit solcher Anschauung durchdringt, der 
fiihlt gegeniiber dem, was heute populare offentliche Vortrage sind, 
etwas ganz besonderes. Es klingt vielleicht sonderbar, wenn ich das 
ausspreche, aber ich mochte sagen: Wer dieses Inspirierte in der 
Imagination, das sich deckt mit den sittlichen Kraften, die im 
Menschenleben sind, unbefangen aufnimmt und sich vorstellt, wie 
in der Gegenwart durch Geist-Erkenntnis so etwas durchschaut 
werden kann, der mochte sich am liebsten denken: wenn doch solch 
eine Erkenntnis die Menschen ergreifen konnte, nur so stark wenig- 
stens, wie sie ergriffen werden, wenn sie horen, die Rontgenstrahlen 
oder die drahtlose Telegraphie sind gefunden worden! Man mochte 
angesichts desjenigen, was sich da in die Seele eines Geistesforschers 
senkt, sagen: es ist sehr notwendig fur die Zivilisation der Gegen- 
wart, dafi die Menschen dahin kommen, das auf geistigem Wege an 
Kraften fur Menschenerstarkung zu Findende ebenso zu schatzen 
wie das, was niitzlich und forderlich sein kann im aufieren Leben. 

Damit haben wir, wie ich glaube, an eine wichtige Zivilisations- 
forderung der Gegenwart geriihrt. Die geisteswissenschaftlichen Er- 
kenntnisse sind, ich sage es noch einmal, keine Spekulation, sie sind 
Erlebnisse, Und dafi sie von so wenigen heute noch angenommen 
werden, das beruht darauf, da£ die meisten sich blenden lassen von 
den materiaiistischen naturwissenschaftlichen Anschauungen, sich 
ihre Vorurteile selber in den Weg werfen, ihren gesunden Men- 
schenverstand nicht anwenden, daher nicht in der richtigen Weise 
pni ten. konnen, was der Geisteswissenschafter sagt. Sie sagen im- 



mer: wir konnen das ja nicht selber sehen, was der Geistesforscher 
sagt. Ich mochte wissen, wie viele Leute, die an die Venus-Durch- 
gange glauben, jemals einen Venus-Durchgang gesehen haben! Ich 
mochte wissen, wie viele Leute, die da sagen, das Wasser besteht aus 
Wasserstoff und Sauerstoff, jemals in einem Laboratorium beobach- 
tet haben, wie man feststellt, dafi Wasser aus Wasserstoff und 
Sauerstoff besteht und so weiter. Es gibt doch eine Logik des 
gesunden Menschenyerstands. Durch sie kann man priifen, was der 
Geistesforscher sagt. Ich kann gewifi vor denjenigen, die ihren 
gesunden Mens chen vers tand gebrauchen, keine Illusionen hinma- 
len, keine Phantastereien vor sie hinschwatzen, denn sie konnen 
achtgeben durch ihren gesunden Menschenverstand, ob ich rede wie 
ein Schwarmer oder ob ich in logischen Zusammenhangen rede, ob 
ich rede wie jemand, der Idee auf Idee stellt, wie man das auch in der 
exaktesten Wissenschaft tut. Wer sich eine solche gesunde Men- 
schenerkenntnis und Menschenanschauung erwirbt, der wird unter- 
scheiden konnen, ob er einen Phantasten vor sich hat oder einen 
Menschen, der dadurch, dafi er seine Anschauung in gesunde 
logische Formen zu kleiden weifi und auch sonst nicht den Eindruck 
eines Schwarmers macht, ernst zu nehmen ist. Vieles im Leben 
miissen wir auf diese Art entscheiden; warum sollten wir dasjenige, 
was zum Wichtigsten gehort: die Einsicht in die Weltenordnung, 
nicht so entscheiden? Auf eine andere Art lafit sich zunachst fur den, 
der nicht selbst Geistesforscher werden kann - bis zu einem gewis- 
sen Grade kann aber jeder ein Geistesforscher werden, wie ich es in 
den genannten Biichern dargestellt habe -, auf eine andere Art lafit 
sich das nicht feststellen; denn Geisteswissenschaft ist etwas Erleb- 
tes, etwas, was erfahren werden mufi, nicht etwas, was nur durch 
logische Schlufifolgerungen erreicht wird. 

Lernt man also die Weltanschauungen durch, ich mochte sagen, 
die Kombination zwischen Imagination und inspirierter Sittlichkeit 
kennen, dann lernt man noch etwas anderes kennen, dann lernt man 
erkennen, was es mit dem Widerspruche fur ein Bewenden hat 
zwischen der sogenannten Naturkausalitat, der Naturnotwendig- 
keit, und dem Elemente, in dem der Mensch als in seiner Freiheit 



lebt. Denn nur in dem Elemente der Freiheit konnen wir mit 
unseren sittlichen Impulsen leben. Wir sehen hinaus in die aufiere 
Natur. Uberwaltigend wirkt auf die Naturanschauung, die sich in 
den letzten drei bis vier Jahrhunderten herausgebildet hat, dasjeni- 
ge, was man den notwendigen Zusarnmenhang des Folgenden mit 
dem Vorhergehenden, was man die allgemeine Ursachlichkeit 
nennt. So stellt sich die Natur einschliefilich der Menschenwesen- 
heit dar, als ob alles von einer Naturnotwendigkeit ergriffen ware. 
Dann stiinde es aber schlimm mit unserer Freiheit; dann konnten 
wir nicht anders handeln, als die Naturnotwendigkeit in uns das 
Handeln erzwingt. Freiheit ware eine Unmoglichkeit, wenn die 
Welt so beschaffen ware, wie die in den letzten drei bis vier 
Jahrhunderten beliebt gewordene naturwissenschaftliche Anschau- 
ung will. 

Aber wenn man den Standpunkt errungen hat, den ich eben 
geschildert habe, den Standpunkt der Beobachtung aufterhalb des 
menschlichen Leibes, dann stellt sich einem alles dasjenige, was von 
Notwendigkeit durchdrungen ist, gewissermafien als eine Art Na- 
turleib dar. Und dieser Naturleib treibt an alien moglichen Stellen 
eine Naturseele, einen Naturgeist hervor. Der Naturleib ist gleich- 
sam dasjenige, was ausgeworfen und abgeworfen hat die werdende 
Welt; der Naturgeist, die Naturseele ist dasjenige, was in die 
Zukunft hinuberwachst. 

So wie, wenn ich einen Leichnam vor mir sehe, dieser Leichnam 
keine Moglichkeit mehr hat, etwas anderem zu folgen als den 
Notwendigkeiten, die veranlagt hat das Geistig-Seelische, das in 
ihm gewohnt hat, so hat dasjenige, was leichenhaft ist an der aufieren 
Natur, nichts in sich von Antrieben als Notwendigkeiten. Aber an 
jeder Stelle spriefit hervor, was in die Zukunft hinuberwachst. 
Unsere Naturwissenschaft ist nur gewohnt worden, den Natur- 
leichnam zu beobachten, sieht daher iiberall nur die Notwendigkeit. 
Geisteswissenschaft mu£ dazukommen. Die wild das iiberall sprie- 
Eende, sprossende Leben sehen. 

Dam it aber ist der Mensch auf der einen Seite in die Naturkausa- 
litat hineingestellt, auf der anderen Seite hineingestellt in dasjenige, 



was auch da ist, aber keine Kausalitat enthalt, sondern etwas enthalt, 
was gleich ist mit dem innerlich erlebten Elemente der Freiheit. 
Dieses Element der Freiheit erleben wir so, wie ich es dargestellt 
habe in meiner «Philosophie der Freiheit», wenn wir uns erheben 
zum innerlich durchsichtigen, reinen Denken, das aber eigentlich 
ein Ausflufi unserer Willenstatigkeit ist. Das Genauere finden Sie in 
dieser meiner «Philosophie der Freiheit». 

So tragt uns dasjenige, was wir uns erringen, indem wir uns eine 
Erkenntnismoglichkeit schaffen aufierhalb des menschlichen Lei- 
bes, hinein in eine Welt, wo der Gegensatz erklarlich wird zwischen 
Naturnotwendigkeit und Freiheit. Wir lernen die Freiheit selber in 
der Welt kennen. Wir lernen uns fiihlen in einer Welt, in welcher die 
Freiheit west, 

Wenn ich Ihnen so etwas schildere, dann schildere ich es Ihnen 
nicht, um Ihnen gewissermafien nur den Inhalt desjenigen, was ich 
schildere, zu zeigen, sondern ich mochte Ihnen das, was ich schilde- 
re, aus dem Grunde darstellen, weil ich daran zeigen mochte, wie 
der Mensch in eine gewisse Seelenverfassung kommt, indem er sich 
mit Erkenntnissen, die aus solchen Regionen herausgeholt sind, 
durchdringt, indem er sich belebt mit solchen Erkenntnissen. 

Wie wir, wenn wir meinetwillen ein aufierordentlich freudiges 
Ereignis erleben, von Freude durchdrungen werden, wie manche 
Menschen, wenn sie so und soviel Mosel getrunken haben, von jener 
Stimmung ganz durchdrungen werden, die eben vom Moselwein 
kommt, so kann auch die ganze Seelenverfassung des Menschen 
ergriffen werden von etwas so Real-Spirituellem, das den Menschen 
durchdringt. Wann ist seine Seelenverfassung von etwas ergriffen 
worden, von dem sie zunachst nur im aufieren Leben, dann aber 
schattenhaft ergriffen ist? Wenn gegeniiber den sittlichen Verpflich- 
tungen der kategorische Imperativ oder das Gewissen sich regt. 
Aber der Inhalt dieses Gewissens wird jetzt hell, und er wird auch 
eine andere Gefuhlsnuance annehmen. Denn was ist eigentlich 
geschehen - ob der Mensch nun selber ein Geistesforscher ist, ob er 
das, was der Geistesforscher bringt, durch seinen gesunden Men- 
schenverstand aufnimmt und als Erkenntnisse seiner Seele einver- 



leibt was ist denn mit dem Menschen geschehen? Er ist mit etwas 
zusammengegangen, hat sich mit etwas zusammengeschlossen, mit 
dem man nur zusammenkommt, wenn man aus sich herausgeht, 
wenn man sich seiner selbst entfremdet. Sie finden keine bessere, 
realistischere Definition der Liebe und des Liebesgefuhls als dasjeni- 
ge, was man schildern kann als die Seelenverfassung, die einen 
iiberkommt, wenn man leibfrei hineindringt in die Wesenhaftigkeit 
der aufieren Welt. Wirken die sittlichen Imperative sonst wie ein 
Zwang, so konnen sie in eine solche Form gegossen werden, dafi sie 
durchdrungen erscheinen von derselben Stimmung, von der die 
geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse durchdrungen sein mussen. 
Diese sittlichen Aritriebe, diese moralischen Imperative konnen 
lernen von dem, was man als Seelenstimmung bekommt im Auf- 
nehmen von Geisteswissenschaft; diese Moral kann durchwarmt 
werden von dem, was in Geisteswissenschaft leben mufi im hoch- 
sten Sinne: von Liebe. 

Das versuchte ich wiederum zu zeigen in meiner «Philosophie der 
Freiheit», dafi des Menschen wurdigster Antrieb fur das sittliche 
Handeln die Liebe ist. Innerhalb der modernen Geistesentwicke- 
lung war von diesen Dingen schon einmal, mehr instinktiv die Rede, 
als es heute schon sein kann, wo wir eben in der Geisteswissen- 
schaft, wenn wir wollen, vorgeschritten sein konnen. Kant sprach 
einstmals von der zwingenden Pflicht, von dem, ich mochte sagen, 
den Menschen bandigenden kategorischen Imperativ, der nichts 
gestattet von Einmischung irgendeiner Sympathie. Was man tut aus 
sittlicher Pflicht, tut man, weil man es mufi. Kant sagt deshalb: 
Pflicht, du erhabener, grofier Name, der du nichts bei dir fiihrest, 
was Einschmeichelung oder dergleichen bedeutet, sondern nur 
strengste Unterwerfung. - Schiller fand dieses sklavische Unter- 
werfen unter die Pflicht nicht menschenwiirdig. Und er setzte 
entgegen dieser Kantschen Ausfiihrung das, was er so schon, so 
gro&artig ausgedriickt hat in seinen «Briefen iiber die asthetische 
Erziehung des Menschen». 

Aber wir brauchen nur ein kleines Epigramm zu nehmen, das 
Schiller gepragt hat gegen diesen Kantschen rigoristischen, starren 



Pflichtbegriff, so haben wir einen wichtigen menschlichen Gegen- 
satz in bezug auf das sittliche Leben: «Gerne dien' ich den Freun- 
den» - sagt Schiller - «doch tu ich es leider mit Neigung. Und so 
wurmt es mich oft, dafi ich nicht tugendhaft bin.» Er meint, im 
Kantschen Sinne miiflte man nicht gerne den Freunden dienen, 
sondern sich gehorchend der Pflicht unterwerfen. Das aber, was das 
Menschenleben erst menschenwert machen kann, das ist, wenn 
erfullt wird, was Goethe in ein paar Worten ganz monumental sagt: 
Pflicht, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt. - Aber die 
Stimmung, zu lieben, was man sich selbst befiehlt, sie kann nur 
angefeuert werden aus jener Verfassung der menschlichen Seele, die 
im Erwerben der Geisteswissenschaft zustande kommt. 

So ist, wenn man sich in die Geisteswissenschaft vertieft, nicht 
etwas neben dem Leben herlaufend, wie Moral predigen, sondern es 
ist darinnen eine Kraftentwickelung, welche das sittliche Wollen 
unmittelbar ergreift. Es ist ein Begriinden der Moral da. Es ist 
dasjenige da, was in den Menschen hineingiefit die sittliche Liebe. 
Geisteswissenschaft predigt nicht blofi Moral, Geisteswissenschaft, 
wenn sie in ihrem vollen Ernst, in ihrer vollen Kraft genommen 
wird, begriindet die Moral, doch indem sie nicht Worte der Mo- 
ral gibt, sondern Kraft zur tugendlichen Liebe, zur liebenden 
Tugend gibt. 

Geisteswissenschaft ist eben nicht blofi Theorie, sie ist Leben. 
Und wenn man Geisteswissenschaft sich aneignet, so ist es nicht 
blofi ein Nachdenken, so ist es etwas wie ein Aufnehmen des Lebens 
wie beim Atmen selber. Das ist es, was diese Geisteswissenschaft der 
modernen Zivilisation auf sittlichem Gebiete leisten mochte, was sie 
ihr leisten mufi. Denn in alten Zeiten, ich habe das vorgestern 
angedeutet, hatte man * auch eine Geisteswissenschaft, aber eine 
instinktive. Woher kam die Geisteswissenschaft der alten, vor 
Jahrtausenden sich entwickelnden orientalischen Weisheit? Es war 
ein dumpfes, traumhaftes Sich-Verbildlichen der Welt. Es kam 
herauf aus den menschlichen Instinkten, aus dem menschlichen 
Triebleben. Instinktiv war diese Geisteswissenschaft. Die Men- 
schen sahen hinein durch eine Art Hellsehen in die Natur. Und 



dieses Hellsehen war verbunden mit ihrem Blute, war verbunden 
mit lhrer aufieren Leiblichkeit. Mit diesem Blute, mit dieser aufieren 
Leiblichkeit waren aber auch verbunden die damaligen sittlichen 
Antriebe. Beides kam aus einer Quelle. Die Menschheit - ich habe es 
gerade in diesen Tagen immer wieder gesagt - macht eine Entwik- 
kelung durch und glaubt, wir konnten so sein wie die Menschen vor 
Jahrtausenden; das kommt dem gleich, zu glauben, der erwachsene 
Mann konnte gleich sein dem Kinde. Wir konnen nicht mehr auf 
dem Standpunkt der primitiven hellseherischen Kunste des alten 
Orients oder des alten Agyptens stehen. Wir sind vorgeriickt zum 
Galileismus, zum Kopernikanismus. Wir sind vorgeriickt zu demje- 
nigen Anschauen, das im Intellekt aufgeht. In jenen alten orientali- 
schen Anschauungen war der Intellekt noch nicht entwickelt. Dafur 
miissen wir aber auch aus dem Geiste heraus, nicht aus dem 
Instinkte heraus die Impulse unseres sittlichen Handelns holen. 

Das ist heute das Schlimmste, daft die Menschen, indem sie von 
Idealen oder Lebensimpulsen reden, immer alles verabsolutieren. 
Wenn heute irgendein Parteimensch oder ein schwarmerischer 
Theoretiker, der das tausendjahrige Reich herbeifiihren mochte, 
auftritt, da sagen sie: dies oder jenes will ich fur die Menschheit - 
und sie denken sich dabei, das, was sie da aussprechen, sei gut fur die 
Menschheit in alle folgenden Zeiten hinein und iiber die ganze Erde 
hin. Das sei im absolutesten Sinne gut. Wer wirklich hineinschaut in 
das Leben der sich entwickelnden Menschheit, der weifi, dafi dasje- 
nige, was gut ist, was giiltig ist fur die Weltanschauung, immer nur 
fur ein gewisses Zeitalter entsprechend ist, dafi man die Natur dieses 
Zeitalters kennen mul Ich habe bei friiheren Vortragen hier ofter 
gesagt: Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientiert, wie ich 
sie hier ausspreche, bildet sich nicht ein, etwas Absolutes zu sein. Sie 
glaubt aber, dafi sie aus dem Herzen der Gegenwart und der 
nachsten Zukunft heraus so redet, daft sie fur Menschenseelen das 
sagt, was diese Menschenseelen in der Gegenwart und in der 
nachsten Zukunft brauchen. Sie weifi aber sehr gut, diese Geistes- 
wissenschaft: wenn in fiinfhundert Jahren wiederum jemand spre- 
chen wird von den grofien Weltenratseln und von den Menschheits- 



angelegenheiten, so wird er an anderen Tonen, in anderer Art 
sprechen, denn es gibt nichts Absolutes in diesem Sinne, nichts ewig 
Dauerndes. 

Gerade dadurch wirken wir im Leben, dafi wir es in seiner 
Lebendigkeit, in seiner Metamorphose auch da, wo wir drinnen- 
stehen, entsprechend aufzufassen vermogen. Leichter ist es, in 
Abstraktionen absolute Ideale aufzustellen, als erst sein Zeitalter 
kennenzulernen und aus dem Wesen dieses Zeitakers neraus das zu 
sprechen, was ihm angemessen ist. Dann, wenn aus dem Aufneh- 
men der geisfceswissenschaftlichen Impulse der Mensch sich so, wie 
das angeftihrt worden ist, durchdringt mit dem, was ihm vom Geiste 
kommt, dann wird er wissen, dafi er als Mensch Geist ist, Seele ist, 
dann wird er wissen, dafi er lebt durch die Welt als Geist und Seele. 
Und dann wird er jeden anderen Menschen als Geist und Seele 
ansprechen. Ein Ungeheures, mochte man sagen, wird hervorgehen, 
wenn das zur Geisteswissenschaft wird im Menschenleben, zu 
dieses Menschenleben durchtrankender Gesinnung wird so, dafi 
man mit vollem Bewufitsein dem anderen Menschen entgegentritt 
wie einem Ratsel, das man zu losen hat, weil man mit jedem 
Menschen in ein Unendliches,, in geistige Untergriinde und Abgriin- 
de hineinblickt. 

Was sich da bildet aus diesem wirklichen Anschauen des Mitmen- 
schen als Geist und Seele, das wird sozial-sitdiche Kr'afte geben, 
welche die Grundlage werden bilden miissen fiir eine wirkliche 
Behandlung der so brennenden sozialen Prage in unserer Zeit. Ich 
kann mir nicht anders vorstellen, als daf daejenigen geradezu gewis- 
se Seelenqualen leiden, die das ganze Wesen der sozialen Frage 
durchschauen und zu gleicher Zeit die heutige Menschheitsverfas- 
sung auf sich wirken lassen. Wir leben in einer Zeit, wo die soziale 
Frage gelost sein will in einer bestimmten Weise. Wir leben zugleich 
in einer Zeit, in der die Forderer der sozialen Ordnung dureh- 
seelt sind von den antisozialsten Trieben, wo einem die Forderung 
nach sozialer Gestaltung des Lebens wie der Widerpart erscheint 
zu dem, was in den Menschenseelen als antisoziale Triebe lebt. Man 
mag die schonsten Programme aufstellen, man mag sich noch so 



schonen Vorstellungen hingeben iiber das, was werden soil zur Lo- 
sung der sozialen Frage, ein Weg zur Losung kann sich nur fin- 
den, wenn Geist geschaut, gefiihlt, empfuncjen wird unter den 
Menschen, wenn die Menschen so einander gegeniibertreten, dafi 
sie in ihren Mitmenschen achten, schutzen, ehren, lieben Geist 
und Seele, nicht blofi dasjenige, was man heute im Mitmenschen 
neben sich hat. 

Darum habe ich in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen 
Frage» die Absonderung des Geisteslebens von dem ubrigen sozia- 
len Leben gefordert, damit dieses Geistesleben nur auf seine eigenen 
Untergriinde gestellt werden kann, unabhangig vom Staatlichen 
und unabhangig von wirtschaftlichen Impulsen rein der Menschen- 
natur folgen kann. Nur ein solches freies Geistesleben wird wirklich 
auch soziale Triebe, soziale Auffassungen und Gesinnungen unter 
die Menschen verbreiten. Auch die soziale Sittlichkeit hangt daran, 
dafi die Menschen in ihre Seelenverfassung das aufnehmen, was 
ihnen werden kann im Verfolge dessen, was man zu sagen hat aus 
den Forschungen der Geisteswissenschaft heraus. 

Und das, worin der Mensch als in einem werten und wiirdigen 
Ganzen ruhen mufi, damit er sich nicht als blofier einsamer Welten- 
wanderer fiihle, sondern als ein Glied des Weltenganzen, das religio- 
se Element, es kann in dem Sinne, wie das der moderne Mensch 
braucht, wohl auch nur angefacht und angefeuert werden durch 
dasjenige, was als Stimmung errungen wird im Verfolgen der Gei- 
steswissenschaft. 

Diejenigen Ereignisse der Weltenordnung oder der menschlichen 
Entwickelung, auf die die religiosen Empfindungen hinschauen, sie 
stehen als Tatsache da. Als Tatsache steht da zum Beispiel das 
Mysterium von Golgatha. Als Tatsache steht da, was im Beginn 
unserer Zeitrechnung in Palastina sich abgespielt hat als die 
Menschwerdung des Christus in dem Jesus. Man mu6 unterschei- 
dcn diese Tatsache, diesc objektive Tatsache, von der Art und 
Weise, wie der Mensch sich nahert dem Verstehen, dem Anschauen 
einer solchen Tatsache. In den Zeiten, in denen das Christentum 
sich zuerst ausgebreitet hat, da konnte es stromen innerhalb der 



Menschheitsgesinnungen, die noch heriibergekommen sind aus 
dem alten Orient, man verstand das, was in Palastina als das Ereignis 
von Golgatha geschehen ist, mit den Vorstellungen, die in gewisser 
Weise aus alten Zeiten, aus urtumlichen Menschheitsanschauungen 
stammten. Durch die Jahrhunderte hindurch waren die Menschen, 
die es sein konnten, ehrlich und aufrichtig, indem sie das Ereignis 
von Golgatha verstanden durch solche Vorstellungen. Dann kam 
aber die Zeit, in welcher der Galileismus auftauchte, in welcher 
Giordano Bruno in einer so merkwurdigen Weise fur die mensch- 
liche Anschauung den Raum uberwand, indem er zeigte, dafi, was 
da oben blaues Firmament ist, nur dasjenige ist, was in uns selber 
lebt, die Grenzen, die wir selber setzen, wahrend in einem weit 
ausgedehnten Raumesmeere die Sterne sind in einer Unendlichkeit. 
Es kam alles dasjenige, was Kopernikus brachte, was gebracht 
wurde in die neuere Weltanschauung des Aufierlichen durch die 
Geister, die gelebt haben bis heute. In dieser Zeit haben die Men- 
schen innerlich sich gewohnt an ein anderes Anschauen der Welt, als 
dasjenige war, durch das zuerst das Christentum begriffen worden 
ist. In dieser Zeit mufi auch ein neues Verhaltnis gewonnen werden 
zu den religiosen Grundlagen der Menschheitsentwickelung. Nicht 
handelt es sich darum, etwas zu erschuttern an den Tatsachen, die 
der religiosen Entwickelung der Menschheit zugrunde liegen. Es 
handelt sich aber darum, heute an das moderne Menschengewissen 
so zu appellieren, dafi der Mensch der heutigen Zeit aus seiner 
Seelenverfassung heraus so, wie er es mufi, das Christus-Ereignis 
verstehen konne. 

Die meinen es mit der Religion am ehrlichsten und am ehrerbietig- 
sten, die da sagen: ein neuer Weg muE auch zu den alten Tatsachen 
auf religiosem Boden gesucht werden. Geisteswissenschaft, anthro- 
posophisch orientiert, wird die beste Vorbereitung, in der moder- 
nen Art das Christentum oder andere religiose Inhalte zu verstehen. 
Diejenigen meinen es nicht ehrlich mit dem religiosen Leben, die das 
nicht zugeben, denn sie wollen Wege bewahren zu den Grundlagen 
des religiosen Lebens, denen heute der Mensch, wenn er sonst den 
Anschauungen seiner Zeit huldigt, nicht huldigen kann. 



Wir haben es in der neueren Zeit zum Materialismus gebracht. 
Gewift, verschiedene Arten von Menschen sind die Veranlasser des 
Materialismus geworden; aber unter diesen Menschen sind auch die, 
welche bewahrt haben gewisse alte Lebensgewohnheiten in der 
Menschheitsentwickelung, Lebensgewohnheiten, die dahin gingen, 
daft man den Bekenntnissen ein Monopol gegeben hat auf alles das, 
was iiber Geist und Seele zu sagen ist. Dadurch, daft die Bekennt- 
nisse allein das Recht hatten, zu entscheiden, was man glauben 
miisse iiber Geist und Seele, dadurch kam es, daft die Naturfor- 
schung ohne Geist forschte. Die Naturforschung glaubt heute, sie 
habe ihre Gestalt dadurch angenommen, daft es eben so sein miisse 
beim Naturforschen, daft man ausschalten miisse den Geist. O nein, 
die Naturforschung ist so geworden, weil in friiheren Zeiten es 
verboten war, iiber die Natur mit Geist zu forschen, denn iiber den 
Geist und iiber die Seele hatte die Kirche zu entscheiden. Und heute 
setzt man die Gewohnheiten fort und posaunt sie noch dazu aus als 
vorurteilsloses wissenschaftliches Urteil. 

Man sehe nur einmal nach bei solchen Forschern, die im Sinne 
von materialistischer Forschung aufs hochste gelobt werden miis- 
sen, wie zum Beispiel bei dem Jesuitenpater und Ameisenforscher 
Wasmann, dem ausgezeichneten materialistischen Forscher auf dem 
Gebiete der Naturforschung, ein Forscher, der aber auch nicht ein 
Quentchen Geist hineinflieften laftt von demjenigen, was das Dog- 
ma ist. Da mufi Geist und Seele herausbleiben. Deshalb: auftere 
Wissenschaft materialistisch. Nicht zum geringsten Teile sind die 
Trager der Bekenntnisreligionen die Begriinder des modernen Mate- 
rialismus. So paradox das heute klingt, es ist so: weil die Kirche in 
die Naturbetrachtung den Geist hineinzutragen nicht erlaubte, 
deshalb ist die Naturwissenschaft geistlos geworden. Die anderen 
haben sich das nur als Gewohnheit angeeignet. Anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft mufi in die Naturforschung wieder 
den Geist hineintragen. Noch einmal mochte ich sagen: Nicht steht 
diese Geisteswissenschaft auf dem Boden, daft der Geist nur wie 
beim Materialismus zuweilen Logierbesuche oder kurze voriiberge- 
hende Besuche machen soil, damit der Mensch sich iiberzeugen 



kann, dafi es einen Geist gibt - nein, diese Geisteswissenschaft will 
zeigen, dafi im Kleinen und Grofien, in allem Materiellen immer und 
iiberall Geist ist, daft man immer und iiberall den Geist verfolgen 
kann. Dadurch aber, daft anthroposophisch orientierte Geisteswis- 
senschaft immer und iiberall im Materiellsten den Geist erforscht, 
darlegt, dafi es ein Materielles neben dem Geist ebensowenig als 
Selbstandiges gibt, wie es Eis in dem Wasser als Selbstandiges gibt - 
Eis ist verwandeltes Wasser, ist Wasser abgekuhlt, Materie ist Geist, 
verfestigt. Man mufi es im einzelnen nur in der richtigen Weise 
erklaren. Indem anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft 
zeigt, wie iiberall, wo Materie ist, wo aufieres Leben ist, Geist waltet 
und den Menschen dazu bringt, sich mit dem waltenden Geiste zu 
verbinden, liefert sie auch heute die Antriebe zu einer wirklichen 
religiosen Vertiefung. 

Aber man erlebt ja auf diesem Felde gar mancherlei. Sehen Sie, ein 
Erlebnis von einem sogar gutwilligen Manne ist das Folgende. Da 
sagt jemand: die Geisteswissenschaft, wie sie der Steiner gibt, ich 
kann sie nicht priifen; sie mag Wahrheiten enthalten, aber man soil 
sie ganz fernhalten von jeglichem religiosen Leben, denn das religio- 
se Leben, das mufi fern von aller Kenntnis ein unmittelbares Ver- 
haltnis, eine unmittelbare Einheit des Menschen mit Gott darstellen. 
Und nun sagt der Betreffende sehr merkwiirdig: wir haben in 
unserer Zeit zu viel von religiosem Interesse, von religiosem Erie- 
ben, die Menschen wollen nur immer etwas Religioses erleben. Sie 
wollen religioses Interesse haben. Das braucht man alles nicht in der 
Religion. In der Religion braucht man nur unmittelbare Einheit des 
Menschen mit Gott. Weg, sagt der betreffende Kirchenmann, mit 
allem religiosen Interesse, mit allem religiosen Erleben. 

Nun, ein vorurteilsloser Mensch mufi heute sagen, wenn die 
Menschen heute auch noch nach einem unklaren religiosen Erleben 
lechzen, wenn sie auch noch ein unklares religioses Interesse in sich 
erwecken, so ist das eben der Anfang zu jener Sehnsucht, wirklich 
einen Weg, wie ich ihn Ihnen jetzt geschildert habe, in das religiose 
Element hinein zu finden. Wer es ehrlich und aufrichtig mit dem 
religiosen Leben meint, der sollte ergreifen jenen Trieb des religio- 



sen Interesses, des religiosen Erlebens. Statt dessen verpont der 
Kirchenmann religioses Erleben, religioses Interesse. Man fragt 
heute, wo wirkliches religioses Verstandnis ist, bei denen, die so 
sprechen, oder bei denjenigen, die versuchen, so zu sprechen, wie 
ich heute zu Ihnen gesprochen habe. Allerdings, man mufi auch da 
an ihren Friichten die Leute erkennen. 

Ein Mann, der auch ein Kirchenmann, aber allerdings daneben 
auch noch Universitatsprofessor ist, versuchte in einem Vortrag vor 
kurzem eine Widerlegung der anthroposophisch orientierten Gei- 
steswissenschaft. Zwei junge Freunde von mir waren in diesem 
Vortrag, und sie konnten nachher in der Diskussion sprechen. Weil 
der Zusammenhang es ergab, so brachten diese beiden jungen Leute, 
die aber gut aufgenommen hatten die Impulse der Geisteswissen- 
schaft, Worte der Bibel vor, um zu beweisen, wie iibereinstimme 
das, was in der Bibel steht, wenn es richtig verstanden wird, mit 
demjenigen, was auf diesem Gebiete anthroposophisch orientierte 
Geisteswissenschaft zu sagen hat. Und da wufke sich der Vorsit- 
zende, der ein richtiger Kirchenmann war, nicht anders zu helfen, 
als dafi er sagte an einer Stelle: Hier irrt Christus! Es konnte ihm 
erwidert werden: Also du glaubst an einen Gott, der irrt! Schone 
religiose Gesinnung. Sie treibt sonderbare Bliiten heute. Religiose 
Gesinnung ist nur echt, wenn sie ins wirklich moralische Leben 
iibertritt. Da macht man allerdings sonderbare Erfahrungen. So 
ziemlich das Allergemeinste, was gesagt werden kann, finde ich jetzt 
durch eine ganze Reihe deutscher Zeitungen iiber dasjenige, was als 
soziale Konsequenz auftritt in dieser anthroposophisch orientierten 
Geisteswissenschaft, vom Anfang bis zum Ende erlogen. Aber die 
Menschen finden es mit einer Moral heute vereinbar, allerdings in 
einer Zeit, in der das Folgeride als Moralkortsequenz religidser 
Praxis, sagen wir, geschehen kann. Vor kurzem hat auch in einer 
Stadt ein Domkapitular, also ein Kirchenmann von der katholischen 
Art s einen Vortrag gehalten iiber diese hier vertretene Geisteswis- 
senschaft, und am Schlusse hat er gesagt: iiberzeugen Sie sich aus 
den gegnerischen Schriften, was der Mann fur eine Weltanschauung 
vertritt, denn seine eigenen Schriften und die seiner Anhanger 



diirfen Sie nicht lesen. Die hat namlich zum Lesen fiir Katholiken 
der Papst verboten. 

Die Empfehlung, etwas kennenzulernen aus dem Ubelgewollten, 
aus den iibelwollendsten gegnerischen Schriften, das ist moralische 
Konsequenz mancher religiosen Praxis der Gegenwart. Kein Wun- 
der, dafi aus solchen Untergriinden des Lebens iiber die Welt hin 
sich das ergossen hat, was wir in den letzten funf Jahren erlebt 
haben. Oder war es nicht ein An-die-Oberflache-Treiben von Luge 
und Menschenhafi und vielem anderen, was aber wurzelte und heute 
noch wurzelt in den Tiefen der Menschenseelen? Sollte die Tatsa- 
che, die man erlebt hat, nicht Veranlassung geben, ganz ernstlich mit 
sich zu Rate zu gehen, ob nicht ein griindliches Umlernen notwen- 
dig sei? Ist nicht an die Oberflache des Welthistorischen in der 
Gegenwart so etwas wie welthistorische Unmoral gekommen? 
Oder ist es religiose Gesinnung, die sich in den letzten funf Jahren in 
der Welt ausgelebt hat? Die Gesinnungen, die nicht Jahrhunderte, 
die Jahrtausende Zeit gehabt hatten, an der Verbesserung der 
Menschheit zu arbeiten, Sie sehen heute ihre Friichte! Die Theologie 
des 19. Jahrhunderts weifi nichts mehr von der Geistigkeit des 
Ereignisses von Golgatha. Diese Geistigkeit, dieser gottliche Chri- 
stus in dem Menschen Jesus, auf dem Wege anthroposophisch 
orientierter Geisteswissenschaft wird er wieder gefunden werden. 
Von da aus wird er wiederum in die Menschenseelen einziehen, um 
sie zu veranlassen, dafi sie nicht blofi predigen von Moral, sondern 
dafi in ihnen begriindet werde das richtige Triebhafte, das richtige 
Impulsive des moralischen Wirkens und Arbeitens in der Welt. Ist 
nicht eine Erneuerung, ein Aufbau augenscheinlich notwendig? 
Stellt sich diese Notwendigkeit nicht heraus, wenn man die Ereignis- 
se der letzten funf bis sechs Jahre betrachtet, sieht man nicht da die 
Friichte desjenigen, was jahrhundertelang unter der Oberflache 
gelebt hat und jetzt herauf gekommen ist? Sollte das nicht Beweis 
sein, dalS griindliche religios-moralische Arbeit notwendig ist? 

An dieser Arbeit, deren Notwendigkeit jeder Unbefangene heute 
zugeben mufi, wenn er nicht mit seiner Seele schlaft innerhalb der 
grofien Ereignisse der Zeit, mochte die anthroposophisch orien- 



tierte Geisteswissenschaft mitarbeiten. Und wer sie kritisieren, wer 
sie verdammen will, der sollte erst die griindliche Frage aufwerfen: 
will sie ehrlich mitarbeiten an dem wirklichen Fortschritt der 
Menschheit? - Und wenn er sich gewissenhaft davon unterrichtet 
hat, so dafi er ein Urteil dariiber hat gewinnen konnen, dann wird 
sich erst zeigen, inwiefern diese anthroposophisch orientierte Gei- 
steswissenschaft ein Recht hat, mitzuarbeiten. Denn sie mochte 
ehrlich und aufrichtig an dem notwendigen Fortschritt, an dem 
notwendigen Umdenken und Umlernen der Menschheit mit- 
arbeiten. 



UNGEIST UND GEIST 
IN DER GEGENWART UND FUR DIE ZUKUNFT 

Erster Vortrag, Zurich, 17. M'drz 1920 

Unter den irgendwie mafigeblichen Urteilen, die in der Gegenwart 
abgegeben worden sind uber die heutige so chaotische Weltlage, ist 
zweifellos eines der allerbedeutsamsten dasjenige des Englanders 
John Maynard Keynes, der in seinem Buch «Die wirtschaftlichen 
Folgen des Versailler Friedensschlusses» eine solche Beurteilung der 
gegenwartigen allgemeinen Weltenlage gebracht hat. Keynes ist 
ganz zweifellos auch durch seine aufieren Verhaltnisse zu einem 
solchen Urteil berufen. Er war wahrend der Kriegszeit zugeteilt 
dem englischen Schatzamt, war in der Lage, selbstverstandlich aus 
den sich ihm da ergebenden Untergriinden heraus, sich eine Grund- 
lage fur ein entsprechendes Urteil zu bilden. Auf der anderen Seite 
war er unter den Abgesandten, unter den Mitarbeitern des Versailler 
Friedensschlusses selbst. Allerdings trat er schon im Juni 1919 von 
dieser Stellung zuriick. Und dieser Riicktritt wie auch die Schliisse, 
zu denen er in seinem Buch uber die wirtschaftlichen Folgen des 
Friedensschlusses kommt, sie sind gerade dasjenige, was ein bedeu- 
tungsvolles Licht wirft auf die Art und Weise, wie sich diese 
Personlichkeit zu der Weltlage der Gegenwart stellt. Auch Keynes 
gehorte ja zu denjenigen, welche zunachst wahrscheinlich wohl 
noch bei ihrem Gang nach Versailles in der von Amerika heriiberge- 
kommenen, mit so grofier Glorie empfangenen Personlichkeit 
Woodrow Wilson etwas wie einen Propheten und Ordner der 
gegenwartigen Weltlage sahen. Er ist griindlich von diesem Urteil 
abgekommen. Und derjenige, der wie ich, auch in den Zeiten, in 
denen Woodrow Wilson von einer ungeheueren Menschenmenge 
geradezu zu einem Weltbefreier erklart worden ist, der - auch von 
dieser Stelle aus habe ich das getan - hier in der Schweiz unumwun- 
den sein Urteil dahin abgegeben hat, dafi die inhaltsleeren und 
abstrakten Auseinandersetzungen Woodrow Wilsons und seine 
Manifeste zu einem wirklichen Neubau der zerstorten Zivilisation 



nichts beitragen konnen, der darf wohl hinweisen heute auf ein 
solches mafigebendes Urteil. Keynes schildert in seinem Buche 
geradezu, was die Persdnlichkeit anbelangt, mit einer intensiven 
Plastik - mochte man sagen. Er schildert, wie Woodrow Wilson in 
Versailles ankommt, wie er an den Versammlungen teilnimmt, wie 
sein Denken ein langsames ist, wie er gewissermafien iiberall hinten- 
nach hinkte. Wahrend die anderen schon weit vorne sind mit ihrer 
Beurteilung der Dinge, ist er noch weit zuriick bei irgend etwas, das 
man vor funf, sechs oder vor zehn Satzen gesprochen hat, geradezu 
ein Mann, der an der Langsamkeit seines Denkens leidet. Vieles 
andere wird plastisch geschildert in bezug auf die Personlichkeit 
dieses angeblichen Weltenbefreiers. 

Aber auch auf die anderen fiihrenden Personlichkeiten, die bei 
diesem Friedensschlusse tatig waren, kommt Keynes zu sprechen, 
eindringlich zu sprechen. Er schildert, wie Clemenceau ein Mann 
ist, der eigentlich die ganze Entwickelung der europaischen 
Menschheit seit den siebziger Jahren verschlafen hat, der eigentlich 
nichts anderes wollte bei diesem Friedensschlusse, als in einem 
gewissen Sinne die Welt wiederum zunickschrauben zu dem, was in 
den siebziger Jahren innerhalb Europas vorhanden war. Und er 
schildert dann nicht minder anschaulich und plastisch, wie Lloyd 
George eigentlich alien iiberlegen ist, wie er einen gewissen Instinkt 
hat, um zu erfuhlen dasjenige, was bei den Personlichkeiten seiner 
Umgebung gedacht und getan und gewollt wird. Und man sieht 
aber aus alledem, wie schwer es heute selbst einem scharfsinnigen 
Beschreiber wie Keynes wird, sich nach und nach durch die Gewalt 
der Tatsachen ein Urteil zu verschaffen. Das ist es ja, was immer 
mehr und mehr beitragt zu dem Chaotischwerden unserer gegen- 
wartigen Weltenlage, daft gerade die fiihrenden Personlichkeiten, 
die * die Angelegenheiten, die das offentliche Leben der letzten 
Jahrzehnte an die Oberflache gebracht hat, dafi die so gar nicht 
gewachsen sind den grofien Anforderungen, welche die heutige Zeit 
stellt. Gerade das geht aus dem angezeigten Buche und seinem 
Urteil hervor. Man sieht daraus, dafi alles dasjenige, was an zersto- 
renden Machten in der Welt wirkt, durchaus nicht in irgendeine 



Urteilsordnung gebracht werden kann von denjenigen, die eben 
durch das offentliche Leben zur Fiihrerschaft berufen worden sind. 
Und da Keynes sah, dafi nichts irgendwie bei dieser Konferenz 
herauskommen konne, was zu einer heilsamen und gedeihlichen 
Weiterentwickelung der europaischen Zivilisation fuhrt, so legte er 
eben sein Amt nieder gleich in den Anfangen der Verhandlungen. 
Und wie er nun sein Urteil aufbaut, das ist aufierordentlich bedeut- 
sam. Und eigentlich hat man in der Gegenwart nur notig, auf 
Urteile, die auf solchen Unterlagen ruhen, etwas Wirkliches zu 
bilden. Das Urteil von Keynes ist, ich mochte sagen, errechnet. Nur 
diejenigen Personlichkeiten konnen eigentlich in der Gegenwart 
mitsprechen, die einen gewissen Sinn und Instinkt haben, aus noch 
vorhandenen Kraften in einer gewissen Weise die Zukunft mit aller 
Nuchternheit zu errechnen. Auf sie zu horen hat man deshalb 
besondere Veranlassung, weil ja weitaus die grofite Zahl der heuti- 
gen Urteile abgegeben wird aus irgendwelchen volkisch-chauvinisti- 
schen oder sonstigen Vorurteilen heraus, wahrend die Zahl derjeni- 
gen gering ist, die in objektiver Weise aus der Sprache der Tatsachen 
selber heraus sich ihr Urteil diktieren lassen. Zu ihnen gehort 
Keynes. Er halt Umschau iiber dasjenige, was vor alien Dingen in 
bezug auf Okonomisches aus dem hervorgehen konne, was die drei 
genannten fiihrenden Personlichkeiten in Versailles gebraut haben, 
was wirklich gerade im wirtschaftlichen Leben der europaischen 
Zivilisation nach und nach erfolgen miisse, wenn nichts anderes 
eintritt, als dafi die Krafte wirken, die dazumal in Versailles zur 
Geltung gebracht worden sind. Und Keynes errechnet - ich sage 
ausdriicklich und ich betone es sehr stark -, Keynes errechnet, dafi 
aus diesem Friedensschlusse nichts anderes folgen konne, als der 
wirtschaftliche Ruin Europas. Selbstverstandlich mufi mit dem 
wirtschaftlichen Ruin Europas verbunden sein der geistige und der 
politische Ruin. 

So ist das Buch iiber die wirtschaftlichen Folgen des Versailler 
Friedensschlusses schon durch diesen seinen Inhalt interessant ge- 
nug. Aber in gewisser Beziehung wird es noch interessanter durch 
seinen Schlufi. In diesem Schlufi gesteht Keynes ganz unverhohlen, 



dafi er eigentlich keine Ahnung habe von demjenigen, was zu tun 
oder zu wollen sei, um aus dem Chaos, in das wir hineintreten, 
herauszukommen. Und er sagt, indem er dieses Gestandnis macht, 
etwas eigentlich aufierordentlich Bedeutungsvolles, in einen einzi- 
gen Satz fafit er dieses bedeutungsvoll zusammen. Er sagt, man 
konne nur erhoffen, dafi irgendein Heil fur die europaische Civili- 
sation erfolge aus dem Zusammennehmen aller in Betracht kom- 
menden Krafte zu einer neuen Seelenverfassung und zu neuen 
Imaginationen. 

Meine sehr verehrten Anwesenden, das sagt ein Mann, der drin- 
nengestanden hat in den Verhaltnissen, der berufen war mitzutun, 
der durch seine Auseinandersetzung zeigt, dafi er ein Mensch ist, der 
im weitesten Umfange michtern rechnen kann. Eine neue Seelenver- 
fassung, ein Zusammennehmen aller Krafte zu einer neuen An- 
schauung der im offentlichen Leben der Menschheit tatigen Gewal- 
ten, wo sind diese zu finden? Wie ist zu diesen zu kommen? 

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, es bedarf wohl nur 
einiger Unbefangenheit, so wird man zugeben miissen, daf$ dazu der 
erste Schritt sein miisse der: in voller Vorurteilslosigkeit das Wesent- 
liche im offentlichen Leben der Gegenwart zu erforschen; sich zu 
fragen: Welches sind denn eigentlich die wirksamen Krafte in 
diesem offentlichen Leben der Gegenwart? In friiheren Vortragen, 
die ich hier zu halten die Ehre hatte, habe ich darauf hingewiesen, 
welcher Art von geschichtlichen Betrachtungen es verdankt werden 
soil, auf wirklich wirksame Krafte im Leben der Menschheit zu 
kommen. Da mufi man vor alien Dingen auf gewisse Symptome 
sehen, durch die anschaulich wird dasjenige, was in den Tiefen der 
Menschheitsentwickelung wirkt. Und deshalb mochte ich, um et- 
was, was vielleicht zum Hervorragendsten gehort unter den Kraf- 
ten, die mit am Zerstorungswerk gearbeitet haben, mochte ich 
hinweisen gerade auf die Weltanschauungsgrundlage der Gegen- 
wart, allerdings so, wie sie sich herausgebildet hat im Laufe der 
letzten drei bis vier Jahrhunderte. Nicht als ob ich die Meinung 
erwecken wollte, als ob eine Weltanschauung, die begriindet wird in 
einsamer Denkerstube, nun etwa hingehen wiirde und wirkte auf 



jede einzelne Seele, und dafi die offentlichen Angelegenheiten gewis- 
sermafien aus einer solchen Weltanschauung heraus zustande ka- 
men. Das ist ja ganz gewifi nicht der Fall. Aber so wie dasjenige, was 
offentliche Angelegenheiten sind, herauswachst aus dem Wollen, 
aus dem Empfinden, aus dem Gemiitsleben, aus den Gedanken der 
Gesamtverfassung des Menschen, so wachst eben auch die Weltan- 
schauung heraus aus dieser Gesamtverfassung des menschlichen 
Lebens, namentlich der menschlichen Seele. Und man kann sehen 
wie an einem Symptom, wie die Menschen eines Zeitalters beschaf- 
fen sind in ihrem ganzen Wirken, in ihrem ganzen Tun, wenn man 
gewissermafien das Symptom der Weltanschauung ins Auge fafit, 
insofern man auf die gerade in der Gegenwart mafigebenden, zur 
Geltung gekommenen Weltanschauungen hinweisen will. Dieses 
Mafigebende charakterisiert sich ja insbesondere dadurch, dafi alles 
dasjenige, was nicht durch Tradition von alten Zeiten in unsere 
Weltanschauung hineingekommen ist, sich herausentwickelt hat aus 
dem Boden der Naturwissenschaft, die auf aufiere materielle Beob- 
achtung allein ihre Erkenntnisse bauen will. Was zeigt denn, tiefer 
betrachtet, diese naturwissenschaftliche Weltanschauung? 

Derjenige kann sie vielleicht allein richtig beurteilen, der sie 
bewundern kann. Und in friiheren Vortragen habe ich diese meine 
Bewunderung fur die naturwissenschaftliche Weltanschauung ge- 
wifi stark genug zum Ausdruck gebracht. Nicht von irgendeiner 
Bekampfung dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die 
auf ihrem Gebiete gewifi aufierordentlich berechtigt ist, sollen diese 
Ausfiihrungen, die ich hier entwickele, getragen werden. Diese 
naturwissenschaftliche Anschauung hat namentlich in ihren techni- 
schen und wirtschaftlichen Konsequenzen zu grofiartigen Zivilisa- 
tionsfriichten fur die Menschheit gefiihrt. Aber nehmen wir an, es 
gabe heute irgendeinen Geist - er ist schon kaum mehr moglich 
erstens bei dem grofien Gebiete naturwissenschaftlicher Erkennt- 
nis, zweitens bei ihrer Spezialisierung -, aber nehmen wir an, es gabe 
heute einen Geist, welcher den ganzen Umschwung der naturwis- 
senschaftlichen Anschauung von der Mathematik und von der 
Mechanik bis herauf in die Biologie und bis herauf in dasjenige, was 



iiber die Biologie fur die menschliche Seelenkunde gewonnen wer- 
den kann, umspannte: ein solcher Geist, er wiirde in gewissen 
Gebieten des Naturschaffens und Naturseins ganz zweifellos be- 
deutsame Einblicke gewinnen konnen. Allein, wenn ein solcher 
Geist mit volliger Klarheit sich die umfassende grofie Menschheits- 
frage stellte: Was ist eigentlich der Mensch in seinem eigenen Wesen 
und in seinem ganzen Verhaltnis zur Welt? - dann rniiike gerade 
derjenige, der auf dem Boden der Naturwissenschaft ganz fest steht, 
der die Tragweite der naturwissenschaftlichen Erkenntnis gerade 
richtig zu beurteilen vermag, er miifite sagen: fur die Beantwortung 
dieser Fragen nach dem Menschenwesen und nach dem Verhaltnis 
des Menschen zu dem tibrigen Kosmos vermag die naturwissen- 
schaftliche Weltanschauung nichts zu sagen. Diese Frage bleibt 
gerade von der neusten physischen naturwissenschaftlichen Er- 
kenntnis unbeantwortet. Wie der Mensch hervorgegangen ist in 
aufierlicher physischer Entwickelung von niederen, tierahnlichen 
Formen, zu seiner heutigen Menschengestalt, dariiber sind schon 
grofiartige Erkenntnisansatze vorhanden. Was der Mensch ist in 
seinem Verhaltnis zu geistigen Welten, davon haben gerade diese 
Erkenntnisansatze den Menschen weit abgefiihrt. Wer sich das nicht 
unbefangen eingestehen kann, der wird auch kein Urteil dariiber 
gewinnen konnen, aus welchen inneren Impulsen heraus die gegen- 
wartige Menschheit wirkt, indem sie die offentlichen Angelegen- 
heiten organisiert oder auch offentliche Organisationen zerstort. 
Denn mogen wir uns auch nicht immer bewufit sein wie aus dem, 
was wir iiber das Wesen des Menschen und seine Stellung zur Welt 
bewufit denken, mogen wir uns auch nicht immer bewufit sein, 
welche Gedanken wir in dieser Stellung hegen, diese Gedanken, so 
unbewufit, so instinktiv sie sein mogen, sie wirken in unseren 
Empfindungen, in unseren Willensentschlussen. Sie werden daher 
doch die Schopfer des ganzen offentlichen, geistigen, politischen 
und wirtschaftlichen Lebens. Wer nur die Dinge richtig ansehen 
will, der wird gewahr werden, wie auch die wirtschaftlichen Zu- 
sammenhange, da sie doch von Menschen gemacht werden, Men- 
schen aber wiederum aus ihren Seelenimpulsen heraus hand ein. wie 



auch die wirtschaftlichen Zusammenhange der Welt durchaus ein 
Abbild desjenigen darstellen, was der Mensch iiber sich zu empfin- 
den vermag und iiber sein Verhaltnis zur Welt. Nun miissen wir 
sagen: grofi ist geworden die naturwissenschaftliche Weltan- 
schauung iiber alles dasjenige, was aufiermenschlich ist. Uber den 
Menschen selber vermag sie keine Antwort zu geben. Grofi ist sie, 
wenn iiber die Reiche, die untermenschlich sind, Auskunft verlangt 
wird. Wie aber verhalten sich die Auskiinfte, die wir uns erobern als 
Menschen zu dem, was wir aus unseren Ideen, aus unseren inneren 
Seelenimpulsen einfliefien lassen sollen in das soziale Leben, iiber- 
haupt in das Zusammenleben von Mensch zu Mensch und in 
Menschengruppen? Kann man denn irgendwelche Antriebe emp- 
fangen von denjenigen Gebieten, die aufierhalb des Menschen 
liegen, fur das menschliche Wirken, fur das menschliche Zusam- 
menleben? Das zeigt sich am besten, dafi man das nicht kann, wenn 
man das Verhaltnis des Menschen zur Sprache beobachtet. 

In der Sprache lebt im Grunde genommen doch alles dasjenige, 
was Mensch zu Mensch fiihrt. Durch die Sprache beherrschen wir 
auch das wirtschaftliche Leben. Durch die Sprache inaugurieren wir 
die aufieren politischen und geistigen Verhaltnisse. Nun gibt es ein 
hochst Merkwiirdiges, das nur leider nicht oft genug griindlich 
betrachtet wird. Wenn wir versuchen, unsere Sprache anzuwenden 
fur die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, so konnen wir eigent- 
lich niemals etwas anderes tun, als die Worte, die Redewendungen, 
auch alles dasjenige, wodurch wir Naturgesetze ausdriicken, jene 
Naturgesetze, die wir heute so bewundern als den grofien Fort- 
schritt der neueren Menschheit, wir konnen nichts anderes als 
dasjenige, was wir uns gebildet haben in den Worten als Ausdruck 
fur innere Seelenverhaltnisse oder fur Verhaltnisse am Menschen, 
auf die Natur hinaus auszudehnen. So feinsinnige Geister wie 
Goethe , die bemerkten das. Deshalb sagte Goethe: Der Mensch 
begreift gar nicht, wie anthropomorphistisch er ist. - Wenn wir 
sagen: eine elastische Kugel stofit die andere und wir daraus 
die Gesetze des eiastischen' Stofies in der Physik ableiten, so gehen 
wir im Grunde genommen aus von dem, was wir in der Wortbedeu- 



tung fiir den Stofi haben, den wir in unserem eigenen Organis- 
mus ausfiihren. Und derjenige, der nur richtig nachforschen will, 
wird sehen, dafi alles dasjenige, was nur iiberhaupt von der Spra- 
che angewendet werden kann auf die Naturwissenschaft, die das 
Aufiermenschliche behandelt, vom Menschen her genommen wer- 
den mui 

Wie ist denn unsere Sprache zu einem Inhalte gekommen? - Sie 
ware zu einem sehr geringen Inhalte gekommen, wenn wir nur das 
Muhen der Kuh und andere tierische Laute nachahmen konnten. 
Wie ist denn unsere Sprache zu einem Inhalte gekommen? Wer 
unbefangen den Entwickelungsgang der Menschheit betrachten 
kann, der findet, dafi aller Inhalt der Sprache davon herkommt, daft 
die Menschheit in Zeiten, die allerdings hinter unserer Zivilisation 
zuriickliegen, eine gewisse instinktiv-geistige Erkenntnis hatte, ich 
sage: eine instinktiv-geistige Erkenntnis hatte mit den natiirlichen 
elementaren Nachempfindungen, die in der menschlichen Seele 
aufsteigen. Mit den Willensimpulsen, mit dem bildhaften Vorstel- 
len, die sich im Mythus, in Mythologie auslebten, kamen dem 
Menschen geistige Anschauungen, und aus diesen geistigen An- 
schauungen heraus bildete er sich den Seeleninhalt, der dann zum 
Inhalt seiner Sprache wurde in der neueren Zeit, die grofi ist 
dadurch, daft sie in einer gewissen Weise verachtungsvoll hinsah auf 
dasjenige, was instinktive geistige Fahigkeiten dem Menschen einer 
friiheren Zeit gegeben haben. In dieser neueren Zeit, in der man 
vorzugsweise grofi geworden ist in bezug auf die Naturwissen- 
schaft, in dieser neueren Zeit haben unsere Worte keinen neuen 
Inhalt bekommen. Und eines ist geschichtlich bedeutsam gerade in 
den letzten zwei bis vier Jahrhunderten: Unsere Sprache, alle 
Sprachen unserer zivilisierten Welt haben ihren alten Inhalt verlo- 
ren. Kein neuer Inhalt konnte in sie ereossen werden, weil dasieniee, 
was einen solchen Inhalt nicht geben kann, die blofte Naturer- 
kenntnis, dasjenige ist, was gerade in dieser Zeit grofi geworden ist. 
Und in der Zeit, die wir in anderer Beziehung so bewundern 
miissen, spielte sich das ab, was man nennen kann Entleerung der 
ziviiisierten Sprachen von ihren alten geistigen Inhalten. 



Was wurden die zivilisierten Sprachen dadurch, dafi sie ihren 
alten Instinktinhalt verloren haben und ihnen die Naturwissen- 
schaft keinen neuen geben konnte? - Sie wurden dasjenige, was nun 
in der Gegenwart bis zu einem gewissen Hohepunkt gestiegen ist. 
Sie wurden dasjenige, was sich ausbildete zur Phrase, und wahrhaf- 
tig nichts, was nur in einem eingeschrankten Gebiete einen Sinn 
hatte, sondern man nennt dasjenige, was heute Weltherrschaft 
ausiibt, wenn man heute von Phrase spricht. Und die vier bis fiinf 
Schreckensjahre, die wir hinter uns haben, sie haben die Weltherr- 
schaft der Phrase auf ihrem Hohepunkt gezeigt. Wir leben heute 
geradezu unter der Weltherrschaft der Phrase. Was gibt es gegen 
diese Weltherrschaft der Phrase fiir ein Heilmittel? Einzig und allein 
die Gewinnung eines neuen geistigen Inhaltes, eines bewufiten 
geistigen Inhaltes. Der alte, durch die friihere Menschheit auf 
instinktivem Wege gewonnene geistige Inhalt, der die Sprache zur 
Summe von Worten, nicht von Phrasen gemacht hat, er ist dahin, an 
ihn kann die wirklich an der Gegenwart hangende Menschheit nicht 
mehr glauben. Ein neuer bewufiter geistiger Inhalt mufi erobert 
werden. 

Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist es, was die anthropo- 
sophisch orientierte Geisteswissenschaft, die ihren Reprasentanten 
in dem Dornacher Bau hat, in ganz bewufiter Weise anstrebt: 
bewulke geistige Erkenntnis zu dem naturwissenschaftlichen Er- 
kennen, das iiber alles Aufiermenschliche so grofiartige Aufschliisse 
gibt, hinzuzuerobern mit derselben Gedankenklarheit, logischen 
Strenge, mit derselben wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit hin- 
zuzuerobern geistige Erkenntnis, die nun Auskunft geben kann 
iiber die grofie Frage nach dem Wesen des Menschen und nach der 
Stellung des Menschen zum ubrigen Kosmos. Allerdings, gestehen 
mufi man sich, bevor man zu einer solchen Erkenntnis vorschreiten 
kann, dafi eben die aufiere naturwissenschaftliche Methode zwar in 
ihrer Gewissenhaftigkeit nachgeahmt werden mufi heute von jeder 
Erkenntnis, dafi sie aber selbst nicht zur Geist-Erkenntnis fiihren 
kann. Um zur Geisteserkenntnis zu kommen ist notwendig, dafi der 
heutige Mensch vor alien Dingen diejenigen inneren Fahigkeiten 



zur Geltung bringt, welche gerade auf dem Boden der hier gemein- 
ten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft erwachsen 
sollen. Ich habe dargestellt, wie der Mensch durch sein eigenes 
Seelenleben zu solchen Erkenntnissen kommen kann, zum Beispiel 
in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren 
Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft». Al- 
lerdings dann ist eines notwendig - ich habe es ja auch hier schon des 
ofteren hervorgehoben -, eines ist notwendig fur den Menschen, 
dem er sich heute nur hdchst widerwillig ergibt. Es ist dasjenige 
notwendig, was ich nennen mochte intellektuelle Bescheidenheit. 
Auf seine intellektuelle Entwickelung ist ja der heutige Mensch so 
stolz. Intellektuelle Bescheidenheit, sie macht sich erst dann gel- 
tend, wenn man sich zum Beispiel sagt: Angenommen, man gebe 
einem funfjahrigen Kind einen Band von Goethes Lyrik in die 
Hand. Was wird das Kind mit dem Band Goethes lyrischer Gedich- 
te anfangen? Es wird ihn wahrscheinlich zerreifien oder es wird 
spielen damit. Es wird ganz gewifi nicht dasjenige von dem Band 
Goethes lyrischer Gedichte haben, was der Erwachsene haben 
kann, und was eigentlich das ist, wozu der Band Goethescher Lyrik 
bestimmt ist. Es miissen in dem Kinde erst nach und nach die 
Fahigkeiten heranerzogen werden, welche es bestimmen konnen, 
welche ihm moglich machen konnen, den Band Goethescher Lyrik 
in der rechten Weise auf sich wirken zu lassen. Fur diese Entwik- 
kelung der kindlichen Fahigkeiten gibt man einiges zu im Menschen- 
leben heute. Dafi aber der Mensch etwa, wenn er erwachsen ist und 
nur ausgeriistet ist mit den Fahigkeiten, die man eben im normalen 
aufieren sinnlichen Menschenleben heute sich aneignen kann, ciafi er 
dann vor der Welt selber so stehen konnte, wie das funfjahrige Kind 
vor dem Band Goethes lyrischer Gedichte, dafi er durch das eigene 
In-die-Hand-Nehmen seiner Seelenfahigkeiten sich erst entwickeln 
miisse, um aus dem, was ihm in der Welt vorliegt, etwas herauszu- 
ziehen, was sich vergleichen la£t mit dem, was das Kind erst, wenn 
es erwachsen ist, aus dem Band Goethes lyrischer Gedichte heraus- 
zieht s also, was es mit dem Band Goethes lyrischer Gedichte mit 
fiinfundzwanzig Jahren anfangt - ja, das zuzugeben, dazu will sich 



der Mensch der Gegenwart in seinem intellektuellen Hochmut nicht 
bequemen. Das aber mulS vor alien Dingen geltend gemacht werden, 
dafi zur wirklichen Menschenerkenntnis, zum endlichen Erfullen 
des apollinischen Ausspruches «Erkenne dich selbst» notwendig ist 
ein In-die-Hand-Nehmen der menschlichen Seelenfahigkeiten. Wie 
das im einzelnen moglich ist, das wird Gegenstand des morgigen 
Vortrages sein. 

Heute will ich nur im allgemeinen hervorheben, dafi es allerdings 
moglich ist, dafi der Mensch durch eine gewisse Behandlung seines 
Denkens, die ich dann morgen schildern werde, dieses Denken sich 
erkrafte, dafi es nicht mehr passiv an den Erscheinungen dahin geht, 
sondern dafi es innerlich wie durch einen Willen ergriffen wird, 
aktiv wird, dafi es intensiver wird, dafi es auftritt so, dafi der Mensch 
durch innere Erfahrung im unmittelbaren Erleben weifi: jetzt ist das 
Denken ein geistig-seelisches Schauen geworden. Wahrend man mit 
dem gewohnlichen Denken abhangig ist von seinem Denkapparat, 
von seinem Leibe, von dem Nervensystem, und wahrend man 
gerade, wenn man das Denken etwas entwickelt, diese Abhangigkeit 
genau durchschaut, weifi man auch, dafi wenn das Denken auf den 
entsprechenden Wegen, die in den angegebenen Biichern geschil- 
dert sind, sich erkraftet, es frei wird vom Leibe, es eine Tatigkeit 
wird, die nicht mehr durch das Instrument des Leibes gefiihrt wird. 
Gewisse Meditationen, denen man sich hingibt mit derselben Objek- 
tivitat, wie man im chemischen Laboratorium ein Experiment 
macht oder auf der Sternwarte die Sterne beobachtet, erkraften 
dieses Denken und befreien es von dem Werkzeug des Leibes. Es 
muE nur dazu kommen, wenn dann dieses Denken gebraucht 
werden soil fur ein wirkliches Welts chauen, dafi Selbstzucht des 
Willens eintrete. Wenn Selbstzucht des Willens mit innerem Medi- 
tieren sich zu einem willensdurchtrankten Denken entwickelt, das 
unabhangig vom Leibe ist, dann erst tritt Geist-Erkenntnis ein, 
bewufite Geist-Erkenntnis, die nun wiederum dem Menschen das 
geben kann, was ihm einstmals eine instinktive Geist-Erkenntnis 
gegeben hat: Inhalt fur seine Rede, Inhalt fur die Sprache. Damit der 
Mensch in sich den Impuls fuhle, aus sich selbst heraus seiner 



Sprache einen Inhalt zu geben, setzte in einer gewissen Beziehung 
die Menschheitsentwickelung aus, horte auf das alte instinktive 
Geist-Erkennen, trat das auftere Naturerkennen an dessen Stelle, 
was der Sprache keinen Inhalt geben kann. Aber der Mensch mufi 
aus den Zeichen der Gegenwart heraus erkennen, dafi er durch 
bewufites inneres seelisches Arbeiten, durch Entwickelung seines 
Denkens zum seelischen Schauen sich wiederum Selbsterkenntnis, 
Menschheitserkenntnis erwerben miisse und dadurch allein das 
entstehen kann, was unserer Sprache wiederum Inhalt gibt, was 
beseitigen kann die Weltherrschaft der Phrase. 

Aber sqlch eine Erkenntnis gibt zu gleicher Zeit die Einsicht, dafi 
eben die Aufienwelt, indem wir sie mit unseren Sinnen betrachten, 
wir hineinwachsen im Verlaufe unseres Lebens zwischen Geburt 
und Tod, daft diese aufieren Betrachtungen uns nicht das eigentlich 
Geistige geben konnen, dafi dieses, der eigentlich geistige Inhalt, 
von uns in die Welt hineingetragen wird, dafi wir ihn selbst mitbrin- 
gen, indem wir aus geistigen Welten - wie gesagt, iiber diese Dinge 
werden wir morgen genauer sprechen - durch die Geburt herunter- 
steigen in diese physische "Welt, dafi wir hinschauen miissen, wenn 
wir von dem geistigen Inhalt sprechen, auf dasjenige, was die 
Menschen hereintragen, was sie nur durch das Instrument ihres 
Leibes nach und nach von Jahr zu Jahr entwickeln. Nicht dasjenige, 
was als immer reicherer Welteninhalt in der aufieren Erfahrung an 
uns herantritt, das bringt in die Wirklichkeit den Geist, sondern 
dasjenige, was wir als Menschenindividualitat durch unsere Geburt 
in die Welt hereintragen. Die Menschen furchten sich nur heute vor 
demjenigen, was der Mensch selber in die Welt hereintragt. Sie 
furchten sich, weil sie glauben, dafi, wenn er es geltend macht, es in 
die Phantastik fuhren wiirde. Allein es gibt durchaus Methoden, 
diese Phantastik zu vermeiden. Derjenige aber, der durchschaut, 
wie im Grunde genommen doch aller geistige Inhalt aus den mensch- 
lichen Individuaiitaten kommen mufi, der wird ohne weiteres zuge- 
ben, daft eine gedeihliche Entwickelung dieses Geisteslebens nur 
kommen konne, wenn dem Menschen die voile menschliche Ent- 
wickelungsmoglichkeit gegeben ist, wenn er in seiner geistigen 



Entwickelung und in den Darlegungen und Offenbarungen seines 
Geistes von keinen aufieren Machten, die nur hier in der physischen 
Welt dienen, abhangig ist. Denn mit dem Heraufkommen der reinen 
naturwissenschaftlichen Erkenntnis, jener Erkenntnis, die nur 
durch das Auftermenschliche Auskunft gibt, ist eben, wie organisch 
damit verbunden, auch heraufgekommen die Abhangigkeit des 
Geisteslebens jetzt nicht von dem, was der Mensch durch die 
Geburt in die Welt hereintragt, sondern von dem, was das aufiere 
Staatsleben feststellt, von dem, was das Wirtschaftsleben aus dem 
Menschen macht. In derselben Zeit, in der die Naturwissenschaften 
grofi geworden sind, haben wir die Omnipotenz des Staates aufs 
hochste entwickelt gesehen dadurch, dafi der Staat seine Fangarme 
ausstreckt iiber alles dasjenige, was Geistesleben ist; er hat das 
Schulleben angefangen zu organisieren, das Wirtschaftsleben ist auf 
der anderen Seite mafigebend geworden fur das Einleben derjenigen 
Personlichkeiten, die eben in dieses Geistesfeld kommen konnten. 
Das aber ist Hand in Hand gegangen damit, dafi der Mensch 
verloren hat die Moglichkeit, herauszugebaren aus sich selbst einen 
geistigen Inhalt, seinen Worten einen geistigen Inhalt zu geben. 
Daher hat sich entwickelt im Zeitalter der Naturwissenschaft die 
Abhangigkeit des Geisteslebens von den politischen, von den wirt- 
schaftlichen Machten, und es hat sich unter diesem Einflusse ent- 
wickelt die Weltherrschaft der Phrase. 

Das ist das erste Glied in den nach der Zerstorung hin arbeitenden 
gegenwartigen Organisationen: die Weltherrschaft der Phrase, die 
inhaltsleere Rede. Wenn der Mensch nicht in der Lage ist, geistige 
Substanz, die er unmittelbar aus seiner Verbindung mit der Geistes- 
welt schopft, in die Worte hineinzulegen, miissen die Worte zur 
Phrase werden, miissen die Worte allmahlich in den Menschen sich 
so eingewohnen, dafi der Mensch gewissermafien nur sich forttra- 
gen lafit von den Mechanismen der Sprache. Und das sehen wir nur 
leider allzu deutlich in der neueren Zeit heraufkommen: dasjenige, 
was mit Urgewalt hervorbricht aus dem geistig-seelischen Inneren 
des Menschen, was sich gewissermafien nur entladt in der Sprache, 
das verschwindet. Das Leben in den Mechanismen der Sprache wird 



immer intensiver und intensiver, und es ist an seinem Hohepunkt 
angelangt in den letzten Jahren. Weil die Menschen, indem sie 
miteinander redeten iiber die zivilisierte Welt hin, redeten unmit- 
telbar oder mittelbar durch den Druck eigentlich von nichts y und 
indem die Worte nur in ihrem Mechanismus sich abspielten, entwik- 
kelte sich dasjenige, was an chaotischen Kraften zur Zerstorung 
hintrieb. 

Ich weifi sehr gut, dafi in der Gegenwart wenig Neigung dafiir 
vorhanden ist, auf diese Intimitaten des menschlichen Lebens einzu- 
gehen, wenn von den Ursachen des gegenwartigen Chaos die Rede 
sein soli. Aber niemand wird iiber diese Ursachen klare Begriffe und 
klare Urteile gewinnen, der nicht auf diese Intimitaten des menschli- 
chen Seelenlebens eingehen will. Nicht friiher auch wird in die 
offentlichen Angelegenheiten wiederum Harmonie anstelle des 
Chaos kommen, nicht friiher, als bis durch geistige Vertiefung, 
durch wirkliche Geisteswissenschaft in dem Menschen wiederum 
der Drang entsteht, seinen Worten einen vollen Inhalt zu geben. 
Denn dasjenige, was allerdings zuerst auf wissenschaftlichem Gebie- 
te auftritt, was auf wissenschaftlichem Gebiete geboren wird, es 
drangt sich hinein in die iibrigen Lebensgewohnheiten, es wird im 
offentlichen Leben zu dem Tonangebenden. Und wer einen Sinn hat 
fur Lebensbeobachtung, der sieht, wie im Alltagsleben zuletzt sich 
nur die letzten Konsequenzen von dem abspielen, was zum Schlufi 
doch als das Charakteristische vorhanden ist da, wo man Weltan- 
schauungen macht. Allerdings, die Zusammenhange, die da auftre- 
ten, die Menschen wollen sie schon seit langem nicht ordentlich 
iiberschauen. Hier in der Schweiz hat einmal ein polternder Geist 
gewirkt, ich nenne ihn ausdriicklich einen polternden Geist, damit 
Sie sehen, ich iiberschatze ihn nicht, Johannes Scherr. Er hat durch 
seinen polternden Ton und sein polterndes Urteil manches sich 
verdorben, was allerdings auch an gesunden Gedanken in dem war, 
was er offentlich zu sagen hatte. Er hat in den secliziger, siebziger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts aus einer wirklich eindringlichen 
Beobachtung des geschichtlichen, sozialen Lebens her a us ein sehr 
bedeutsames Urteil gefallt. Er hat gesagt: Wenn der materialistische 



Ungeist, der nurmehr sich stiitzt auf dasjenige, was der Mensch in 
der Aufienwelt erschaut und erlebt, wenn der fortherrscht, wird er 
einziehen auch in alles dasjenige, was der Mensch in den aufieren 
offentlichen Angelegenheiten tut; er wird eingehen in das Wirt- 
schafts-, in das finanzielle Leben, und es wird sich eine soziale 
Struktur entwickeln, die endlich dazu fiihren wird, dafi man sagen 
mufi: Unsinn, du hast gesiegt! 

Meine sehr verehrten Anwesenden! Auf solche Leute hort man 
nicht gern. Auch dieses Urteil des Johannes Scherr hat man iiber- 
hort. Aber jetzt nach fiinfzig Jahren mufi fiir denjenigen, der auf 
alles, was mit der sogenannten Weltkriegskatastrophe zusammen- 
hangt, hinschaut, gesagt werden: Die Worte dieses Weltenbeobach- 
ters Johannes Scherr, die in dem Satze gipfelten: Ihr werdet sagen 
miissen: Unsinn, du hast gesiegt, - die Worte haben sich erfiillt! 
Denn dieser Johannes Scherr hat gut gesehen, wie sich herausge- 
prefit hat allmahlich aus dem menschlichen Leben dasjenige, was 
Geist ist, wie an die Stelle des Geistes der materialistische Ungeist 
getreten ist, und er hat aus dieser Beobachtung eine wahre Prophetie 
machen konnen. Die Welt weifi eben nicht, dafi dasjenige, was 
zuerst nur Weltanschauung, nur Theorie ist, dafi das im Grunde 
genommen nach zwei Generationen moralisches, offentliches Wir- 
ken wird, Tat wird. Oh, man sollte gewisse Zusammenhange in der 
Welt viel, viel besser bemerken! Man sollte sich ein viel griind- 
licheres Urteil, ein reales Urteil iiber gewisse Dinge verschaffen! 

Hier hat auch einmal ein Philosoph gewirkt, Avenarius. Er ist ein 
Geistes verwandter von Mach, der wiederum einen Schuier vor ganz 
kurzer Zeit hier in Zurich wirken hatte. Diese Leute haben auf dem 
Weltanschauungsfelde die Konsequenzen gezogen des gegenwar- 
tigen materialistischen Ungeistes - ich nenne ihn Ungeist, weil eben 
blofie Naturerkenntnis in unsere Sprache keinen substantiellen 
Inhalt hineingiefien kann. Sie haben, die Philosophen, Avenarius 
und so weiter, die Weltanschauungskonsequenzen gezogen aus dem 
materialistischen Ungeist der Zeit. Die Philosophic, die sie gewon- 
nen haben, und die ganze Art und Weise, wie solche Leute wie 
Avenarius sich darlebten, ist gut btirgerlich. Niemand wird selbst- 



verstandlich diesen Leuten ansehen, daft sie etwas anderes sind, als 
brave Staatsbiirger. Aber heute sollte man etwas anderes notifizie- 
ren. Heute sollte man einmal aus den Tatsachen heraus die Frage 
studieren: Welches ist die Staatsphilosophie des Lenin und Trotzki 
geworden? Welches ist die Staatsphilosophie der Bolschewisten? - 
Das ist die Avenariussche, die Machsche! Da ist nicht bloft der 
zeitliche Zusammenhang, daft eine Anzahl dieser Leute hier in 
Ziirich studiert haben, da ist der innere Tatsachenzusammenhang, 
daft dasjenige, was in den menschlichen Seelen als Weltanschauungs- 
gedanke in einer Generation lebt, in der dritten Generation zu Taten 
wird. Und an diesen Taten kann man die Ursachen sehen, wie sie in 
der Welt spielen. Aber die heutige Menschheit will nur abstrakt 
logische Urteile und begreift nicht, daft etwas, was logisch er- 
schlossen ist, noch kein Tatsachenurteil, kein Tatsachenschlufi ist, 
daft man mit wirklichem geistigem Schauen hineinblicken mufi in 
den realen Zusammenhang, in den Wirklichkeitszusammenhang, 
und dann das scheinbar Unahnlichste, die bourgeoise Weltan- 
schauung des Avenarius, die aber aus materialistischem Ungeiste 
hervorgegangen ist, wieder auflebt tief in demjenigen, was alle 
menschliche Gesellschaft von Grund aus zerstort, was zu den 
Totengrabern hinfuhrt der ganzen europaischen Zivilisation. 

Damit ist zu gleicher Zeit angedeutet, daft allerdings diese Welt- 
herrschaft der Phrase nicht etwas ist, was nur auf einem engen 
Gebiete gilt. Es ist etwas, was als eine Grundkraft unser ganzes 
offentliches Leben, vor alien Dingen auf dem Gebiete des Geistes 
durchzieht. Und eher wird kein Heil sein, als bis das Geistesleben 
sich emanzipiert von dem, was sich gerade als die Grundlage zu 
diesem Phrasentum ergeben hat, bis sich das Geistesleben emanzi- 
piert von dem aufieren politischen oder Rechtsleben, von dem 
Wirtschaftsleben, und allein auf dasjenige gebaut wird, was der 
Geist selber aus sich hervorbringt, das heifit, dasjenige, was der 
individuelle Mensch produziert aus dem, was er durch die Geburt 
aus der Geistes welt in die sinnliche Welt hereintragt. Zu geistigem 
Inhalt zu kommen ist allein der Weg, die Weltherrschaft der Phrase 
zu iiberwinden. Und mit der Phrase innig im Bunde ist etwas 



anderes. Weil die Phrase nicht den Zusammenhang des Wortes mit 
den Inhalten verbindet, so wird das Wort sehr leicht in dem Zeitalter 
der Phrase zum Trager der Luge. Und von der Phrase zur Luge fiihrt 
ein gerader Weg. Daher auch die Herrschaft, der Siegeszug der Luge 
in den letzten vier bis fiinf Jahren, der wiederum so viel Anteil hat an 
dem Zerstorungsprozesse, dem wir entgegengehen, wenn nicht 
Geist an die Stelle des Ungeistes gerufen wird! 

Nun, sehr verehrte Anwesende, das auf dem einen Gebiete des 
offentlichen Lebens, auf dem Gebiete des Geisteslebens. Aber es 
gibt noch andere Gebiete. Sie alle aber, Sie sind abhangig in einer 
gewissen Beziehung von dem Geistesleben. Wird das Geistesleben 
beherrscht von der Phrase, von der inhaltslosen Rede, so ist auch 
dasjenige, was aus dieser Rede kommt, was namentlich im Zusam- 
menhange mit der Rede innerhalb der sozialen Gemeinschaft ge- 
lernt werden kann, nicht geeignet, in die Gefuhle, in die Empfin- 
dungen hinein sich auszuleben. Dasjenige aber, was in den Gefuhlen 
und Empfindungen im sozialen Zusammenleben sich entwickelt, 
was sich in dem Wechselverkehr von Mensch zu Mensch entziindet, 
indem der eine Mensch mit dem anderen mitfuhlt, das ist Sitte, das 
ist dasjenige, was aus der sozialen Gemeinschaft heraus zur Ge- 
wohnheitssitte wird. Und nur aus dieser Gewohnheitssitte kann 
sich geschichtlich das Recht entwickeln. Aber dieses Recht kann 
sich nur entwickeln, wenn in die Empfindungen, die im Wechselver- 
kehre zwischen Mensch und Mensch stattfinden, nicht die Phrase 
sich hineinlebt, wenn in diese Empfindungen das substanzerfiillte 
Wort, die gedankengetragene Rede sich hineingliedern. Und im 
Zeitalter der Phrase kann auch die Empfindung zwischen Mensch 
und Mensch sich nicht in entsprechender Weise entziinden, kann 
sich nur ergeben ein aufieres Verhaltnis von Mensch zu Mensch. Die 
Folge ist daher, da!5 in dem Zeitalter, wo sich auf dem Gebiete des 
sozialen Geisteslebens die Phrase entwickelt, sich auf dem Gebiete 
des sozialen Fiihlens statt des unmittelbar substantiellen Verhalt- 
nisses von Mensch zu Mensch die Konventionen entwickeln, das 
inhaltlose Verhalten des Menschen zum Menschen, das hochstens 
durch aufiere Vertrage geregelt werden kann, dafi man selbst zwi- 



schen Volkern schwarmt von Vertragen, weil man zum elementaren 
Ausleben desjenigen, was von Mensch zu Mensch enthiillt werden 
kann, nicht kommt. Dieses Zeitalter der Konvention, es macht ein 
zweites Gebiet unseres offentlichen Lebens so inhaltsleer: Es ver- 
odet das menschliche Zusammenleben, wie die Phrase das Geistes- 
leben, das Seelenleben verodet. 

Das ist es, was hinfiihrt ebenso zum blofien aufieren Menschen, 
nicht zu dem aus dem Inneren des Menschen geborenen Recht. 
Denn dieses Recht, es kann sich nur entziinden, wenn das gedanken- 
getragene Wort vom Kopfe zum Herzen fliefit. Wie das wirkliche 
Recht, das im sozialen Leben allein gedeihen kann, zu dem wirkli- 
chen Geistesleben, das von substantiellem Geiste erfullt ist, gehort, 
so gehort die Konvention zu dem Geistesleben, das in der Phrase 
lebt. Damit haben wir zwei Gebiete unseres offentlichen Lebens in 
der Gegenwart charakterisiert. 

Das dritte Gebiet, aus dem das offentliche Leben hervorgeht, ist 
das menschliche Wollen. Zu einem bewulken Wollen, zu einem 
Wollen, welches nun den Menschen hineinstellt in die menschliche 
Gesellschaft so, dafi dieser Mensch in die Gesellschaft hineintragt 
etwas, was aus seiner menschlichen Natur selber fliefit, zu einem 
solchen Wollen kann es nicht kommen, wenn dieses Wollen nicht 
getrieben werden kann von wirklichen substantiellen, geistigen 
Gehalten. Die Phrase ist ungeeignet, ein wirkliches bewufkes Wol- 
len hervorzurufen. Wie das Geistesleben zur Phrase wird, wenn es 
abhangig wird vom aufieren Staats- oder Rechtsleben, abhangig 
vom auEeren Wirtschaftsleben, wie das Rechtsleben selber in der 
Konvention aufgeht, wenn es nur gespeist werden kann von der 
Phrase, so wird das Gebiet des wirtschaftlichen Lebens, das Gebiet 
des aufieren menschlichen Zusammenlebens, statt von wirklicher 
Lebenspraxis von blofier Lebensroutine getragen, wenn das Wollen 
nicht angetrieben wird vom Geiste. Neben der Phrase, neben der 
Konvention sehen wir daher heraufkommen in dem Zeitalter, aus 
dem sich unsere Gegenwart entwickelt hat auf dem Gebiete des 
Lebens und auf dem Gebiete der aufteren Darstellung des Lebens, 
auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens liberal! die Routine. 



Was damit gemeint ist: unser Wirtschaftsleben ist von der Routi- 
ne beherrscht -, es wird vielleicht klar werden dadurch, wenn ich 
sage: Einer wirklichkeitsgemaften Betrachtung unseres offentlichen 
Lebens hat sich ergeben, daft auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens 
jenes Chaos aufhoren miisse, das in der Gegenwart herrschend ist, 
wo jeder nur aus seinem Egoismus heraus erwerben will und keiner 
den Zusammenhang kennt, in den sich sein eigenes Produzieren 
hineinstellt gegeniiber dem Produzieren der Gesamtheit. Erst wenn 
man durchschaut, daft dieses Wirtschaftsleben, das allmahlich in das 
Chaos hineingekommen ist, nur gesunden kann dadurch, daft sich 
die verschiedensten Berufs- und Lebensgebiete miteinander assoziie- 
ren, daft zusammengehorige Menschen in verschiedenen Berufen 
sich wirklich auch ineinandergliedern, so daft Assoziationen entste- 
hen von Beruf zu Beruf, daft Assoziationen entstehen zwischen den 
Konsumenten eines Berufes mit den Produzenten des Berufes, kurz, 
daft unser Wirtschaftsleben eine Struktur erhalte, so daft die Produ- 
zenten sich innerlich organisierend mit ihren Konsumenten zusam- 
menschlieften, so daft der einzelne, der konsumierend oder produ- 
zierend in einem Beruf stent, erschauen kann, wie sich sein Konsu- 
mieren und Produzieren in irgendeinen wirtschaftlichen Kreislauf 
hineinordnet - nur dann, wenn der Mensch in einer solchen Organi- 
sation lebt, wenn unser Wirtschaftsleben auf Assoziation gegriindet 
ist, nur dann sieht der einzelne Mensch, wie er beitragt durch 
dasjenige, was er produziert oder wie er mitwirkt durch dasjenige, 
was er konsumiert, zu dem Wirtschaftsprozeft. Dann weift der 
einzelne Mensch nicht nur zu handhaben in irgendeiner Lebens- 
routine das oder jenes, dann weift er, daft dasjenige, was er tut, 
hineingehort in den Gesamtprozeft des wirtschaftlichen Lebens der 
Menschheit. Dann wirkt er aus anderen Antrieben heraus. Dann 
wird dasjenige, was er tut, nicht beherrscht von einer oberflachli- 
chen Routine, sondern von Lebenspraxis, die nur gegeben ist, wenn 
man eine Idee damit verbinden kann, wenn man sich selber wirt- 
schaftlich in den Gesamtorganismus der Menschheit hineinstellt. 
Dadurch, daft das Leben der Phrase Platz gegriffen hat, daft im 
Wechselverkehr der Menschen die Konvention Platz gegriffen hat, 



dadurch fanden die Menschen auch nicht die Gelegenheit, sich in 
dieser Weise zu assoziieren, dadurch wurden sie hinweggewiesen 
von den Aufgaben, in denen sie stehen, wurden sie zu blofien 
Routiniers. Und die Routine breitete sich aus von dem einzelnen 
mechanischen Tun zum Mechanismus unserer gesamten Organi- 
sation und unserer gesamten Finanzwirtschaft. Aus der phraseer- 
fullten Zeit wurde die Zeit der Routiniers. Und die Routiniers 
fuhrten herbei jene Katastrophe, die an der Oberflache dies oder 
jenes zeigt, die aber in ihren Tiefen die Ursachen zeigt, die auf dem 
Gebiete liegen, das eben jetzt charakterisiert worden ist. 

Wenn wir so unbefangen, ohne Sympathie und Antipathie, dasje- 
nige priifen, was das Leben der Gegenwart beherrscht, so mussen 
wir sagen: Auf dem Gebiete des Geisteslebens die Phrase, auf dem 
Gebiete des Rechtslebens die Konvention, und auf dem Gebiete des 
Wirtschaftslebens die Routine. Zum Heile konnen allein die Krafte 
fiihren, die ich mir erlauben werde morgen zu schildern, also wenn 
an die Stelle der Phrase tritt die von substantiellem Geist, von 
angeschautem Geiste erfiillte Rede, die nur kommen kann in einem 
auf sich selbst gestellten Geistesleben, das heraustragt, was der 
Mensch hereinzutragen hat in das aufiere Leben, das nicht so 
beherrschen will dieses Geistesleben wie die Naturgesetze, die 
gewonnen werden durch die aufiere Erfahrung. An die Stelle der 
Konvention desjenigen, was aufierlich festgesetzt ist, mufi das 
lebendige Wechselspiel treten, das entstehen kann, wenn auf streng 
demokratischem Boden alle miindig gewordenen Menschen fur 
dasjenige, was allgemein menschliche Angelegenheiten sind, was 
der Mensch nicht durch seine Geburt hereintragt, sondern was sich 
erst im menschlichen Zusammenleben der miindig gewordenen 
Menschen entwickeln kann, eintreten. Aus der Routine, die haften 
bleibt am verganglichen Wirtschaftsobiekte, kann sich nur die 
wahre Lebenspraxis entwickeln, wenn der Mensch aus dem phrasen- 
freien, gedankenerfuiiten Worte zu einer solchen Weltanschauung 
koinmt, daE er we: is: er muE Assoziationen begriinden, die bezeu- 
gen, die offenbaren, dafi dasjenige, was bewirkt wird auf dem Boden 
des Wirtschaftslebens, noch mehr ist als dasjenige, was man durch 



die Maschine zustande bringt, dafi es ein Glied ist in dem Gesamt- 
prozesse der Menschheitsentwickelung auf der Erde. Darinnen 
wird man nicht stehen, wenn man als Routinier an seiner Maschine, 
in seiner Fabrik, in seiner Bank oder sonst irgendwo steht, darinnen 
wird man nur stehen, wenn von einem zu dem anderen Menschen 
ausgehen die Faden der Assoziation, wenn der Mensch von dem 
anderen Menschen erfahrt, wie er in seinem Konsumieren, in seinem 
Produzieren mit der ihm nachstliegenden sozialen Organisation 
zusammenhangt. Da wird sich in dem, was diese Menschen zusam- 
men wirken, in diesen Assoziationen ergeben, dafi sie in ihrem 
Wirtschaftsleben etwas begriinden, was mehr ist als der Mensch im 
Wirtschaftsleben haben kann. Der Mensch mufi wirtschaften, aber 
er erhebt sich mit seinem ganzen Menschenwesen aus dem Wirt- 
schaften heraus aus dem Verganglichen zum Ewigen. Und er wird 
erfahren aus seinem Wirtschaftsleben, dafi er gerade, indem er hier 
im Leben ein Praktiker wird, an der Praxis eine Schule hat, derea 
Ergebnisse er noch durch den Tod hindurchtragen kann. 

So ergibt sich gerade aus einer mehr nach dem Geiste hin trach- 
tenden Beobachtung iiber das gegenwartige Leben aus den drei 
charakteristischsten Herrschaftsgebieten, dem der Phrase, dem der 
Konvention, dem der Routine, die Notwendigkeit, zu wirken nach 
einer Dreigliederung des sozialen Lebens, nach einer Gesundung 
unseres Geisteslebens durch seine Selbstandigkeit, nach einer Ge- 
sundung unseres Rechtslebens, das nur befreit werden kann von der 
Konvention, wenn die lebendige demokratische Wechselwirkung 
eintritt zwischen alien miindig gewordenen Menschen, nach einer 
Gesundung des Wirtschaftslebens, indem durch die Selbstandigkeit 
des Wirtschaftslebens die Routine aufgehoben wird zugunsten einer 
wirklichen Lebenspraxis. Das kann aber nur geschehen, wenn 
Mensch mit Mensch sich assoziativ verbindet; denn nur durch 
dieses soziale Zusammenwirken entsteht aus dem, was der einzelne 
erwirtschaften kann, etwas, was die ganze Menschheit iiber sich 
selbst von der blofien Materie zum Geiste hinfuhrt. Phrase bedeutet 
tet auf dem Gebiete des Geisteslebens den Ungeist; Konvention 
bedeutet auf dem Gebiete des staatlichen, des Rechtslebens den 



Ungeist; Routine bedeutet den Ungeist auf dem Gebiet des Wirt- 
schaftslebens. An die Stelle des Ungeistes mufi der Geist treten. Dafi 
er es konne, mit welchen Kraften er es konne, das will ich mir 
erlauben, morgen zu schildern. Denn allein, wenn da tritt an die 
Stelle der Phrase wiederum die gedankengetragene Rede, dadurch 
aber wiederum der Geist, wahres Geistesleben, nur dadurch, daft an 
die Stelle der Konvention das vom menschlichen sozialen Fiihlen 
erfullte Rechtsleben tritt, und nur dadurch, daft an die Stelle der 
wirtschaftlichen Routine die durchgeistete Wirtschaft, die vom 
Geiste geordnete, assoziationendurchtrankte Wirtschaft tritt, da- 
durch allein wird unser ganzes offentliches Leben geheilt werden 
konnen von dem, woran es krankt in der Gegenwart, man mufi das 
sagen: woran es zugrunde gehen miilke, wenn kein Heilungsprozefi 
eintreten wiirde. 

In der Gegenwart bemerken wir nur leider zuviel die Phrase, die 
Konvention, die Routine. Wir sehen das Ergebnis: das Chaos. Fiir 
die Zukunft brauchen wir das gedankengetragene Wort, den von 
Substanz erfullten Geist, das aus dem Zusammenwirken aller mun- 
dig gewordenen Menschen sich ergebende lebendige Recht. Das ist 
an dieser Stelle Geist statt des Ungeistes. Auf dem Gebiete des 
Wirtschaftslebens brauchen wir die aus dem Geiste hervorgehenden 
Assoziationen, brauchen die Ablosung der Routine durch die wah- 
re, geistgetragene Wirtschaft. Das bedeutet auf dem Gebiete des 
Wirtschaftslebens Ablosung des Ungeistes der Gegenwart durch 
den Geist fiir die Zukunft. Und allein dadurch konnen wir aus 
pessimistischen Stimmungen, die ja aus der Beobachtung des aufie- 
ren Lebens heraus heute nur allzu gerechtfertigt sind, uns erheben 
zu gewissen Zukunftshoffnungen, dafi wir gar nicht bauen auf 
dasjenige, was uns irgendwo heute zugeworfen werden konnte als 
Hoffnung fiir die Zukunft, sondern dafi wir bauen auf den eigenen 
menschlichen Willen, der da setzen will aus seiner Kraft, aus seiner 
Ausdauer, aus seinem Feuer heraus, aus der Gegenwart heraus fiir 
die Zukunft den Sieg des Geistes iiber den Ungeist. 



[Es folgt erne kurze Aussprache]. 



Schluflwort 



Es hat zunachst der erste Herr Diskussionsredner seine Ausfiih- 
rungen dahin gipfeln lassen, daft er hinwies auf eine Internationale 
Sprache als auf ein Verbindendes in der Menschheit. Ich mochte 
nicht, weil das nur wirklich durch ausfiihrliche Erorterungen ent- 
schieden werden kann, auf das Pro und Kontra eingehen, das man 
geltend machen kann gegeniiber einer solchen internationalen Spra- 
che. Allein ich will annehmen, dafi diejenigen ein gewisses Recht 
haben, die sich bestreben, eine solche internationale Sprache zu 
begriinden. Man kennt dasjenige, was nach dieser Richtung ver- 
sucht und getan worden ist. Nun ja, mit der vereinsmafiigen Art, in 
der eine solche Sprache bisher getrieben worden ist, ist es ja noch 
nicht getan, denn eine solche Sprache miifite noch ganz andere Wege 
zu den Menschen finden, als sie bisher gefunden hat, wenn sie eine 
wirklich praktische Bedeutung haben sollte. Ich will aber durchaus 
nicht gerade gegen eine solche Sprache sprechen. Denn sehen Sie, 
ich weifi auf der einen Seite, dafi dasjenige, was kunstlich entsteht in 
unserer heutigen Zeit, auch die charakteristischen Eigenschaften all 
dessen an sich tragt, was unsere heutige Zeit eben hervorbringen 
kann, ein gewisses Verstandesmafiiges, ein gewisses Intellektualisti- 
sches. Und ich kann nicht umhin zu bekennen, dafi mir doch 
scheint, dafi gerade dasjenige, was uns heute heruntergebracht hat, 
der Intellektualismus, das Anti-Elementarische, wesentlich auch 
beim Aufbau der heutigen versuchten internationalen Sprache tatig 
war. Ich kann sehr gut wiirdigen die Anschauung derjenigen, die 
sagen: was soli schliefilich aus jener Urspriinglichkeit des menschli- 
chen Sich-Offenbarens in der Dichtung, in der Rede, die wirklich im 
Innerlichsten mit der Menschenwesenheit zusammenhangt, wer- 
den, wenn wir eine abstrakte Sprache uber die ganze Menschheit 
ergiefien? Ich habe aber auch auf der anderen Seite wirklich ganz 
wunderschone Dichtungen in Esperanto gehort, und ich mufi sagen, 
ich habe schon versucht, eine gewisse Objektivitat in dieser Frage zu 
gewinnen. 

Allein dasjenige, meine sehr verehrten Anwesenden, was ich 



heute vorgebracht habe, das wird durchaus nicht beriihrt von der 
Frage nach einer solchen Sprache. Denn eben, hypothetisch ange- 
nommen, es gliickte, eine solche Sprache in die Menschheit zu 
ergiefien, sie wiirde auch nichts anderes in sich enthalten konnen als 
Phrasen, wenn wir eben nicht zu einem neuen Aufleben des substan- 
tiellen Geistes kamen. Ob wir schliefilich auf Esperanto Phrasen 
drechseln oder auf englisch oder auf deutsch oder franzosisch oder 
auf russisch, das ist ganz gleich. Dasjenige, worauf es ankommt, ist, 
dafi wir die Moglichkeit finden, substantiellen Geist ins Russische, 
ins Deutsche, ins Englische, ins Franzosische und ins Esperanto zu 
bringen. Und das ist eine der Fragen, die ich heute behandelt habe. 

Also wie gesagt, ich will nichts gegen die Bestrebungen derjenigen 
sagen, die nach einer solchen abstrakten Sprache gehen. Ich glaube, 
dafi vielleicht der eine Gesichtspunkt nicht ganz unfruchtbar sein 
konnte, wenn es gelange, fur dasjenige, was nun wirklich im interna- 
tionalen Wirtschaftsleben zum Beispiel lebt, eine Internationale 
Sprache zu haben, dafi dann vielleicht gerade die Moglichkeit 
gegeben ware, fur das eigentliche Geistesleben, das ja doch immer 
aus der Individualist hervorgehen mufi, die anderen Sprachen zu 
befreien - was nur dann sein kann, wenn sie sich ganz individuell 
entwickeln konnen, wie der Geist iiberhaupt sich individuell ent- 
wickeln mufi, wenn sie nicht durch irgendwelche Eroberer-Herr- 
schaftsgeluste von seiten der politischen Machte in ihrer Entwik- 
kelung gestort werden. Ich glaube aber allerdings, dafi die Hoffnun- 
gen der Esperantisten und ahnlicher Leute auf einem viel schwa- 
cheren Boden noch sind, als die Hoffnungen derjenigen, die glau- 
ben, dafi wenn sich nur eine geniigend grofie Anzahl von Menschen 
heute zusammenfinden kann, um an einer Erneuerung unseres 
Geisteslebens vom wirklichen Geiste aus mitzuwirken, dafi dann 
eine bessere Zeit anbrechen konne, selbstverstandlich keine voll- 
kommene. Zu dem Erhoffen eines irdischen Paradieses kann derje- 
nige nicht gehoren, der die Wirkiichkeit durchschaut. Ich glaube, 
dafi die Menschen der letzteren Art doch noch auf einem festeren 
Wirklichkeitsboden stehen, als die Erhoffer einer internationalen 
Sprache. 



Was von seiten des zweiten Diskussionsredners vorgebracht 
worden ist, war ja im wesentlichen eine Art Interpretation desjeni- 
gen, was ich in einem Teil meiner Ausfuhnmgen gesagt habe, und 
ich mochte nur bemerken, dafi nicht vergessen werden darf, wenn 
man heute iiber solche Dinge spricht, aus solchen Grundlagen 
heraus redet, wie es fur meinen heutigen Vortrag versucht worden 
ist, dafi dann notwendig ist, dafi man den Menschen nicht so 
auffasse, als ob man einfach an ihn herantreten konne und durch 
Belehrung ihn besser machen konne. Ich habe oftmals fur die reine 
Lehrmethode im offentlichen Leben das Bild gebraucht: Wenn ich 
einen Ofen vor mir habe, dann kann ich sagen: sieh einmal, es ist 
deine Ofenpflicht, das Zimmer zu erwarmen, dein kategorischer 
Imperativ ist es, das Zimmer zu erwarmen. Ich kann nun fortpre- 
digen, mit aller Kantschen Einsicht kann ich fortpredigen, es wird 
nicht warm. Wenn ich stumm bleibe und blofi Holz in den Ofen lege 
und es anzunde, wird der Ofen ohne alles Predigen das Zimmer 
erwarmen. So ist es auch mit Bezug auf den Menschen. Wenn der 
ganze Mensch in Frage kommt, wenn nicht nur das in Frage kommt, 
was etwa in dem Menschen ein theoretisches Echo liefern kann, 
wenn der ganze Mensch in Frage kommt, niitzt Predigen aufieror- 
dentlich wenig, denn da hat man es ja zu tun vor alien Dingen mit 
dem Drinnenstehen des Menschen in einer sozialen Ganzheit. Und 
der Mensch in einer sozialen Ganzheit ist etwas anderes als der 
einzelne, individuelle Mensch. Verlangt man von dem einzelnen 
individuellen Menschen, er solle durch ein konzentriertes Gedan- 
kenleben irgendwie zur Besserung der Menschheit beitragen, dann 
mufi es erst moglich sein, dafi ein solches konzentriertes Gedanken- 
leben in fruchtbarer Art sich entwickelt. Das ist nur in einem freien 
Geistesleben letzten Endes moglich. Weitere Ausfiihrungen finden 
Sie in den «Kernpunkten der sozialen Frage». Es handelt sich also 
weniger heute darum, dafi man dasjenige untersucht, was dem 
einzelnen Menschen frommt, sondern was man herbeifuhren mufi 
in dem menschlichen sozialen Organismus, damit der einzelne 
wirklich zu seiner Entfaltung kommen konne. 

Ich habe in den neunziger Jahren, 1894, meine «Philosophie der 



Freiheit» zum ersten Mai veroffentlicht. Darinnen findet sich als 
Konsequenz einer geistigen Weltanschauung auch eine gewisse 
Ethik, die gerade auf den individuellen Menschen gebaut ist. Aber es 
ist da die Voraussetzung gemacht, und diese Voraussetzung mufi 
jeder machen, der das Freiheitsproblem in ernstem und wirklich- 
keitsgemafSem Sinne erfafit, dafi tatsachlich dann, wenn es moglich 
ist, Intuitionen zu haben, die des Menschen wirkliche Freiheit 
begriinden, dafi dann aus diesem einzelnen Menschen auch hervor- 
kommen konne dasjenige, worauf man bauen konne im sozialen 
Zusammenleben. Aber auf dieses soziale Zusammenleben mu£ 
fortwahrend der Blick gerichtet werden. Daher darf ich sagen, dafi 
in gewissem Sinne die Erganzung zu meiner «Philosophie der 
Freiheit» meine «Kernpunkte der sozialen Frage» sind. Wie meine 
«Philosophie der Freiheit» untersucht, woraus beim einzelnen Men- 
schen die Krafte zur Freiheit kommen, so untersuchen meine 
«Kernpunkte der sozialen Frage», wie der soziale Organismus 
beschaffen sein mufi, damit der einzelne Mensch sich frei entwickeln 
kann. Und das sind im Grunde genommen die beiden grofien 
Fragen, die uns im offentlichen Leben der Gegenwart beschaftigen 
miissen. Eine wirkliche Antwort auf diese Frage wird zu gleicher 
Zeit einiges Licht in das Chaos bringen konnen. 

Ich mochte bemerken, dafi ich den heutigen und den morgigen 
Vortrag so eingerichtet habe, dafi gewissermafien der heutige Vor- 
trag mehr eine Zeitkritik sein sollte, auf dasjenige hinweisend, was 
bisher ist in der Gegenwart, daft diese Gegenwart so geworden ist, 
wie wir sie, in ein Chaos hineintreibend, ausgeriistet mit ungeheue- 
ren Zerstorungskraften sehen. Morgen mochte ich gerade dasjenige 
ausfuhren, was getan werden soil, damit das Volksleben im weite- 
sten Umfange und das Leben der zivilisierten Menschheit iiber- 
haupt sich wiederum herauswinden konne aus dem Chaos. Ich 
mochte zeigen, wie die Krafte, die schon im Menschen liegen, und 
die namentiich im menschKchen Zusammenleben iiegen, entfesselt 
werden konnen, wie sie heute aber gefesselt sind. Daher wird das 
Positive, auf das der letzte Redner offenbar hinweisen wollte, mehr 
in meinem morgigen Vortrage als in meinem heutigen zur Geltung 



kommen. Allein es mufite gerade darauf hingewiesen werden, wo- 
ran wir kranken, damit aufgebaut werden kann auf dieser Erkennt- 
nis der Gegenwart eine Erkenntnis des Willens, die notwendig ist 
fiir eine gedeihliche Entwickelung in der Zukunft. 

Ich mochte zum Schlusse aber doch das eine noch erwahnen. 
Derjenige, der es ernst meint mit den groEen Fragen der Gegenwart, 
der darf nicht in einem althergebrachten Sinne ein Anhanger von so 
etwas Ahnlichem sein wie einem «Tausendjahrigen Reich» und 
dergleichen, der darf nicht der Meinung sein, dafi wir hier ein 
Paradies auf Erden begriinden konnen, sondern der mufi der Mei- 
nung sein, dafi jede Wirklichkeit nur die ihr gemafien Daseinsbedin- 
gungen entfalten kann, dafi man innerhalb des Lebens zwischen 
Geburt und Tod nur dann zu einem Ja in diesem Leben kommen 
konne, wenn man in der Lage ist, dasjenige, was das Leben im 
Physischen an Unvoilkommenheiten hat, standig zu erganzen 
durch den Ausblick auf ein geistiges Leben. Einer der grofiten 
Fehler unserer Zeit ist der, dafi eine grofie Anzahl von Menschen 
allmahlich alles, was das Leben lebenswert macht, beanspruchen 
will von dem blofien aufieren Leben. Und geradezu werden so heute 
die sozialen Fragen formuliert: Wie mufi das aufiere Leben beschaf- 
fen sein, damit es dem Menschen alles dasjenige gibt, was er 
ungefahr von einem Paradiese sich vorstellt? Wer die Frage so stellt, 
wird niemals zu einer Antwort kommen. Zu einer wahren, echten 
Antwort kann man nur kommen, wenn man mit einem Wirklich- 
keitssinn erfiillt ist. Und dasjenige, was ein solcher Wirklichkeits- 
sinn geben kann als Antwort auf die grofie Frage der Gegenwart, 
davon werde ich mir dann erlauben morgen zu sprechen. 



DIE GEISTIGEN KRAFTE IN DER 
ERZIEHUNGSKUNST UND IM VOLKSLEBEN 



Zweiter Vortrag, Zurich, 18. Marz 1920 



Gestern erlaubte ich mir auszufiihren, wie in den Niedergangser- 
scheinungen unserer Zeit drei zerstorende Machte wirken: die 
Weltherrschaft der Phrase, die Weltherrschaft der Konvention, die 
Weltherrschaft der Routine. Und ich versuchte gestern schon anzu- 
deuten, wie treten miisse an die Stelle der Phrase wiederum die 
gedankenerfiillte Rede, der von geistiger Substanz durchdrungene 
Gedanke, der sich durch die Sprache ausleben kann im sozialen 
Leben der Menschen. Und ich versuchte damit im Zusammenhang 
anzudeuten, wie an die Stelle der Konvention treten miisse gerade 
durch die Wiederbelebung des Geisteslebens dasjenige, was auch 
aus der lebendigen Wechselwirkung der im demokratischen Sinne 
miteinander lebenden mundigen Menschen allein entstehen kann. 
Und anzudeuten versuchte ich, wie an die Stelle der blofien Routine, 
der geistlosen Routine, treten miisse die durchgeistigte Lebens- 
praxis. 

Wenn man zunachst alle diese Dinge nur von auften her charakte- 
risiert, so scheinen sie eigentlich auch Oberflachentatsachen unseres 
gegenwartigen Lebens nur zu beriihren. In Wahrheit aber drangen 
sie hin gerade zu demjenigen, was auf der einen Seite im Allerin- 
timsten der Menschenwesenheit wurzelt, was auf der anderen Seite 
aber auch wiederum sich auslebt in den bedeutsamsten, eingrei- 
fendsten und fur das Leben mafigebenden sozialen Tatsachen. 

Nun habe ich schon gestern angedeutet, wie man an einem 
bestimmten Symptom aufsuchen miisse eine der Grundursachen 
unserer gegenwartigen, von so vielen Zerstorungskraften durch- 
setzten Zivilisation. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, da£ seit 
drei bis vier Jahrhunderten es im wesentiiclien die naturwissen- 
schaftliche Erkenntnis ist, welche die Grundlage unserer Weltan- 
schauung abgibt, derjenigen Weltanschauung, die Neues begriinden 
will. Was sonst in unserem sozialen Leben vorhanden ist, es sind die 



traditionellen Impulse zur Weltanschauung. Was neu fruchtet, was 
die Menschen wirklich bewegt seit drei bis vier Jahrhunderten, das 
ist die Frage: In welcher Art kann aus den naturwissenschaftlichen 
Grundlagen des menschlichen Erkennens eine Weltanschauung 
fliefien? Kein Wunder, dafi unter dem Drang, auf diese Weise eine 
Weltanschauung zu begriinden, gerade diejenigen Krafte des 
menschlichen Seelenlebens sich ausgebildet haben, die geeignet 
sind, eine solche Weltanschauung ins Leben zu rufen. Eine ganz 
bestimmte Art des Denkens und eine ganz bestimmte Art des 
Wollens hat sich in diesen letzten Jahrhunderten herausgebildet und 
ist in unserer Gegenwart bis zu einem gewissen Hohepunkt des 
Wirkens gekommen. Die Naturforschung betont ja immer wieder 
und wiederum, da£ es fur sie, fur ihre gewissenhafte Methode darauf 
ankomme, die Welt der Tatsachen zu erforschen, so dafi nichts 
einfliefie in dasjenige, was ausgemacht wird iiber die Tatsachen 
selbst, dafi da nichts einfliefie von dem, was aus dem Menschen, aus 
der menschlichen Personlichkeit selbst kommt. Vergeblich haben 
solche Geister wie Goethe, die einsahen, zu welcher Einseitigkeit 
blofies Naturerkennen, vom Menschen abgesondertes Naturer- 
kennen fuhren miisse, aufmerksam darauf gemacht, wie wirkliches, 
zu einer umfassenden Weltanschauung brauchbares Erkennen nicht 
abgesondert werden diirfe vom Menschen, wie selbst die aufiere 
physikalische Tatsache im Zusammenhange mit dem in der Welt 
stehenden Menschen betrachtet werden miisse. Allein auf der ande- 
ren Seite kann man doch sagen, daft diese vom Menschen abgeson- 
derte Betrachtungsweise wiederum ihre grofien Triumphe gefeiert 
hat dadurch, dafi sie die Welt der Technik zu dem gebracht hat, was 
diese eben heute ist. Das alles aber konnte nur unter dem Einflusse 
einer gewissen Art des Denkens entstehen; jenes Denkens, das sich 
hingibt entweder dem, was die Natur durch sich selbst der Beobach- 
tung darbietet, oder demjenigen, was wir im Experimente darstellen 
konnen. Die Sprache der Tatsachen selber zu verstehen, es ist das 
Ideal dieses Denkens. 

In dieses Denken fliefit wenig von dem hinein - derjenige, der 
gerade neben Geisteswissenschaft auch mit Naturwissenschaft in 



gewissenhafter Weise, in methodischer Weise zu tun gehabt hat, der 
weifi es, was menschlicher Wille ist, von dem, was uns impulsiert, 
indem wir aufierlich im Leben unsere Aufgabe vollziehen, indem wir 
mit anderen Menschen in Beriihrung und in Beziehung treten, indem 
wir mit anderen Worten ins soziale Wesen uns hineinstellen. Ja, die 
groften Triumphe der Naturwissenschaft und der Technik sind nur 
moglich geworden dadurch, daft gewissermafien der Mensch denken 
gelernt hat in der Weise, dafi dieses Denken so wenig wie moglich von 
seinem Wollen beeinflulk ist. Eine Art von Denkgewohnheit, kann 
man schon sagen, ist unter dem Einflusse dieser Tatsache im Laufe der 
letzten drei bis vier Jahrhunderte entstanden. 

Nun kann man mit einem solchen Denken Grofiartiges erkennen 
auf dem Gebiete der mineralischen Welt, der pflanzlichen Welt 
noch, weniger schon der tierischen Welt und - wie ich gestern schon 
angedeutet habe - gar nichts erkennen mit Bezug auf das wahre 
Wesen des Menschen. Und dafi man neben diesem, ich mochte 
sagen, willensentblofiten Denken kein anderes Denken ausgebildet 
hat, das hat seinen Grund in einer gewissen Weise in der Furcht vor 
alle dem, was in unser Denken hineinkommt, wenn der Mensch von 
sich aus, von seinem Willen, diesem Denken seine Struktur, seine 
Organisation gibt. Phantastik, Willkiirlichkeit kann auf diesem 
Wege durch das menschliche Wollen in das Denken hineinkommen. 
Und immer wieder und wiederum wird darauf hingewiesen, wie 
phantastisch die Weltanschauungen gewisser Philosophen sich aus- 
nehmen, die allerdings menschliches Wollen in ihr Denken hineinge- 
legt haben, gegeniiber den sicheren Ergebnissen, zu denen Naturfor- 
scher gekommen sind, die ganz allein sprechen liefien dasjenige, was 
die Natur ihnen selbst oder das Experiment sagte. 

Man hat eben nicht gewufit, dafi es moglich ist, das Denken des 
Menschen mit dem Willen so zu durchdringen, dafi bei diesem 
wohlgeschulten, willengetragenen Denken ebenso jede Willkiir 
verschwindet, wie sie verschwindet gegeniiber jenem Denken, das 
sich nur mit au^eren Tatsachen oder mit Experimenten befaftt. Um 
ein solches Denken, das vom Willen durchdrungen ist, aufzufinden, 
dazu gehdren allerdings mit Energie, Sorgfalt und Geduld vol!- 



brachte innerliche Seeleniibungen. Dazu gehort, dafi der Mensch, 
der ein Geistesforscher werden will, der wirklich eindringen will in 
die geistige Welt, aus der allein heraus Erkenntnis des Menschen 
erfliefien kann, dafi der Mensch sich immer wieder und wiederum 
durch lange Zeiten und mit innerlicher Seelenmethodik Gedanken 
vorhalt, an denen er nichts anderes entwickelt, als innerliches 
Wollen, dafi er an diesen Gedanken ein solches Wollen entwickelt, 
wie man es sonst nur in der aufieren Welt entwickelt. In der aufieren 
Welt liebt man, hafit man, man nimmt diese oder jene Tatigkeit auf, 
weist diese oder jene Tatigkeit ab. Man hat es in der aufieren Welt zu 
tun mit etwas, woriiber man bloft Ansichten haben kann. Man hat es 
mit dem zu tun, was Krisen in sich enthalt. Dasjenige, was man da in 
der aufieren Welt durch seinen Willen erkennt, oder wovon man 
bekampft wird, das mufi man hineintragen, wenn man Geistesfor- 
scher werden will, in die Welt seiner Gedanken, und man wird nach 
und nach bemerken, dafi diese Gedanken wirklich willengetragene 
Machte werden, von innerer Gesetzmafiigkeit durchtrankt. Sie 
miissen nur das, was ich jetzt eben in scheinbarer Abstraktheit 
gesagt habe, so hinnehmen, dafi die Arbeit, die damit charakterisiert 
wird, die innere Seelenarbeit, eine solche ist, die lange Zeit in 
Anspruch nimmt, die wahrhaftig nicht weniger methodisch, wenn 
auch auf geistigem Felde, durchgefuhrt wird, als alies dasjenige, was 
wir mit den exaktesten Prazisionsinstrumenten fur unsere chemi- 
schen oder physikalischen Experimente durchfiihren. Wie der Che- 
miker oder der Physiker exakt seine Experimente durchfuhrt, so 
fuhrt der Geistesforscher dasjenige durch, was Abwagen des einen 
Gedankens an dem anderen ist, Wirkung des einen Gedankens auf 
den anderen. Er kommt dadurch dazu, dafi das abstrakte Denken, 
das gerade unter dem Einflufi des naturwissenschaftlichen For- 
schens im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte sich herausge- 
bildet hat, zu einem innerlich lebendigen Denken aufsteigt, zu 
einem Denken, das mehr ein Bildanschauen geistiger Art ist als das 
gewohnliche abstrakte Denken. Das ist die eine Seite, die ausgebil- 
det werden raufi zu wirklicher Menschenerkenntnis, weil es unmog- 
lich ist, jenes abstrakte Denken zu gebrauchen fur diese Menschen- 



erkenntnis, die eine Geist-Erkenntnis sein mufi, eine Geistan- 
schauung, das in der Naturwissenschaft seine grofien Triumphe 
feiert. Allein dieses Denken, das in der Naturwissenschaft voll am 
Platze ist, dieses Denken hat insbesondere im sozialen Leben im 
weitesten Sinne gewisse, ich mochte sagen, unmogliche Ergebnisse. 
Je abstrakter unser Denken wird, desto rechthaberischer im einzel- 
nen Menschen wird es. Gewifi, man wird sehr kritisch, man wird 
gewissenhaft, man wird methodisch, wenn man das in den letzten 
drei bis vier Jahrhunderten grofigezogene Denken anwendet. Aber 
man wird doch in bezug auf seine soziale Eingliederung in die ganze 
Menschheit oder in einen Teil der Menschheit rechthaberisch. Man 
forsche nur einmal nach und man wird sehen, wenn man sich an das 
Denken halt, das die Naturwissenschaft groE gemacht hat: Man 
gewohnt sich daran, immer recht zu haben - und der andere hat auch 
recht! Und die Menschen, das wiirde das Extrem sein, konnten sich 
im Grunde genommen eigentlich gar nichts mehr mitteilen. 

Leben wir nicht mitten in diesem Zustande? Findet nicht heute 
derjenige, der durch eine priifungsreiche Lebenserfahrung gegangen 
ist und durch Jahrzehnte gerungen hat mit den Problemen, der 
genotigt ist, aus der heutigen Menschheitserziehung heraus diese 
Probleme in den gangbaren gebrauchlichen Formen der geisteswis- 
senschaftlichen Begriffe darzustellen, findet er nicht tiberall die 
jiingsten Leute, die kommen und sagen mit ihrer anderthalb Jahr- 
zehnte hochstens dauernden Erfahrung: Das ist mein Standpunkt, 
das denke ich, das setze ich entgegen den reichen Lebenserfahrun- 
gen. Und schliefilich, abstrakt genommen, kann man diesen Lebens- 
anfangern, die ebensogut logisch denken konnen wie die lebenser- 
fahrenen Greise, man kann ihnen nicht einmal unrecht geben, denn 
dasjenige, was den Nerv ausmacht unseres gegenwartigen wissen- 
schaftlichen Erkennens, das ist im Grunde nicht gebunden an 
menschliche Entwickelungen, das ist etwas, was man erreicht, 
wohinein man sich findet* und was man schliefilich, wenn man einen 
gewissen Grad von Erwachsenheit erreicht hat, eben erlangt. Und 
so kann man sagen: Dieses abstrakte Denken, dieser Intellektua- 
lismus, der es heute zu einemn liohen Grade an Vollkommenheit 



gebracht hat, der gibt jedem etwas, was er eigentlich jedem anderen 
mitteilen mochte, aber was der andere schon von sich selber aus 
weifi. Man mochte sich mitteilen im sozialen Leben. Man kann sich 
nicht mitteilen, weil der andere nicht geneigt ist, die Mitteilung zu 
empfangen, sondern hochstens ihr seinen Standpunkt entgegenzu- 
stemmen. 

Was die Naturwissenschaft grofi macht, das ist unanwendbar im 
sozialen Leben, denn der Mensch gibt dadurch etwas, mochte etwas 
geben, was kein anderer eigentlich empfangen will, weil er es schon 
zu haben glaubt. Wer nur richtig durchdenkt dasjenige, was die 
wirkliche Grundrichtung unseres ganzen heutigen Seelenlebens ist, 
der wird vieles von dem, was heute in unserem sozialen Leben an 
Zerstorungskraften vorhanden ist, was die Menschen auseinander- 
treibt, statt sie zusammenzufuhren, er wird es zum Teil in dem 
sehen miissen, was ich jetzt als eine Eigentiimlichkeit und soziale 
Konsequenz des abstrakten, gerade fur die Naturwissenschaft taug- 
lichen Denkens charakterisiert habe. 

Uber dieses Denken hinaus wird Geisteswissenschaft fuhren, 
weil sie kultiviert dasjenige, was unbewufit bleibt in dem heute 
gebrauchlichen Denken, weil sie das Wollen - das ist es eben, was 
unbewufit bleibt - in dieses Denken hineindrangt, weil sie willentli- 
ches Denken entwickelt. Und aus dem willentlichen Denken heraus 
kann wirkliche Menschenkenntnis erfolgen. Aber das ist nur das 
eine Element. 

Das andere ist, dafi gerade unter dem EinflufS dieser Denkweise, 
wie sie in der naturwissenschaftlichen Weltanschauung hervorge- 
treten ist, der Mensch auch dazu gekommen ist, gegeniiberzustellen 
dem willensentblolken Denken das gedankenentblofite Wollen. 
Aus dieser Zweiheit besteht im Grunde genommen der heutige 
Mensch, aus jenem Seelenelemente, das man nicht anders bezeich- 
nen kann, als willensentblofites Denken, und aus dem anderen 
Seelenelemente, das man bezeichnen mufi als gedankenentblolkes 
Wollen. Geisteswissenschaftliche Erkenntnis, sie sucht ebenso, wie 
sie den Willen hineinzuschieben versucht in das Denken, den 
Menschen, der ein Geistesforscher werden will, dazu zu bringen, 



seinen eigenen Handlungen, seinen eigenen Willensergebnissen mit 
einer solchen Objektivitat gegeniiberzustehen, wie man sonst nur 
gegeniibersteht aufteren Tatsachen. Der Mensch mufi werden, wenn 
er sich auf den Weg des Geistesforschens begibt, ein treuer Beobach- 
ter dessen, was er selber tut, was er selber will. Gewissermaften mufi 
er sich ideell zunachst herausheben und mufi wie in einem Hoheren 
von sich selbst neben sich einhergehen. Und dieses Hohere neben 
sich selbst mufi den Menschen so beobachten in allem, was er tut, 
wie man sonst nur beobachtet, wenn man aufiere Naturtatsachen 
oder das Experiment beobachtet. Denn dann lernt man an etwas 
Gedanken entwickeln, was gerade in den letzten drei bis vier 
Jahrhunderten am allermeisten, besonders bei gewissen radikalen 
extremen Kreisen, nur beherrscht und impulsiert wird von den 
personlichsten Emotionen. Man lernt erkennen dasjenige in Gedan- 
ken, worauf man sonst eigentlich gar nicht sieht, dessen Gedanken 
sonst vollig im Unbewufken bleiben. 

Und deshalb, weil der Mensch in diese beiden Elemente zerfallt, 
sehen wir auch heute auseinandergerissen auf der einen Seite die 
abstrakt naturwissenschaftliche Erkenntnis, die nur auf das Aufter- 
menschliche geht, und die soziaien Impulse blofi als personliche 
Instinkte wirksam. Wir sehen, wie die Naturwissenschaft auf gewis- 
se Hohen gestiegen ist, wie man aus der Erziehung, die man aus 
diesem naturwissenschaftlichen Denken gewonnen hat, jetzt zum 
Beispiel im Osten - und es wird nicht beim Osten verbleiben, leider 
- Grundsatze daraus gewinnen will fur das soziale Zusammenleben 
der Menschen, wie sich aber in diesem Osten zeigt, daft man mit 
naturwissenschaftlicher Sozialpolitik nichts anderes kann, als wiiste- 
ste menschliche Instinkte organisieren, organisieren so, dafi die 
Organisation die Menschheit in den Untergang hineintreiben mufi. 

Diese Dinge hangen zusammen mit dem, was in den letzten 
Jahrhunderten groft geworden ist, und man muE sie in diesem 
Zusammenhange betrachten. Erst dann, wenn man den Willen 
kultiviert im Denken, wie ich es angedeutet habe, dann das Denken 
im Wollen kultiviert - die genaue Beschreibung konnen Sie in 
meinen Biichern «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wei- 



ten?» und im zweiten Teile meiner «Geheimwissenschaft>>, und in 
ahnlichen Biichern finden -, erst dann, wenn man eine solche 
Geisteswissenschaft auf diese Art begriindet, die in das wirkliche 
Wesen des Menschen eindringen kann, wird eine solche Wissen- 
schaft nicht machtlos gegeniiberstehen der ganzen menschlichen 
Personlichkeit. Ja, unsere gegenwartige Wissenschaft, sie steht der 
ganzen menschlichen Personlichkeit machtlos gegeniiber, denn das- 
jenige Denken, in das nicht der Wille hineinpulsiert, es ist eine 
Beschaftigung blofi des menschlichen Kopfes, es ist Intellektua- 
lismus, der keine mitteilende Kraft fur das Leben hat. Geistige 
Erkenntnis, wie sie nach und nach zu einer Weltanschauung sich 
formt aus solchen Grundlagen heraus, wie ich sie jetzt nur andeuten 
konnte, Geisteswissenschaft ist etwas, was nicht nur die menschli- 
chen Gedanken, den menschlichen Intellekt, sondern was die ganze 
menschliche Personlichkeit ergreift. Weil sie aus dem Willen hervor- 
gegangen ist, aus dem willengetragenen Denken, stellt sie dieses 
menschliche Denken hinein in die soziale Gemeinschaft, und weil 
sie den Gedanken hineintragt in das Wollen, kann sie auch Gedan- 
ken im Menschen anregen, welche wahrhaftige Lebenspraxis her- 
vorbringen, nicht blofi Routine, sondern Lebenspraxis, die eben nur 
beruhen kann auf Ideen, auf geistgetragenem Wollen. 

Solche geisteswissenschaftliche Weltanschauung, wir brauchen 
sie heute vor alien Dingen auf dem Boden desjenigen Geisteslebens, 
das fiir die Offentlichkeit das Allerwichtigste ist, wir brauchen sie 
auf dem Boden der Erziehungskunst. Und gerade in der Erzie- 
hungskunst kann man die innere Wahrheit desjenigen erforschen, 
was ich als Prinzipien einer Geisteswissenschaft eben charakterisiert 
habe. In der schon erwahnten « Waldorf schule», die unter der Agide 
unseres Freundes, des Herrn Molt in Stuttgart errichtet worden ist, 
ist versucht worden, auf geisteswissenschaftlicher Grundlage Pad- 
agogik als Erziehungskunst zu begninden. Diese Waldorfschule 
will nicht eine Weltanschauungsschule sein. Diejenigen Menschen 
sagen die Unwahrheit, welche sagen, sie will eine Schule sein, in die 
anstelle alter Weltanschauungen anthroposophisch orientierte Gei- 
steswissenschaft schon in das Kind hineingetragen wird. Darum 



handelt es sich gerade bei dieser Schule nicht, sondern darum 
handelt es sich, dafi das, was als Geisteswissenschaft hier gemeint ist, 
eben den Willen des Menschen erfassen kann, sein Handeln durch- 
dringen kann und dafi dasjenige, was in anderen Weltanschauungen 
nur Gedanke, Idee bleibt, bei der anthroposophisch orientierten 
geisteswissenschaftlichen Weltanschauung methodisch gefafk wer- 
den kann. Daher handelt es sich bei der Waldorf schule in Stuttgart 
nicht darum, was man inhaltlich an die Kinder heranbringen will, 
sondern es handelt sich darum, dafi unsere Geisteswissenschaft in 
ihr Methode wird, wird dasjenige, was die Grundlage abgibt zu der 
Verrichtung im Lehren, im Erziehen, zum Handeln, zum Wollen 
des Lehrers. 

Dazu gehort aber allerdings, dafi diese Padagogik, diese Erzie- 
hungskunst gebaut werde auf wirkliche Menschenkenntnis. Wirkli- 
che Menschenkenntnis ergibt sich nur mit den Methoden, die ich 
heute andeutend charakterisiert habe. Da lernt man erkennen, wie 
aus dem inneren Seelisch-Geistigen heraus vor alien Dingen gewisse 
Epochen sich unterscheiden lassen in dem werdenden Menschen. 
Diese Epochen, sie sind dasjenige in der menschlichen Wesenheit, 
woriiber man heute oftmals selbst in der Wissenschaft, die sich sehr 
exakt diinkt, oberflachlich hinweggeht. Man sieht ja in dem Kinde 
gewisse Vorgange, wenn um das siebente Jahr herum der Zahn- 
wechsel eintritt. Aber derjenige, der tiefer hineinschaut in die 
menschliche Natur, der sieht auch, wie in dieser Zeit des Zahnwech- 
sels im Kinde eine vollstandige Metamorphose des ganzen Seelenle- 
bens vor sich geht. Wahrend in der ersten Zeit, von der Geburt bis 
zum siebenten Jahre, alles, was das Kind treibt, wozu das Kind sich 
geneigt, befahigt fuhlt, herausstammt aus dem Prinzip der Imita- 
tion, der Nachahmung, aus einem Sich-Hineinfuhlen in alles dasje- 
nige, was die Umgebung tut, beginnt mit dem Zahnwechsel unge- 
fahr gegen das siebente Jahr beim Kinde die Epoche, wo es durch 
seine inneren Fahigkeiten auf Autoritat hm angelegt ist. Wie durch 
das selbstverstandliche elementarische Leben wird das Kind bis zum 
siebenten Jahr hin selbst in seinen Handbewegungen, in der For- 
mung seiner Sprache dasjenige tun, was die Erwachsenen seiner 



Umgebung tun. Es wird sich ganz hineinverweben in dasjenige, was 
ausstromt selbst von den Imponderabilien der Gedanken- und 
Vorstellungsrichtungen der Umgebung. Vom siebenten Jahr an 
braucht das Kind in seiner Umgebung den, von dem es glauben 
kann: der weifi in gewissem Sinne das Richtige; es braucht die 
Autoritat. Man mag heute noch so sehr gegen Autoritat wettern, 
man sollte beriicksichtigen, dafi Autoritat vom siebenten Jahr an 
ungefahr bis zu dem Jahre, wo die Geschlechtsreife eintritt, etwas 
ist, unter dessen Einflufi der Mensch stehen mufi, wenn er sich 
gesund entwickeln will. Denn eine zweite Epoche in der mensch- 
lichen Kindheit ist diese vom Zahnwechsel bis zu der Geschlechts- 
reife, bis zum vierzehnten Jahre ungefahr. Ungefahr, sage ich; hier 
ist nicht irgendein Zahlenspiel in Frage kommend, sondern es sind 
die wichtigen Abschnitte, die Umanderungen der Lebensmetamor- 
phosen sind es, die in Frage kommen. Mit diesem vierzehnten Jahre 
ungefahr wird der Mensch geschlechtsreif. Da tritt eine vollstandige 
Umwandlung seines Seelenlebens ein, da tritt dasjenige ein, was ihn 
innerlich befahigt, selbstandig zu urteilen, der Welt sich entgegenzu- 
stellen mit dem, was als Urteil in seinem Inneren entsteht, wahrend 
er vom siebenten bis vierzehnten Jahr recht gedeiht, wenn er neben 
sich die Autoritat haben kann, zu der er aufschaut. 

Nun sind es gerade die Jahre vom Zahnwechsel bis zu der 
Geschlechtsreife, in denen man das Kind zu betreuen hat in Unter- 
richt und Erziehung wahrend seiner sogenannten Volksschulzeit. 
Aber auch in dieser Zeit kann man noch gewisse Epochen, Unter- 
epochen unterscheiden. Dasjenige, was als Nachahmungstrieb aus 
der innersten Wesenheit des Menschen heraus bis zum siebenten 
Jahre waltet, es erstreckt sich noch in seiner Abschwachung, aber 
deutlich sich offenbarend, iiber das siebente Jahre hinaus bis ins 
neunte Lebensjahr hinein. Und derjenige, der sich aneignet durch 
Geisteswissenschaft einen lebendigen Sinn, wie in jedem einzelnen 
Kinde zum Vorschein kommt dieses Zusammenspielen von Nachah- 
mungsfahigkeit, von Autoritatsbedurfnis in allem Lernen und ge- 
geniiber aller Erziehung, der wird in jedem Kinde, selbst wenn er die 
grofke Klasse vor sich hat, ein eigenes Erziehungsproblem sehen 



konnen. Denn ein solcher Mensch als Erzieher und Lehrer wird 
nicht hingegeben sein konnen irgendeiner Normpadagogik, nicht 
einer Padagogik, die wiederum abstrakte Grundsatze etwa aufstellt 
aus dem Intellektualismus heraus: so mufi man erziehen, oder so 
mufi man erziehen - nein, derjenige, der durch Geisteswissenschaft 
zum Lehrer geworden ist, der sieht in dem werdenden Kinde etwas, 
was der Kiinstler in jedem einzelnen, das er schafft, sieht: immer 
wieder ein Neues und ein Neues. Da gibt es nicht abstrakte padago- 
gische Grundsatze, da gibt es ein lebendiges Sich-Hineinfinden in 
das Kind, ein Herausschaffen aus dem Kinde selbst, ein Ratsellosen 
desjenigen, was im Kinde verborgen ist, was durch die Leiblichkeit 
als ein Geistig-Seelisches heraus will. Denn das ist das Eigentumli- 
che beim Geist-Erkennen, das vor alien Dingen in der Erziehungs- 
kunst zur Anwendung kommen mufi, dafi dieses Geist-Erkennen 
den Menschen zuruckfuhrt zur unmittelbaren Lebendigkeit. Das ist 
beim Intellektualismus, beim abstrakten Erkennen nicht der Fall. 
Wenn ich abstrakt irgend etwas aufgefafit habe, nun, da habe ich es 
aufgefafit, da trage ich es dann weiter ins Leben fort. Da erinnere ich 
mich hochstens an dasjenige, was ich schon gelernt habe. So ist es bei 
der Geist-Erkenntnis nicht. Derjenige, der nur einige Schritte in 
dieser Geist-Erkenntnis gemacht hat, der weifi, dafi diese Geist-Er- 
kenntnis nichts gibt, woran man sich blofi erinnern kann. Ebensowe- 
nig gibt Geist-Erkenntnis etwas, woran man sich blofi erinnern kann, 
wie dasjenige, was ich heute gegessen und getrunken habe, mir etwas 
geben kann, woran ich mich morgen und die folgenden Tage blofi 
erinnern kann; man ist nicht zufrieden als Mensch, wenn man sich nur 
erinnern soil an dasjenige, was man gegessen hat vor vier Wochen. 
Aber man ist zufrieden als Mensch, der eine abstrakte Erkenntnis 
aufgenommen hat, wenn man sich an das erinnert, was man vor vier 
Wochen eelernt hat oder sich aneeeienet hat. Mit Geist-Erkenntnis ist 
es nicht so. Geist-Erkenntnis verwebt sich dem menschlichen Wesen, 
geht hinunter, wird verdaut und mufi immer neu belebt werden, geht 
so hinein in die Erscheinungen des Lebens. 

Wenn irgend jemand ein grofier Geistesforscher ware in seinem 
vierzigsten Lebensjahre und er wiirde nicht fortpflegen immerfort 



den lebendigen Umgang mit dem, was zu erkennen ist, er wiirde 
gegeniiber dem seelisch-geistigen Inhalt so verhungern, wie jemand 
verhungern wiirde, der mit seinem vierzigsten Jahre zu essen aufhor- 
te. Abstrakte Erkenntnis, wie sie die Naturwissenschaft grofi ge- 
macht hat, die kann zufrieden sein mit Erscheinungen. Die ist 
einmal abgeschlossen. Geist-Erkenntnis bringt den Menschen in 
lebendigen Zusammenhang mit seiner Umgebung, mufi immerfort 
erneuert werden, wenn sie nicht absterben soil, wird im Leben 
ahnlich, wie auf einem niedrigeren Gebiete Essen und Trinken. 

Indem man so etwas ausspricht, sollte die Welt erkennen, wie 
radikal verschieden diese Geist-Erkenntnis von derjenigen ist, von 
der man heute glaubt, dafi sie die einzig mogliche ist. Aber stellen Sie 
sich vor, diese Geist-Erkenntnis durchdringend alles dasjenige, was 
der Erzieher und der Unterrichter tun will, so durchdringend seine 
Handlungen, seine Gedanken, wenn er das Schulzimmer betritt, wie 
das Eisen unser Blut belebt - stellen Sie sich vor eine Gesinnung, die 
aus einer Geist-Erkenntnis kommt und die weifi: du mufit jedes 
einzelne Individuum besonders anfassen, du kannst dir nichts mer- 
ken, du mufit jedem Kinde als einem neuen Ratsel gegeniiberstehen 
- das gibt erst eine wirkliche Padagogik, eine lebensvolle Padagogik. 
Man redet heute viel davon, man soil die Individualist erziehen. 
Man gibt auch allerlei schone abstrakte Grundsatze dariiber - 
dadurch wird man nichts erreichen. Erreichen fur unsere Leben 
fordernde Zeit wird man nur dadurch etwas, dafi man eine Padago- 
gik als Kunst begriindet. Diese Padagogik als Kunst, die hinein- 
schaut jederzeit aufs neue in den Menschen, sie vergifit die Erkennt- 
niswissenschaft, wie der Kiinstler alle Asthetik und alles wegwirft, 
wenn er positiv schaffen will. Was niitzen uns alle Grundsatze iiber 
das Schone, wenn wir den Ton formen wollen! Derjenige, der weifi, 
was kunstlerisch Schaffen ist, der gibt mir recht darin. Was niitzen 
uns alle padagogischen Regeln, wenn wir dasjenige, was als See- 
lisch-Geistiges im Kinde ist, zu entratseln beginnen und entwickeln 
sollen? Da handelt es sich darum, dafi wir als Padagogen zu 
Kiinstlern werden. Das konnen wir werden, wenn in unsere Zivilisa- 
tion Geisteswissenschaft als ein lebendiger Bestandteil eindringt. 



Dann werden wir aber auch sehen, wie wir in der Zeit, wo zwischen 
dem siebenten und neunten Jahre der Nachahmungssinn mit dem 
Autoritatssinn sich die Waage halt, wie wir da gerade den Willen 
ausbilden miissen, wie wir da nicht auf den Intellekt des Kindes zu 
grofie Bedeutung legen durfen. Da diirfen wir vor alien Dingen 
nicht unkiinstlerisch an das Kind heranbringen, was durch mensch- 
liche Konvention festgelegt ist. Wir diirfen nicht dasjenige,. was blofi 
zum Intellekt spricht, als Konvention an das Kind heranbringen. 
Das sind auch die Buchstabenformen, das ist auch Schreiben, Lesen. 
All das beruht, so wie wir es heute haben, denn wir sind nicht mehr 
in der Zeit der alten Bilderschrift, auf menschlicher Konvention. 
Wir miissen davon loskommen. Daher wird in der Waldorfschule 
versucht, Lesen und Schreiben - zunachst Schreiben - aus dem 
Kiinstlerischen hervorzurufen. Es wird versucht, zuerst solche 
Formen zu zeichnen, ja auch zu malen, aus denen sich dann 
aufbauen lassen die Buchstabenformen; also erst das Kiinstlerische, 
daraus dann das Intellektualistische. Damit aber dasjenige, was 
eigentlich die Kindesnatur begehrt in diesem Zeitalter, in der richti- 
gen Weise aufsprossen kann, mufi alles auf diesen kiinstlerischen 
Unterricht angelegt sein. Und jetzt, wo wir erst einige Monate in der 
Waldorfschule unseren Unterricht geben, jetzt sehen wir, wie wirk- 
lich aus dem Kiinstlerischen sich heraus arbeiten lalk, wie es mog- 
lich ist, vor alien Dingen im Musikalischen, im Gesanglichen, im 
Eurythmischen, in beseelter Tonkunst - denn das ist fur das Kind 
noch die Eurythmie -, wie es moglich ist, in alledem dem Kinde 
etwas zu geben, das seine Natur fordert, das seine Natur will, das 
aber zu gleicher Zeit den kiinstlerischen Sinn biegsam macht, den 
kiinstlerischen Sinn geneigt macht, die ganze Welt in kiinstlerischer 
Weise entgegenzunehmen. Dann kann man, wenn das neunte Jahr 
herankommt, wo der Mensch sein Verhaltnis setzen kann zwischen 
dem Ich und der Aufienwelt, dann kann man experimentell zusteu- 
ern auf dasjenige, was Naturbeschreibung ist, dann kann man 
Wissenschaft hervorrufen aus dem Kiinstlerischen. 

Allerdings muE da darauf Riicksicht genommen werden immer - 
so sonderbar, so trivial es klingt, es rnuE gesagt werden -, dafc der 



Mensch Mensch ist. Nicht Riicksicht darauf, dafi der Mensch 
Mensch ist, nimmt die Einrichtung, wie wir sie heute vielfach haben, 
des sogenannten Stundenplanes. Nichts Unpadagogischeres gibt es, 
als dem Kinde beizubringen Dreiviertelstunden das, nachher gleich 
Dreiviertelstunden etwas ganz Entgegengesetztes. Dreiviertel- 
stunden Religion, Dreiviertelstunden Rechnen, Dreiviertelstunden 
Schreiben und so weiter. Wir suchen in der Waldorfschule alles 
hervorzuholen aus den Gesetzen, die im Seelisch-Geistigen des 
Kindes sich selber aussprechen. Da ist allerdings notig, dafi man 
irgend etwas, zum Beispiel Rechnen, durch drei, vier, fiinf bis sechs 
Wochen einzig und allein treibt, ohne Stundenplan, und erst wenn 
man ein bestimmtes Pensum aufgearbeitet hat, geht man zu etwas 
anderem iiber. Das wird Konzentration des Unterrichtes. Es kann 
dann am Ende des Schuljahres durch Wiederholungen alles, was in 
Betracht kommt, zusammengefafit werden. Aber der Stundenplan, 
der ist eigentlich der Feind jeder wirklichen Erziehungskunst. 

Und auf diese Weise gelangt man dazu, nicht nur in bezug auf die 
erzieherische und unterrichtende Fiihrung des Kindes etwas zu 
erringen, sondern man gelangt dazu, aus der Entwickelung des 
Kindes selber die Notwendigkeiten des Lehrplanes abzulesen. Als 
ich fur die Lehrer der Waldorfschule den padagogischen Kursus 
abgehalten habe, der sie vorbereitet hat zu ihrer Aufgabe, da war ich 
vor alien Dingen darauf bedacht, einen Lehrplan auszuarbeiten, der 
eigentlich das blofie Ergebnis desjenigen ist, was das Kind verlangt 
vom sechsten, siebenten bis zum achten, neunten Jahre, vom neun- 
ten Jahre bis zum zwolften Jahre, vom zwolften Jahre bis zur 
Geschlechtsreife. Ablesen aus dem, was elementar die Menschen- 
natur entwickelt, dasjenige, was getan werden soil, man kann es, 
wenn man Sinn und Verstandnis fur das Menschenwesen durch 
Geisteswissenschaft hat, von Jahr zu Jahr, und man kann es, wenn 
man das Schulzimmer betritt, mit tiefem padagogischen Sinn able- 
sen dem, was einem die Gesichter der Kinder sagen, die vor einem 
sitzen. So wird versucht - ich kann es Ihnen nur skizzieren, kann 
selbstverstandlich nicht diese Dinge bis in alle Einzelheiten schil- 
dern -, durch Geisteswissenschaft unmittelbares Leben hineinzu- 



bringen in eines der wichtigsten sozialen Gebiete, in die Erziehungs- 
kunst. 

Alle Abstraktionen, alles dasjenige, was die Technik grofi macht, 
das ist nicht fruchtbar da, wo es sich darum handelt, die Menschen 
zusammenzubringen. Wirkliche Erziehungskunst, sie wird ihre 
Quellen suchen miissen in der Geisteswissenschaft. Sie wird es nur 
konnen, wenn im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organis- 
mus das geistige Leben befreit ist vom staatlichen, befreit ist vom 
wirtschaftlichen Leben. Eigentlich nur dadurch, daft das Wiirttem- 
bergische Schulgesetz noch ein Loch hat, in das man hineinschlup- 
fen konnte, war es moglich, die Waldorfschule in dieses Loch 
hineinzubringen als eine freie Schule, in der wirklich verfahren 
werden kann nach padagogisch-kiinstlerischen Prinzipien. Um die 
Geisteswissenschaft anzunehmen, braucht man nicht Geistesfor- 
scher zu werden. So wie man die moderne Astronomie oder die 
moderne Chemie annehmen kann und man nicht Astronom oder 
Chemiker zu werden braucht, wie man dazu nur den gesunden 
Menschenverstand notig hat, so hat man auch nur den gesunden 
Menschenverstand notig, wenn man sich nur nicht von Vorurteilen 
beeinflussen lafk, um dasjenige aufzunehmen, was der geisteswis- 
senschaftliche Forscher aus den Tiefen der Seele an die Oberflache 
fordert. Aber wenn man sich durchdringt mit dem, was aus willen- 
getragenen Gedanken, aus gedankengetragenem Wollen heraus 
erkannt wird, dann bekommt man auch die notige Lebensbegei- 
sterung, die der heutigen schlafenden Menschheit fehlt und die 
kommen muE, wenn es besser werden soli. 

Bevor nicht von einer geniigend grofien Anzahl von Menschen 
energisch verlangt wird dasjenige, was notwendig ist zu einem 
Neuaufbau, wird es nicht aus irgendwelcher Ecke von selbst heraus 
kommen. Die heutige Menschheitsentwickelung ist dazu veranlagt, 
aus dem Wollen, aus dem bewuftten Wollen heraus die groften 
Lebensziele zu fordern. jene Politik hah en wir lange genug getrie- 
ben, die imrner diplomatisch hinschaut auf dasjenige, was dort 
[Liicke] und nach der man sagt: es wird sich schon wieder geben. 
Heute sehen die Menschen, wie es taglich schlechter wird; jeden Tag 



von neuem glauben sie, es bleibe bei dem, was gerade eingetreten ist. 
Man hat nicht den geringsten Sinn dafiir, dafi erkannt werden mufi 
im Niedergange die Kraft des Aufganges. Und so wird man, wie in 
der Erziehungskunst, auch im Volksleben suchen miissen selbst 
diejenigen Krafte, die zum Neuaufbau fiihren konnen. Es konnen 
auch da nur jene Krafte sein, welche da kommen aus dem Geiste, aus 
der Erkenntnis des Geistes, aus dem Anschauen des Geistes. Wie 
stehen sich doch jene zwei Seelenelemente in unserem sozialen 
Leben, in unserem Volksleben heute gegeniiber, auf die ich hinge- 
deutet habe! Das abstrakte Denken, das eigentlich jeder Mensch hat 
- es ist ja ganz gleichgiiltig, ob man herausgewachsen ist aus der 
Schusterwerkstatte, der Sohn des Schusters ist oder [Liicke], wenn 
man es bis zu einer Stufe des Denkens gebracht hat. Dieses Denken, 
es ist unabhangig vom Personlichen, von diesem Denken aus hat 
man seinen Standpunkt. Aber diese Standpunkte sind ja alle eigent- 
lich nicht notwendig, denn jeder Mensch hat eigentlich das Recht 
fur seinen eigenen Standpunkt, und er konnte eigentlich mit diesem 
Standpunkt als ein Einsamer durch die Welt ziehen. Man braucht 
gar nicht miteinander zu leben, wenn jeder «seinen Standpunkt» 
hat, wenn keiner dem anderen etwas zu sagen hat. 

Das aber ist das Eigentiimliche bei der Geist-Erkenntnis, daf$ sie 
von diesen «Standpunkten», von diesem Stehen auf Standpunkten 
ganz loskommt, dafi sie eigentlich wird etwas, was Menschen 
empfanglich macht fur das Leben, fiir eine wahre Schule. Derjenige, 
der sich mit Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie sie hier als 
anthroposophisch orientierte gemeint ist, wie sie durch den Dorna- 
cher Bau reprasentiert wird, bekannt macht, fiir den wird jeder 
einzelne Mensch, dem er im Leben begegnet, ein interessantes 
Problem. Das Kind selbst, das ist ja wichtig gerade fiir die Erzie- 
hungskunst; das Kind wird ein interessantes Problem. Und so wie 
man im physischen Leben Hunger fiihlt gegeniiber der aufieren 
Natur, wie man sich verbinden mufi mit der aufieren Natur, so fiihlt 
man als Geisteswissenschafter das Bediirfnis, sich immer und immer 
mit dem auseinanderzusetzen, was andere Menschen meinen, was 
andere Menschen denken, empfinden und wollen. Geisteswissen- 



schaft bringt uns im weitesten Umfange mit den Menschen zu- 
sammen. 

Heute kann der Geisteswissenschafter vor alien Dingen sagen: 
wenn er andere Weltanschauungen liest, oh, er lafit sie anders auf 
sich wirken als andere Menschen. Er fragt weniger nach dem, was 
Irrtum oder Wahrheit ist, denn das ist ja zumeist nur der eigene 
Standpunkt, der dariiber entscheidet, und iiber diesen Standpunkt 
habe ich mich ja gerade ausgesprochen. Aber wie grofi auch der 
vermeintliche Irrtum sein mag, der von dem oder jenem hervorge- 
bracht wird denkend oder handelnd, dasjenige, was der Mensch uns 
darlebt, es ist die Erganzung unseres eigenen Wesens, wenn wir uns 
von Geisteswissenschaft durchdringen. So wie der Naturforscher 
das Bedurfnis hat, sich mit dem Experiment auseinanderzusetzen, 
so hat der Geistesforscher das Bedurfnis, sich mit allem Menschli- 
chen auseinanderzusetzen. Begriindet er eine Weltanschauung, so 
wird sie zu einem sozialen Impuls, weil sie die Menschen nicht 
auseinanderbringt, weil sie die Menschen zusammenfiihrt; weil sie 
wiederum individuelles Leben hineinbringt in dasjenige, was sonst 
nur abstrakter Standpunkt ist, den jeder jedem gegeniiber haben 
kann. Der Geistesforscher, er tritt dem kleinen Kinde gegeniiber, 
das vielleicht nur lallen kann, vielleicht nicht einmal lallen kann, das 
aus elementaren Blicken heraus ihm Geheimnisse durch das noch 
ganz kindliche Auge enthiillen kann. Er empfangt Offenbarungen 
von allem Menschlichen. Dadurch wird dasjenige, was Geisteswis- 
senschaft zu sagen hat, wenn man es nur einmal aufnehmen wird in 
das menschliche Leben, zum Impuls fur soziales Zusammensein der 
Menschen. So wie die naturwissenschaftliche Erkenntnis herausge- 
holt hat aus der menschlichen Sprache den Gedankeninhalt, so wie 
sie die Phrase geschaffen hat, so wird Geisteswissenschaft in unsere 
Snrache hineineeheimnissen lebendiee eeistiee Substantiality, und 
unsere Sprache wird dadurch, dafi Geisteswissenschaft den Men- 
schen zum Menschen fuhrt, zu dem wichtigsten sozialen Besse- 
rungsmittel fiir die kommende Zeit werden. 

Und gerade dadurch, da£ die Erkenntnis auf der einen Seite so 
abstrakt geworden ist, ist der Wille abhangig geworden von den 



blofien Emotionen, von den bloften personlichen Instinkten, wie ich 
heute auch ausgefiihrt habe. Dadurch, dafi Geisteswissenschaft 
herausschafft ihre Inhalte aus dem gedankengetragenen Willen, 
dadurch ist das, was sie dem Menschen geben kann, die Grundlage 
fur weitergehende Interessen, als sie das blofi personliche Fiihlen, 
der blofi personliche Egoismus geben kann. Was ist denn zum 
Schlufi in den letzten drei bis vier Jahrhunderten im sozialen Leben 
das Ausschlaggebende geworden? Das Ausschlaggebende ist der 
Egoismus geworden. Wenn man sich nicht erheben kann durch die 
Erkenntnis, [Liicke] zu dem Menschlichen, wenn das Menschliche 
uns nicht durchdringen kann, dann konnen wir im sozialen Leben 
nur den Egoismus geltend machen. In dem Augenblicke aber, wo 
wir das Geistesleben in seiner Selbstandigkeit haben, und dadurch 
jene Selbstandigkeit begriinden konnen in der Erziehungskunst, die 
ich heute skizziert habe, und in dem Augenblick, wo wir unser 
Wollen von Ideen durchdringen, konnen wir in unserem Wirt- 
schaftsleben den Weg finden von Mensch zu Mensch, konnen aus 
den Berufsstanden, konnen aus dem Zusammenfugen von Konsu- 
menten und Produzenten Assoziationen bilden, konnen bilden eine 
Wirtschaftsstruktur im sozialen Organismus, die aufgebaut ist gera- 
de auf demjenigen, was ein Mensch vom anderen lernen kann, was 
ein Mensch vom anderen erfahren kann. Lebensroutine wird sich 
verwandeln dadurch in Lebenspraxis. Je innerlicher man betrachtet 
das Menschenleben, je mehr man auf das Menschenleben selbst 
hinsieht, desto mehr drangt sich aus jeder Ecke die Notwendigkeit 
der Dreigliederung des sozialen Organismus heraus. Und wie auf 
der einen Seite das Wirtschaftsleben befruchtet wird durch ein von 
Ideen durchdrungenem Wollen, auf der anderen Seite das Geistes- 
leben [Liicke], so wird dasjenige, was zwischen Mensch zu Mensch 
sich abspielt - in der heutigen Zeit spielt es sich eigentlich nur als 
Konvention ab, und zwar so sehr, dafi man Konvention auch will in 
Form des Volkerbundes zwischen den Volkern -, zum lebendigen 
Elemente im staatlichen Rechtsleben, das als ein selbstandiges Glied 
im dreigliedrigen sozialen Organismus den anderen selbstandigen 
Gliedern, dem selbstandigen Geistesleben, dem selbstandigen Wirt- 



schaftsleben gegeniiberstehen soil. Aber Sie sehen zugleich gerade 
an dem Beispiel der Erziehungskunst, wie in das Volksleben, in 
das soziale Leben hereingreift die Geisteswissenschaft, wie diese 
Geisteswissenschaft es sein mufi, auf deren Grundlagen auf- 
gebaut werden mufi die Struktur des dreigliedrigen sozialen Orga- 
nismus. Oh, zu was allem ist man gekommen in der neuesten Zeit 
unter dem Einflusse der zwei geschilderten Seelenelemente! Da 
haben wir auf der einen Seite das, ich mochte sagen, iiber alle 
menschliche Individuality hinausgreifende abstrakte Denken, 
das gleich ist bei alien Menschen, die es zu der Fahigkeit dieses 
logisch abstrakten intellektualistischen Denkens gebracht haben. 
Weil das gleich ist, deshalb ist auch notwendig, dafi dasjenige, was 
der Mensch doch nicht als abstrakter Mensch erlangen kann, was er 
erwerben will in der sozialen Gemeinschaft, dafi sich das auf das 
Untermenschliche, auf die blofien Instinkte, auf die egoistischen 
Instinkte aufbaut. Und so sehen wir, wie in der Zeit des Darwi- 
nismus, wo man bemerkt hat im Tierreiche den allerdings auch da 
nur eingeschrankt geltenden Kampf urns Dasein, wie es gekommen 
ist, dafi Naturforscher Sozialpolitiker, Sozialwissenschafter werden 
wollten, und nun auch im Menschenleben den Kampf urns Dasein 
statuieren wollten als das Selbstverstandliche. Ja, es ist sogar wahr, 
dafi der Kampf urns Dasein im Menschenleben wiiten wiirde, wenn 
nur die Instinkte des Egoismus im sozialen Leben tatig sein konn- 
ten. Und [diesen Kampf urns Dasein wollen] auch Lenin und 
Trotzki statuieren; sie werden nur den Egoismus organisieren. Das 
weifi jeder, der das Menschenleben heute durchschauen kann. Alles 
ubrige wird eine Maske sein. Wir sehen schon heute die innere 
Unwahrheit des Leninismus, der den Leuten goldene Berge ver- 
spricht, kurze Arbeitszeit, und jetzt bereits dabei angekommen ist, 
zwolfstiindiee Arbeitszeit zu statuieren, weil sich das als eine 
Notwendigkeit herausstellt innerhalb des Mechanismus, den man 
da einfiihren will. 

Aber niemals wird im Menschenleben das, was in ihm als abstrak- 
tes Denken vorhanden ist, was bei alien Menschen gleich ist, Ja 
sagen konnen zu diesem Kampf urns Dasein, das wird immer 



unzufrieden sein mit diesem Kampf urns Dasein, das wird immer 
nach Harmonie, nach Uberwindung des Kampfes urns Dasein 
hinstreben. Wenn wir aber nicht dazu gelangen, hineinzugiefien 
wirkliche Geistigkeit in den abstrakten Intellektualismus, so wird 
die Welt der Abstraktion zu schwach sein, um aus dem sozialen 
Leben den Egoismus herauszubringen. Und auf der anderen Seite 
wird der Egoismus brutal bleiben, wenn in ihn nicht hineingegossen 
wird dasjenige, was nur Geist-Erkenntnis, Geistesschau iiber den 
Menschen bringen kann. Dasjenige, was im Menschen heute duali- 
stisch auftritt, auf der einen Seite der abstrakte Intellektualismus, 
auf der anderen Seite das blofie Waken der Instinkte, es kann nur 
seinen Ausgleich finden dadurch, dafi beides durchdrungen werden 
kann vom Geiste. Werden die Gedanken vergeistigt, dann werden 
sie an den individuellen Menschen herangebracht und machen 
diesen individuellen Menschen zu dem, der nicht nur recht haben 
will, der nicht nur dasjenige geben kann, was die anderen nicht 
wollen, sondern der sich mit den anderen Menschen fortwahrend 
auseinandersetzen mufi, fortwahrend mit den anderen Menschen 
gewissermafien anstelle der Phrasensprache die Gedankensprache 
fiihren mufi. Die wird aber nur gefiihrt aus einem Geistesleben 
heraus, das nicht blofi auf die Erinnerung gebaut ist, sondern das wie 
Hunger und Durst auf die tagliche Erneuerung, auf die Metamor- 
phose des Lebens gebaut ist, das immerfort sich erneuern mufi, 
wenn es auch bis zum Hochsten schon gediehen ware. Das kann nur 
geschehen, wenn die Instinkte durchdrungen werden von denjeni- 
gen Gedanken, die auf die Art entstehen, wie ich das heute geschil- 
dert habe. Dann wird der Mensch innerhalb seiner wirtschaftlichen 
Assoziationen dasjenige wollen konnen, was iiber den einzelnen 
Menschen hinausgeht. Dann wird das Wirtschaftsleben durchgei- 
stigt sein konnen. Es ist schon so, wo man die Welt auch anfafit 
heute, wo man hineinschaut ins wirklichkeitsgemafie Leben, da 
ergibt sich die Notwendigkeit zu dem, was man als Dreigliederung 
des sozialen Organismus fordern kann. Das ist nicht eine Utopie. 
Als Utopie bezeichnen die Dreigliederung nur diejenigen Men- 
schen, die keinen Wirklichkeitssinn haben, die selber Utopisten 



sind, und die daher alles dasjenige, was ihnen in ihre Utopien nicht 
hineinpafit, zur Utopie erklaren. 

Dasjenige, was der Welt entgegengehalten wird als der Impuls der 
Dreigliederung des sozialen Organismus, es ist aus dem vollen 
Leben herausgegriffen. Es zeigt aber auch, dafi dieses voile Leben 
heute fordert eine Durchdringung mit dem, was lebendig in Geistes- 
schau ergriffen werden kann. Diese Geistesschau ist dem Menschen 
notwendig. Und ehe man nicht erkannt, dafi der Mensch nicht ein 
blofies Naturwesen ist, ehedem wird man nicht zu einer Losung der 
heute so drangenden sozialen Probleme kommen konnen. Vor 
Jahren, als der theoretische Materialismus in seiner Bliite stand, da 
haben sich die Leute ereifert, die schon durchschauen konnten, dafi 
dieser theoretische Materialismus auch zum praktischen Materia- 
lismus fuhren miisse, sie haben sich ereifert gegen diesen Materia- 
lismus. Aber man kann doch nicht umhin zu sagen, dafi schliefilich 
die Menschen, die theoretische Materialisten geworden sind, wie 
Haeckel und ahnliche, nicht auch gescheite Menschen gewesen sind. 
Man steht da der eigentumlichen Erscheinung gegeniiber, dafi 
wahrhaft helle Kopfe Materialisten geworden sind. Warum? Sie sind 
Materialisten geworden, weil das Denken, das sich im Laufe der 
letzten drei bis vier Jahrhunderte als das abstrakte Denken entwik- 
kelt hat - gerade fur den Geistesforscher wird das klar — , materiali- 
stisch erklart werden mufi. Dasjenige Denken, das die Naturwissen- 
schaft grofi macht, das ist an das Werkzeug des Gehirns, an das 
Werkzeug des menschlichen Leibes gebunden. Das Denken hort 
mit dem Tode auf. Allein wenn wir den Willen hineingiefien in 
unsere Gedankenoperationen, wenn wir uns nicht nur leiten lassen 
von Naturbeobachtung und Experiment, wenn wir das Denken 
durchgiefien mit demjenigen, was aus dem Willen aufsteigt, dann 
ergibt sich etwas, was leibfrei werden kann, was wirklich seelisch- 
geistig ist. Der Materialismus hatte recht fur dasjenige Denken, das 
gerade in den letzten drei bis vier jahrhunderten grofi geworden und 
auf seinen Hohepunkt gekommen ist in die Gegenwart herein. Das 
mull man materialistisch erklaren. Daher sind die gescheitesten 
Menschen in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts Materialisten 



geworden, weil ihnen schlieftlich nur vorlag das grofte Ratsel: Wie 
ist es mit dem gewohnlichen Denken, das gerade in der Naturwis- 
senschaft zu solcher Hohe kommt? Das mufi materialistisch erklart 
werden. Der Materialismus auf seine Art ist in vollem Recht, und 
keiner kann im Sinne anthroposophisch orientierter Geisteswissen- 
schaft Spiritualist sein, der nicht weifi, daft der Materialismus auf 
seinem eingeschrankten Gebiete sein Recht hat. Wer nun die Frage 
stellt: Entweder Materialismus oder Spiritualismus? - der ist auf 
dem Holzwege. Denn der Materialismus hat sein Gebiet, und man 
mufi sich klar dariiber sein, dafi der Mensch, will er das Seelisch-Gei- 
stige retten, auch iiber das Denken hinauskommen mufi, auf das er 
heute so stolz ist. Und ebenso wird niemals eine wirkliche soziale 
wiinschenswerte Ordnung eintreten konnen, wenn der Mensch nur 
aus den gewohnlichen egoistischen Emotionen heraus diese sozialen 
Ordnungen begriinden will, denn die konnen nur den Kampf urns 
Dasein begriinden, nicht einen Leninschen sozialen Traum. Eine 
wirkliche soziale Ordnung kann der Mensch nur begriinden, wenn 
er das Geistig-Seelische, wie es heute geschildert ist, und wie es 
angeregt in ihm wird durch jene Weltanschauung, die aus der 
Geistesschau kommt, in dieses soziale Leben hineingiefit. Dann 
wird der Mensch erkennen und durch das Leben bewahrheiten 
konnen, was Goethe vorschwebte, als er seinen Blick richtete auf 
das Wesen des Menschen und sich fragte: Wie steht eigentlich der 
Mensch zur Natur? - Goethe sagte sich: Wenn wir alles das 
uberblicken, von den wunderbaren Sternen oben bis zu all dem, was 
sich in den verschiedenen Reichen darbietet als Natur um uns 
herum, mussen wir den Menschen anschauen, gegeniiberstehend 
dieser Natur, wie er diese Natur in sich aufnimmt, wie er sie 
umformt, wie er sie als etwas Neues in sich schaffend erstehen lafit, 
eine hdhere Natur durch den Menschen im Menschen schaffend, 
eine hohere Natur, die geist-seelisch, seelisch-geistig ist. Das driickt 
Goethe so schon aus, indem er sagt: 

«Indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht 
er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen 
Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit 



alien Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ord- 
nung, Harmonie und Bedeutung aufruft, und sich endlich bis zur 
Produktion des Kunstwerkes erhebt, das neben seinen iibrigen 
Taten und Werken einen glanzenden Platz einnimmt.» Und wie die 
Erganzung zu diesem Gedanken ist der andere, der in dem Buche 
liber Winckelmann steht, in dem auch der eben genannte zu finden 
ist, wenn Goethe sagt: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als 
ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem grofien, 
schonen, wiirdigen und werten Ganzen fiihlt, wenn das harmoni- 
sche Behagen ihm ein reines freies Entziicken gewahrt; dann wiirde 
das Weltall, wenn es sich selbst empfinden konnte, als an sein Ziel 
gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und 
Wesens bewundern. Denn wozu dient all der Aufwand von Sonnen 
und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstrafien, von 
Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Wel- 
ten, wenn sich nicht zuletzt ein gliicklicher Mensch unbewuftt 
seines Daseins erfreut?» 

Aus solcher Gesinnung heraus, die den Menschen durch die 
Natur, liber die Natur zu sich selbst, zum Seelisch-Geistigen fuhrt, 
aus solcher Gesinnung heraus kann nur dasjenige entstehen, was 
unser soziales Leben aufbauen soli. Aber es wird nur entstehen, 
wenn der Mensch durch seinen Willen seine Blicke hinlenkt auf 
dasjenige, was ihm die Erforschung des Geisteslebens selber geben 
kann. 

Daher mufi gesagt werden: Nicht in aufieren Institutionen und in 
ihrer Umgestaltung sollen wir dasjenige sehen, was uns weiterfuh- 
ren kann. Wie wir auch aufiere Institutionen umgestalten mogen, es 
wird doch zu keinem Neuaufbau fiihren. Zu einem solchen kann 
nur fiihren, wenn der Mensch dasjenige, was in ihm gegenwartig zur 
Zerstorung neigt, in s einem eigenen Inneren selber aufsucht. Denn 
alles Auftere, was im Leben des Menschen entsteht, wird von dem 
Menschen selbst, von dem innersten Wesen des Menschen gemacht. 
Nur durch Umiernen, nur durch Umdenken konnen wir vorwarts- 
kommen. Daher kann es nicht friiher besser werden, als bis eine 
geniigend gro£e Anzahl von Menschen den Mut aufbnngt zum 



Umdenken, zum Umlernen. Und schliefilich wird dasjenige, was 
einstmals wiederum als aufbauende Krafte iiber die Menschheit 
kommen kann, hervorgehen miissen aus dem Mute zur Erhebung 
zum wirklichen Geiste, damit dieser, wie ich schon gestern am 
Schlusse sagte, nach und nach, aber wirksam den Ungeist beseitigen 
konne. 

[Es folgt eine Aussprache.] 

Schluflwort 

Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich habe eigentlich keinen 
besonderen Anhaltspunkt aus den Ausfiihrungen des Herrn B. 
heraus, um irgend etwas Erhebliches in diesem Schlufiwort zu 
sagen, denn er hat das Beispiel erbracht, wie man aus dem abstrakten 
Denken der Gegenwart heraus dasjenige beurteilt, was eben aus 
dem geistbefruchteten Denken heraus gern gesagt sein mochte. Und 
daher mochte ich fur diejenigen der verehrten Zuhorer, welche etwa 
auch, aber vielleicht doch berechtigt, mifiverstanden haben konnten 
dasjenige, was ich iiber den Lehrplan gesagt habe, einige Worte hier 
anbringen. 

Was ich iiber den Lehrplan gesagt habe, das ist das, dafi er auf 
Konzentration hinarbeiten sollte. Ich habe nicht gesagt, dafi keine 
Abwechslung da sein sollte. Abgesehen davon, dafi man ja streiten 
konnte, ob diese Abwechslung nach drei bis fiinf Wochen geschaf- 
fen werden soil fur das Rechnen, oder ob das besser ist oder das, das 
ist eine rein didaktische Frage, die sich nicht agitatorisch behandeln 
lafk, sondern nur sachlich. Aber abgesehen davon: man hat auf 
Konzentration im Unterricht zu arbeiten, daft man also ein gewisses 
Pensum so aufzuarbeiten hat, dafi einen der Stundenplan dabei nicht 
geniert, dafi man wirklich drei bis sechs Wochen, so lange es 
notwendig ist, ein Pensum durcharbeitet, ohne durch etwas anderes 
unterbrochen zu sein. Selbstverstandlich wird dabei der Wesenheit 
des Kindes voll Rechnung getragen. Damit Sie mich nicht mifiver- 



stehen, mochte ich Ihnen ausfiihren, wie es etwa in irgendeiner 
Klasse der Waldorfschule zugeht. Nehmen wir die funfte Volks- 
schulklasse. Ich konnte ebensogut die erste anfiihren. Da beginnt 
der Unterricht einige Minuten nach acht Uhr morgens. Da wird 
zunachst in den ersten zwei Stunden eben auf diese Konzentration 
in dem hingewirkt, was sonst in den gewdhnlichen Schulgegen- 
standen durch den Stundenplan dekonzentriert, ohne alle Konzen- 
tration verteilt wird auf kurze Zeit. So dafi also in diesen zwei ersten 
Stunden bis etwa ein paar Minuten nach zehn Uhr in konzentrierter 
Weise auf das hingearbeitet wird, was man sonst als Inhalt der 
Schulgegenstande anschaut. So dafi also in dieser Zeit, sagen wir, 
durch eine geniigend grofie Anzahl von Wochen, Rechnen getrieben 
wird, dann wieder Spracnlehre durch eine Anzahl von Wochen und 
so weiter. Dann kommt anschliefiend dasjenige, was eine Konzen- 
tration dadurch moglich macht, daft man es in einer gewissen Weise 
treibt; schon bei den kleinsten Kindern wird bei uns fremdsprach- 
licher Unterricht getrieben, franzosischer und englischer Unter- 
richt, so dafi schon die ersten Klassen fremdsprachlichen Unterricht 
bekommen. Und es iibt einen grofien Eindruck aus, wenn man die 
kleinen Sputze kommen sieht in ihre Stunden und sieht, wie sie 
tatsachlich mit einer grofien Freude Fortschritte in den wenigen 
Wochen schon gemacht haben im fremdsprachlichen Unterricht. 
Da wird mit ihnen tatsachlich auf das Gebrauchen der Sprache hin 
gearbeitet. Also fiinf bis sechs Wochen ist es bei der ersten Klasse 
schon so der Fall; da wird dann bis elf Uhr Franzosisch, bis zwolf 
Uhr Englisch getrieben. Dann gehen die Kinder nach Hause. Und 
an einigen Nachmittagen - die Kinder haben genug frei, das gehort 
auch zur Abwechslung, dafi sie nun wieder hinauskommen -, an 
einigen Nachmittagen, wenn sie nun wieder kommen, haben sie 
Gesang, Musik und Eurythmie, beseeltes Turnen, beseelte Bewe- 
gungskunst. In dieser beseelten Bewegungskunst haben die Kinder 
nicht blofi physioiogisches Turnen, das auch getrieben wird, son- 
dern durcligeistigte Bewegung. Sie haben gleichsam eine stumrne 
Sprache in der Eurythmie gegeben. In das finden sich die Kinder 
aufterordenthch gut hmem. Und wenn after einmal an soichen 



Tagen, wo die Kinder zu besonderen Festlichkeiten zusammenge- 
rufen werden, dann Eurythmieauffuhrungen sind, dann drangen 
sich die Kinder dazu, dann sieht man, wie das alles lebt. So dafi also 
davon gar keine Rede sein kann, dafi keine Abwechslung sei oder 
keine Riicksicht auf dasjenige, was der Natur des Kindes entspricht, 
genommen werde. Wenn nun aber gesagt wird: Wenn es den 
Kindern zu langweilig wird, mufi etwas anderes kommen - ja, meine 
sehr verehrten Anwesenden, das ist gerade die Aufgabe, da$ es 
niemals den Kindern zu langweilig wird! Die Kinder werden hoch- 
stens einmal ungezogen, weil sie irgend etwas sticht, aber aus 
Langweiligkeit - dafiir mufi Sorge getragen werden - wollen sie 
niemals, dafi der Unterricht irgendwie aufhore. Und ich konnte 
mich schon in dieser kurzen Zeit, da ich ja zweimal durch langere 
Zeit die Schule besucht habe und den Unterricht eigentlich immer in 
meiner Hand habe, ich konnte mich iiberzeugen, wie auf diese 
Weise tatsachlich Leben in den ganzen Unterricht hineingebracht 
wird. 

Meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man nicht durch 
Schwatzen, sondern durch die Tat dasjenige begriinden will, was 
gleiches Recht fur alle ist, so muE man sich wirklich nicht in 
geschwatziger Weise iiber den Unterschied zwischen Unternehmer 
und Arbeitern aufregen, der da heute trotz alien Geschwatzes doch 
noch vorhanden ist; er ist einfach als eine Tatsache da, und wenn 
man heute redet, so kann man nun wahrhaftig diesen Unterschied 
vorlaufig nicht hinwegwischen. Es handelt sich darum bei der 
Waldorf schule, dafi in der Tat das Proletarierkind sitzt neben dem 
Unternehmerkind. Die Kinder werden in vollstandiger Einheit 
erzogen, und da wird durch die Tat gleiches Recht fur alle begrun- 
det! Wahrend mit allem Geschwatz und allem agitatorischen Her- 
umreden: es miissen nicht «Unternehmer» und «Arbeiter» da sein, 
man noch nichts erreichen wird, sondern sie miissen gleiches Recht 
haben. Kurz, mit Schwatzen lafit sich die Frage nicht losen, einzig 
und allein dadurch, dafi man Ziele schafft, und vor alien Dingen die 
wirkliche Losung der sozialen Frage ins Auge fafit. Dadurch, dafi 
man immer dann, wenn es sich um die Tat handelt, hineinschwatzt 



mit agitatorischen Phrasen, dadurch kann doch nicht ein einziger 
Schritt zur Besserung jemals gemacht werden! Das ist es, worauf es 
heute ankommt, zu unterscheiden zwischen Tat und Schwatzen. 
Wenn man diesen Unterschied nicht machen wird zwischen den 
Schwatzern und denjenigen, die etwas tun wollen, wird man nicht 
auf einen griinen Zweig kommen, sondern es werden die Schwatzer 
alle soziale Ordnung geradezu totreden. Mit schonem Geschwatz 
ist in unserer heutigen Zeit nichts zu erreichen, wenn dieses Ge- 
schwatz noch so sehr von Gleichberechtigung ausgeht. Gleichbe- 
rechtigtheit mufi begriindet werden, von Gleichberechtigtheit blofi 
zu schwatzen, damit ist gar nichts erreicht. 

Eine andere Frage, meine sehr verehrten Anwesenden: Mufi 
heute dem wirtschaftlich Bedriickten nicht die materielle Vorbedin- 
gung geschaffen sein, damit ihm die Moglichkeit geboten wird, 
Geistiges aufzunehmen? Ich habe gerade in der letzten oder in der 
vorletzten Nummer der Zeitschrift fur «Dreigliederung des sozialen 
Organismus», die in Stuttgart erscheint, einen Artikel geschrieben: 
«Ideen und Brot» um entgegenzutreten dem landlaufigen Vorur- 
teil, dafi, wenn von seiten der Gesattigten und auch heute noch 
Sich-sattigen-Konnenden immer wieder und wieder darauf hinge- 
wiesen wird: Es braucht ja nichts anderes getan zu werden, um die 
soziale Frage zu losen, als dafi die Leute arbeiten. Das ist leicht 
gesagt! Es handelt sich darum, dafi die Leute ein Ziel sehen, einen 
Sinn in ihrer Arbeit! Aber auf der anderen Seite ist auch nichts damit 
getan, wenn immer gesagt wird von der anderen Seite: Erst mufi den 
Leuten Brot geschaffen werden, dann werden sie geistig hochkom- 
men, oder dann kann man dafiir sorgen, dafi sie geistig hochkom- 
men. Geistige Arbeit ist es ja, welche dazu fuhrt, dafi das Brot 
erarbeitet werde. Man mufi organisieren, man mufi in einer gewissen 
Weise dasjenige, was gearbeitet wird, in irgendeine Struktur brin- 
gen, in eine soziale, sonst kann das Brot nicht entstehen. Wenn jetzt 
iiber Mitteieuropa eine furchtbare Hungersnotweile sich ausbreitet, 
so ist ja diese Hungersnotweile - wenn es auch vorher selbstver- 
standlich nicht gut war, dariiber wollen wir uns jetzt nicht unter- 
halten - nicht gekommen dadurch, dafi plotzlich das Brot sich 



entzogen hat dem Menschen, sondern dafi die Menschen in eine 
soziale Ordnung hineingekommen sind durch die Kriegskata- 
strophe, innerhalb welcher kein Brot erarbeitet wird, innerhalb 
welcher keine Ideen wirken, die das Brot erarbeiten lassen. Die 
Ideen, die bis 1914 von den Leuten angebetet worden sind, die die 
Fiihrenden waren, die sind ad absurdum gefiihrt durch die letzten 
fiinf bis sechs Jahre, die sind abgetan. Wir brauchen neue Ideen! 
Und wenn man sich nicht entschlielk, sich zu sagen: Wir brauchen 
neue Ideen -, durch diese neuen Ideen wird die soziale Ordnung 
organisiert, dadurch wird das notige Brot geschaffen; wenn man 
sich nicht entschlielk dazu, dann kommen wir doch in keiner 
heilsamen Weise zur Weiterentwickelung in die Zukunft hinein. 

Es ist sehr merkwiirdig, wie sich, ich mochte sagen, im einzelnen 
Falle zeigt, dafi die Menschen sich nicht eingestehen wollen, wie 
eigentlich die Wahrheit liegt und lauft. Einer der Radikalsten war 
gewifi bis zum Jahr 1914 der Furst Krapotkin. Als er wieder nach 
Rufiland gegangen war, da horte man bald danach: Ja, wenn wir nur 
von dem Westen Brot bekommen, dann wird es schon besser gehen! 
- Und daneben horte man, daft er eine «Ethik» schreibt. Sehen Sie, 
das ist dasjenige, was uns zugrunde gerichtet hat, dafi die Leute auf 
der einen Seite das materielle Leben haben, auf der anderen Seite ein 
abstraktes Geistesleben, und daft von dem abstrakten Geistesleben 
nichts hereinspielt in das wirklich materielle Leben. Der Geist zeigt 
sich nicht dadurch, dafi man ihn anbetet, der Geist zeigt sich 
dadurch, dafi er fahig wird, auch die Materie zu beherrschen und zu 
organisieren. Das ist gerade das Schlimme, dafi unsere Bekenntnisse 
es dahin gebracht haben, dem Menschen einen schonen Inhalt blofi 
geben zu wollen, wenn er aufgehort hat zu arbeiten, oder hochstens 
eine Direktive auf der ersten weifien Seite des Hauptbuches, wo 
steht: «Mit Gott» - wenn auch das, was da in Soil und Haben 
verarbeitet wird, durchaus nicht immer rechtfertigt, da£ da steht: 
«Mit Gott»! Aber darinnen zeigen sich die Niedergangserschei- 
nungen unserer Zeit, dafi wir die Macht verloren haben, iiber das, 
wozu wir uns geistig bekennen, den Ubergang zu finden zum 
materiellen Leben, daft geradezu die Gesinnung herrschend wird, 



die da sagt: Ach ja nicht verkniipfen das materielle Leben mit dem 
Geist! Der Geist ist etwas ganz Erhabenes, den mufi man frei halten 
vom materiellen Leben! - Nein, nicht dazu ist der Geist da, dafi man 
ihn freihalt vom materiellen Leben, dafi man ihn, wenn man aus der 
Fabrik herausgeht, ihn als Sonntag-Nachmittag-Sensation nur ha- 
ben kann, wenn auch noch so edler Art, sondern dazu ist der Geist 
da, daft man ihn durch das Tor der Fabrik hineintragt, dafi die 
Maschinen nach dem Geiste gehen, daft die Arbeiter nach dem 
Geiste organisiert sind. Dazu ist der Geist da, dafi er das materielle 
Leben durchdringe! Und daran sind wir zugrunde gegangen, dafi 
das nicht der Fall ist, dafi wir ein abstraktes Geistesleben neben 
einem geistlosen, von blofien Routiniers beherrschten materiellen 
Leben haben. Eher wird es nicht besser, bis der Geist so machtig 
wird, dafi er die Materie beherrschen kann. Nicht der der Materie 
fremde, weltenfremde Geist ist es, zu dem Geisteswissenschaft 
fiihren will, sondern der Geist, der die Menschen beherrschen kann, 
den man nicht nur findet, wenn man froh ist, dafi man aus der Fabrik 
hinausgehen kann, sondern den man froh und freudig in die Fabrik 
hineintragt, damit jeder einzelne Handgriff im Lichte dieses Geistes- 
lebens geschehe. 

Diejenigen, die in dem Sinne, wie es hier gemeint ist, den Geist 
wollen, die wollen wahrhaftig nicht einen unpraktischen Geist, die 
wollen den Geist, der in der Welt wirklich nicht nur etwas zu 
schwatzen hat, nicht nur etwas zu sagen hat, was einen in freien 
Stunden erfreuen kann, sondern einen Geist, der dadurch, dafi er die 
Materie beherrscht, das Leben durchorganisiert, mit dem Leben 
sich innig verbinden kann. Von diesem Geiste beziehungsweise von 
seiner Annahme wird es abhangen, ob wir, wenn wir ihn verleug- 
nen, immer tiefer und tiefer in das Ungliick hineinsegeln wollen 
oder nicht. Zwischen diesem «Entweder-Oder» mufi man heute 
entscheiden. Je mehr Menschen entscheiden werden dahin, daE sie 
sich zu diesem tatigen Geist aufraffen, desto besser wird es fur die 
Zukunft der Menschheit sein. 

Das ist dasjenige, was ich zu meinen heutigen Worten noch 
hinzufiigen wollte. 



DREIGLIEDERUNG UND GEGENWARTIGE WELTLAGE 



Zurich, 19. Mdrz 1920 



Was man soziale Programme oder dergleichen nennen konnte, 
schwirrt heute in endloser Zahl durch die Luft, herausgefordert 
wahrhaftig mehr als zu irgendeiner anderen Zeit, durch alles das, 
was in der Gegenwart an Kraften wirkt, die in die Zerstorung 
hineinfiikren. An Vorschlagen, wie sich aus dieser Zerstorung 
heraus etwa ein Neuaufbau entwickeln soil, fehlt es eigentlich nicht. 
Wenn dennoch das, was man nennen kann die Idee von der Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus, sich, durch die Not der Zeit 
gedrangt, Geltung verschaffen will unter diesen mancherlei Vor- 
schlagen, so geschieht es zunachst hauptsachlich aus der Anschau- 
ung heraus, dafi mit dieser Idee der Dreigliederung des sozialen 
Organismus etwas gegeben ist, was, wenn man es seiner inneren 
Wesenheit nach erfafit, nicht irgendwie gleichgestellt werden kann 
mit programmartigen Vorschlagen oder sozialen Idealen in abstrak- 
tem Sinne. Was ich Ihnen hier darbieten mochte, soil durchaus 
durchdrungen sein von der Erkenntnis, dafi ja heute die grofie 
Gefahr fur all dergleichen Dinge vorliegt, in das Utopistische zu 
verfallen. Man braucht nur daran zu denken, wie im Grunde 
genommen, wenn es auch da oder dort in der europaischen Welt 
noch nicht hinlanglich bemerkt wird, alles, wovon man geglaubt 
hat, daft es feststehe in der hergebrachten wirtschaftlichen, juristi- 
schen, geistigen Ordnung, einem gewissen Zerstorungsprozefi un- 
terliegt und wie sich dieser Zerstorungsprozefi im Laufe der letzten 
vier bis fiinf Schreckens^dhre der europaischen Zivilisation nur allzu 
deutlich gezeigt hat. 

In einer solchen Zeit kann man nicht auf das oder jenes, was schon 
da ist, was seine Wirklichkeit bewahrt hat, aufbauen. Es haben sich 
ja sozusagen die festgeschraubtesten Institutionen durch die letzten 
Jahre ad absurdum gefiihrt. Und da liegt es selbstverstandlich nahe, 
gewissermafien aus einem ganz neuen Fundament heraus zu bauen. 
Das kann dann der Mensch nur, indein ier aus dem Gedankenfunda- 



ment heraus baut, und da zeigt es sich denn alsbald, daft die 
Grundlagen nicht leicht zu finden sind, die einen gediegenen Auf- 
bau moglich machen. Denn man hat zunachst scheinbar gar keinen 
Anhaltspimkt, ob das, was man aus den Gedanken heraus in die 
Wirklichkeit umsetzen will, auch irgendwie in dieser Wirklichkeit 
sich begriinden lafit. Und alles das, was nicht von vornherein durch 
seinen Inhalt selbst zeigt und erweisen kann, daft es sich voll in die 
Wirklichkeit hineinstellen kann, ist ja utopistisch. 

Gerade der Gefahr des Utopistischen mochte nun die Idee der 
Dreigliederung des sozialen Organismus entgehen, und sie mochte 
ihr dadurch entgehen, daft sie im Grunde genommen gar nicht etwas 
aufstellt, was man eine soziale Lebensauffassung, was man ein 
soziales Programm nennt, sondern daft sie hinweisen will auf eine 
besondere Art, wie Menschen im offentlichen Leben zusammen- 
wirken konnen, damit den Kraften der Zerstorung Krafte des 
Neubaus, der Neuentwickelung entgegengestellt werden konnen. 

Ich mochte sagen, dasjenige, wovon die anderen angeben, daft es 
geschehen soil, das soil der Idee der Dreigliederung nach erst 
entstehen, wenn ein solches Zusammenarbeiten von Menschen und 
Menschengruppen einmal stattfinden kann, von dem die Idee der 
Dreigliederung des sozialen Organismus sprechen will. Man steht 
nicht, wenn man auf diesem Boden steht, auf dem Standpunkt, daft 
man irgendwie allwissend ist, daft man Prophet ist, der angeben 
kann, wie sich diese oder jene Institution in der Zukunft zum Heil 
der Menschheit ausnehmen soli, sondern man will nur das Urteil der 
Menschen, die etwas zu sagen haben, in einer Weise aufrufen, daft 
durch das Zusammenarbeiten der Menschen dieses Urteil auch 
sachliche Wirklichkeit werden kann. 

Der Anlaft zu dieser Idee von der Dreigliederung des sozialen 
Organismus liegt eigentlich bei demjenigen, der sich erlaubt, zu 
Ihnen zu sprechen, weit zuriick. Er ist zu suchen in jahrzehntelan- 
gen Lebenserfahrungen, die sich auf die sozialen Verhaltnisse der 
verschiedensten Gegenden Europas beziehen, narnentlich aber Mit- 
teleuropas und der Teile Mitteieuropas, die gerade an ihrern Schick- 
sal in der letzten grofien Kriegskatastrophe zeigen, wie das, was 



bisher soziale Struktur der Menschheit, der zivilisierten Menschheit 
Europas war, aus sich selbst nach etwas Neuem hintendiert, wie es 
den Kraften nicht gewachsen ist, die, ich mochte sagen, aus den 
Tiefen der Menschheit sich heute an die Oberflache bewegen wol- 
len. Man kann, wenn man unbefangen das geschichtliche Leben 
betrachtet, namentlich in dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, 
in den Jahren des 20. Jahrhunderts, die 1914 vorangegangen sind, 
durchaus sehen, wie dasjenige, an dem man so dogmatisch festhalt, 
das man heute noch, wenn es auch in vielen Gebieten Europas 
erschiittert ist, doch noch immer als etwas betrachtet, an dem man 
nicht riitteln soil, wie der Einheitsstaat, der alle Gebiete des offentli- 
chen Lebens seit drei bis vier Jahrhunderten allmahlich erfafit hat, 
eigentlich seiner Aufgabe gegenuber gewissen grofien Menschheits- 
forderungen nicht mehr gewachsen ist, wie er nicht fahig ist, zu 
gleicher Zeit zu umfassen das geistige Leben, das staatlich-politische 
oder Rechtsleben im engeren oder auch im weiteren Sinne, und das 
Wirtschaftsleben. Daher entstand fur diejenigen, die sich mit der 
Idee von der Dreigliederung zuletzt befafiten, der Gedanke, gerade 
da einzusetzen und die Frage aufzuwerfen: Welche Gestalt mufi der 
bisher als eine notwendige Einheit angesehene Staat annehmen 
gegenuber den drei hauptsachlichsten Lebensgebieten der Mensch- 
heit, gegenuber dem geistigen Gebiet, gegenuber dem rechtlich-poli- 
tischen Gebiet und gegenuber dem wirtschaftlichen Gebiet? Und 
nun will ich, bevor ich zu einer Art Begriindung iibergehe, mir 
zuerst erlauben, Ihnen in einer kurzen Skizze darzulegen, wie das 
Zusammenarbeiten der Menschen gedacht werden soli, damit nun 
wirklich aus der sozialen Struktur heraus die Aufgaben bewaltigt 
werden konnen, die den Menschen aus diesen drei hauptsachlich- 
sten Lebensgebieten erwachsen. 

Zusammengefafit ist im Grunde genommen erst in den letzten 
drei bis vier Jahrhunderten das Leben dieser drei Gebiete. Sie 
brauchen sich nur zu erinnern - um eines anzufiihren -, wie mit der 
Entwickelung der mittelalterlichen Verhaltnisse in die neuzeitlichen 
herauf Schulen, bis in die Universitaten herauf, nicht Griindungen 
des Staates waren, sondern Griindungen waren von Kirchengemein- 



schaften oder anderen Gemeinschaften, die ihre Entwickelung ne- 
ben den Ansatzen zum staatlichen Leben gehabt haben. Erst im 
Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte entstand die Anschau- 
ung, dafi der Einheitsstaat seine Macht auch ausdehnen musse zum 
Beispiel iiber Schulen, iiber Universitaten und dergleichen. Ebenso 
kann man sagen: auch das Wirtschaftsleben war getragen von unter 
wirtschaftlichen Impulsen gefafiten Korporationen, es war gefuhrt 
von denjenigen Personlichkeiten, die Vereinigungen gebildet haben 
nur aus wirtschaftlichen Antrieben heraus. Und erst wiederum im 
Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte hat der Staat auch iiber 
das Wirtschaftsleben seine Macht ausgedehnt, so dafi diese Zusam- 
menfassung von Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben 
eigentlich etwas ist, was erst in der neueren Zeit in seiner vollen 
Bedeutung heraufgezogen ist, wenn es auch seine Ansatze selbstver- 
standlich, weil ja alles im geschichtlichen Leben der Menschen sich 
voraus ankiindigt, schon friiher da und dort gezeigt hat. 

Demgegeniiber mochte die Idee von der Dreigliederung des 
sozialen Organismus jedes dieser drei Gebiete auf seinen selbstan- 
digen Boden stellen. Sie geht davon aus, dafi ein gewisser Impuls mit 
einer inneren Notwendigkeit im Laufe der neuesten Geschichte, ich 
mochte wieder sagen, aus den Tiefen des menschlichen Fiihlens und 
Empfindens heraufgezogen ist an die Oberflache des geschichtli- 
chen Werdens. Und das ist - man kann es, ich glaube, selbst wenn 
man noch so befangen ist, nicht leugnen -, dafi im offentlichen 
Leben trotz allem, was heute hervortritt, der machtigste Impuls der 
ist nach der Demokratie. Dieser Impuls tritt wie etwas Elementares 
auf in der Menschheitsentwickelung. Man kann sagen: Wie in dem 
einzelnen Menschen einer bestimmten Epoche seines Lebens, sagen 
wir, die Geschlechtsreife auftritt, so tritt in der Entwickelung der 
europaischen Menschheit, sich vorbereitend seit dem 15. Jahrhun- 
dert, die Tendenz nach der Demokratie hervor. 

V ersucht man in den verschiedenen Formen, die fur das dcmokra- 
tische Zusammenleben der Menschen gefordert werden, das Wesent- 
lichste herauszufinden, so ist es zum Schlusse doch dieses - wenig- 
stens ergibt sich dies als das einzig Vernunftmogliche ds.il die 



Angelegenheiten des Staates besorgt werden sollen aus dem Zusam- 
menarbeiten und Zusammenurteilen aller mundig gewordenen 
Menschen, die in diesem Zusammenarbeiten, in diesem Zusammen- 
urteilen als Gleiche angesehen werden, so dafi jeder als ein Gleicher 
dem anderen gegeniibersteht, gleichberechtigt in seinem Urteil, 
gleichberechtigt in dem Beitrag, den er zum sozialen Leben zu 
leisten hat, auch gleich in allem, was er von diesem sozialen Leben 
zu fordern hat. Dies ist zunachst die abstrakte demokratische 
Forderung. Sie wird konkret dadurch, dafi wichtigste Empfin- 
dungen und Gefuhlsimpulse mit ihr im neueren geschichtlichen 
Leben der Menschheit sich verbinden. Man kann auch sagen, dafi 
diese demokratische Tendenz in die Staatsgebilde Europas eingezo- 
gen ist in der verschiedensten Weise kampfend gegen dasjenige, was 
aus feudalen, aus anderen Gesellschaftsordnungen heraufgezogen 
ist. Es hat sich der demokratische Zug mehr oder weniger hineinge- 
schoben in die altgebliebenen Formen. Aber der Drang dazu pragte 
sich ganz deutlich in der neueren Geschichte aus. Indem so die 
Staaten nicht umhin konnten, zu ihren fruheren Kraften die demo- 
kratische Kraft irgendwie hinzuzufugen, wenn es auch manche, ich 
mochte sagen, nur schandenhalber getan haben, so dehnten sie 
dieses demokratische Prinzip auch iiber die Gebiete des Geistes- 
lebens und des Wirtschaftslebens aus. 

Nun aber kam dadurch herauf in der Entwickelung der neueren 
Menschheit ein bedeutsamer Widerspruch im ganzen offentlichen 
Leben. Gerade derjenige, der es ernst und ehrlich meint mit der 
Verwirklichung des demokratischen Triebes, der mufi eigentlich 
diesen inneren Widerspruch im modernen offentlichen Leben be- 
merken. Es ist der Widerspruch, den ich in der folgenden Weise 
charakterisieren mochte: Das Geistesleben kann sich bis in seinen 
wichtigsten Teil, in das Schulleben hinein, nicht aus etwas anderem 
herausentwickeln als aus den Fahigkeiten der Menschen, die durch- 
aus individuell voneinander verschieden sind. In dem Augenblick, 
wo man das nivellierende Demokratische ausdehnen will iiber 
dasjenige, was einzeln in individueller Gestalt erwachsen will zum 
Bliihen und Gedeihen des Geisteslebens, in dem Augenblick mufi 



immer das Geistesleben in irgendeiner Weise leiden, mufi immer in 
irgendeiner Weise sich gedriickt fuhlen. Deshalb glaube ich: derjeni- 
ge gerade, der es ehrlich meint mit der demokratischen Tendenz, so 
dafi er sagt, iiberall da, wo nur im offentlichen Leben Demokratie 
sein kann, mufi sie sein, der mufi sagen: Dann mufi man von all dem, 
woriiber alle miindig gewordenen Menschen entscheiden als Glei- 
che, dasjenige ausscheiden, woriiber wahrhaftig nicht alle miindig 
gewordenen Menschen als Gleiche ein sachgemafies Urteil haben 
konnen. Indem dieser Gedanke bis in seine aufiersten Konsequen- 
zen verfolgt wird, indem man sich auch priift, ob man wirklich alles 
beriicksichtigt, was dabei in Betracht kommt, kommt man doch 
dazu, sich zu sagen: gerade wenn man Demokratisierung des mo- 
dernen Staatslebens anstrebt, mufi man herausschalen das ganze 
Geistesleben aus diesem Staatsleben, aus dem politisch-juristischen 
Leben. 

Das Geistesleben mufi auf seinen eigenen Boden gestellt werden. 
Es mufi so stark auf seinen eigenen Boden gestellt werden, dafi 
diejenigen, die zum Beispiel unterrichten, von der untersten Schule 
bis zu den hochsten Stufen des Unterrichts hinauf zu gleicher Zeit 
die Verwalter des Erziehungs- und Unterrichtswesens sind, dafi 
zusammenhangt Verwaltung des Erziehungs- und Unterrichts- 
wesens mit dem gesamten irgendwie gearteten Geistesleben eines 
zusammengehorigen sozialen Organismus. Nur wenn man - ich 
mochte konkret sprechen - demjenigen, der in der Schule steht und 
unterrichtet, zu gleicher Zeit nur soviel zu seiner Aufgabe macht, 
dafi im ubrigen zugleich Zeit bleibt, daneben Verwalter des Unter- 
richtswesens zu sein von der untersten Stufe bis zu der obersten 
Stufe, nur dann, wenn man solche Institutionen schafft, dafi derjeni- 
ge, der im Geistesleben zu wirken hat, insbesondere unterrichtet 
und erzieht, mit nichts anderem zu tun hat als wiederum mit 
Unterrichtenden und Erziehenden, wenn der ganze geistige Orga- 
nismus cine selbstandige Emheit, auf sich selbst aufgebaut, ist, 
konnen alle Krafte, die in der Menschheit veranlagt sind, auf dem 
Gebiet des geistigen Lebens wirklich entfesselt werden, dann kann 
das Geistesleben sich in seiner vollen Fruchtbarkeit entwickeln. Das 



scheint doch wohl zunachst wenigstens in einer Art abstrakten 
Form auf die Notwendigkeit hinzuweisen, das Geistesleben, das 
auf seine eigenen Prinzipien, auf seine eigenen Impulse aufgebaut 
werden mufi, abzugliedern von all dem, was im Demokratischen 
aufgeht. 

Ebenso aber mufi, wie das Geistesleben abgegliedert werden mufi 
von dem blofien Staatsleben, auf der anderen Seite von diesem 
abgegliedert werden auch das Wirtschaftsleben. Da betritt man 
allerdings ein Gebiet, auf dem man heute weniger Gegner findet als 
beim Geistesleben. Beim Geistesleben, insbesondere beim Schulwe- 
sen, ist es in den letzten drei bis vier Jahrhunderten iiblich gewor- 
den, denjenigen allein als einen aufgeklarten Kopf zu betrachten, der 
die Macht des Staates iiber das Schulwesen als das Richtige betrach- 
tet, der sich gar nicht denken kann, daft man ohne in Klerikalismus 
oder dergleichen zu verfallen, wiederum zuriickgehen konnte zur 
Selbstandigkeit des Geisteslebens. 

Beim Wirtschaftsleben liegen im Grunde die Dinge ahnlich. 
Wahrend das Geistesleben es zu tun hat mit demjenigen, was als 
Fahigkeit im Menschen veranlagt ist, was in freier Weise entfaltet 
werden mufi, was gewissermaften der Mensch durch seine Geburt 
hier ins physische Dasein hereintragt, hat es das Wirtschaftsleben zu 
tun mit dem, was auf der Erfahrung aufgebaut sein mufi, was 
aufgebaut sein mufi aus dem, wohinein man wachst, indem man in 
einem bestimmten Wirtschafts gebiet mit seiner Berufstatigkeit auf- 
geht. Daher kann im Wirtschaftsleben wiederum das nicht mafige- 
bend sein, was aus dem demokratischen Leben stammt, sondern nur 
dasjenige, was aus fachlichen und sachlichen Untergriinden heraus ist. 

Wie lassen sich diese fachlichen und sachlichen Untergriinde dem 
Wirtschaftsleben geben? Eigentlich alle nicht durch eine Art von 
Korporation, durch eine Art von Organisation, die man heute so 
sehr liebt, sondern einzig und allein durch dasjenige, was ich nennen 
mochte Assoziationen. So daft sich aus den Menschen, die sich in die 
Berufe hineinleben, die wirklich sach- und fachkundig auf dem 
Gebiet des Wirtschaftslebens werden, Assoziationen bilden. Nicht 
daft man die Menschen organisiert, sondern daft sie sich zusammen- 



schliefien nach sachlichen Gesichtspunkten, wie sie sich ergeben aus 
den einzelnen Wirtschaftszweigen heraus, aus dem Verhaltnis von 
Produzenten und Konsumenten, aus dem Verhaltnis der Berufs- 
zweige und Wirtschaftszweige. Da ergibt sich - das konnen Sie in 
meinen Schriften deutlicher nachlesen in seinen Einzelheiten - sogar 
ein gewisses Gesetz, wie grofi solche Assoziationen sein diirfen, wie 
sie sich zu gestalten haben, wodurch sie schadlich werden, wenn sie 
zu grofi werden, wodurch sie schadlich werden, wenn sie zu klein 
werden. Man kann durchaus dadurch ein Wirtschaftsleben begriin- 
den, dafi man es auf solche Assoziationen aufbaut, indem man alles 
das, was innerhalb solcher Assoziationen aus rein wirtschaftlichem 
Impuls heraus in der sozialen Struktur bewirkt wird, eben nur auf 
das Sachliche und Fachliche stellt. Es weift gewissermafien jeder, an 
wen er sich zu wenden hat mit dem oder jenem, wenn er weifi, er ist 
so oder so durch die soziale Struktur der Assoziationen mit dem 
anderen zusammengekettet, er hat sein Produkt in einer solchen 
Weise durch eine Kette von Assoziationen zu leiten und derglei- 
chen. 

Ich kann naturlich hier, da ich kurz sprechen mufi, nur die 
Prinzipien der Sache skizzieren. Und so, mochte ich sagen,-mufi sich 
das geistige Leben selbstandig ausbauen aus seinen eigenen Kraften 
heraus, indem diejenigen, die es leisten, zu gleicher Zeit die Verwal- 
ter sind; ebenso das Wirtschaftsleben aus seinen eigenen Gesichts- 
punkten heraus, indem diejenigen, die im Wirtschaftsleben tatig 
sind, sich zusammenschliefien nach Grundsatzen des Wirtschaftsle- 
bens. Ist das Wirtschaftsleben selbstandig, dann wird sich dasjenige, 
was nur beruhen kann auf dem gleichen Urteil aller mundig gewor- 
denen Menschen, als der Inhalt des dritten Gliedes des sozialen 
Organismus, der eigentlichen staatlichen Gemeinschaft, ergeben. 

Ich weifi sehr eut, dafi viele Menschen einen wahren Schrecken 
bekommen, wenn man ihnen von dieser Dreigliederung des sozialen 
Organismus, die sich als notwendig erweisen soil fiir die Zukunft, 
spricht. Aber das geschieht nur aus dem Grunde, weil man gewohn- 
lich glaubtj nun soil der Staat auseinandergesplittert werden in drei 
Teile: Wie sollen diese drei Telle dann zusammenwirken? — In 



Wahrheit wird gerade dadurch, dafi diese drei Teile zu ihrer vollen 
Entfaltung gebracht werden auf die Art, wie ich es allerdings nur 
skizzieren konnte, die Einheit aufrecht erhalten, denn der Mensch 
als Einheit steht ja in alien drei Gliedern darinnen. Er wirkt mit in 
irgendeiner Weise an dem geistigen Organismus. Wenn er Kinder 
hat, so ist er interessiert an dem geistigen Organismus durch die 
Schule. Mit seinen geistigen Interessen ist er irgendwie verstrickt in 
den geistigen Organismus. Er tragt das, was er aus dem geistigen 
Organismus hat, da er mitwirkend ist als mundig gewordener 
Mensch im demokratischen Staatswesen, in seinen Taten, in seinem 
Leben auch in dieses demokratische Staatswesen hinein. Das aber, 
was offentliches Recht, was offentliche Sicherheit, offentliche Wohl- 
fahrt und so weiter ist, was angeht jeden mundig gewordenen 
Menschen, das wird auf dem Boden des einheitlichen Staatswesens 
entwickelt. Und mit den Verfassungen der Seele, die man da entwik- 
kelt im unmittelbaren Wechselverhaltnis von Mensch zu Mensch, 
tritt man wieder ein im Wirtschaftsleben in sein spezielles Gebiet, in 
dem man verkettet ist durch verschiedene Assoziationen, in denen 
man tatig ist. Man tragt das, was man aus dem Geistesleben, aus dem 
Staatsleben hat, in dieses Wirtschaftsleben hinein, befruchtet es 
durch das, halt es aufrecht, bringt Recht und bringt geistige Befruch- 
tung hinein in dieses Wirtschaftsleben. Der Mensch selbst bildet die 
Einheit zwischen dem, was nicht Gliederung in Stande ist. 

Man hat mir vielfach eingewendet, da wiirde man wiederum 
zuriickgehen auf dasjenige, was im alten Griechenland Nahrstand, 
Wehrstand, Lehrstand umfafit hat. Ein solcher Einwand bezeugt 
nur, wie sehr oberflachlich man heute oftmals solche Dinge betrach- 
tet. Denn nicht um eine Gliederung der Menschen selber, nicht um 
eine Einteilung in Stande, sondern darum handelt es sich, dafi das 
aufiere Leben in seinen Einrichtungen dreigegliedert wird. Gerade 
dadurch, dafi der Mensch sich drinnen befindet in einem solchen 
dreigegliederten sozialen Organismus, ist es moglich, dafi alle Stan- 
de aufhoren, dafi wirkliche Demokratie eintritt. Darauf weist, ich 
mochte sagen, fur jeden Unbefangenen mit einer inneren Notwen- 
digkeit gerade die Entwickelung der modernen Staaten. 



Sehen wir denn nicht, dafi sie auf der einen Seite dem notwendi- 
gen Impuls nach Demokratie Redlining tragen miissen, aber dann 
die Demokratie wiederum verderben lassen dadurch, dafi selbstver- 
standlich aus dem Geistesleben heraus der Fahige im demokrati- 
schen Staatsleben immer mehr Gewicht haben wird als der weniger 
Fahige? In den Dingen, wo es auf die Fahigkeit ankommt, ist das 
ganz gerechtfertigt, zum Beispiel im geistigen Gebiet. Dagegen mufi 
das eigentlich demokratische Staatswesen frei und rein gehalten 
werden von solchen ubermachtigen Einfliissen besonders befahigter 
Personlichkeiten, denn es mufi eben ein Gebiet geben nach der 
Grundforderung der modernen Menschheit, in dem sich nur gel- 
tend macht dasjenige, was alien Menschen, die miindig geworden 
sind, in gleicher Weise zukommt. 

Das wirtschaftliche Gebiet zeigt im besonderen Mafie, wie un- 
moglich es ist, das einwirken zu lassen, was der Mensch durch seine 
besondere Artung sich als Fahigkeit im Wirtschaftsleben erwirbt. Er 
erwirbt sich dadurch vielleicht eine wirtschaftliche Ubermacht. Sie 
darf aber nicht zu einer sozialen Ubermacht werden. Sie wird es nur 
dadurch nicht, dafi dasjenige, was wirtschaftliche Macht ist, was 
innerhalb des Wirtschaftslebens verbleibt, unmoglich zu einer poli- 
tischen, zu einer rechtlichen Ubermacht werden kann. Alles dasjeni- 
ge, was heute gerade zur Karikatur der sogenannten sozialen Frage 
gefuhrt hat, das wiirde iiberwunden werden, wenn man sich einlas- 
sen wollte darauf, dafi das Wirtschaftsleben auf seinen eigenen 
Boden gestellt wiirde und das demokratische Staatsleben gerade 
dadurch ehrlich und aufrichtig wiederum auf seinen eigenen Boden 
sich stellen konnte. Die neueren Staaten lehren durch ihre Entwicke- 
lung, wie notwendig die Hinwendung der Menschheit zu solchen 
Prinzipien ist. Und daher gestatten Sie mir, dafi ich Ihnen neben den 
geschichtlichen Impulsen, die man aufnehmen mufi, um hinge- 
wiesen zu werden auf diese Idee der Dreigliederung des sozialen 
Organismus, zunachst einmal, ich mochte sagen, die zwei subjek- 
tiven Quellen noch etwas charakterisiere, aus denen seit langen 
jahren sich mir dieser Impuls von der Dreigliederung des sozialen 
Organismus ergeben hat. 



Die eine Quelle ist die, dafi man mit geisteswissenschaftlichen 
Erkenntnissen, die ich mir ja als meine Lebensauffassung zu vertre- 
ten erwahlt habe, iiber gewisse Entwickelungsbedingungen der 
Menschheit sich anders unterrichten kann, als aus der heute gang 
und gaben materialistisch-naturwissenschaftlichen Weltanschau- 
ung heraus. Diese heute gang und gabe materialistisch-naturwissen- 
schaftliche Weltanschauung kann eigentlich zu einer wirklichen 
Erkenntnis des geschichtlichen Werdens der Menschheit nicht 
kommen, denn das, was wir heute «Geschichte» nennen, ist im 
Grunde genommen mehr oder weniger eine Fable convenue. Wir 
treiben heute so Geschichte - und wollen dann fiir die sozialen, fur 
die politischen Aufgaben der Gegenwart aus dieser Geschichte 
etwas lernen -, dafi wir uns vorstellen, das Folgende im Menschen- 
werden ist immer die. Wirkung des Vorhergehenden, dieses Vorher- 
gehende wiederum die Wirkung eines Weitervorhergehenden und 
so weiter. Eirie wirklich sachgemafie, nicht bloft auf Analogien 
beruhende Vergleichung des ganzen Werdens der Menschheit mit 
dem Werden des einzelnen Menschen konnte einen heilen von 
diesem Irrtum. 

Wenn ich den einzelnen Menschen sich entwickeln sehe, dann 
muE ich sagen: Was bei ihm auftritt in den ersten Lebensjahren, in 
den mittleren Lebensjahren, am Ende des Lebens, das stellt sich 
nicht blofi so dar, dafi ich von Ursache und Wirkung sprechen kann. 
Ich kann wahrhaftig nicht sagen, dafi der Mensch, der fiinfund- 
dreifiig Jahre alt wird, organisch nur dasjenige erlebt, was die 
Wirkung ist dessen, was er mit zwanzig oder fiinfundzwanzig 
Jahren erlebt hat, sondern wir sehen, indem der Mensch sich 
entwickelt, wie aus seinem Organismus heraus, aus seinem ganzen 
orga.nischen Sein und Wesen heraus gewisse Entwickelungsimpul- 
se, Entwickelungskrafte aufsteigen, die sich zu bestimmten Zeit- 
epochen ganz besonders wirksam zeigen. 

So mufS man fiir den einzelnen Menschen sagen, es gibt fiir ihn 
Lebensepochen: Wenn der Zahnwechsel eintritt ungefahr um das 
siebente Jahr herum, da finden wir, wenn wir nur ein Organ haben, 
die Sache zu beobachten, dafi das ganze Seelenleben des Kindes 



anders wird, daft das Kind von einem nachahmenden Wesen zu 
einem solchen wird, das Bediirfnis hat, unter eine gewisse Autoritat 
zu kommen, nach Urteilen von Menschen sich zu richten, wahrend 
es friiher nachahmte. Wiederum bei der Geschlechtsreife setzt auch 
deutlich eine Umwandlung des Seelenlebens ein. Man kann auch fur 
spatere Epochen diese Umwandlung des Seelenlebens bemerken, 
wenn man nur ein Organ dafur hat. 

Wie fiir den einzelnen Menschen nicht blofi Ursache und Wir- 
kung dastehen, sondern wie aus den Tiefen seines Wesens die 
Entwickelungskrafte aufschiefien, so ist es der Fall mit der ganzen 
Menschheit. Und studiert man Geschichte wirklich sachgemafi, 
dann findet man - um nur eines anzufuhren - so um die Mitte des 
14., 15. Jahrhunderts solch einen Einschnitt in der Entwickelung der 
ganzen zivilisierten neueren Menschheit. Da findet man gerade 
jenen Ubergang, der aus elementarer Notwendigkeit der Entwik- 
kelung heraus die neuere Menschheit mit ihren Forderungen eigent- 
lich erst hat entstehen lassen. Oh, es ist ein grofier Unterschied 
zwischen dem, was der Mensch als das Richtige fiir sich ansieht zu 
einem menschenwurdigen Dasein seit diesem 15. Jahrhundert, und 
dem, was der Mensch des Mittelalters dafur angesehen hat. 

Seelengeschichte - wir haben sie eigentlich gar nicht getrieben -, 
wie sie aus der Geisteswissenschaft hervorgehen kann, deren Repra- 
sentant unser Bau in Dornach ist, die fiihrt einen dazu, dasjenige, 
was ich das demokratische Prinzip genannt habe, als etwas in der 
neueren Menschheit so Auftretendes anzusehen, wie man die Eigen- 
schaften ansieht, die auftreten im einzelnen Menschen, sagen wir im 
Alter der Geschlechtsreife. Durch dieses Hinblicken auf die Tatsa- 
che, dafi die neuere Menschheit eben eine ganz andere ist, und dafi 
auch bei der ganzen Menschheit wie beim einzelnen Menschen 
Rechnung getragen werden mufi seinen Entwickelungsprinzipien, 
dadurch ergibt sich die Starke der Uberzeugung, da£ Demokratie 
etwas ist, wogegen man sich nicht steminen kann, dafi man aber, 
weil Demokratie etwas ist, was aus dem elementarsten Menschen- 
wesen heraufspriefit, gerade deshalb den sozialen Organismus drei- 
gliedern mufi, damit dasjenige, was demokratisch geordnet werden 



kann, eben in der Entwickehmg der Menschheit zu seinem Recht 
kommt. Das ist das eine, dieses geisteswissenschaftliche Hinblicken 
auf die Entwickelungsimpulse der Menschheit. Das andere ist die 
Beobachtung der Tatsachen des Voikerlebens. 

Da kann ich Ihnen alJerdings nur einzelne Beispiele angeben. 
Aber es ist immerhin interessant, an einzelnen Beispielen die Un- 
moglichkeit zu sehen, dafi die neueren Einheitsstaatsgebilde aus 
ihrer Einheit heraus zu einer wirklich lebensfahigen sozialen Struk- 
tur kommen. Es ist nur notwendig, um das zu zeigen, eben auf 
einzelne Beispiele hinzuweisen. Sie werden es begreiflich finden, 
da£ ich als Nicht-Schweizer nicht gerade die Schweiz als nahelie- 
gendes Beispiel anfuhre. Ich brauche nur zu erwahnen, dafi, was bei 
einzelnen Staatsgebilden Europas in so hohem Mafie schon einge- 
treten ist, auch bei den anderen nach und nach eintreten wird, und 
dafi es recht grofie Kurzsichtigkeit ist, wenn man immer wiederum 
darauf baut: Ach, bei uns ist es noch anders, wir brauchen uns nicht 
um das zu kummern, was sonstwo geschieht. 

Nun wahle ich vielleicht als ein Beispiel den Osten Europas, 
Rutland, nicht blofi deshalb, weil Rufiland durch sein heutiges 
tragisches Schicksal besonders bedeutsam ist fur die Menschenbe- 
trachtung, sondern weil Rutland nach den praktischen politischen 
Urteilen der fiihrenden englischen Politiker auch das Land ist, an 
dem sich am alleranschaulichsten, ich mochte sagen, wie an einem 
im Volkerleben sich abspielenden Experiment zeigen mufi, was fur 
Bediirfnisse und was fur Unmoglichkeiten im modernen Volker- 
leben walten. Nur einiges aus diesem russischen Volkswesen lassen 
Sie mich Ihnen hervorheben. 

Da tritt uns, mitten hineingestellt in den Ihnen ja sattsam bekann- 
ten russischen Absolutismus in den sechziger Jahren, die merk- 
wiirdige Einrichtung der Semstwos entgegen. Landschaftsversamm- 
lungen, wo sich die Vertreter des landschaftlichen Lebens, diejeni- 
gen Menschen, die im Wirtschaftsleben oder in sonstigen Lebensge- 
bieten in einzelnen Landschaften drinnenstehen, in gewissen Ver- 
sammlungen zusammenfinden, um, ich mochte sagen, nach Art 
eines Rates oder dergleichen, eines Kantonsrates, iiber diese Angele- 



genheiten zu beraten. Rutland ist von den sechziger Jahren an mit 
solchen Semstwos erfullt. Sie leisten eigentlich eine fruchtbare 
Arbeit; sie arbeiten zusammen mit etwas anderem, was Altherge- 
brachtes in Rufiland ist: den Mir-Organisationen der einzelnen 
Dorfgemeinden, eine Art Zwangsorganisation zum wirtschaftli- 
chen Leben des Dorfes. Da haben wir drinnenstehend erstens 
altdemokratische Gebrauche in der russischen Bauernorganisation, 
wir haben aber in dem Auftreten der Semstwos etwas Neueres, was 
durchaus nach dem Demokratischen hintendiert. Aber etwas hochst 
Merkwiirdiges zeigt sich. Und dieses Merkwiirdige wird noch 
auffalliger, wenn wir eine andere Erscheinung betrachten, wie sie 
sich ergeben hat in Rutland, bevor die Weltkatastrophe das alles 
vernichtet oder in ein anderes Licht gestellt hat. 

In Rufiland hat sich ergeben, dafi sich die Menschen der verschie- 
densten einzelnen Berufe untereinander assoziiert haben, und wie- 
derum, dafi Assoziationen entstanden sind von Beruf zu Beruf - 
Bankkassenbeamte, Bankkassenaustrager haben Assoziationen ge- 
bildet. Diese Assoziationen haben sich wiederum zu umfassenderen 
Assoziationen zusammengetan. Wer nach Rufiland gekommen ist, 
hat eigentlich seine Begegnungen gehalten nicht mit einzelnen 
Menschen, sondern er stiefi iiberall, wo er mit irgend etwas zu tun 
hatte, auf solche Assoziationen. 

Das alles schob sich hinein in das sonstige Staatsleben des Absolu- 
tismus. Nun, wenn man diese Semstwos, wenn man die Assozia- 
tionen, wenn man selbst die Mir- Organisation studiert, so bemerkt 
man eines. Gewifi, diese Organisationen erstrecken sich auch auf 
manche andere Gebiete des Lebens, Schuleinrichtungen und derglei- 
chen, aber da leisten sie nichts Besonderes. Wer sich auf ein 
unbefangenes Studium dieser Assoziationen einlafit - denn schliefi- 
lich gestalteten sich die Semstwos auch nicht zu Korporationen, 
sondern eigentlich zu Assoziationen, die Landwirte verbanden sich 
mit denen, die im Aufgange des industrieiien Lebens standen und so 
weiter -, wenn das auch alles einen solchen Charakter bekam, der 
wie eine offentliche Einrichtung aussah, in Wirklichkeit hatte man 
es mit Assoziationen zu tun, und sie alle leisteten Gutes. Aber was 



sie leisteten, leisteten sie eigentlich nur auf dem Boden des Wirt- 
schaftslebens. Und wir konnen sagen: In diesem Rufiland zeigt sich 
das Merkwiirdige, dafi ein auf Assoziationswesen begriindetes orga- 
nisches System entsteht. Es erweist sich weiter, dafi der russische 
Staat unfahig ist, irgend etwas mit dem anzufangen, was da im 
Werden ist. So dafi wir sagen konnen: Indem die Notwendigkeit der 
fruhkapitalistischen Entwickelung, wie sie in Rufiland auftritt, zu 
wirtschaftlichen Organisationen fiihrt, mxissen sich diese aus einer 
inneren Notwendigkeit heraus neben die politischen Institutionen 
hinstellen. 

Nun, etwas anderes Eigentumliches tritt in Rufiland auf im 19. 
und im Beginn des 20. Jahrhunderts. Ja, gewifi, der Absolutismus 
griindet seine Schulen; aber diese Schulen sind nichts anderes als, ich 
mochte sagen, ein Spiegelbild fur die Bedxirfnisse des absolutisti- 
schen staatlichen Lebens. Nun, ein Geistesleben entwickelt sich in 
Rufiland, ein intensiveres Geistesleben, als der Westen Europas 
annimmt. Aber wie mufi dieses Geistesleben sich entwickeln? 
Durchaus in Opposition, ja in revolutionarem Aufruhr gegen alles, 
was russisches Staatswesen ist. Man sieht, dieser stramm einheitlich 
organisierte Staat splittert sich auseinander in drei Glieder, aber will 
sich eigentlich blofi auseinandersplittern. Er kann es aber nicht. Er 
zeigt uns gerade an dem, was er erlebt, wie unmoglich es ist, mit dem 
Einheitsstaat diese drei vorziiglichsten Lebensgebiete der Menschen 
zus ammenzupres sen. 

Ich kann Ihnen das auch nur skizzieren. Wenn man im einzelnen 
studiert, wie sich diese drei Glieder im russischen Staatsleben dann 
hineinentwickeln in den Weltkrieg, wie sich aus dem Weltkrieg 
herausentwickelt zuerst die wirklich wesenlose Herrschaft Milju- 
kows, wie sich dann aber unter Kerenski etwas herausentwickelt, 
was man nennen kann die Umwandlung des Absolutismus in ein 
demokratisches Staatswesen, aber noch durchaus mit dem Glauben 
an die Allmacht des Einheitsstaates, dann kann man gerade an dem 
sehen, woran nach kurzer Regierungszeit Kerenski scheitern mufi, 
wie dieser demokratisch werden wollende russische Staat in die 
Unmoglichkeit versetzt ist, die wichtigsten Fragen, eine wirtschaft- 



liche Frage, die Agrarfrage eigentlich nur anzufassen, weil in der 
Agrarfrage die Assoziationen des russischen Lebens so sind, dafi an 
ihnen das, was an Demokratie versucht wird aus dem alten Absolu- 
tismus heraus, zerbricht. 

Gewifi, es zeigt sich alles eben auch in einer bestimmten konkre- 
ten Weise. Man kann nicht alles gleich darin sehen. Aber wer es 
unbefangen iiberblickt, dieses Werden Rufilands, sein Hinein- 
steuern in eine unmogliche sozialdemokratische Struktur, weil eben 
zersplittert ist der Einheitsstaat an der Unmoglichkeit, die drei 
Lebensgebiete zusammenzufassen, der wird sehen, da$ gerade die- 
ses Beispiel von Osteuropa ein sehr bedeutungs voiles ist und dafi die 
weitblickenden englischen Politiker wohl recht haben, die gerade 
Rufiland betrachten als dasjenige Feld, auf dem sich wie in einem 
Weltexperiment zeigt der Hergang der Entwickelung der Mensch- 
heit. 

Man konnte ganz Europa iiberschauen von solchen Gesichts- 
punkten, man wiirde iiberall sehen, wie der Einheitsstaat allmahlich 
sich auflost. Wenn er auch in manchen Gegenden noch festgefiigt 
erscheint, er wird sich auflosen, weil er nicht bewaltigen kann das 
richtige Zusammenwirken der drei menschlichen Lebensgebiete. 
Sehen Sie nur, wie in der neueren Zeit da, wo zum Beispiel der 
politische Sinn, die politische Gesinnung ganz das innerste Wesen 
des Menschen erfiillt, wie da die politische Gesinnung nicht Herr 
werden kann iiber das wirtschaftliche Leben. 

In dieser Beziehung bildet ein gutes Beispiel Frankreich. Frank - 
reich hat sich aus seiner Revolution im 18. Jahrhundert heraus das 
gerettet, was nun wirklicher innerer demokratischer Sinn ist, wenn 
auch dieser demokratische Sinn mit einem grofien Konservatismus 
in bezug auf das Familienleben gepaart ist. Wenn auch vieles 
zwi sehen dem Demokratischer. an philistroses Patriarchates erin- 
nert, so ist doch im tiefsten Wesen der Gesinnung des Franzosen die 
Tendenz nach der Demokratie vielleicht, wenn auch nicht am 
reinsten, so doch am starksten unter der europaischen Menschheit 
ausgesprochen. Dieser demokratische Sinn suchte sich zunachst im 
Staatsleben auszugestalten. Gerade durch diese Ausgcstaltung des 



demokratischen Sinns im franzosischen Staatsleben ist dieses auf der 
einen Seite abstrakt zergliedert worden in seine Departements; aber 
diese Departements sind wiederum in eine Einheit zusammengefafit 
worden. Das alles als Frucht der Franzosischen Revolution. 

Man braucht nur eines zu betrachten in dieser Struktur des 
franzosischen Staates: die Stellung des Departementsprafekten, und 
man wird sehen, in welch unorganischer Weise verkniipft ist das 
politisch-rechtliche, das staatliche Element mit dem wirtschaftli- 
chen Element. Der Prafekt ist eigentlich nichts anderes von einer 
gewissen Seite her als das ausfuhrende Organ der Pariser Regierung. 
Die Pariser Regierung hat, ich mochte sagen, wie zu ihren vielen 
Handen die verschiedenen Departementsprafekten. Aber der De- 
partementsprafekt wiederum muE in Verbindung stehen mit den 
wirtschaftlichen Interessengruppen seines Departements. So dafi, 
wenn eine Wahl in Frankreich ist, gewifi der Prafekt diese Wahl 
leiten wird, aber sie wird doch nicht anders ausfallen, als sie 
ausfallen kann aus dem, was der Prafekt den wirtschaftlichen Inter- 
essengruppen zugesteht. 

So sehen wir, wie in Frankreich Parteien vorhanden sind, Parteien 
unter Parteidevisen, unter Parteischlagworten wohl auch, wie aber 
diese Parteischlagworte viel weniger Reales bedeuten als dasjenige, 
was herauswachst aus den wirtschaftlichen Interessen des Departe- 
ments. In dieser Beziehung ist das Studium der einzelnen Tatsachen 
des franzosischen Lebens aufierordentlich interessant. Gerade an 
Frankreich sieht man, wie ein richtiges Zusammenwirken des recht- 
lich-staatlichen Wesens und des wirtschaftlichen Wesens zu einer 
gewissen offentlichen Wahrheit sich nicht umgestalten kann, weil 
das staatliche Element das wirtschaftliche nicht bewaltigen kann. 

Ich selbst habe, ich mochte sagen, jahrzehntelang aus unmittel- 
barer Anschauung das studiert, was da notwendig fiihren muftte 
zum Untergang, sagen wir Osterreichs. Dieses Osterreich konnte 
gar nicht anders als auf irgendeine Weise zugrundegehen. Denn als 
das neuere demokratische Leben heraufzog, da mulke es auch so 
etwas wie Demokratie in sein Staatsleben hereinbringen, in dieses 
Staatsleben, das vor alien Dingen seine geistige Struktur hatte von 



einer solchen Vielgestaltetheit in den Volkerschaften, dafi eigentlich 
dreizehn offizielle Sprachen in Osterreich vorhanden waren, das auf 
der anderen Seite ein kompliziertes Wirtschaftsleben hatte, an den 
Orient auf der einen Seite hin angelehnt, an Deutschland und an den 
Westen Europas auf der anderen Seite, an Italien und so weiter. Als 
nun auch etwas Demokratisches hineingebracht werden sollte in 
dieses dsterreichische Staatsleben, da wurde es so gebildet, dafi man 
einen Reichsrat gestaltete. In diesen Reichsrat wurden gewahlt vier 
verschiedene Sektionen: Die Kurie der Handelskammern, die Kurie 
der Grofigrundbesitzer, die Kurie der Stadte, Markte und Indu- 
strialorte und die Kurie der Landgemeinden. Geht man genauer auf 
den Grund: lauter Vertreter wirtschaftlicher Interessen, die wurden 
in das osterreichische Parlament gewahlt, da sollten sie den Staat 
gestalten. Sie brachten selbstverstandlich nichts zustande, als daft sie 
die wirtschaftlichen Interessen metamorphosierten in staatliche 
Interessen, und es entstand uberhaupt nichts von wirklichem Staate, 
sondern es entstand ein Konglomerat von wirtschaftlichen Interes- 
sen, gegen das sich dann aufbaumte das geistige Leben der verschie- 
denen Nationen, etwas, was notwendig aus inneren Griinden seiner 
Zersplitterung entgegengehen muftte. 

Etwas anderes noch konnen wir beobachten, was aber viel interna- 
tionaler und universell ist, und wir werden daran sehen, wie alles, 
was unbefangen betrachtet wird im neueren Leben der Menschheit, 
nach dieser Dreigliederung hintendiert. Denn nehmen Sie das Auf- 
falligste, was heraufgezogen ist, nehmen Sie, ich sage ausdriicklich 
nicht die soziale, ich sage die sozialdemokratische Frage. In Rut- 
land hat sich ja, weil das alte Staatsleben, als es sich demokratisieren 
wollte, zersplittert an der Unmoglichkeit, die drei Lebensgebiete so 
einheitlich zusammenzufassen, wie man es aus demokratischer 
Staatsauffassunj? heraus will, in Rutland hat sich ig er^eben- daft 
etwas vollig Fremdes wie dariibergestiilpt wurde iiber das russische 
Volkstum, und daft das, was nun heute in Rutland entfaltet wird, 
selbstverstandlich nichts anderes ist als etwas, was notwendiger- 
weise das soziale Leben, das es trifft, in den Untergang hineinfiihren 
muft. Was praktisch die Sozialdemokratie, die auf den Marxismus 



schworende sozialistische Richtung leisten kann, vor alien Dingen 
fur die wahrhaftig doch von dem innersten Menschen geforderte 
Demokratie, das zeigt sich gerade an dem traurigen Zustand des 
heutigen Rutland, von dem schon berichtet werden kann, dafi die 
Ideale der gutglaubigen Arbeiter so erfiillt werden, dafi man jetzt 
unter der Notwendigkeit der Verhaltnisse genotigt ist, den Acht- 
stundentag in den Zwolfstundentag zu verwandeln, dafi man anstel- 
le der gewohnlichen Organisation, in der der Arbeiter vermeint 
seine Freiheit zu finden, ein Militar-Arbeitsregiment einrichtet, das 
viel tyrannischer zu werden verspricht, als jemals das preufiische 
Militarregiment tyrannisch war. Das sind die Friichte des Leninis- 
mus, des Trotzkismus! 

Sie konnen auch nicht anders sein. Sie zeigen nur an dem radikal- 
sten Auswuchs, wie sich aus dem Proletariat heraus - denn die 
heutige russische Herrschaft gegeniiber den vielen Millionen des 
russischen Volks umfafk ja nur ein paar Millionen von Industriear- 
beitern, und im Grunde genommen ist dort heute eine Tyrannei der 
wenigen Millionen Industriearbeiter vorhanden -, wie sich eben die 
sozialdemokratische Stromung entwickelt hat. Wodurch hat sie sich 
entwickelt? Ja, wir konnen sagen: diese Sozialdemokratie, die sich 
besonders dadurch charakterisiert, daft sie alles Leben der Mensch- 
heit nur von der wirtschaftlichen Produktion herleitet, dafi sie alles 
geistige Leben nur wie eine Ideologic anschaut, wie etwas, was als 
ein Rauch aufsteigt aus der wirtschaftlichen Produktion, diese 
Sozialdemokratie, wie konnte sie entstehen? 

Diese Sozialdemokratie, die unter marxistischem Einflufi steht - 
ich meine nicht den gesunden Sozialismus, selbstverstandlich -, ist 
eigentlich die Sunde der biirgerlichen Stromungen, die in der neue- 
ren Zeit heraufgezogen sind, das Ergebnis der Sunde der biirgerli- 
chen Stromungen, konnte ich auch sagen. Denn sieht man iiberall 
hin, wurde man so, wie ich es an zwei Beispielen, an Frankreich und 
Rufiland gezeigt habe, die ganze zivilisierte Welt durchgehen in 
ihrer Entwickelung in der neueren Zeit, wiirde man iiberall sehen: 
das Wirtschaftsleben ist ein solches geworden, das durch die Tech- 
nik seinen Stempel aufgedriickt erhalten hat, das den Menschen 



hinweggeholt hat von seiner friiheren Verbindung mit seinem Be- 
ruf, ihn an die abstrakte, gleichgiiltige Maschine, in die gleichgiiltige 
Fabrik hineingestellt hat - und das Proletariat, es hat im Grunde 
genommen nichts anderes kennengelernt als das Wirtschaftsleben. 

In der neueren Zeit hatte man notwendig gehabt, dieses immer 
grower und grofier werdende Proletariat hineinzustellen in eine 
soziale Struktur. Man konnte nicht aus dem, was die geschichtliche 
Entwickelung in der Menschheit heraufgebracht hat, etwas gewin- 
nen, wodurch man gewissermafien eine einheitliche Struktur ausge- 
dacht hatte iiber diejenigen, die die Fiihrenden sind im Wirtschafts- 
leben, im geistigen Leben und so weiter, und diejenigen, die mit der 
Hand arbeiten miissen. Man hatte gewissermafien unterlassen, aus 
den alten Kraften neue Krafte herauszuentwickeln. Aus den alten 
Fiirstenstaaten entstanden nicht wirkliche Einrichtungen, die von 
der Demokratie getragen gewesen waren. So mufi man sagen, dafi 
eigentlich das, was moderne Sozialdemokratie ist, dadurch entstan- 
den ist, dafi von den fiihrenden Standen, von den fiihrenden Leuten 
in der neueren Geschichte das nicht bewaltigt werden konnte, was 
das Wirtschaftsleben heraufgebracht hat. Man hat die Staaten eben 
so organisiert gelassen, daft sie das immer wuchtender und wuchten- 
der werdende Wirtschaftsleben nicht umfassen konnten. Und so 
zeigt sich gerade an der Nichtbewaltigung dessen, was mit der 
Entstehung des Proletarischen in den Menschenseelen heraufge- 
zogen ist, die Tatsache, dafi aus dem, was man sich vom Staate 
vorstellen konnte, nichts Fruchtbares fur eine mogliche Struktur des 
sozialen Organismus hervorgehen konnte. 

Und so konnte ich noch vieles anfiihren, es wiirde Ihnen zeigen, 
dafi tatsachlich aus dem, was man beobachten kann, die Notwendig- 
keit folgt, die drei hauptsachlichsten Lebensgebiete des Menschen 
und der Menschheit auf ihren ei^enen Boden zu stellen. 

Uber diese Notwendigkeit konnte man wahrhaftig auch spre- 
chen, bevor diese furchtbare Katastrophe in der Welt heraufgezogen 
ist und die zerstorenden Krafte so klar geoffenbart hat in den letzten 
vier bis fiinf Jahren. Aber ich glaube nicht, dafi die Menschheit in der 
Zeit vor 1914, wo man nur in Illusionen lebte iiber das, was man als 



einen grofien, gewaltigen Aufschwung in der neueren Menschheit 
empfand, fiir ein Verstandnis dieser Notwendigkeit irgendwie zu 
gewinnen gewesen ware. Jetzt sind Zeiten heraufgezogen, in denen 
man nicht blofi theoretisch zu beweisen braucht, dafi eine solche 
Notwendigkeit besteht, sondern in denen Staaten, die ganz beson- 
ders den Gefahren des Einheitsstaates ausgesetzt waren, hinweg- 
gefegt worden sind in ihrer alten Form und vor der Notwendigkeit 
stehen, sich ganz neu aufzubauen. 

Wir sehen das ostliche ehemalige russische Staatswesen zersplit- 
tert, vor der Notwendigkeit, sich neu aufzubauen, aber auch vor der 
Ohnmacht, sich in gedeihlicher Weise neu aufzubauen, indem es 
sich gefallen lassen mufi, dafi ihm ubergestiilpt wird etwas, was 
niemals aus dem eigenen Volkstum heraus erwachst, sondern was 
wie eine allgemeine sozialistische Schablone, die auf alles anwend- 
bar ist, iiber das Volkstum driibergestiilpt wird. Und wir sehen zum 
Beispiel an Deutschland, wo eine verungliickte Revolution, die 
Revolution vom November 1918, wirklich viel erkennen lafk, wie 
aus den Verhaltnissen heraus sich nur ein Chaos, ein wirkliches 
Chaos, ergibt. Und das Auffallendste, ich mochte sagen, eigentlich 
Herzzerreifiende, im Leben des heutigen Deutschland ist, dafi die 
Menschen iiberall, wo man auf sie trifft und iiber offentliche 
Angelegenheiten mit ihnen zu sprechen hat, sich ratios zeigen. 
Warum zeigen sie sich ratios? Aus dem einfachen Grunde, weil das 
Dogma von dem Einheitsstaate in den Seelen festgewurzelt ist und 
weil die furchtbaren Lehren der letzten vier bis fiinf Jahre wahr- 
haftig noch nicht hinreichend waren fiir die Menschen, um die- 
ses Dogma aus ihnen auszutilgen. Ich habe manchen einzelnen ge- 
fragt, woher es denn kommt, dafi man so schlaft, dafi man nie- 
manden gewinnen kann zum Aufraffen fiir irgend etwas Positives 
nach der Richtung des Aufbaus. Die Leute gestanden ruhig: Ja, wir 
waren so und so lange im Schiitzengraben, wir haben nicht gewufit, 
ob wir in acht Tagen noch leben, es mufite uns allmahlich gleich- 
giiltig werden, ob wir in acht Tagen noch leben; sollte es uns 
jetzt nicht gleichgiiltig sein, was fiir soziale Einrichtungen in 
acht Tagen gemacht werden? Man fiigt sich in so manche Seelen- 



stimmungen hinein. So hat manch einer, wahrhaftig nicht blofi einer 
gesagt. 

Gewifi, die Zeitverhaltnisse machen manches erklarlich, aber 
etwas Grofieres, etwas Bedeutsameres ist die historische, die rein 
menschliche Notwendigkeit. Da gibt es nur ein Entweder-Oder. 
Und ich glaube, auch hier kdnnte schon eingesehen werden - da die 
Zustande wahrlich nicht weit weg sind, die geeignet sind, ihre 
Wellen nach ganz Europa hineinzuwerfen -, was eingesehen werden 
soli: das ist das Unmogliche, die drei Lebensgebiete, Geistesleben, 
Staatsleben, wirtschaftliches Leben in eine Einheit zusammenzu- 
bringen. Die Notwendigkeit sollte eingesehen werden, jedes dieser 
drei Gebiete auf seinen eigenen Boden zu stellen. 

Ich weifi sehr wohl, wieviel sich aus den alten Anschauungen 
heraus gegen diese Dreigliederung des sozialen Organismus ein- 
wenden lalk. Wer aber die gegenwartige Weltlage, wie ich sie an 
einzelnen Beispielen zu schildern versuchte, ins Auge fafit, der wird 
sich sagen: von alien anderen, mehr utopistisch gearteten Vor- 
schlagen, unterscheidet sich dieser nach der Dreigliederung des 
sozialen Organismus dadurch, dafi er nicht ein Programm gibt, dafi 
er durchaus nicht auftritt mit der Pretention des Alleswissens, 
sondern dafi er sagt : Wenn die Menschen sich sozial so gliedern, dafi 
ihr Bestes selbstandig in einem freien emanzipierten Geistesleben, 
dasjenige, worinnen alle miindig gewordenen Menschen gleich sind, 
in einem selbstandigen demokratischen Staatsleben, dasjenige, wo- 
rinnen alles aus wirtschaftlichen Unterlagen heraus sich entwickeln 
mufi, in einem selbstandigen Wirtschaftsleben herauskommt, dann 
wird dadurch gerade, dafi die Menschen aufgerufen werden zu 
einem sozialen Wirken, so etwas wie die Losung der sozialen Frage 
zustande kommen. 

Denn ich glaube nicht. dafi derienige, der das Leben kennt, 
mitgehen kann mit der oberflachlichen Anschauung, als ob die 
soziale Frage etwas ware, gestern entstanden, fur die man nur 
irgendwelche Ideen zu haben oder irgendwelche Schliisse aus dem 
Leben zu ziehen braucht, um ein Programm zu zimmern, und dann 
wird die soziale Frage gelost. sein. Solche Mixturen gibt es viele. 



Aber auf diesem Boden des Alleswissens steht der Impuls fiir die 
Dreigliederung des sozialen Organismus nicht. Er ist durchdrungen 
von der Uberzeugung, dafi die soziale Frage allerdings heraufge- 
kommen ist, dafi man sie iiberhaupt nicht von heute auf morgen 
oder mit irgendeinem Einzelnen losen kann: sie wird immer in der 
Zukunft da sein, sie wird unser Leben durchdringen, und die 
Losung kann nur darin bestehen, dafi man fortlaufend unter solchen 
Einrichtungen steht, dafi die taglich neu kommenden Schwierig- 
keiten nach und nach iiberwunden werden. Das ganze Leben in der 
Zukunft wird darin bestehen, dafi es eine Art Losung der sozialen 
Frage ist. 

Von dem, was die einzelnen Menschen wirken werden, indem sie 
in naturgemafier Weise in dem dreigegliederten sozialen Organis- 
mus arbeiten und urteilen konnen, davon erhofft der Impuls fiir die 
Dreigliederung dasjenige, was man eine Losung der sozialen Frage 
nennen konnte. Er will nicht die soziale Frage theoretisch losen, er 
will den Menschen die Moglichkeit geben, dafi alle im Zusammen- 
wirken, Zusammenurteilen die soziale Frage losen. Aber selbst das, 
was als Vorschlag gemacht werden kann - ich habe Ihnen heute nur 
eine Skizze geben konnen -, diese Charakteristik der drei Gebiete 
des sozialen Organismus, selbst das wird keineswegs von den 
Tragern dieses Gedankens als etwas betrachtet, was irgendein Dog- 
ma sein konnte. Das ist es allein, was ich mochte: dafi es diskutiert 
wurde, dafi moglichst viele Menschen durchdrungen waren von 
dem, was die Not der heutigen Zeit lehrt, dafi aus den besten Kraften 
des Menschenwesens heraus das getan werde, was zu einem Aufbau 
fuhren kann. 

Wenn so die guten Willen von den verschiedensten Seiten zusam- 
menwirken, dann kann eine fruchtbare Diskussion entstehen. Und 
auf eine solche fruchtbare Diskussion kommt es eigentlich denen an, 
die die Trager des Gedankens von der Dreigliederung des sozialen 
Organismus sind. Wenn diese glauben mussen, dafi sie nicht hatten 
hervortreten konnen, bevor die Not der Weltkatastrophe einge- 
treten ist - einigen Optimismus haben sie jetzt; allerdings, ich 
mochte sagen, einen traurigen Optimismus: dafi die sich immer 



weiter verbreitende Not die grofte Lehrmeisterin werden mufi, dafi 
gerade aus der Not die Menschen werden erkennen miissen, dafi so 
etwas, wie es sich heute aussprechen will - ich will nicht sagen schon 
in dem Inhalt, den wir zu geben vermogen iiber die Idee der 
Dreigliederung des sozialen Organismus, sondern in dem Impuls, 
den wir der offentlichen Diskussion geben mochten durch diese 
Idee dafi das irgendwie ernst genommen werden mufi. Viel wird 
davon abhangen, dafi solche Dinge ernst genommen werden kon- 
nen. Noch immer breitet sich aus iiber der europaischen Mensch- 
heit, iiberhaupt iiber der modernen zivilisierten Menschheit etwas 
wie eine Schlafrigkeit der Seelen, und wenn auch diejenigen, die 
heute schon wirken in der Bewegung fur die Dreigliederung des 
sozialen Organismus, das eine oder andere aus ihren Uberzeu- 
gungen getan haben, sie wissen: das Richtige wird erst kommen, 
wenn eine geniigend grofie Anzahl von Menschen sich auf die 
Einzelheiten der Sache einlafit. 

Wir haben ja schon die Moglichkeit gehabt, in der Waldorfschule 
in Stuttgart eine Freie Schule zu begriinden, in der Kinder zwischen 
dem sechsten, siebenten und dem vierzehnten und funfzehnten 
Lebensjahre in einer achtklassigen Volksschule nach den Grund- 
satzen eines freien Geisteslebens unterrichtet werden, so dafi sie 
aus einem freien Geistesleben heraus in eine soziale Ordnung 
hineinwachsen. Wir haben das Verschiedenste auf diesem Gebiet 
versucht, und auch wirtschaftliche Dinge sind in Aussicht genom- 
men, wo wir versuchen wollen, die verschiedensten Zweige des 
wirtschaftlichen Lebens unter die Gesichtspunkte der Dreigliede- 
rung zu stellen, sie zu organisieren, sie zu finanzieren nach diesen 
Gesichtspunkten; denn es wird vielleicht ganz besonders notwendig 
sein, um iiberzeugend zu wirken, dafi das Vorbild, dafi das Beispiel 
dastehe. Aber um dieses Beispiel in geniigendem Mafie zur Wirkung 
zu bringen, um es iiberhaupt in die Wirklichkeit hineinzustellen, 
ist eben vor alien Dingen notwendig, da£ eine geniigend gro£e 
Anzahl von Menschen sich an der Diskussion dariiber beteiligt, 
was der Impuls fur die Dreigliederung des sozialen Organismus 
eigentlich will. 



Zu diesem und nichts anderem mochte ich gern ein wenig ange- 
regt haben mit den allerdings ganz skizzenhaften Ausfiihrungen, die 
ich in dieser kurzen Zeit am heutigen Abend habe geben konnen. 

Es folgt eine Diskussion, in welcher verschiedene Fragen und Einwande 
gegeniiber den Ausfiihrungen des Vortrages laut geworden waren. 

Schlufiwort 

Eigentlich mufi ich gestehen, dafi wirkliche Einwendungen nicht 
vorgebracht worden sind. Ich begreife sehr gut, dafi angelehnt an 
das, was ich heute abend gesagt habe, die verschiedenartigsten 
Fragen gestellt werden konnen, und ich glaube, dafi es unmoglich 
ist, in einem einstiindigen Vortrag eine solche Frage so erschopfend 
zu behandeln, dafi nicht Hunderte und Tausende und vielleicht 
noch mehr Fragen im Anschlufi daran gestellt werden konnen. Ich 
mochte deshalb auch nur einiges bemerken, das vielleicht statt einer 
Antwort auf die verschiedenen Fragen, die ja wirklich mehrere Tage 
dauern miifite, wenigstens einige Andeutungen geben kann. 

Zunachst mit Bezug auf dasjenige, was der Herr Vorsitzende 
zuletzt gesagt hat, dafi keine klaren Formulierungen vorliegen iiber 
das, was die Dreigliederung eigentlich will. Sehen Sie, ich habe 
versucht, in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage», so 
gut es geht bei einer solchen Bewegung, die im Grunde genommen 
erst am Anfang ihres Wirkens ist, einzelne dieser Probleme zu 
besprechen, wie zum Beispiel das schon dargestellte der Zirkulation 
der Produktionsmittel, die ich an die Stelle der undurchfiihrbaren 
Vergesellschaftung der Produktionsmittel zu setzen habe und so 
weiter. Sie werden in den «Kernpunkten der sozialen Frage» mehr 
solcher Einzelheiten finden, als vielleicht vermutet wird. Ich mufi 
immer wieder betonen: wie ich versuche, diesen Dreigliederungsim- 
puls zu fassen, so ist er eigentlich aus dem ganzen, vollen Leben 
herausgeschopft, und das ganze, voile Leben hat eigentlich Dimen- 
sionen nicht nur nach zwei Richtungen, sondern immer auch 



Dimensionen nach den Tiefen, und da sind zuweilen die abstrakten 
Formulierungen nicht so einfach mit Konturen zu umschliefien, wie 
man das vielleicht wiinschenswert findet, weil natiirlich die einzel- 
nen Probleme erst ausgebaut werden miissen. Das bitte ich doch zu 
beriicksichtigen, daft die Bewegung am Anfang steht und daft ich am 
Schlufi meines heutigen Referates, wenn ich es so nennen darf, 
eigentlich aufgefordert habe gerade zu einer Diskussion. Ich glaube, 
daft erst aus einer Diskussion das recht Fruchtbare herauskommen 
wird. 

Nun mochte ich doch auf einzelne Fragen wenigstens andeutend 
eingehen. Ein wesentliches Miftverstandnis zwischen Herrn Dr. S. 
und mir wird gerade dadurch heraufgekommen sein, daft ich ja gar 
nicht spreche, wie der Herr Doktor das aufgefafit hat, von drei 
Parlamenten. Ich sehe gerade das Wesentliche dieser Dreigliederung 
nicht darin, daft man etwa heute das Einheitsparlament in drei 
Parlamente teile, sondern daft man ein Parlament im heutigen Sinn 
nur hat fur dasjenige, was demokratisch verwaltet respektive orien- 
tiert werden kann, daft aber die beiden anderen Gebiete eben nicht 
parlamentarisch verwaltet werden, sondern verwaltet werden aus 
dem, was sich aus ihnen selbst heraus ergibt. Es ist mir sehr schwer, 
in abstrakten Begriffen diese konkreten Dinge zu besprechen. Ich 
mochte daher die Antwort gewissermafien aufbauen. 

Ich habe gerade bei dem Einrichten der Waldorfschule mich 
wiederum eingehend befassen miissen mit all dem, was sich, ich 
mochte sagen, einem wie ein Querschnitt ergibt: das Ergebnis 
staatlicher Verwaltung fur das Schulwesen. Nicht wahr, ich hatte 
von zwei Seiten her die Waldorfschule zu konstituieren. Das eine 
war, dasjenige zugrunde zu legen, was ich glaubte, aus den bloften 
Anforderungen des geistigen Lebens selbst als Impuls der Waldorf- 
schule zu geben. Auf der anderen Seite durfte ich selbstverstandlich 
nicht in die Luft bauen. Das heifit, ich muftte eine Schule schaffen, 
bei der es rndglich ist, daft die Schiller, die abgehen, zum Beispiel mit 
dem vierzehnten Jahr oder auch meinetwiilen dazwischen abgehen, 
sich wiederum anschlieften konnen an das and ere Schulleben. Da 
muftte ich selbstverstandlich mich mit den Lehrplanen auseinander- 



setzen. Nun, nicht wahr, da stiefi ich zunachst - ich bitte, zu 
verzeihen, dafi ich auf ganz Konkretes eingehen mufi, aber ich 
glaube mich so am besten zu verstandigen -, da stieft ich auf die 
Lehrplane. Die Lehrplane sind staatlich festgesetzte Umschrei- 
bungen des Lehrstoffes, des Lehrzieles und so weiter. Etwas anderes 
ist es, wenn man als padagogischer und didaktischer Kiinstler rein 
aus der Wesenheit des Menschen studieren kann, wie vom siebenten 
zum vierzehnten Jahre das ablauft, was an den Menschen da heran- 
gebracht werden soil. Ich stehe auf dem Standpunkt der Uberzeu- 
gung, dafi durchaus von dem sich entwickelnden Menschen fur 
jedes Jahr die Lehrziele abgelesen werden konnen. 

Nun mochte ich, dafi derjenige die Lehrziele festsetzt, der im 
lebendigen Unterricht drinnensteht, und nicht derjenige, der her- 
ausgerissen wird und Staatsbeamter wird, der also iibergeht von 
dem lebendigen Lehren zur Demokratie. Ich mochte also, daft das, 
was das geistige Leben umfafit, von denen verwaltet wird, die noch 
drinnenstehen, die dieses geistige Leben aufbauen. Also es kommt 
darauf an, dafi die ganze Struktur der Verwaltung aufgebaut ist auf 
dem Gefiige eines Geisteslebens selbst. Nicht wahr, ich mufite zum 
Beispiel heute noch die Einteilung treffen, da£ die Kinder, wenn sie 
drei Klassen absolviert haben, sich wiederum anschliefien konnen - 
um dazwischen Freiheit zu haben nach weiteren drei Jahren, mit 
dem zwolften Jahre, wiederum sich anschliefien konnen. Also ich 
mufite einem Aufieren gerecht werden. 

Das ist das Wesen der Dreigliederung. Sie steht iiberall auf einem 
realen Boden, mufi auch aus einem realen Boden heraus arbeiten. 
Aber wenn man einen realen Boden hat, hat man nicht irgend etwas 
Unbestimmtes. Das Geistesleben ist doch da, es hat doch eine 
Verwaltung, einfach dadurch, dafi der eine in der Position, der 
andere in einer anderen Position steht. Ich mochte nun in dieser 
Loslosung des Geisteskorpers vom Staatskorper einfach, dafi die 
Verwaltung sich hierarchisch gestalte, und ich glaube - selbstver- 
standlich ist das natiirlich etwas, was jetzt nicht so schnell ausge- 
fuhrt werden kann -, dafi die hierarchische Verwaltung alle Unvoll- 
kommenheiten haben wird. Ich weifi, was ganz besonders von 



Dozenten eingewendet wird, aber vielleicht sind sogar zu solchen 
Ubergangen manchmal grofiere Unvollkommenheiten notwendig, 
damit man auf etwas Vollkommenes kommt, aber worum es sich 
handelt, das ist, dafi sich nach und nach nur aus den rein padagogi- 
schen und didaktischen Bedingungen und weiteren Bedingungen 
des Geisteslebens eine rein didaktische Korperschaft des Geistes- 
lebens bildet, die so verwaltet, wie es im Sachlichen begriindet ist, 
nur etwas abstrakt anklingend an die Klopstocksche «Gelehrtenre- 
publik», und dafi so etwas auf dem Gebiet des Geisteslebens 
tatsachhch moglich ist, wenn man nur den guten Willen hat, es zu 
begriinden. 

Ich denke mir, daft dann sehr deutlich hervortreten wird - lassen 
Sie mich etwas Konkretes erwahnen, ein Beispiel herausgreifen -, 
dafi die Padagogik, hochschulmafiig betrieben, zu den schlechtesten 
Disziplinen bis jetzt gehort hat, wenigstens in ganz Mitteleuropa. In 
der Regel ist sie irgendeinem Padagogen aufgehalst worden, der sie 
im Nebenfach betrieben hat. In einer solchen Gelehrtenrepublik 
kann derjenige, der sich tuchtig erweist, drei Jahre abgerufen wer- 
den, kann Padagogik lehren, dann wiederum zuriickkehren in das 
Lehrfach. 

Was aber die aufiere Konstitution betrifft, mufi ich sagen, es ging 
im kleinen bis jetzt vorziiglich bei unserer Lehrerschaft der Waldorf - 
schule in Stuttgart. Da ist gleich eingangs die Frage aufgetaucht: 
Wer wird der Direktor sein? - Selbstverstandlich niemand; wir 
haben einfach gleichberechtigte Lehrer durch alle Klassen, und einer 
aus dieser Lehrerschaft, der etwas weniger Stunden hat als die 
anderen, der besorgt die Verwaltungsdinge. Dabei sieht man schon 
jetzt, daft die tuchtigen Lehrer auch eine gewisse Autoritat liber die 
anderen haben, eine naturgemafie Autoritat, und ein gewisses hierar- 
chisches System bildet sich heraus. Das hraucht aber gar kerne 
Beantwortung der Frage zu sein, wie der Herr Oberrichter L. 
gemeint hat: Wer befiehlt? - sondern das macht sich von selber. Ich 
werde mich natiirlich hiiten, Namen zu nennen; aber es bildet sich 
dies heraus. Also auf dem Gebiet des Geisteslebens. . . 



Wie fragen Sie die Eltern iiber den Lehrstand? Das ist doch Diktatur! 

Fachlich-sachlich! Gewift, nennen Sie es meinetwillen Diktatur, 
auf den Namen kommt es mir da nicht an. Insofern ist es eine 
Diktatur, als nicht der einzelne entscheidet. Da Sie Wissenschafter 
sind, werden Sie es leicht verstehen, wenn ich sage: iiber die 
Richtigkeit des pythagoraischen Lehrsatzes schadet es nicht, wenn 
eine «Diktatur» entscheidet, weil eine gewisse Notwendigkeit in der 
Sache liegt. 

Und der Religionsunterricht? 

Da handelt es sich darum, daft manche theoretischen Fragen 
nunmehr iibergehen in didaktische Fragen. Beim Religionsunter- 
richt, wie er geordnet ist in der Waldorf schule, wobei ich nicht sagen 
will, daft er immer so geordnet wird, weil vielleicht auch da eine 
Entwickelung stattfindet, handelt es sich darum, daft es zunachst 
meinetwillen opportun oder so etwas ist, daft zum Beispiel dasjeni- 
ge, was ich geben konnte als einen padagogischen und didaktischen 
Unterrichtskurs, sich nur in der Methodik auftert, nicht in der 
Weltanschauung, sondern in der Handhabung des Unterrichts. Die 
Waldorfschule soli nach keiner Richtung hin eine Weltanschauungs- 
schule sein. Das ist nur dadurch zu erreichen gewesen, daft meine 
Einrichtungen sich alle auf das Padagogisch-Didaktische bezogen 
und aus dem heraus arbeiten. Die Kinder, die von katholischen 
Eltern kommen, haben ihren katholischen Religionsunterricht, die 
Kinder, die von evangelischen Eltern kommen, haben ihren evange- 
lischen Religionsunterricht von dem jeweiligen katholischen und 
evangelischen Pfarrer. Nun, da gab es sich, daft eine grofte Anzahl 
Proletarierkinder und auch Anthroposophenkinder da waren und 
daft auch verlangt wurde ein freier Religionsunterricht. Und die 
Kinder, deren Eltern einen freien Religionsunterricht verlangen, die 
bekommen von uns ihren freien, aus unseren Uberzeugungen her- 
vorgehenden Religionsunterricht. Also in dieser Frage entscheidet 
eine Gefuhlswahrheit, verbunden mit gewissen sozialen Trieb- 
kraften. 

Die Dinge nehmen sich natiirlich im Werden anders aus als nach 



einiger Zeit. Aber gerade an der Praxis zeigt es sich, dafi man 
vorwartskommen kann, wenn man fur die geistigen Angelegen- 
heiten kein Parlament will. Deshalb kann ich auch nicht mit den 
«drei Parlamenten» mitgehen, kann auch nicht die Frage beant- 
worten, «wenn der Kerenski drei Parlamente gehabt hatte. . .»; das 
ist es eben, dafi er in seinem einen die Agrarfrage hatte losen sollen 
und gescheitert ist daran. Ich sehe zum Beispiel keinen Kausalnexus 
zwischen Dreigliederung und dem, was vorher war, ich wollte nur 
darauf aufmerksam machen, dafi dasjenige, was vorher war, scheiter- 
te an den drei Lebensgebieten, die ich nicht als zwei oder vier oder 
noch mehr nehmen kann, weil es nur drei sind. 

Dr. S.: Den Einwand habe ich auch nicht im Ernst erwogen. 

Dr. Steiner: Das habe ich auch nicht anders aufgefafit! Ich frage 
mich nun, nachdem der Staat gescheitert ist an der Einrichtung der 
drei Parlamente, die er bildete, wie man durch einen neuen Anfang 
weiterkommen kann, nicht durch einen Kausalnexus, wobei aber 
allerdings dasjenige bestehen bleiben mufi, was Gutes ist. Sie sehen, 
die Elemente der Beantwortung Ihrer Fragen liegen in dem, was Sie 
sagten. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet wiinsche ich kein Parla- 
ment; um Gottes willen keine Demokratie auf wirtschaftlichem 
Gebiet! Aber eine nun nicht hierarchisch, sondern aus der Sache 
selbst hervorgehende Ordnung. 

Nun stehen durchaus nicht einfach nebeneinandergeordnet diese 
Gebiete, sondern wenn Sie meine «Kernpunkte» nachlesen, so 
werden Sie finden, dafi die Zirkulation der Produktionsmittel im 
wesentlichen mitbestimmt wird gerade durch das, was im Geistigen 
bestimmt wird, so dafi also das Geistige direkt heniberwirkt in das 
Wirtschaftliche. Und so wird vieles im wirtschaftlichen Leben in 
bezug auf die Stelkmg, die einer hat, bestimmt aus der geistigen 
Organisation heriiber. Ich will also sagen, in der geistigen Organi- 
sation wird es sich ja auch handeln um die Feststellung, ob ein 
Mensch zu dem oder jenem fahig ist und dafiir ausgebildet wird; 
davon hangt es ab, in wclche wirtschaftliche Position er hineinge- 
steilt werden kann. 



Das mulS natiirlich nun gemeinschaftlich geschehen zwischen 
dem Wirtschaftlichen und dem Geistigen. Dadurch, dafi er zu 
diesem oder jenem befahigt ist, wird er schon einem anderen 
iibergeordnet sein, der in einer anderen Position drinnensteht. 
Daraus entwickelt sich nichts Hierarchisches, aber in einem gewis- 
sen Sinne auch nichts Biirokratisches. Jedes biirokratische Parla- 
ment fiir das Wirtschaftswesen fiihrt nur zur Auflosung des Wirt- 
schaftswesens. So dafi also das Wesentliche bei mir liegt in der Art 
und Weise, wie die drei Glieder organisiert sind, und man kann 
nicht sagen: jeder wird in drei Parlamenten drinnenstehen; es ist nur 
ein Parlament, in dem jeder drinnenstehen kann, aber nur auf der 
Urteilsfahigkeit eines jeden miindig gewordenen Menschen beru- 
hend. Also sagen wir, um das wichtigste Gebiet herauszuheben: alle 
Rechtsfragen. Die Rechtsfragen sind tatsachlich so, dafi sie zum 
mindesten im Interesse jedes miindig gewordenen Menschen liegen, 
und ich mochte sagen, selbstverstandlich, jeder miindig gewordene 
Mensch ist ja auch nicht idealiter gleich fahig mit jedem anderen 
miindig gewordenen Menschen. Dafiir aber ergibt ein gewisses 
arithmetisches Mittel doch das Entsprechende in bezug auf die 
Rechtsfragen. Da miilke man jetzt auf die Theorie der Rechtsbe- 
griindung iiberhaupt zu sprechen kommen. Das Recht beruht 
eigentlich nicht auf dem Urteil, sondern auf der Empfindung, auf 
den Gewohnheiten, die aus dem Wechselspiel der zusammenwoh- 
nenden Menschen entstehen. Dariiber lafit sich urteilen, wenn 
zusammengehorige Menschen dariiber urteilen. Ich glaube nicht, 
Herr Doktor S., dafi der einzelne Mensch deshalb das richtige Recht 
zu finden braucht, aber zusammen werden sie es finden. Das macht 
die Demokratie. Ich sehe viel Wichtigeres im Wechselspiel als im 
einzelnen. Also ich mochte die miindig gewordenen Menschen im 
demokratischen Parlament haben und sie da beschliefien lassen 
hauptsachlich iiber Rechtssachen, aber mit Recht auch iiber Wohl- 
fahrtseinrichtungen, weil da auch jeder miindig gewordene Mensch 
entscheiden kann; selbstverstandlich in viel en Dingen nicht iiber das 
Sachliche und Fachliche. 

Nun, der Achtstundentag, der ist etwas, was iiberhaupt fiir die 



Dreigliederung des sozialen Organismus ernsthaftig doch nicht in 
Frage kommen kann, denn was heifit eigentlich Achtstundentag? 
Ich mufi gestehen, ich renommiere nicht, aber den grofiten Teil des 
Jahres arbeite ich viel mehr als acht Stunden und finde es durchaus 
nicht irgendwie iibertrieben, und ich glaube nicht, dafi es moglich 
ist, ohne eine Untergrabung unseres wirklichen sozialen Lebens 
einen solchen Achtstundentag festzulegen. In meinen «Kern- 
punkten der sozialen Frage » finden Sie deshalb ausgefiihrt, dafi alles 
das, was sich auf die Zeit der Arbeit bezieht, innerhalb des demokra- 
tischen Staatswesens festgesetzt wird, und auf Grundlage dessen 
kommen dann die Vertrage zustande iiber die Verteilung der Ertrag- 
nisse, nicht Arbeitsvertrage, sondern Vertrage iiber die Verteilung 
des Ergebnisses zwischen dem, was ich Arbeitsleiter nenne, und 
zwischen dem, was ich eben Arbeiter nennen mufi. 

Also das im Rechtsparlament? 

Im Rechtsparlament wird die Zeit und die Art der Arbeit be- 
stimmt. Da ist der Handarbeiter ganz gleich mit dem geistigen 
Arbeiter, denn der geistige Arbeiter kann nicht seine Interessen 
geltend machen. Man kann sich gegenseitig verstandigen mit gutem 
Willen, aber man kann nicht irgendwelche Anforderungen stellen, 
die sich auf das Wirtschaftsleben selbst beziehen, nicht Export und 
Import nach parlamentarischen Gesetzen regeln, sondern das mufi 
studiert werden aus den wirtschaftlichen Bedingungen heraus, aus 
sachlich-fachlichen Vorkenntnissen heraus. Dadurch, dafi ich zwan- 
zig Jahre in einem Betrieb stehe, habe ich auch einen anderen 
moralischen Kredit bei meinen Mitmenschen, als wenn ich nur ein 
Jahr drinnenstehe. Im demokratischen Leben kommt es nicht in 
Betracht, ob ich ein frecher junger Dachs mit einundzwanzig Jahren 
bin, um iiber irgend etwas zu urteilen. Im Wirtschaftsleben kommt 
es einfach darauf an, dafi die Lebenserfahrung in Rechnung gezogen 
wird. Das ist einfach notwendie zum Heil der Menschheit. 

Ich habe absichdich die Frage des Achtstundentages gestellt. Wenn man nun einen 
Vierstundentag hatte, was kann der Leiter machen? Mir liegt an dem Achtstundentag gar 
nichts. Ich arbeite auch mehr. Ich meine die Regelung der Arbeitszeh. 



Gut. Die Sache ist diese: Wenn das demokratische Parlament 
einen Vierstundentag beschliefit, so wird dieser Vierstundentag 
innerhalb des Wirtschaftslebens entweder ausreichen, um das Wirt- 
schaftsleben zu fiihren, oder er wird nicht ausreichen. Nicht wahr, 
dann wird es sich darum handeln, dafi jeder wiederum aus seiner 
mundig gewordenen Vernunft einsieht - die Anderung ist namlich 
auch notwendig auf demokratischem Weg durchzufiihren -, dafi auf 
demokratischem Weg wiederum die Anderung zustande komme, 
nicht auf einem anderen Weg, 'nicht dadurch, dafi der wirtschaftlich 
Machtigere etwa einen Druck ausxiben kann. Also das, was besteht 
als Rechtsverhaltnisse des Wirtschaftslebens, gehort hinein in das 
demokratische Parlament. Was aber die wirtschaftliche Frage ist - 
nicht wahr, was ist nicht eine wirtschaftliche Frage? Man kann 
sagen: Kann man denn das geistige Leben uberhaupt trennen von 
dem wirtschaftlichen Leben? - Hier hat man mit Recht die Geldf ra- 
ge eingewendet; es kostet etwas. Nun, darum sehe ich im Wirt- 
schaftsleben Assoziationen entstehen aus den einzelnen Zweigen 
des Wirtschaftslebens, die sich verweben, von verwandten und 
nichtverwandten Zweigen, Produktion, Konsumtion und so weiter. 
Dies im einzelnen zu schildern, wiirde zu weit fiihren. 

Worauf es ankommt, ist das: die verschiedenen Angehorigen des 
Geisteslebens, die sind in ihrer Verwaltung des Geisteslebens das, 
was ich geschildert habe fur das Geistesleben; als Teilnehmer am 
Wirtschaftsleben bilden sie wirtschaftliche Konsumenten und sind 
Glieder, Assoziationen, die zum Wirtschaftskorper gehoren. Was 
ich trenne, ist das Leben; es ist nicht eine abstrakte Trennung in drei 
Korperschaften, sondern es ist das Leben, das gegliedert wird. Nicht 
wahr, das geistige Leben wird tatsachlich hierarchisch verwaltet, 
aber das wirtschaftliche Leben all der geistig Wirkenden, das steht 
im Wirtschaftsleben der Assoziationen drinnen. Also in ihrem 
Wirtschaften sind Lehrer und so weiter auch durchaus Wirtschafts- 
korper, Wirtschaftsorganisationen. Und so wirken die Verschie- 
denen tatsachlich durcheinander. Und das lafit sich ja wirklich nur 
im einzelnen verfolgen; wie schlieElich, wenn man Chemie darstel- 
len will, in einer Stunde auch nicht alles vorgebracht werden kann, 



sondern man muE eben auf das verweisen, was dann im einzelnen 
durchzufiihren ist. 

Dafi aber, um eine Frage des Herrn Oberrichters L. zu beant- 
worten, leichter gewisse Fragen dem einfach miindig gewordenen 
Menschen zu behandeln und zu beantworten sind als sachiiche 
Fragen, ich meine, das ist doch schliefilich auf der Hand liegend. 
Gewisse Sozialisten - sie sind wirklich nicht mehr dutzend-, son- 
dern schockweise aufgetreten in der Zeit, nicht wahr, als man 
plotzlich in Deutschland driiben sich wieder regen durfte gewisse 
Sozialisten haben sich vorgestellt, wie man die einzelnen Zweige 
organisieren kann und so weiter, indem sie das, was sie als politische 
Agitatoren gelernt haben, daraufgestiilpt haben auf das Wirtschafts- 
leben. Das ist ja das grofie Ungliick in der heutigen politischen 
Diskussion, dafi eigentlich die Leute eine gewisse Schulung nur 
erlangt haben bei dem rein politischen Kampf, bei den Warden und 
so weiter, aber nun nicht eingehen konnen auf das Wirtschaftsleben. 

Im Grunde genommen haben sozialistische Agitatoren zumeist 
keinen Dunst vom Wirtschaftsleben und fur die Bedingungen des 
Wirtschaftslebens erst recht nicht. Und so sind die verschiedensten 
Utopien aufgestellt worden, wie man nun das oder jenes gliedern 
kann. Ich will zum Beispiel erwahnen, wie Industriezweige, die auf 
einem feinen, minuziosen Ineinandergreifen von ganz Verschie- 
denem beruhen, mit ihrem Export zurechtkommen sollen, wenn sie 
nach einer Mollendorffschen Planwirtschaft oder dergleichen orga- 
nisiert werden sollen. Es kommt darauf an, gewisse Dinge, die nur 
aus einem Wirtschaftsorganismus heraus verwaltet werden konnen, 
nicht regierungsmafiig, sondern aus sich selbst heraus zu verwalten. 

Charakteristisch ist es zum Beispiel, wenn gesagt wird: Man kann 
heute die Schule nicht herausnehmen aus dem Staate, man lafit sich 
das nicht gefallen, und in einem sozialistischen Staat ist es nicht 
notwendig. - Wer die Verhaltnisse, die in der Menschheit wirklich 
sind, nicht die, die m den Kopfen der politischen Agitatoren spuken, 
kennt, der mufi sich sagen: im sozialistischen Staate ware es erst 
recht notwendig! Da ware vor alien Dingen zum Heile der Men- 
schen erst recht notwendig, mindestens die Schule aus dem heraus- 



zunehmen, was da im sozialistischen Staat, wie er marxistisch 
vorgestellt wird, mit der Menschheit beabsichtigt wird. 

Also ich glaube, wenn der gute Wille vorhanden ist, gerade auf das 
einzelne einzugehen - mir ist der Einwand von den drei Parlamen- 
ten schon wiederholt gemacht worden -, ich will gerade sachlich die 
Dreigliederung haben, nicht etwa, urn blofi drei Gruppen von 
Menschen zu haben, drei Hauser nebeneinander; es werden wirk- 
lich nicht drei Hauser sein. Wenn ich richtig verstanden werde, so 
wird man wahrscheinlich finden, dafi man sich schon begegnen 
kann in den konkreten Losungen, die ich fur einzelne Fragen schon 
gegeben habe, fur andere, wenn ich noch einige Zeit zu leben habe, 
noch geben werde - lieber ware es mir, wenn sie andere geben 
werden ich glaube, man wird schon durchaus zurechtkommen. 

Ich mochte hier wiederum betonen: nicht um ein Alleswissen 
kann es sich handeln, sondern es handelt sich darum, dafi versucht 
worden ist, einmal ohne Utopie das festzustellen, was bis ins 
einzelne geschehen soli, auszugehen davon, dafi die drei Lebensge- 
biete ganz verschiedene Lebensbedingungen haben, und dafi dann, 
wenn die Menschen so zusammenwirken von den drei Lebensge- 
bieten, qualitativ verschieden zusammenwirken, also nicht blofi par- 
lamentarisch quantitativ, sondern qualitativ, da$ dann erst die konkre- 
ten Feststellungen sich in der richtigen Weise ergeben werden. 

Geradeso muft ich sagen: fur mich steht diese Dreigliederung des 
sozialen Organismus so fest, dafi ich dieses Feststehen vergleichen 
mochte ungefahr, also naturlich cum grano salis, mit dem Feststehen 
des pythagoraischen Lehrsatzes. Man kann ihn auch nicht iiberall, 
in alien Fallen beweisen, aber man kann beweisen, daft man ihn 
brauchen kann. Die Dreigliederung braucht durchaus nicht abstra- 
hiert zu sein von allem einzelnen, aber sie ist in alien Einzelheiten 
anwendbar, in diesem Falle praktisch anwendbar, indem in dem 
drei gliedri gen Organismus eben das Staatsleben, Wirtschaftsleben 
und Geistesleben so organisiert wird - es wird eine Praxis erreicht 
werden. 

Die ja naturlich sehr weitgehenden Fragen des Herrn Oberrich- 
ters L. zu beantworten, wiirde, glaube ich, heute abend zu lange 



dauern; aber es ist vielleicht doch ersichtlich, da£ es sich hier iiberall 
darum handelt, von der konkreten Gestaltung der Wirklichkeit 
auszugehen, und daft es daher mit abstrakten Antworten aufieror- 
dentlich schwierig ist, weil man eben in der vollen Wirklichkeit 
drinnenbleiben will. 

Ich mochte nur noch darauf zuriickkommen: ich finde es auch 
aufierordentlich interessant, daft innerhalb des franzosischen Volks- 
tums gerade der Syndikalismus heraufgekommen ist, und glaube, 
dafi man diese Frage am besten lost, wenn man das Vergesellschaften 
studiert. Es ist sehr interessant, die verschiedenen Nuancen des 
englischen und des franzosischen Sozialismus zu studieren. Der 
englische Sozialismus ist im Grunde genommen eine abgeschwachte 
kapitalistische Methode. Es ist eigentlich durchaus dasjenige, was 
im Kapitalismus wirkt. Also das rein wirtschaftliche Element ist 
eigentlich in der englischen Arbeiterfrage im grofien nur eben auf 
die Interessen des Arbeiters zugespitzt; aber es ist nicht ganz 
herausgegangen, so dafi der englische Sozialismus eine wirtschaft- 
lich opportunistische Farbung hat. 

Der deutsche Sozialismus hat mit einer militarischen Tiichtigkeit 
und mit militarischem Organisationsgeist den Marxismus aufge- 
nommen, und er hat eine stramme militarische Organisation be- 
kommen. Und wer, wie ich, gewirkt hat in einer Arbeiter-Bildungs- 
schule, die ganz aus der Sozialdemokratie herausgewachsen war, 
allerdings auch durch seine nichtmarxistische Orthodoxie, also 
durch seinen Nicht-Marxismus herausgeworfen worden ist, indem 
man gesagt hat: Nicht Freiheit, sondern ein verniinf tiger Zwang - 
der kann schon dariiber urteilen. Der deutsche Sozialismus ist im 
Grunde genommen etwas, was ganz drinnensteht in demselben 
Geist, der den preufiischen Militarismus hervorgebracht hat. 

Der franzosische Svndikalismus ist doch das - wirklich ohne 
irgendeiner Volksart etwas zugute sagen zu wollen oder ohne dem 
Deutschen etwas anzuhangen der franzosische Syndikalismus ist 
doch dasjenige, was ich durch seinen assoziativen Charakter als den 
besten Anfang gerade zu dem sehen muE, was ich mir als die 
Assoziation im Wirtschaftsleben denken mufi. Und serade wenn ich 



es vergleiche mit dem englischen und mit dem deutschen Sozialis- 
mus, dann sehe ich doch, dafi es hervorgeht aus demselben, was ich 
versuchte zu charakterisieren, aus der demokratischen Gesinnung. 
Es sind zwei Seiten; die eine Seite hat sich gezeigt bei dem Biirger- 
tum, die andere Seite bei den Arbeitern. Und was sich bei dem 
Burgertum eben mehr kapitalistisch und rentiermafiig ausgestaltete, 
das ist beim Arbeiter die syndikalistische Ausgestaltung. Es ist nur 
Avers- und Re vers- Seite. 

Also ich glaube, da£ diese drei verschiedenen Nuancen, die 
englische, franzosische und die deutsche Nuance des Sozialismus, 
zusammenhangen mit den Qualitaten des Volkstums. 

Und da kommt man dann auf eine Frage, die ich fur aufieror- 
dentlich wichtig hake. Man soil eben auch nicht von einem allge- 
meinen Sozialismus ausgehen und soil nicht glauben, dafi es einen 
abstrakten Sozialismus gebe, sondern soli fragen : Wie mull ein jedes 
Volkstum aus seinen eigenen Entitaten heraus behandelt werden? - 
Und derjenige, der von westeuropaischen Beobachtungen kommt, 
sie hier in der Schweiz noch bebriitet hat, nach Rutland geht und 
dem russischen Volk etwas ganz Fremdes aufdrangt, der zerstort 
eigentlich das, was sich aus dem russischen Volk heraus hat bilden 
konnen. - Aber, wie gesagt, es konnen heute nicht alle sozialen 
Fragen mehr gelost werden. 



ANSPRACHE VOR DEM 
SCHWEIZER STAATSBURGER-VEREIN 

Dornacb, 18. April 1920 

Meine sehr verehrten Anwesenden! Auf Ihren Wunsch darf ich 
Ihnen heute einiges auseinandersetzen iiber den sozialen Impuls, 
der unter dem Namen der Dreigliederung des sozialen Organismus 
der Welt gegeniibertreten will - gegeniibertreten will zunachst von 
hier aus. Und er darf gerade von hier aus in die Welt getragen 
werden aus dem Grunde, weil hier Geisteswissenschaft getrieben 
werden soli und eigentlich heute schon weiteste Kreise begreifen 
konnten, dafi eine Gesundung der allgemeinen Weltenverhaltnisse 
doch nur durch eine geistige Vertiefung kommen kann. 

Es erwartet uns nach diesem kurzen Vortrage noch die Besich- 
tigung des Baues, und Sie werden daher begreifen, dafi ich mich kurz 
fassen will, und Sie nur aphoristisch auf das Wesentlichste des 
Dreigliederungsgedankens heute hinweisen kann. 

Dieser Dreigliederungsgedanke ist nicht etwa ganz neu, sondern 
er ist entsprungen aus einer jahrzehntelangen Beobachtung der 
europaischen, namentlich der mitteleuropaischen Verhaltnisse und 
namentlich aus der Beobachtung derjenigen Verhaltnisse, welche zu 
der Schreckenskatastrophe der letzten fiinf bis sechs Jahre gefuhrt 
haben. 

Fur denjenigen, der heute zu Ihnen spricht, kamen diese Verhalt- 
nisse, unter denen ein grofier Teil der Welt heute furchtbar leidet, 
nicht uberraschend. Es war im Fruhling des Jahres 1914, da hielt ich 
vor einem kleineren Kreise in Wien - gerade in Wien, Sie wissen ja, 
der Weltbrand ist von Wien ausgegangen! - eine Reihe von Vortra- 
gen, Innerhalb dieser Vortrage mufite ich sagen, einfach unter der 
Verpflichtung, mochte ich sagen, gegeniiber der Zeit heraus, dafi 
man sich nicht soli beruhigen dabei, immerfort nur die Grofiartig- 
keit der Entwickelung der Gegenwart in alien moglichen Worten zu 
preisen, sondern dafi man hinschauen soil auf dasjenige, was sich 
vorbereite. Und ich mufite dazumal sagen — also es war im Friih- 



friihling des Jahres 1914, viele Wochen vor dem Ausbruche des 
Weltkrieges ! : Wer die sozialen Verhaltnisse Europas mit einem 
gewissen Kennerblick iiberschaut, der kann gewisse Erscheinungen, 
namentlich in unserem Wirtschaftsleben, nur vergleichen mit einer 
Art sozialer Krebskrankheit, die in kiirzester Zeit zu einem furcht- 
baren Ausbruch kommen miisse. 

Sehen Sie, jemanden, der im Friihling des Jahres 1914 so etwas 
gesagt hat, den hat man als einen vertraumten Idealisten angesehen, 
der pessimistische Ansichten hegt. Und diejenigen, die sich dazumal 
«Praktiker» gediinkt haben, die haben gesprochen davon, dafi die 
allgemeine politische Lage sich entspanne, daft die besten Bezie- 
hungen zwischen den Regierungen Europas seien und so weiter. 

Heute darf wohl darauf hingewiesen werden, daft nicht der 
Idealist dazumal Unrecht gehabt hat mit seiner Vorhersage, sondern 
die zehn bis zwolf Millionen Menschen, die seither durch den 
Weltbrand getotet worden sind, und die dreimal soviel, die zu 
Kriippeln geschlagen sind innerhalb der zivilisierten Welt, die 
liefern wohl den hinlanglichen Beweis dafiir, daft der « Idealist* 
dazumal solche Worte sprechen durfte. 

Man wird an die Stellung, die dazumal die Leute, die sich 
praktisch dunkten, einnahmen, auch heute in einer gewissen Weise 
wiederum erinnert. Denn auch heute wird demjenigen kaum voll 
geglaubt, der davon spricht, daft wir keineswegs am Ende des 
europaischen Niederganges sind, sondern daft wir immer weiter 
und weiter hinunter uns bewegen werden auf der schiefen Ebene, 
wenn nicht in einer geniigend groften Anzahl von Menschen die 
Erkenntnis aufdammert, wie diesem allgemeinen Niedergange ent- 
gegenzusteuern sei. 

Auch heute wird mancher sagen, man rede pessimistisch, wenn 
man eine solche Prognose stellt. Man redet nicht pessimistisch, man 
redet nur aus einer Erkenntnis der Verhaltnisse heraus. 

Und so wie man heute, gewissermaften durch Geisteswissen- 
schaft gestarkt, einen tieferen Blick in die Verhaltnisse tun kann, so 
konnte man es seit Jahrzehnten. Man konnte sorgfaltig beobachten, 
wie sich die einzelnen Staatenverhaltnisse untereinander in Europa 



immer mehr und mehr zu gegensatzlichen entwickelten, wie dasje- 
nige, was als Mafinahme getroffen worden ist, durchaus nicht 
hinlanglich war, um das, was sich iiberall als Ziindstoff anhaufte, zu 
bewaltigen. Und man mufite voraussehen dasjenige, was kommt: 
die Schreckensjahre, die wir nun scheinbar hinter uns haben. 

Heute darf aber gesagt werden, dafi eben vor diesen furchtbaren 
Jahren keine, wenn ich mich so ausdriicken darf, keine Ohren da 
waren, um diese Dinge zu horen. Es mufite erst iiber einen grofien 
Teil Europas die furchtbare Not kommen, die jetzt da ist. So mufite 
man sich sagen dazumal, es waren nicht Ohren da um zu horen, und 
man mufi audi heute noch warten damit, ob man wirklich gehort 
werde. Dennoch, trotz der Not, trotz der furchtbaren Lehre, die 
uns die letzten Jahre gebracht haben, kann man nicht sagen, dafi 
gerade die Idee der Dreigliederung, die aus einer sorgfaltigen Beob- 
achtung der Verhaltnisse hervorgegangen ist, in entsprechender 
Weise heute schon aufgenommen werde. Und da mochte ich Ihnen 
denn gleich im Anfange von dem Grund sprechen, warum man sich 
so sehr gegen diese Idee von der Dreigliederung stemmt, warum 
man sie fur eine Art Utopie, fur eine Art Phantasiegebilde halt. 

Sehen Sie, das kommt davon her, weil Verhaltnisse so verwickel- 
ter Art, Verhaltnisse, die die Verheerung, das Chaos so ausgebreitet 
hatten, eigentlich noch niemals da waren in der ganzen Menschheits- 
entwickelung! Die Menschheit hat viel durchgemacht; zu bestimm- 
ten Zeiten ist auch iiber Europa viel niedergegangen. Verhaltnisse, 
wie sie jetzt sind, waren in der Zeit der geschichtlichen Entwicke- 
lung wirklich noch nicht da. 

Es haben es die Umstande mit sich gebracht, dafi friiher kleine 
Gruppen der Menschheit ergriffen worden sind von Niedergangser- 
scheinungen. Selbst als das grofie Romische Reich seinem Nieder- 

ffanw pnto-pcr^ncrjno Ao, war Acts im Vpf-hal 1 " 1 * 115 Z 11 d' 3 *" cra^Z* 11 " Erde 

doch ein kleines Gebiet. Heute werden durch die Verquickung der 
Verhaltnisse, die wir eigentlich iiber die ganze ziviiisierte Erde 
ausgebreitet haben, die Niedergangserscheinungen sichtbarer. Kein 
Wunder, dafi daher es auch notwendig ist, nun nicht eine kleine 
Idee, wie man auf dem oder jenem beschrankten Gebiet, das oder 



jenes verbessern kann, heute fruchtbar machen kann, sondern dafi 
eine umfassende Idee notig ist, eine Idee, die wirklich auch so tief 
eingreift, wie die Verwirrung tief ist. Eine solche Idee mochte die 
Dreigliederung des sozialen Organismus sein. Aufier dem, dafi sie 
hervorgegangen ist aus der Beobachtung der wirklichen Verhalt- 
nisse, ist sie auch hervorgegangen aus der Betrachtung der geschicht- 
lichen Zeitpunkte, in denen sich die Menschheit in der Gegenwart 
befindet. Und auch deshalb, weil sie eigentlich mit der ganzen 
zivilisierten Menschheit der Gegenwart rechnet, diese Dreigliede- 
rungsidee, deshalb kommt man ihr so ablehnend entgegen. Man halt 
sie fur eine Utopie, man halt sie fur irgend etwas, was ausgedacht ist. 
Sie ist aber das Wirklichste, oder will wenigstens sein das Wirklich- 
ste, das sich in die gegenwartigen Verhaltnisse hereinzustellen hat. 

Wenn wir namlich die Entwickelung der geistigen, der staatli- 
chen, der wirtschaftlichen Verhaltnisse in der Gegenwart iiber- 
blicken, so miissen wir sie anschliefien an dieselbe Entwickelung der 
letzten drei bis vier Jahrhunderte. Was weiter zuriickliegt, das hat 
einen ganz anderen Charakter. Die letzten drei bis vier Jahrhun- 
derte, und namentlich das 19. Jahrhundert und bis in unsere Tage 
herein, haben die Menschheit in einen ganz besonderen Entwicke- 
lungszustand hineingebracht. In einzelnen Teilen bemerkt man das 
noch nicht. Mit vollem Recht ist hier von der Gesundheit des 
Schweizer Volkes gesprochen worden. Auf sie mufi fur die Zukunft 
gerechnet werden. Aber es ist dazu auch notwendig, damit diese 
Gesundheit bleibe, dafi man sich keinen Illusionen hingibt, dafi etwa 
gegeniiber all dem jetzt Zusammenbrechenden ein kleines Gebiet 
jetzt isoliert bleiben konnte. Dieses kann nicht sein. 

Sehen Sie, es gibt heute in Mittel- und Siidosteuropa grofie 
Gebiete, von denen Sie wissen, wie sehr sie unter dem Herab- 
kommen der Valuta leiden. Dieses Herabkommen der Valuta, dem 
Volkswirtschafter tritt es entgegen, ich mochte sagen, als eine grofie 
Erscheinung gegeniiber kleinen Erscheinungen, die es friiher auch 
immer gegeben hat. Man wuike, wenn die Valuta auf irgendeinem 
Gebiete fallt, dann wird dadurch die Einfuhr in das betreffende 
Gebiet etwas untergraben; die Ausfuhr wird dadurch um so mehr 



gefordert. Dieses Gesetz, es lafk sich nicht mehr anwenden auf die 
Verheerungen der Wirtschaftsverhaltnisse, die in Mittel- und Ost- 
europa eingetreten sind. 

Aber bis jetzt hat sich bloft gezeigt, welches die Nachteile des 
Sinkens der Valuta in gewissen Gebieten sind! Sie werden nicht sehr 
lange dazu brauchen, urn einzusehen, wie grofi die Nachteile des 
Steigens der Valuta in einem Lande sind! Die werden kommen, und 
es wird gar nicht so lange dauern, dann werden die Lander mit 
sinkender Valuta, wo die Wirtschaftsverhaltnisse zuriickgehen, 
nicht allein stehen in ihrer Sorge, es werden die Lander mit steigen- 
der Valuta mit furchtbaren Gefuhlen an ihre hohe Valuta denken. 

Diese Dinge, die zeigen dem, der in die Verhaltnisse hinein- 
schauen kann, nur, wie dadurch, dafi heute im Grunde das Wirt- 
schaftsgebiet der Erde doch eine Einheit bildet, trotz aller Staaten- 
gliederungen, wie das Wohl und Wehe eines kleinen Gebietes der 
Erde von dem Wohl und Wehe der ganzen Erde abhangt. Daher 
kann auch heute nur iiber die sozialen Verhaltnisse in ganz interna- 
tionalem Sinne gedacht werden. 

Uberblickt man dasjenige, was uns eigentlich in die heutige Lage 
hineingebracht hat, so mufi man sagen: Wir sehen, wie weit wir es 
gebracht haben - heute sieht man es noch nicht -, aber man konnte 
eigentlich sagen, man konnte es sehen an der Mifibildung des 
europaischen Ostens, an der Mifibildung von Rufiland. Man mufi 
schon sagen: Solche Dinge sind tief bezeichnend, wie wir sie jetzt 
zum Beispiel - ich will eine Kleinigkeit erwahnen, aber sie ist tief 
bezeichnend -, wie wir sie jetzt aus Rufiland lesen. Sie konnten 
lesen, dafi Trotzki die Leute aufgefordert hat, den 1. Mai nicht zu 
feiern, sondern am 1. Mai zu arbeiten. Ich bitte Sie, da driiben in 
Rutland soli das Ideal der Sozialisten in grofiem Mafistab verwirk- 
licht werden - ein Paradies wurde den Leuten versDrochen. Dasieni- 
ge, was das Proletariat durch Jahrzehnte hindurch als sein Manifesta- 
tionszeichen bezeichnet hat - die Maifeier -, das ist etwas, was da 
abgeschafft werden muE. Es ist nur ein Ausdruck fur dasjenige, was 
da alles abgeschafft werden muE! Man hat lange Zeit gesprochen 
von dem Schlirnmen des Militarismus, eewifi mit Recht davon 



gesprochen. In Rufiland wird gegenwartig die Arbeit militarisiert. 
In Rufiland wird gegenwartig gesagt, es sei ein Unsinn, dafi der 
Mensch hier auf dieser Erde iiber seine eigene Person verfugen solle. 
Eine Freiheit des Verfiigens iiber seine eigene Person konne es nicht 
geben. - Das zeigt so recht die Friichte in dem extremen Falle, zu 
dem es die Entwickelung der letzten drei bis vier Jahrhunderte 
gebracht hat. Auf diese Dinge mufi man hinschauen. Man mufi sich 
klar dariiber sein, dafi dieser Staat - ich meine jetzt nicht den 
einzelnen Staat, sondern den Staat iiberhaupt -, der sich aus ganz 
andersartigen Verhaltnissen eben im Laufe dieser letzten drei bis 
vier Jahrhunderte entwickelt hat, dafi dieser sich uberladen hat mit 
Dingen, die der Staat als solcher nicht besorgen kann. Denn warum? 

Sehen Sie, wir miissen, um solche Dinge wirklich niichtern und 
klar, ohne Phantastik, zu betrachten, uns schon zu dem Gedanken 
aufschwingen, dafi das ganze Leben der Menschheit etwas Ahnli- 
ches ist wie das Leben des einzelnen Menschen. Wir konnen nicht 
das Leben des einzelnen Menschen so beschreiben, dafi wir immer 
sagen: Nun, wenn der Mensch vierzig Jahre alt ist, so ist er mit 
vierzig Jahren in der Welt die Wirkung der Ursache, die mit dem 
neununddreifiigsten Jahre da war, die im neununddreifiigsten Jahre 
sind die Wirkung von dem achtunddreifiigsten Jahre und so weiter. 
Das kann man nicht sagen, sondern es ist eine innere gesetzmafiige 
Entwickelung im Menschen. Der Mensch bekommt durch eine 
innere Gesetzmafiigkeit um das siebente Jahr herum die zweiten 
Zahne. Er macht andere Entwickelungsstadien durch in spateren 
Jahren. Es lebt im Inneren des Menschen ein gewisser Impuls, der 
ihn in einer gewissen Zeit fur etwas reif macht. So ist es auch mit der 
ganzen Menschheit. Dasjenige, was in der ganzen Menschheit 
heraufgekommen ist im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte, 
das ist etwas, dem die Menschheit nicht entgehen kann. 

Man konnte gar nicht anders innerhalb der Menschheit, als den 
Ruf ertonen lassen nach Demokratie. Was man auch fur Ideale 
hingestellt hat, im aufieren sozialen Leben, das Ideal der Demokra- 
tie, das ist dasjenige, das am allermeisten die Menschheit der Gegen- 
wart ergriffen hat, und auch ergreifen mufi. Es mufi dasjenige, was 



Staat ist, demokratisch werden, demokratisch werden im weitesten 
Umfange. Gerade in der Schweiz sollte man so etwas empfinden, wo 
man ja die alte Demokratie hat, aber wo man auch wahrnehmen 
wird nach und nach die Notwendigkeit, diese Demokratie von 
gewissen Gebieten zu entlasten. 

Was heifit denn Demokratie? Demokratie heifit: die Moglichkeit, 
dafi die Menschen in bezug auf dasjenige, was fiir alle gleiche 
Angelegenheiten sind, was fiir jeden miindig gewordenen Menschen 
Angelegenheit des Lebens ist, dafi dariiber die Menschen, sei es 
durch Referendum, sei es durch Vertretung, selber entscheiden. Das 
ist zuletzt das Ideal der Demokratie, das gleiche unter den Men- 
schen in bezug auf die Entscheidungen jetzt alles desjenigen, was 
von miindig gewordenen Menschen gleich ist - nach diesem strebte 
der Staat. Aber was strebte der Staat, der sich eben im Laufe der 
Geschichte entwickelt hat, der aus ganz anderen Verhaltnissen 
hervorgegangen ist, blofi an? Zwei Gebiete konnen niemals im 
Menschenleben demokratisch entschieden werden: das eine Gebiet 
ist dasjenige des Geisteslebens und das andere Gebiet ist dasjenige 
des Wirtschaftslebens. Gerade, wer es ehrlich meint mit der Demo- 
kratie, der mufi sich klar dariiber sein: Wenn voile Demokratie 
werden soil, dann mufi aus dem Gebiete des blofi demokratischen 
Staates ausgesondert werden auf der einen Seite das Geistesleben, 
auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben. 

Wer beobachten kann auf diesem Gebiete, der kann an nahelie- 
genden Beispielen einsehen, wie unmoglich es ist, in das demokra- 
tisch politische Gebiet das Geistesleben als solches hineinzutragen. 
Ich will nicht von den hiesigen Verhaltnissen sprechen, das kommt 
mir nicht zu; aber es geht ja gar nicht, diese Verhaltnisse nur von 
einem kleinen Gesichtspunkte heute ins Auge zu fassen, sondern 
man mufi die ganze Welt iiberbiicken, die ganze zivilisierte Welt 
wenigstens. 

Sehen Sie sich aber den ehemaligen, bis zum Jahre 1914 und 
dariiber hinaus scheinbar bestandenen deutschen Reichstag an, so 
haben Sie so recht das Beispiel, wie sich der Staat - ob er nun mehr 

odcr weniger demokratisch ist, darauf kommt es nicht an m dieseni 



Falle - iiberladen hat mit rein geistigen Angelegenheiten. Sie haben 
unter den Parteien des deutschen Reichstags eine sehr grofie Partei 
gehabt, das sogenannte Zentrum. Es spielt gegenwartig wiederum in 
jener Metamorphose des alten Reichstags, die man Nationalver- 
sammlung nennt, eine Rolle, das Zentrum. Dieses Zentrum hat 
keine anderen Interessen gehabt, als lediglich religiose, das heifit 
geistige Angelegenheiten. Kam irgendeine wirtschaftliche, kam eine 
politische Frage in Betracht, so wurde sie entschieden durch irgend- 
einen Kompromift, den man von dem Zentrum aus mit anderen 
Parteien schiofi. Aber es ist ganz selbstverstandlich, dafi dieses 
Zentrum immer nur das Interesse hatte, seine eigenen geistigen 
Interessen zu fordern. Kurz, fuhrt man den Gedankengang zu 
Ende, so zeigt es sich, daft dasjenige, was nur geistige Angelegenheit 
ist, nicht hineingehort in das politische Parlament. 

Nehmen Sie das Wirtschaftsleben. Sehen Sie, Osterreich, das ist ja 
das Land, das so recht zeigt, ich mochte sagen, das ein Schulbeispiel 
fur das ist, was sich entwickelt hat unter den neueren Verhaltnissen, 
dafiir, dafi eben die Lander zugrundegehen miissen. Nur, Oster- 
reich ist das Schulbeispiel fur Zugrundegehendes ! 

Derjenige, der, wie ich selber, dreifiig Jahre seines Lebens in 
Osterreich zugebracht hat, und sehen konnte die Entwickelung im 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, der konnte alle die Verhaltnisse 
heraufkommen sehen, die sich dort entwickelt haben, konnte sehen 
alle die neueren sozialen Zustande eintreten. Da dachte man auch in 
Osterreich ein Parlament zu machen. Aber wie machte man dieses 
Parlament? Man machte vier Kurien: die Kurie der Stadte, die Kurie 
der Lander, der Gemeinden, die Kurie der Groftgrundbesitzer - 
lauter Wirtschaftskurien, Wirtschaftsassoziationen wurden ge- 
macht, und in das politische Parlament hineingewahlt. Die ent- 
schieden dann von ihrem wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus iiber 
dasjenige, was offentliches Recht sein sollte. Da haben Sie das 
andere Beispiel! An dem deutschen Reichstag haben Sie das Beispiel, 
wie sich eine rein Geistiges erstrebende Partei als ein Storenfried 
entpuppt im rein wirtschaftlichen Parlament. In Osterreich haben 
Sie ein Parlament aufgebaut auf reinen wirtschaftlichen Kurien, und 



wer beobachten konnte die Verhaltnisse, der weifi, dafi dieses 
Parlament niemals imstande war, dasjenige zu bewaltigen, was zum 
Beispiel gerade in Osterreich notwendig gewesen ware: die geistigen 
Verhaltnisse, insoferne sie sich kundgegeben haben in den welt- 
lichen Verhaltnissen der Nationalitaten, zu regeln. 

In Osterreich konnte man noch etwas anderes sehen. Da war der 
Staat nur politisches Gebiet. Dreizehn offizielle Sprachen waren da. 
Diese dreizehn offiziellen Sprachen, man konnte sie nicht unter 
einen Hut bringen; man konnte sie unter dem Eindrucke nicht unter 
einen Hut bringen, denn die Leute mit den verschiedenen Sprachen 
hatten in Osterreich die verschiedensten geistigen Interessen. Man 
hat versucht, auf privatem Wege manches zu erhalten. Oh, ich war 
oft dabei, wie man, wissen Sie, solche langen Strohfaden, die in den 
sogenannten Virginia-Zigarren stecken, wie man die amerikanisch 
versteigert hat zugunsten der Schulvereine ! Damit wurden die 
Schulvereine gegnindet, um aus den geistigen Interessen selber 
heraus etwas zu tun, was der Staat als solcher nicht tun konnte. Aber 
man war zu sehr versessen in die Einheitsstaat-Idee, als dafi solche 
privaten Begriindungen eine groftere, breitere Wirkung erzielen 
konnten. Und so konnte ich Ihnen bis morgen friih erzahlen von 
der Unmoglichkeit, gewisse Dinge zusammenzuhalten, die der mo- 
derne Staat zusammenhalten will. 

Die Mittelstaaten Europas und Rufiland, sie haben am eigenen 
Leib erfahren miissen, daft dieser Einheitsstaat nicht bestehen kann 
so, wie er bisher bestanden hat. Diejenigen, die noch nicht von 
diesem Schicksal betroffen sind, die glauben heute noch, es lafit sich 
abwenden. Es wird sich nicht abwenden lassen, wenn man nicht 
zum Rechtlichen die Idee falk, wie aus dem menschlichen Willen 
heraus den Zustanden abgeholfen werden konne. Da ist es doch, wo 
wirklich aus reichlicher Beobachtung heraus und aus der Erwagung 
der geschichtlichen Verhaltnisse heraus, die Idee der Dreigliederung 
einsetzen will. Sie sagt: Imnier ehrlicher und ehrlicher miissen die 
Menschen im Streben nach Demokratie werden. Dann aber mufi das 
demokratische Prinzip sich beschranken auf das blo&e Staatsprin- 
zip, in derm ieder Mensch iiber alles, was alle miindig gewordenen 



Menschen angeht, in gleicher Weise zu entscheiden hat. Wie gesagt, 
entweder durch Referendum oder durch Vertretung. Dann aber 
mufi ausgesondert werden von diesem Staatsgebilde, von dem, was 
streng parlamentarisch zu verwalten ist, mufi ausgegliedert werden 
auf der einen Seite das gesamte geistige Leben. Dieses gesamte 
geistige Leben, es ist ja immer mehr und mehr in den letzten 
Jahrhunderten in die Macht des Staates gekommen, und noch heute 
betrachten die meisten Menschen das als einen groften Vorzug der 
modernen Staatsidee, das Geistesleben, namentlich das Schulwesen, 
aufzusaugen. Da kampft man noch sehr gegen die furchtbarsten 
Vorurteile. Aber man sieht eben in der Welt die Zusammenhange 
nicht. 

Wenn Sie sich aber fragen: Woher ist es denn eigentlich gekom- 
men, daft wir heute nicht nur vor lauter Klassenkampfen, sondern 
vor dem Gutheiften der Klassenkampfe stehen? Daft wir stehen vor 
jeglichem Mangel an Verstandnis der Menschen untereinander? 
Daft wir es erleben, daft in Ruftland ein paar Hunderttausende von 
Menschen heute tyrannisch herrschen iiber Millionen von Men- 
schen und vorgeben, demokratisch zu sein, woher ist denn das alles 
gekommen? Es hat sich langsam vorbereitet. Man braucht an ein 
einziges Wort zu denken - ich habe darauf aufmerksam gemacht in 
meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebens- 
notwendigkeiten der Gegenwart» -, um einzusehen, warum aus 
dem Irrtum heraus ein grofter Teil der Menschheit heute, derjenige 
Teil der Menschheit, der das Proletariat enthalt, aufsteht und glaubt: 
Nur aus dem heraus, was Ihnen ja sattsam bekannt ist, irgendeine 
Umgestaltung der Verhaltnisse bewirken zu konnen. Das einzige 
Wort, das man zu nennen braucht, das ist dasjenige, was man horen 
konnte in alien, alien sozialdemokratischen Veranstaltungen durch 
Jahrzehnte: es ist das Wort «Ideologie». Und dieses Wort Ideologic, 
meine sehr verehrten Anwesenden, das weist hin auf den ganzen 
Gang, den die materialistische Weltanschauung in der neueren Zeit 
genommen hat. 

Man mag iiber die friiheren Verhaltnisse der Menschheit denken 
wie man will, wir wollen ganz gewift nicht die friiheren Verhaltnisse 



wieder herauffiihren, wollen vorwarts und nicht zuriick; aber man 
mufi doch sagen: Man schaue sich den Menschen der Vorzeit an! Er 
wulke, dafi in seiner Seele etwas lebt, das eine unmittelbare Verbin- 
dung hat mit dem Geistigen, das die Welt durchzieht. Was weift 
schliefilich der Mensch seit der Mitte des 15. Jahrhunderts von 
diesen Zusammenhangen seines Inneren mit einem Geistigen in der 
Welt! Die Sonne, sagt man ihnen, das ist ein gliihender Gasball. Was 
wissen die Menschen heute iiber die Sterne, iiber die Sonne! Fragt 
man unsere Gelehrten: Wovon ist die Erdenentwickelung ausge- 
gangen? — da wird gesagt: Das war einstmals ein Dunstnebel; da 
haben sich Sonne und Planeten abgeschniirt im Laufe von Tausen- 
den von Jahren. Darein haben sich ja auch die Menschen ergeben, 
das einzusehen! Ich habe schon ofter hingewiesen auf die Schilde- 
rung von Herman Grimm, der sagte: Kiinftige Menschen werden 
grofte Miihe haben, den Wahnsinn zu begreifen, der in dieser 
Kant-Laplaceschen Idee von dem Herkommen der Erde aus dem 
Urnebel spricht. - Aber heute betrachtet man das als eine grofie 
Entwickelung und Wissenschaft. 

Dasjenige, was da gepflegt worden ist, das hat dann die mannigfal- 
tigsten Stromungen aus sich herausgetrieben, und diese Stromun- 
gen, die sind eingeflossen in das Proletariat. Und im Grunde genom- 
men ist dasjenige, was heute in Rutland von Trotzki und Lenin 
vertreten wird, nur die letzte Konsequenz desjenigen, was unsere 
Gelehrten an den Universitaten als Materialismus gelehrt haben. 

Hier in der Schweiz war ein Mann, der viel gepoltert hat, schon in 
den siebziger Jahren, der aber durchschaut hat, was sich naht. Man 
hatte ihn nicht gern, weil er viel gepoltert hat, Johannes Scherr. Aber 
neben manchem Poltern hat er auch Wichtiges gesehen. Und er hat 
in den siebziger Jahren bereits gesagt: Wenn man hinschaute auf die 
wirtschaftliche Entwickelung, wenn man hinschaute auf das geistige 
Leben, wie es immer mehr und mehr herunterkommen mufite, so 
wird man zuletzt dahm kommen, dafi Europa sich sagen muft: 
Unsinn, du hast gesiegt! 

In den letzten fiinf bis sechs jahren konnte man es und bis heute 
kann man es noch immer sagen: Unsinn, du hast gesiegt! 



Ideologic, was heifk es denn? Das heifit nichts anderes als: Alles 
geistige Leben ist schlieftlich nur ein Rauch, der aufsteigt aus dem 
bloften wirtschaftlichen Leben. Die wirtschaftlichen Verhaltnisse 
sind die einzige Realitat, so predigt der Marxismus in alien Tonar- 
ten. Und dasjenige, was sich aus den wirtschaftlichen Verhaltnissen 
ergibt, ist dasjenige, was der Mensch als seinen Seeleninhalt in sich 
tragt. Recht, Sitte, Religion, Wissenschaft, Kunst: alles Ideologic 
Das ist die Saat, die aufgegangen ist: Ideologic, Unglaube an das 
geistige Leben. 

Woher kommt dieser Unglaube? Dieser Unglaube, er kommt von 
der Verquickung des geistigen Lebens mk dem Staatsleben in den 
letzten Jahrhunderten. Denn das geistige Leben, meine sehr verehr- 
ten Anwesenden, kann nur gedeihen, wenn es ganz allein auf seinen 
eigenen Boden gestellt ist. Denken Sie sich - ich will nur das 
Schulwesen herausgreifen, denn es ist das wichtigste Gebiet des 
offentlichen Geisteslebens -, das Schulwesen ist so geordnet, dafi 
diejenigen, die lehren, diejenigen, die erziehen, zu gleicher Zeit die 
Verwalter des Lehr- und Erziehungswesens sind. Denken Sie sich, 
dafi der Lehrer der untersten Schulklasse niemandem anderen zu 
gehorchen hat, als wiederum jemandem, dem er nicht gehorcht, 
sondern dessen Rat er wiederum befolgt, der selber wieder im 
Unterrichts- und Erziehungswesen drinnensteht. Jemand, der so 
weit entlastet wird, dafi er zu gleicher Zeit verwalten kann das 
Unterrichts- und Erziehungswesen, so dafi niemand hineinspricht 
von irgendeinem politischen Departement in das geistige Leben 
selbst, da$ das geistige Leben selber auf seinen eigenen Fiifien steht. 
Sie konnen das in meinem Buche nachlesen. Ich habe versucht, die 
Sache so anschaulich wie moglich zu machen, dafi nur ein solches, 
auf sich selbst gestelltes Geistesleben uns von all den schadlichen 
Wirkungen befreien kann, die uns in das Ungluck gestiirzt haben. 
Aber nur ein solches auch, das unmittelbar aus dem Geistigen 
heraus geschopft wird, kann im Grunde wiederum den Glauben an 
den Geist, den Zusammenhang mit dem Geist wiederum erzeugen. 

Ich mochte anschaulich werden. Wir haben in Stuttgart, weil dort 
noch ein Schulgesetz, ich mochte sagen, eine kleine Liicke lafit, die 



Waldorfschule gegriindet. Diese Waldorfschule ist eine wirkliche 
Einheitsschule, denn es sind die Kinder der Arbeiter der Waldorf- 
Astoria-Fabrik neben den Kindern der Fabrikanten und so weiter 
alle nebeneinander; es ist eine wirkliche Einheitsschule, eine voll- 
standige Volksschule, bis ins vierzehnte, funfzehnte Jahr hinein, 
herausgekommen. 

Ich habe fur die Lehrer, die ich selber ausgewahlt habe, einen 
padagogischen Kursus gehalten, um so die Lehrer fur diese Schule 
vorzubereiten, wo nur gelehrt werden soil nach Menschenkenntnis, 
nach der Anschauung desjenigen, was aus dem Menschen heraus- 
will; wo nicht nach irgendwelchen Vorurteilen gelehrt werden soil, 
es miisse so und so sein, sondern aus dem Beobachten desjenigen, 
was durch den Menschen hereinkommt in die Welt, was daraus 
gelehrt werden soil. Ich habe dariiber in den verschiedensten Zeit- 
schriften, auch hier dariiber berichtet, wie die Methoden in der 
Waldorfschule eingerichtet worden sind. Dasjenige aber, was ich 
Ihnen jetzt erwahnen will, ist dieses: Nicht wahr, wenn man einen 
solchen Lehrgang halt fiir die Art und Weise, wie unterrichtet und 
erzogen werden soil, dann richtet man sich nach dem, was die 
Menschenkenntnis, was die wirkliche Geisteswissenschaft ergibt. 
Aber im heutigen Schulwesen gibt es noch etwas anderes. Da gibt es 
auch dasjenige, was die Padagogen glauben, daft es das richtige ist 
fiir die Erziehung des Kindes. Dann aber ist immer mehr und mehr 
etwas anderes gekommen. Ich muftte es mir anschauen, gerade weil 
ich ganz praktisch vorgehen muftte, als ich die Waldorfschule mit 
Bezug auf ihren geistigen Inhalt begriindete. Da sind aus dem 
politischen Leben herauskommend die Verfiigungen: Erste Klasse: 
das und das muft durchgenommen werden, das und das ist das 
Lehrziel. Zweite Klasse: Das und das mufi durchgenommen wer- 
den, das ist das Lehrziel. - Sehen Sie, das kommt vom politischen 
Leben heriiber! Ist es nicht mit Handen zu greifen, daft das nicht 
hineingehort, daft der, der nicht hineinschaut, der merits vom 
Lehren und Erziehen versteht, daft der die Vorschriften geben muft? 
Die Vorschriften muft lediglich der geben, der Padagoge ist, und der 
soli auch nicht hiniibergerufen werden, als Experte in das Ministe- 



Hum, sondern der soli im lebendigen Erziehen und Unterrichten 
drinnenstehen. Das geistige Leben muE aus sich selbst heraus auch 
auf alien Gebieten des Schulwesens, auf seinen eigenen Boden 
gestellt werden. Dann wird der Geist wiederum die Menschen 
ergreifen. 

So dafi man sagen mufi: Der Staat verwirklicht ehrlich die Demo- 
kratie, indem er sich entlastet von dem Geistesleben, das ganz auf 
Sachkenntnis und Fachtiichtigkeit gestellt ist, in dem man ja wahr- 
haftig nicht durch Majoritaten entscheiden kann, sondern nur nach 
dem, was man weifi. Da handelt es sich darum, dafi wirklich nur das 
Fachliche und das Sachliche entscheidet, dafi die Entscheidungen 
kommen aus der Eigenverwaltung des Schulwesens. Das ist das eine 
Gebiet, das ausgeschieden werden mufi aus dem Staatlichen. Das 
andere Gebiet ist das wirtschaftliche. Sehen Sie, woher kommt denn 
all dasjenige, was heute die Welt immer mehr und mehr hineintreibt 
in eine allgemeine Wirtschaftskrise? Woher kommen denn solche 
Dinge, wie sie zum Beispiel 1907 in Europa von einzelnen Leuten 
sehr gut bemerkt werden konnten? Aber es ging dazumal, wenn 
auch nicht ohne Schmerzen, so doch noch ohne grofiere Katastro- 
phen fur die Weltwirtschaft voriiber, ich mochte sagen, nur mit dem 
Wehtun von einigem voriiber. Dann war wiederum ein Gejubel bei 
alien vorhanden liber die grofien wirtschaftlichen Fortschritte und 
«wie wir es so herrlich weit gebracht» haben in der neueren Zeit. 
Man hat nicht bemerkt, wie sich an ganz charakteristischen Erschei- 
nungen dasjenige zeigt, was sich jetzt allmahlich zur allgemeinen 
Weltkrisis entwickelt. Diese charakteristischen Erscheinungen . . . 

Alle diese Dinge haben sich im kleinen und im grofien uberall 
abgespielt. Sie sind im wesentlichen darauf zuruckzufuhren, dafi seit 
dem Beginn des 19. Jahrhunderts allmahlich das Geld eigentlich der 
Regent geworden ist iiber das gesamte Wirtschaftsleben. Das Geld 
als Regent iiber das gesamte Wirtschaftsleben; was bedeutet denn 
das? Sehen Sie, ob es sich um Weizen handelt - denn Sie miissen auf 
den Geldwert sehen -, er kostet so und so viel Franken. Wenn Sie 
Rocke kaufen, wenn Sie blofi auf den Geldwert sehen: Franken. 
Kurz, das Geld, das spezifiziert sich nicht, das richtet sich nicht nach 



der Konkretheit des Wirtschaftslebens. Das ist etwas, was so dasteht 
im aufierwirklichen Leben, wie die abstrakten Begriffe im Geistes- 
leben, mit denen man auch keinen Hund hinter dem Ofen hervor- 
lockt in Wirklichkeit. Nur, daft die abstrakten, phantastischen 
Begriffe nicht so viel Unheil anrichten, wie diese verallgemeinerte 
Abstraktheit des Geldes. Man kann gerade darauf hinweisen, wie im 
Laufe des 19. Jahrhunderts der Geldleiher allmahlich zum eigentlich 
treibenden Motor in unserem Wirtschaftsleben geworden ist. Wah- 
rend vorher blofi der wirtschaftliche, okonomische Mensch derjeni- 
ge war, auf den es angekommen ist. Es ist allmahlich auch die 
Moglichkeit entstanden, daft sich die Staaten in das Wirtschaftliche 
hineingestellt haben, so dafi die Staaten selber Wirtschaftende ge- 
worden sind. 

Wenn man einmal unbefangen die Kriegsursachen untersuchen 
wird, wird man feststellen: durch rein wirtschaftliche Verhaltnisse 
sind die gekommen, und mufiten kommen, weil sich solche Verhalt- 
nisse, wie ich sie angefiihrt habe, herausgebildet haben. Da wieder- 
um liefert ein sorgfaltiges Studium Aufschliisse iiber dasjenige, um 
was es sich handelt: dafi man zuriickkommen mufi zu einem 
Zusammenkommen des Menschen mit dem wirtschaftlich Produ- 
zieren selber. Der Mensch mufi wiederum herangefuhrt werden an 
dasjenige, was er produziert. Der Mensch mufi wiederum zusam- 
menwachsen mit Weizen und mit Roggen und mit dem allem, was er 
sonst hervorbringt, und er mufi das Wirtschaftsleben wandeln nach 
dem, was er hervorbringt. Und die Menschen diirfen es nicht 
erzwingen, dieses Geld rein zu vermehren. Ohne dafi man an diese 
Dinge denkt, kommt man nicht weiter. Eine Gesundung des Wirt- 
schaftslebens ist nur moglich, wenn der Mensch wieder mit der 
Wirtschaft zusammengefiihrt wird, aus dem Bediirfnis der Wirt- 
schaft heraus arbeitet. 

Das aber kann nur kommen, wenn man nicht vom Staate aus 
organisiert. sondern wenn man die Menschen, die in den entspre- 
chenden Wirtschaftszweigen drinnen stehen, zu Assoziationen 
kommen lafit, wenn man Interessenwirtschaft ledigiich baut auf 
Sachkenntnis und Fachkemitnis und Fachtiichtigkek im Wirt- 



schaftsleben. Zweierlei ist notwendig: erstens, dafi man dasjenige 
kann, was man produzieren will, und zweitens, dafi man das 
Vertrauen der Menschen hat. Das aber kann man nur haben, wenn 
man in dem entsprechenden Wirtschaftszweig drinnensteht und mit 
ihm zusammengewachsen ist. 

Dadurch aber ergeben sich die einzelnen Berufe, dadurch ergeben 
sich die Gesetzmafiigkeiten der Produktion und Konsumtion. Da- 
gegen konnen die einzelnen Wirtschaftsweisen nur dadurch in ein 
bestimmtes Verhaltnis zueinander gebracht werden, indem die 
einzelnen Assoziationen selbstandig arbeiten, kein Staat und keine 
Obrigkeit hineinredet. So wie namentlich das Geistesleben vom 
Staatsleben abgesondert auf seine eigenen Fiifte gestellt werden 
muft, so das Wirtschaftsleben ebenfalls. Das Geistesleben kann 
einzig und allein gedeihen, wenn der einzelne Mensch, der die 
Fahigkeiten hat, diese Fahigkeiten auch zum Besten seiner Mit- 
menschheit entfalten kann. Das Geistesleben wirkt am idealsten und 
am sozialsten dann, wenn die einzelne Individuality, die begabt ist, 
wirken kann im Dienste ihrer Mitmenschen. Das Wirtschaftsleben 
wirkt am besten da, wenn diejenigen, die auf irgendeinem Gebiete 
produzieren, oder wenn die Konsumentenkreise so sich miteinan- 
der verbinden, dafi einfach durch das Bestehen der Assoziationen 
und Verbindungen ein reales, nicht vom Gelde abhangiges Vertrau- 
en da ist, wenn das Kreditwesen ein reales, nicht ein blofi fingiertes 
ist, wie es in der abgelaufenen Periode der Fall war, und wenn man 
wei&, dafi man irgendeinen Produktionszweig unterstiitzen kann, 
weil in diesem Produktionszweige die Leute drinnenstehen, die man 
nun kennengelernt hat, und die zusammengewachsen sind mit 
ihrem Produktionszweig. 

Das ist gewifi in kleinen Verhaltnissen noch der Fall; in den 
grollen Verhaltnissen, die den eigentlichen Verderb herbeigefiihrt 
haben, ist es nicht der Fall. Sehen Sie, ich konnte Ihnen nur 
skizzieren, um was es sich bei der Dreigliederung handelt. Ich 
konnte Ihnen nur zeigen, dafi gewissermafien die Menschheitsent- 
wickelung bis zu dem Punkt gekommen ist, in dem dasjenige, was 
man dem Staate als ein Einheitsgebilde aufgeladen hat, getrennt sein 



will in drei selbstandige Gebiete: in das sich selbstandig verwaltende 
Geistesleben, in das selbstandig sich verwaltende Staatsleben demo- 
kratischer Art, das im besonderen das Rechtsleben sein wird, und in 
das selbstandig sich auf eigene Fiifie stellende Wirtschaftsleben, das 
wiederum ein gesondertes Gebiet darstellt. Allein das ist das Wesent- 
liche: Ablesen an dem, wohin die zivilisierte Welt heme streben 
sollte, und eigentlich auch streben will, nur dafi es den Menschen 
noch nicht zum Bewufitsein gekommen ist, und dafi die Menschen 
festhalten wollen an den alten Verhaltnissen. 

Sehen Sie, es ist sehr merkwurdig, wie man gerade am Sozialde- 
mokratismus sehen kann, so wie er sich heute entwickelt, das 
konservativste Prinzip. Denn, was will denn dieser Sozialdemokra- 
tismus? Er will den Staat zu einer einzigen grofien Genossenschaft 
machen, durch die er alles militarisieren konnte. So konnte man 
heute sagen, wenn man auf Rutland sieht, wo alles militarisiert 
wird. Vom Militarisieren der Arbeit spricht man ja schon aus 
russischen Verhaltnissen heraus, weil gerade die Sozialdemokratie 
marxistischer Farbung sagt: Der Staat ist da. Dem laden wir nun 
alles auf, die Erziehung und das Wirtschaftsleben und alles laden wir 
ihm auf. - Das ist das Ungesunde! Gerade der sozialistische Gedan- 
ke stellt die letzte, ungesundeste Konsequenz desjenigen dar, was 
sich in den letzten Jahrhunderten heraufentwickelt hat. 

Das Gesunde ist, einzusehen, daft dasjenige, was dem Staate 
aufgeladen worden ist, was er aus seinem Demokratischen heraus 
nicht entscheiden kann, von ihm losgetrennt und auf eigene Beine 
gestellt werden mufi, das Geistesleben und das Wirtschaftsleben. 
Man kann ja natiirlich begreifen, dafi sehr viele Menschen heute auf 
solche Ideen nicht eingehen konnen, denn es ist dem heutigen 
Menschen einmal anerzogen, den Staat als dasjenige zu betrachten, 
was am besten durch eine gewisse Allmacht wirkt. Man meint es 
eigentlich doch nicht ernsthaft mit dem demokratischen Gedanken, 
wenn man dem Staate alles auflialsen will. Man meint es mit dem 
demokratischen Gedanken nur dann ernsthaft, wenn man dasjenige 
demokratisch behandelt sehen will, was gleich behandelt werden 
kann unter alien miindieen Menschen. Wenn es auf den einzelnen 



Menschen ankommt, auf seine Fahigkeiten, die er durch seine 
Geburt aus anderen Welten in diese Welt hereintragt, dann handelt 
es sich darum dafi diese Welt, diese geistige Welt, auch aus diesen 
Fahigkeiten heraus organisiert werden mufi. Beim wirtschaftlichen 
Leben handelt es sich darum, dafi man nicht iiber alles eine abstrakte 
Organisation spannt, was die Geldwirtschaft durch ihre eigene 
Wesenheit ist, sondern dafi aus dem konkreten Wirtschaftsleben 
heraus gewirtschaftet werden konne. Aus dem konkreten Wirt- 
schaftsleben heraus konnen sich aber nur Assoziationen bilden, die 
sich zusammenschliefien, und die durch ihr gegenseitiges Verhaltnis 
wirklich das erreichen, was ein gesundes Verhaltnis zwischen Kon- 
sumierenden und Produzierenden sein kann. Gewifi, ein solcher 
Gedanke, der gewissermafien auf alles dasjenige eingeht, was heute 
nach dem Niedergange hindrangt, und der einsieht, dafi der Nieder- 
gang nicht anders aufgehalten werden kann, als indem man griind- 
lich nach einer Neubildung sucht, ein solcher Gedanke kann nicht 
gleich verstanden werden. Man sieht ein, dafi er nicht gleich verstan- 
den werden kann. Denn die Menschen sind doch eigentlich darauf- 
hin organisiert, immer sich zu denken: Ja, jetzt geht es schlecht, aber 
es wird schon wieder besser werden. Aus irgendeinem Winkel 
heraus, so meinen sie, wird die Besserung kommen. So hat man es 
auch gemacht zum Beispiel in Deutschland wahrend des Krieges. 
Immer, wenn es schlecht gegangen ist, hat man gewartet, dafi aus 
irgendeinem Winkel heraus die Besserung kommen werde. Sie ist 
nicht gekommen! So sollte man auch heute nicht warten, dafi von 
irgendwoher, man weift nicht woher, zunachst schon wiederum die 
Verhaltnisse besser werden! Nein, die Menschheit ist heute — das 
bezeugt gerade das Auftreten der Demokratie -, die Menschheit ist 
heute in einem gewissen Grade dazu aufgerufen, sich reif zu beneh- 
men. Reif ist man aber nur dann, wenn man nicht von irgend etwas 
Unbestimmtem erwartet, es wird die Besserung kommen, sondern 
wenn man sich sagt: Die Besserung kann nur von dem eigenen 
Willen kommen, von einem einsichtigen Willen, der die Wirkung 
durchschaut. [Lucke] Wenn doch nur ein Prozent der heutigen 
zivilisierten Menschheit sich durchringen konnte zu einer klaren 



Erkenntnis der Gefahr fiir die ganze zivilisierte Welt, und sehen 
konnte, sehen konnte, wie notig die Zustande nach Dreigliederung 
streben! Aber die Dreigliederung wird iiberall mit Fiifien getreten. 
Wenn nur ein Prozent der Menschen bis zu einem gewissen Grade 
die Dinge einsehen wiirde, so wiirde es besser werden. Denn nur 
durch die Menschen kann die Besserung kommen! Das Schlimmste 
war fiir die Menschheit immer der Fatalismus. 

Aber das Allerschlimmste heme ist eben dieser Fatalismus! Neu- 
lich konnten Sie hier in einem Blatte, das in Basel erscheint, einen 
Brief eines Deutschen lesen, der da sagt: Wir miissen es in 
Deutschland nun einmal hinnehmen, durch den Bolschewismus 
durchzugehen. Dann, wenn wir durch den Bolschewismus durchge- 
gangen sind, dann wird - man weifi nicht woher! - das Bessere 
kommen. 

Das ist der furchtbarste Fatalismus. Das ist die Folge davon, dafi 
man im Grunde genommen das tiefste Wesen des Christentums 
heute noch nicht versteht. Der Christus ist fiir alle Menschen in die 
Welt gekommen. Er ist in die Welt gekommen nicht blofi fiir das 
eine Volk, aus dem er hervorging; nicht blofi fiir den einen Volks- 
gott kampfte er, denn er hat gelehrt: Nicht dieser eine Volksgott, 
sondern dasjenige, was der Gott ist fiir alle Menschen, das ist es, 
worauf es ankommt. Haben nicht in den letzten fiinf bis sechs 
Jahren die Menschen zu dem alten Jehova wieder zunickgeschaut, 
haben sie nicht iiberall fiir die Volksgotter gekampft, indem sie diese 
Volksgotter mit dem Christus-Namen belegt hatten? War es der 
wirkliche, alien Menschen zukommende Christus, von dem sie 
gesprochen haben? - Nein, es war nicht der alien Menschen zu- 
kommende Christus, von dem gesprochen wurde; es waren die 
einzelnen Volksgotter! Und man spricht ja von den einzelnen 
Volkern in diesem Sinne heute wie damals als denjenigen, die in sich 
verkorpern ihre gesonderten Ideale. Man rau(S das Christentum 
wiedemm als ein allgemeincs verstehen; aber nicht bloft mit Wor- 
ten, sondern mit reifen Ideen. 

Sehen Sie, indem ich so heute nur ein paar skizzenhafte Gedanken 
angab in dieser kurzen Zeit, aber indem ich immer wieder und 



wiederum zu den Leuten gesprochen habe iiber Dreigliederung, da 
traten auch solche Menschen auf, die heute «gute Christen» sind, 
das heifit mit Phrasen sind sie aufgetreten. Sie redeten von allem 
moglichen; aber man sollte es heute doch sagen, meinten sie, dafi das 
Christentum erfullt, der Christus wirklich werden soil. - Ich konnte 
nur erwiedern: Es gibt ein Gebot: Du sollst den Namen deines 
Gottes, den Namen deines Herrn nicht eitel aussprechen. - 1st man 
deshalb ein schlechter Christ, weil man nicht immer den Christus- 
namen auf der Zunge fiihrt? Der Christus wo lite nicht immer blofi 
angeredet sein mit dem Namen «Herr! Herr!» - sondern er wollte 
eine Gesinnung unter die Menschen bringen, die, so ausgestaltet, 
konkrete Formen annimmt, die nicht immer sich blofi auf seinen 
Namen berufen, sondern die in seinem Sinn soziale Zustande 
herbeifuhren, die alle Menschen gleich umfassen. 

Es mag mit aufieren Worten scheinbar nicht vom Christentum die 
Rede sein in der Dreigliederung, aber diese Dreigliederung des 
sozialen Organismus ist im Sinne des echten, wahren, praktischen 
Christentums gedacht. Und man wird doch noch einmal einsehen - 
das ist meine tiefe Uberzeugung, meine sehr verehrten Anwesen- 
den -, dafi die Idealisten, die heute von Dreigliederung sprechen, die 
eigentlichen wahren Praktiker sind. Und die anderen, die sagen: 
Ach, Schwarmereien! - das sind diejenigen, die heute so sprechen, 
na, wie zum Beispiel fast gleichlautend der Aufienminister des 
deutschen Reichstags und der osterreichischen Delegation im Mo- 
nat Juni 1914 gesprochen haben. Diese beiden praktischen Herren, 
die haben etwa das Folgende, fast Gleichlautende in Berlin und 
Wien gesagt: Unsere freundnachbarlichen Beziehungen zu Peters- 
burg sind die allerbesten, die es gibt. In der politischen Lage ist eine 
Entspannung eingetreten; wir gehen friedlichen Zustanden in Euro- 
pa entgegen - im Mai, Juni 1914! Mit England schweben Unterhand- 
lungen, so sagte man in Berlin von den Praktikern aus, die dem- 
nachst zu befriedigenden Resultaten fuhren werden. - Die befriedi- 
genden Resultate kamen dann im August 1914! So haben die 
«Praktiker» gesprochen, so haben die Praktiker die Dinge vorausge- 
sehen. 



Man sollte das bedenken, meine sehr verehrten Anwesenden, 
wenn man heme in einem solchen Vorschlage, wie sie diese Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus ist, einen blofien Idealismus einiger 
Schwarmer sieht, wahrend man darinnen sehen sollte das Allerprak- 
tischeste, das am allermeisten mit der Wirklichkeit Rechnende, das 
sich in unsere Zeit hmeinstellen will! 

Ich danke Ihnen, meine sehr verehrten Anwesenden, da£ Sie 
anhoren wollten, was ich vorzubringen hatte. Ich kann nur um Ihre 
Nachsicht bitten, da ich in der kurzen Zeit, die mir zur Verfugung 
stand, selbstverstandlich nur einige reine Gedanken ohne die noti- 
gen Beweise vor Sie hinstellen konnte, die Sie aber in den entspre- 
chenden Biichern und Zeitschriften, die auch hier in der Schweiz zu 
haben sind, und die Sie auch in der «Sozialen Zukunft» finden 
konnen, die von Dr. Boos herausgegeben wird. Ich konnte Ihnen 
nur einige Leitgedanken hinstellen; und ich hoffe nur, dafi diese 
Leitgedanken in Ihnen vielleicht doch die Empfindung hervorrufen 
konnen, dafi es sich jedenfalls in diesem Impuls von der Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus nicht um einen zufallig hingewor- 
fenen Ideeneinfall handelt, sondern dafi diese Dreigliederung des 
sozialen Organismus herausgegriffen ist aus den tiefsten Noten der 
heutigen Menschheit, die aber zu gleicher Zeit die heutige Mensch- 
heit aus ihren Noten wirklich herausfuhren kann, aus dem Chaos 
und dem Niedergang herausfuhren will zu einem wirklichen Neu- 
bau, nach dem sich heute so viele Menschen, und zwar mit Recht, 
doch sehnen. 



[Schlufiwort des Veranstalters.] 



DIE GEGENWARTIGE WIRTSCHAFTSKRISIS UND 
DIE GESUNDUNG DES WIRTSCHAFTSLEBENS DURCH 
DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS 

Basel, 26. April 1920 

Ich konnte mir denken, dafi es den Redaktor eines Witzblattes 
reizen konnte, wenn bei einer Veranstaltung einer Mustermesse 
iiber die Gesundung des wirtschaftlichen Lebens der Erbauer der 
Dornacher Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft, des Goe- 
theanum, das Wort ergreift. Denn es ist ja schon einmal im allge- 
meinen Zeitbewulksein wohl gelegen, dafi nichts einander ferner 
stehen konnte, als dasjenige, was sich die Menschen, die die Sache 
oberflachlich kennen, vorstellen unter der nebulosen Mystik des 
Dornacher Goetheanum, und was man ansieht als die Lebenspraxis. 
Und dennoch, es konnte ja vielleicht noch paradoxer und witziger 
erscheinen, dafi gerade in den letzten Zeiten, in den letzten Wochen, 
an einem Orte Siiddeutschlands - und die Schweiz wird in allernach- 
ster Zeit diesem Muster folgen - an die Griindung gegangen wird, 
gerade von derjenigen Geistes- und Weltanschauungsstromung, die 
in Dornach vertreten wird, rein wirtschaftlicher Unternehmungen, 
einer Aktiengesellschaft zur Forderung wirtschaftlicher und geisti- 
ger realer Werte. 

Wie gesagt, das konnte noch paradoxer erscheinen. Denn man 
sieht eben in einer solchen geistigen Bewegung, wie diese ist, fiir die 
der Dornacher Bau als Reprasentant der aufierliche Ausdruck sein 
soli, man sieht eben darinnen durchaus etwas Unpraktisches, das 
nur dann zu reden hat, wenn man sich mehr oder weniger zur 
Sonntagsruhe abzuwenden hat von den wirklichen praktischen 
Lebenszielen. 

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich will Sie durchaus 
nicht etwa lange aufhalten einleitend mit irgendeiner Ausfuhrung 
iiber die Aufgaben der durch das Goetheanum reprasentierten 
Geistesbewegung. Aber ich mochte nur so viel sagen, dafi diese 
Geistesbewegung gerade durch ihre besondere Eigenart sein will die 



Grundlage fur diejenige Lebenspraxis, die wir so recht fiir die 
Gegenwart brauchen, um herauszukommen aus demjenigen, wohin- 
ein uns geritten hat dasjenige, was man immer als so praktisch 
angesehen hat, und was sich so ganz besonders praktisch gezeigt hat 
an dem Ruinieren der europaischen Zivilisation in den letzten fiinf 
bis sechs Jahren! 

Gewifi, in jener freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft, die 
hier gemeint ist, soil der Blick der Menschen nicht nur auf dasjenige 
gewendet werden, was in der aufteren materiellen Welt dem Men- 
schen entgegentritt, sondern es soli wiederum einmal die Mensch- 
heit darauf hingewiesen werden, dafi allem Materiellen Geistiges 
zugrunde liegt, und dafi man gerade das Materielle nicht verstehen 
kann, wenn man nicht das zugrunde liegende Geistige versteht. 
Aber wie die geistige Welt erschlossen werden soil, welche Wege der 
einzelne Mensch einzuschlagen hat, um zu dieser wirklichen, realen 
Geisteswelt zu kommen, dariiber will ich ja heute nicht sprechen. 
Dariiber ist gesprochen in den verschiedenen Biichern, die ja reich- 
lich gerade liber diesen Gegenstand erschienen sind. Aber davon 
mochte ich sprechen, daft gerade die besondere Art der geistigen 
Betatigung, die gepflegt werden mufi, um dasjenige, was man die 
Geisteswissenschaft nennt, durch diese besondere Art geistiger 
Betatigung und Anstrengung etwas hervorruft im Menschen, was 
ihn nun nicht unpraktisch, sondern gerade praktisch macht, indem 
sie ihm eroffnet einen gesunden, illusionsfreien Blick auf die Wirk- 
lichkeit. So sonderbar es klingt, durch die Dornacher Hochschule 
wird nicht angestrebt eine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern im 
Gegenteil. Durch die Dornacher Hochschule wird angestrebt die 
Aneignung eines gesunden Blickes fiir die Wirklichkeit, die Aneig- 
nung eines solchen gesunden Blickes, der sehen kann, was auch in 
leder Wirklichkeit vor sich seht, die vom Menschen selbst dingiert 
werden mufi, vor alien Dingen auch in der wirtschaftlichen Wirk- 
lichkeit. 

Und um mich noch deutlicher zu dem, was ich eigentlich meine, 
auszudriicken, mochte ich durch folgenden Vergleich das, was ich 
zu sagen habe, veranschaulichen. 



Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn jemand als 
Chemiker behaupten wiirde, er habe ein Mittel erfunden, um 
Wasche zu bleichen, ein neues Mittel, um Wasche zu bleichen, und 
er dann dieses Mittel in Angriff nehmen wiirde, und siehe da, die 
Wasche wiirde von diesem Mittel schmutzig braun, man wiirde ihn 
wahrscheinlich nicht fiir einen guten Chemiker halten, und man 
wiirde sagen: Der versteht eigentlich nichts von der wirklichen 
chemischen Wissenschaft. So gilt es heute durchaus auf dem Gebiete 
der Technik und des aufieren Lebens, insofern dieses Gebiet abhan- 
gig ist vom naturwissenschaftlichen Denken. So gilt es aber durch- 
aus nicht, wenn es sich um jene Technik handelt, die im Wirtschafts- 
leben, in der Handhabung des Wirtschaftslebens zutage tritt, und 
die in irgendeiner Weise abhangig sein soil auch von einem gesunden 
wirtschaftlichen Denken, von einer wirklichen, sagen wir National- 
oder Sozialokonomie oder dergleichen. Sehen Sie, dafiir ein Beispiel 
- aber ich konnte viele anfiihren: Es ist schon eimge Zeit her, da 
stritt man viel in der internationalen Welt unter denjenigen Leuten, 
die iiber wirtschaftliche Fragen nachdachten, wie man am besten 
derjenigen wirtschaftlichen Bewegung Geltung verschaffen konnte, 
welche man Freihandelsbewegung nennt. Man untersuchte von 
einem gewissen Gesichtspunkte aus, welche Schadigungen das In- 
ternationale Wirtschaftsleben dadurch erleidet, dafi an den Grenzen 
der Lander Zolle erhoben werden und dergleichen; Zolle, denen die 
verschiedensten Absichten zugrunde liegen. Kurz, es gab einmal 
Parlamente - jetzt sind sie ja schon lange vorbei die Zeiten -, in 
denen man als ein Ideal, als ein wirtschaftliches Ideal, die Freihan- 
delsbewegung ansah. Man hat dann nach einem Mittel gesonnen in 
gewissen Kreisen, wie man den Freihandel, den Zollfreihandel vor 
alien Dingen fordern kann. Da lag man sich in den Haaren, so stark 
lag man sich in den Haaren, dafi man sagte: Durch die Liebe und 
durch die Schutzzollfrage wird man in der Welt am meisten nar- 
risch. Da lagen sich dazumal die Anhanger der Goldwahrung und 
die Anhanger des Metallismus, der Gold- und Silberwahrung in den 
Haaren. Die Anhanger der vermeintlichen Goldwahrung, das wa- 
ren diejenigen Menschen, die da sagten aus ihrer wissenschaftlich- 



wirtschaftlichen Einsicht heraus: Indem wir die Goldwahrung for- 
dern, fordern wir den Freihandel. - Das war wirtschaftlich-wissen- 
schaftliche Uberzeugung. 

Was hat dann die Wirklichkeit ergeben? Es hat sich allerdings der 
Zufall ereignet, dafi gerade, nachdem diese wissenschaftlich-wirt- 
schaftlichen Deklamationen losgelassen waren, dafi da gerade bedeu- 
tende Goldfunde in Afrika gemacht worden sind, und diejenigen 
Lander, welche wenig hatten gerade von den Gebieten, in denen 
Gold gefunden wurde, konnten das Gold in besonders reichlichem 
Mafie auspragen. Aber mit solchen Dingen miilke man ja eigentlich 
immer rechnen, miifite vor alien Dingen das Analogon des Chemi- 
kers rechnen damit, was ich zur Verdeutlichung angefuhrt habe. 
Aber in Wirklichkeit, was hat sich ergeben? Es hat sich ergeben, dafi 
durch Einfuhrung der Goldwahrung uberall die Schutzzollbewe- 
gung in die Wege geleitet worden ist, das heilk, die Wirklichkeit hat 
genau das Gegenteil von dem gezeigt, was man theoretisch aus 
wirtschaftlichem Denken vorausgesagt hat. 

Genau so ist es eingetroffen, wie wenn ein Chemiker mit einem 
Mittel, das bleichen soli die Wasche, die Wasche schmutzig braun 
machte. Wie gesagt, solche Beispiele konnte man viele anfuhren, wo 
aus dem wirtschaftlichen Denken heraus die Wirklichkeit nicht im 
allerentferntesten beriihrt wird, wo die Wirklichkeit gerade im 
entgegengesetzten Sinne verlauft. Solche Beispiele konnte man viele 
anfuhren. 

Wer heute die Frage aufwirft: Gibt es eine wirtschaftliche Krise, 
eine internationale wirtschaftliche Krise? - der braucht ja wahrhaf- 
tig nur auf die Verhaltnisse zu schauen. Diese wirtschaftliche Krise 
ist ja uberall vor der Tiire. liber die besondere Gestaltung und iiber 
die Ursache denken allerdings die Leute in der verschiedensten 
Weise. Aber kann man denn eigentlich hoffen, da£ bei einem so 
gearteten Denken gegeniiber der Wirklichkeit ein so kompliziertes 
Phanomen, eine so kompiizierte Tatsache, wie die internationale 
Wirtschaftskrise, ohne weiteres verstanden werden kann? 

Nicht wahr, das kann nicht der Fall sein! Nun werden Sie sagen: 
Aha, da ist emer, der behauptet, die wirtschaftlichen Denker seiefi 



alle dumm, sie wissen alle nichts; die Wirtschaft lauft, und die 
wirtschaftlichen Denker sind alle dumm. Nein, ich behaupte durch- 
aus nicht, dafi alle dumm seien, behaupte vielmehr, dafi es unter den 
wirtschaftlichen Menschen sehr gescheite Leute gibt, in gewisser 
Beziehung viel gescheiter als in alien anderen Berufen des Lebens, 
dafi aber dasjenige, was die Monometallisten, die Anhanger der 
Goldwahrung waren, geredet haben, und das, was geschehen ist, das 
Gegenteil von dem war, was die sehr gescheiten Leute in sehr 
gescheiten Satzen und Wendungen und Theorien vertreten haben. 
Nein, das behaupte ich durchaus nicht, dafi alle Wirtschafter dumm 
sind, sondern ich will gerade ausgehen von der merkwiirdigen 
Tatsache, dafi die moderne Zivilisation die eigentiimliche Er- 
scheinung heraufgebracht hat, dafi man ein glanzender wirtschaftli- 
cher Denker sein kann, und genau das Gegenteil von dem denken 
kann, was im wirtschaftlichen Leben Wirklichkeit ist! Das ist eine 
auffallige Erscheinung, eine Erscheinung, die sich aber auch darin- 
nen noch zeigt, dafi man eigentlich gegeniiber der heutigen euro- 
paischen Verwirrung ziemlich hilflos ist gerade in den Kreisen der- 
jenigen, die in hergebrachter Weise das wirtschaftliche Denken am 
besten gelernt haben. 

Und da sehen Sie, da mochte ich eben behaupten, dafi dasjenige, 
was man sich einfach als eine Denktechnik angeeignet hat, durch die 
gesunde Geisteswissenschaft, welche in derjenigen Bewegung ge- 
trieben wird, fiir die Dornach der aufiere Reprasentant ist, durch 
diese Denktechnik ist es moglich, die Dinge in der aufieren Wirk- 
lichkeit auch zu durchschauen, von denen man eben durch unzahli- 
ge Beispiele einfach beweisen kann, dafi sie gerade von denjenigen 
nicht durchschaut werden, die man als Fachleute ansieht. 

Sehen Sie, vor alien Dingen, wenn von wirtschaftlichen Krisen zu 
reden ist - die Leute denken ja dann gewohnlich an dasjenige, was 
etwa in den Konstellationen liegt zwischen Konsum und zwischen 
Produktion -, man redet davon, eine Wirtschaftskrise tritt dann ein, 
wenn eine Uberproduktion da ist, die vom Konsum nicht aufge- 
braucht werden kann. Man kann ebensogut beweisen, dafi die 
Wirtschaftskrise nicht von der Uberproduktion komme, sondern 



vom Unterkonsum kommt, einfach davon, dafi dann die Leute, die 
vielleicht auch nicht genug Geld haben, um sich das Produzierte zu 
kaufen, also zu wenig einkaufen. Und das Merkwiirdige ist, man 
kann das eine und das andere beweisen. Wenn Sie die Wirtschafts- 
krisen nur von 1919 durchgehen, finden Sie, die eine hat als Ursache 
Uberproduktion, die andere hat als Ursache Unterkonsumtion, die 
dritte hat wieder ganz andere Ursachen, wie zum Beispiel ein 
falsches Verhaltnis zwischen Kapitalismus und Arbeiterschaft, 
oder, was auch wiederum fiir einzelne Falle gilt, dafi die wirtschaftli- 
chen Krisen da kommen miissen, wenn man zuviel span in einer 
grofien Menschengemeinschaft und so weiter. Nun, alle diese Dinge 
beriicksichtigen nicht dasjenige, was gerade fiir das Wirtschafts- 
leben der Gegenwart das Allerallerwichtigste ist. 

Da darf ich ja wirklich aus einer Art personlicher Erfahrung 
heraus sprechen. Es ist jetzt schon lange her, es war Ende der 
neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und im Anfange dieses 
Jahrhunderts, da lernte ich griindlich die mitteleuropaische Arbei- 
terschaft kennen. Ich war Lehrer an einer Arbeiter-Bildungsschule, 
hatte aber dadurch Zusammenhange mit der Arbeiterbewegung 
nach alien Seiten hin wirklich bekommen konnen. Und ich lernte 
kennen erstens dadurch, dafi sich an die verschiedensten Vortrage, 
die ich zu halten hatte, zuweilen sehr lebhafte Diskussionen ange- 
schlossen haben, die zeigten, was man in den breitesten Kreisen der 
heranwachsenden Arbeiterschaft denkt. Auf der anderen Seite sah 
ich mich mit meinen eigenen Vortragen aufgenommen, und konnte 
sehen, wie man da in sich aufnehmen kann, was nicht blofi wirt- 
schaftlich und so weiter ist. Und derjenige, der, ich mochte sagen, 
mit einem gewissen beobachtenden Sinn fiir menschliche Verhalt- 
nisse und ohne Vorurteile in so etwas gelebt hat, der weifi zu sagen, 
welcher Irrtum es ist, wenn man heute meint, in blofien wirtschaftli- 
chen Kategorien, wie Kapital und Lohn und dergleichen, oder 
Einfuhr und Ausfuhr, Handel, Finanz, Zahlungsbilanz, Valuta und 
anderen Dingen, in diesen Dingen lage mehr als dasjenige, was sich 
nur an der Oberflache abspiek. Nein, in diesen Dingen iiegt wirk- 
lich fiir die gegenwartige Krise dasjenige, was sich nur an der 



Oberflache abspielt. Denn alles dasjenige, was sich im wirtschaft- 
lichen Leben abspielt, geht zuletzt doch von dem Menschen aus, 
von den Gedanken der Menschen aus, und was die Menschen tun, so 
dafi herauskommen Qualifikationen von Kapital- und Lohnverhalt- 
nissen, von Einfuhr und Ausfuhr und so weiter, von Valutaschwan- 
kungen. Das ist zuletzt abhangig von dem, was aus den Gedanken 
der Menschen hervorgeht. 

Sehen Sie, ich kann da wirklich unbefangen sprechen, denn ich 
war durch funf bis sechs Jahre eben Lehrer unter Arbeitern und 
habe es dahin gebracht, dafi zuletzt allerdings eine grofie Anhanger- 
schaft da war unter den Arbeitern, dafi aber eines schonen Tages die 
Fiihrer dieser Arbeiterschaft merkten, dafi da einer ist, den man 
nicht dulden kann, dafi da einer ist, der nicht orthodoxen Marxis- 
mus lehrt, dafi da einer ist, der sich bemiiht, ganz anderes in die 
Herzen und in die Gemiiter hineinzubringen als die orthodoxe 
Lehre ist. 

Es wurde eine Sitzung mit meinen Schiilern abgehalten. Dazumal 
waren bei der Sitzung Hunderte meiner Schuler anwesend, und 
Arbeiterfuhrer, zwar von zweiter Garnitur, aber geschickt von 
erster Garnitur, die alles mogliche vorbrachten, so auch: dafi ich 
eben in der Arbeiterbewegung eine unmogliche Personlichkeit sei. 
Ich sagte: Ja, aber wollen Sie wohl in Zukunft hier etwas pflegen, 
was fur die Zukunft taugen soli, und Sie verstehen nicht das 
Einfachste, Lehrfreiheit? Da brachte es doch einer der Fiihrer dahin, 
das Wort auszusprechen: Lehrfreiheit? Nein, wir kennen nur ver- 
niinftigen Zwang! Und trotzdem die Abstimmung mit alien gegen 
die vier war, gegen die vier Fiihrer, war meine Tatigkeit ferner 
naturlich ganz unmoglich. 

Das, sehen Sie, das berechtigt mich, eben aus den Tatsachen 
heraus doch mit einiger Unbefangenheit iiber dasjenige zu sprechen, 
was heute sich eigentlich hineinstellt ganz im internationalen Euro- 
pa in das Wirtschaftsleben. 

Aber man muft auch dasjenige wirklich studieren konnen, was aus 
dem Menschen selbst herauskommt, und was jene Kategorien, von 
denen ich gesprochen habe, die man gewohnlich aufzahlt, eigentlich 



erst bewirkt. Man mulS sich zunachst fragen: Was fur Eigentumlich- 
keiten hat denn der Glaube, der sich allmahlich ausgebreitet hat in 
dem europaischen Proletariat? 

Sehen Sie, das charakteristischste Zeichen fiir die Anschauung 
von Millionen von Menschen ist, dafi die Leute erstens gegeniiber 
dem Geistesleben so denken, daft alles dasjenige, was der Mensch 
geistig hervorbringe, auch dasjenige, was er aus seinem Geiste 
heraus als Recht, als Sitte, als Religion hervorbringe, als Wissen- 
schaft hervorbringe, daft das nichts weiter ist als etwas, was in 
abstrakter Art das menschliche Gehirn gebiert, was eine Art von 
ideologischem Oberbau ist auf der einzigen Wirklichkeit, dem 
Unterbau, der einzigen Wirklichkeit: dem wirtschaftlichen Produk- 
tions- und Konsumtionsleben. 

Das hat sich festgesetzt bei Millionen und aber Millionen von 
Menschen. Ich will jetzt nicht untersuchen, inwieweit das zuriick- 
geht auf die Theorie des Marx und Engels, festgesetzt hat sich das in 
Millionen und aber Millionen von Menschen: Das ganze geistige 
Leben ist eine Ideologies etwas bloft aus dem Wirtschaftsleben 
Herausgewachsenes. 

Ja, vielleicht wird man doch in den Kreisen derjenigen, die sich 
wirtschaftlich sehr gescheit fiihlen, gering denken mit Bezug auf die 
gegenwartige wirtschaftliche Krisis im internationalen Leben, iiber 
diesen Glauben des Proletariats. Aber das ist gerade der grofte 
Fehler, daft man iiber die wichtigsten Dinge heute gering denkt. 
Denn man lernt nicht erkennen, woraus die Krise entspringt, 
woraus dasjenige entspringt namentlich, was im Unbewuftten der 
Menschen lebt, und woraus doch das wirtschaftliche Unheil hervor- 
geht, wenn man nicht den Blick auf das Seelenleben der groften 
Masse richtet. Man mufi das Seelenleben der groften Masse ins Auge 
fassen; denn es laftt sich das glauben, Geistesleben sei nur eine 
Ideologic, aber es lalk sich nicht damit leben, und der Mensch 
verodet, der Mensch verliert den Halt im Leben. 

Und das ist das Eigentumliche: Mit einem Fanatismus ohneglei- 
chen hangt die grofie Masse an diesen Lehren, die Masse namentlich, 
die heute in gewissen wirtschaftlichen Arbeiterkreisen den Ton 



angibt, mit Fanatismus hangt die Masse an diesen Lehren; aber 
immer mehr verodet sie dabei. 

Wie ist das gekommen? Der Materialismus ist nicht dieser Arbei- 
terschaft selbst entsprungen, der Materialismus ist entsprungen in 
den letzten vier Jahrhunderten in den fuhrenden Kreisen. Nur, die 
fuhrenden Kreise haben sich aus einer gewissen Halbheit heraus die 
alten Traditionen bewahrt. Auf der einen Seite haben sie iiber das 
aufiere Leben, in dem sie drinnenstehen, materialistisch zu denken 
begonnen, auf der anderen Seite haben sie sich die alten Traditionen 
als ihre Religion, als ihre Sittlichkeit und so weiter bewahrt, und 
fuhren im Grunde genommen eine doppelte Lebensbuchfuhrung. 

Das kann der Arbeiter nicht, der hinweggerufen worden ist von 
dem, woran er friiher stand, mit dem er zusammengewachsen war: 
vom Handwerk, dessen Produkte er lieb hatte, in die er sein Leben 
hineinlegte. Er ist hingerufen worden an die abstrakte Maschine, in 
die abstrakte Fabrik hineingestellt. Er sucht sein Heil in demjenigen, 
das die anderen nur zur Halfte nehmen. Man kann es eben beurtei- 
len, wenn man darinnen gestanden hat. Das hat sich nach und nach 
heraus ergeben. Und so ist in Europa jenes grofie Nichtverstehen 
entstanden. 

Das liegt wie ein furchtbares Schicksal heute iiber Europa, dieses 
Nichtverstehen. Da sind oben diejenigen, die die Kapitalien zu 
verwalten haben, da sind oben diejenigen, die das Wirtschaftsleben 
zu leiten haben, die es leiten konnten, wenn sie nur wollten, die auch 
den Materialismus umwandeln konnten in eine gesunde Weltan- 
schauung, die auch praktisch sein konnten. Da sind diejenigen, die 
alles konnten, wenn sie wollten. 

Da sind unten diejenigen, die ernst genommen haben dasjenige, 
was sich als Materialismus bei diesen fuhrenden Kreisen herausge- 
bildet hat, die nichts konnen, die da glauben, indem sie sagen: den 
Kapitalismus mufi man bekampfen -, man konne irgend etwas mit 
dieser Phrase erreichen; die da nicht wissen, dal? man ja Wirtschafts- 
leben ohne Kapitalismus im modernen Sinne des Wortes iiberhaupt 
nicht haben kann, daft man ohne Kapitalismus nur in die Barbarei 
zuriickkehren kann. Hilflos in seinen Gedanken, hilflos gegeniiber 



der Wirklichkeit ist der Arbeiter geworden iiber ganz Europa hin, 
der Arbeiter, der an die Maschine gezwangt worden ist, der sich 
ausmalt im Ernste diejenigen Theorien, die, ich mochte sagen, als 
Nebenprodukte des Lebens bei den anderen abfallen, mit denen 
man nicht leben, und wohl auch nicht wirtschaften kann, wie eben 
solche Dinge wie der Metallismus und Monometallisrnus und ahnli- 
ches zeigen. 

Dieses grofie Mifiverstehen, was hat es denn heraufgebracht? 
Nun, Sie konnen es sehen an der Entwickelung der europaischen 
Verhaltnisse, was es heraufgebracht hat. Sehen Sie sich Rufiland an. 
In Rutland hat sich der Volkseigentumlichkeit gemafi etwas erge- 
ben, was schwierig zu studieren ist fur den, der unbefangen und 
vorurteilsfrei, ohne ein Agitator zu sein, auf diese Dinge hinsieht. Es 
waren viele Differenzierungen der sozialistischen und sozialen 
Ideale in Rutland da. Was war da in diesem Rutland bis 1914? 
Durch den russischen Militarismus niedergehalten, niedergehalten 
durch den von so vielen gehafken Zarismus, war dasjenige, was in 
den breiten Massen lebte, was gerade in diesen breiten Massen 
dasjenige bildete, von dem keine Briicke zu finden war zu dem 
anderen, was in den leitenden Kreisen lebte. Man wollte nicht 
dasjenige erreichen, was man hatte erreichen mussen: die Briicke zu 
bauen, als Fuhrende, als Intellektuelle diese Briicke zu bauen. Wir 
sehen heraufkommen den modernen Kapitalismus. Wir sehen her- 
aufkommen den modernen Individualismus mit dem Hereinrufen 
einer millionenfachen Menschenmenge in Fabriken, an Maschinen. 
Was da notwendig gewesen ware, zu einem neuen praktischen 
Denken zu greifen, wie es notwendig gewesen ware, auf seiten der 
Intellektuellen, sich zum Fiihrer zu machen, Vertrauen zu gewin- 
nen, begreiflich zu machen den grofien Massen, dafi man versteht, 
die Alliiren des Wirtschaftslebens wirklich auch im Ernste durchzu- 
fiihren, man hat nichts von dem getan. Man hat fur sich gelebt, eine 
Oberschicht. Man hat die anderen studieren lassen. Studiert hat ja 
gerade das Proletariat aufterordentlich viel, einfach einsam fur sich 
hingegeben an dasjenige, was Abfallprodukte der Bildung, materiali- 
stische Abfallprodukte der Bildung waren. 



Heute sind die Frtichte davon in der Wirtschaftskrisis Europas 
da. Es ist ein geistig bedingtes, tragisches Schicksal. 

Dann kamen aus dem heraus geboren, was niederhielt dasjenige, 
was man nicht geistig durchdringen wollte, was man nicht geistig 
durchsetzen wollte mit verniinftigen Anschauungen, was man nie- 
derhalten wollte durch aufiere physische Gewalt des Militarismus 
und desjenigen der absoluten Monarchic oder irgendwelcher ande- 
rer Machte, aus dem heraus, was gebraucht wurde, um unschadlich 
zu machen dasjenige, was man nicht geistig bezwingen wollte, aus 
dem heraus kamen die europaischen Kriegskatastrophen. 

Und was entstand dann? Dann entstand fur Rutland der Leninis- 
mus, der Trotzkismus. Nicht etwa heraus aus dem russischen 
Sozialismus, o nein, am allerwenigsten ist der Leninismus und 
Trotzkismus aus dem russischen Sozialismus heraus geboren. Nie- 
mals hatte etwas wie der Leninismus und der Totzkismus aus dem 
russischen Sozialismus heraus geboren werden konnen. Da ware 
etwas ganz anderes heraus gekommen, wenn man Verstandigung 
gesucht hatte in verniinftiger Weise von Seiten der Intellektuellen 
zur Seite der breiten Masse der Bevolkerung. Nein, Lenin und 
Trotzki sind nicht aus der Revolution herausgewachsen! Lenin und 
Trotzki sind aus den Kreisen herausgewachsen desjenigen, was der 
Krieg als Ergebnis gebracht hat, desjenigen, was durch den Krieg 
geworden ist als letzte Konsequenz des Militarismus, daraus sind 
Lenin und Trotzki erwachsen. Die Ergebnisse des Krieges sind 
eingezogen in Rutland und haben neuerdings dasjenige, was von 
unten heraufwollte, mit dem man sich hatte verstandigen sollen, 
niedergehalten. Lenin und Trotzki sind keine Helden des Sozia- 
lismus; sie sind die Sonne der europaischen Kriegskatastrophe und 
sind nur dadurch moglich geworden, daft iiber Rutland sich das 
Elend der Kriegsfolgen ausgebreitet hat. Und dasjenige, was im 
ubrigen Europa war, lesen Sie das sehr schone Buch - aber man 
konnte vieles andere noch verfolgen - von Keynes, «Die okonomi- 
schen Folgen des europaischen Friedensschlusses». Dasjenige, was 
sich iiber das ubrige Europa ausbreitete - was ist es denn? Ist es etwa 
das Bekenntnis des wirtschaftlichen Denkens; ist es das wirtschaft- 



liche Streben bis 1914, das uns in die furchtbare Katastrophe 
hineingebracht hat? Nein, das ist es nicht, sondern dasjenige, was 
wir erleben, einschliefilich aller Valutasorgen einzelner Lander, ist 
nicht ein gesundes Zuriickkehren zu gesunden Ansichten, die man 
glaubt bekommen zu konnen dadurch, dafi die Krankheit sich ad 
absurdum gefiihrt habe durch die Katastrophen. Dasjenige, was wir 
erleben, ist Ergebnis des Krieges. Aus einem sehr, sehr kurzsichti- 
gen Urteil heraus hat ein deutscher General die Worte gepragt, die 
wahrend dieser Kriegskatastrophe vielfach nachgesprochen worden 
sind: Der Krieg ist nur die Politik mit anderen Mitteln ausgefuhrt. 

Ich habe wahrend des Krieges immer wieder dieses Diktum mit 
dem Wort verglichen: Die Scheidung ist nur die Ehe mit anderen 
Mitteln fortgefiihrt! Aber mit einer gewissen richtigen Variante 
konnte man doch sagen: Dieser Friede ist, insbesondere auf dem 
Gebiete des Wrrtschaftslebens, nur die Fortfuhrung des Krieges mit 
anderen Mitteln. Das sagt man wahrhaftig nicht wiederum mit einer 
agitatorisch oder von irgendeiner Seite her gefarbten Betrachtung 
der gegenwartigen wirtschaftlichen Zustande, sondern das sagen 
selbst so objektive Urteiler, von derjenigen Seite, die heute am 
allermeisten Veranlassung hatte, objektiv zu urteilen, von seiten der 
Englander, das sagt eben Keynes in seinem Buche «Die okonomi- 
schen Folgen des Friedensschlusses». 

Nun, sehen Sie, wenn man diese Dinge wirklich ins Auge fafit, 
dann mufi man sagen: Oh, viel, viel tiefer liegen die Ursachen der 
gegenwartigen wirtschaftlichen Katastrophen! Und schliefilich, man 
braucht ja nur einmal das heutige Wirtschaftsleben, wie es sich 
heraufentwickelt hat, zu betrachten. Man braucht sich nicht gefan- 
gennehmen zu lassen von den einseitigen Deklamationen iiber 
Kapitalismus und Antikapitalismus, sondern man braucht sich nur 
den objektiven und gewifi durch die modernen Verhaltnisse berech- 
tigten Tatsachen hinzugeben, da£ unser Wirtschaftsleben innig 
verquickt ist mit dem, was wir ncnr.cn miissen die Geldwiruschaft. 

Nun, ich bin selbstverstandlich weit entfernt von der narrischen 
Idee, etwa die Geldwirtschaft bekarnpfen zu wollen. Darum kann es 
sich nicht handeln, denn das wiirde ich eben fiir eine narrische Idee 



halten, ebenso gut wie ich es fur eine narrische Idee halte, das Geld 
irgendwie auch reformieren zu wollen. Nein, sondern dasjenige, um 
was es sich handelt, ist, da£ durch die ganzen modernen wirtschaft- 
lichen Verhaltnisse dasjenige, was im Gelde vorliegt, innerhalb des 
Wirtschaftslebens abstrakt geworden ist. 

Ein englischer okonomischer Zeitungsmann sagte mit vollem 
Rechte: Welche Funktionen eigentlich das Geld in unserem Wirt- 
schaftsleben hat, das ist aufierordentlich verwickelt und eigentlich 
gar nicht wirklich auseinander zu schalen fiir eine Betrachtung. - So 
ist es ja. Aber ich konnte mich durch einen Vergleich klarmachen. 

Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn jemand ein 
Denker ist von recht abstrakter Wesenheit, wenn er immer gleich 
iibergeht von dem Besonderen zum Allgemeinen, wenn er etwa 
draufien auf der Wiese allerlei Blumen mit einem konkreten Namen 
sieht, und dann sagt: Pflanzen oder Blumen - und «Blumen» 
vergleicht mit Tier und so weiter, so denkt er abstrakt. Er bringt 
abstrakte Gedanken, die vieles umfassen, und breitet sie wie einen 
Teppich aus iiber die konkreten Teile. 

So ist es im wirklichen Wirtschaftsleben mit dem Gelde. Das Geld 
bringt in das reale wirtschaftliche Leben, in die Wirklichkeit ein 
ganz abstraktes Element hinein. Denken Sie doch, wenn ich der 
Besitzer von 50 Franken bin, so bin ich eben der Besitzer dieser 50 
Franken, und es ist ganz gleichgiiltig zunachst, wenn ich die 50 
Franken im Portemonnaie habe, ob ich mir morgen fiir die 50 
Franken einen Hasen oder ob ich mir Mehl oder irgendeine silberne 
Uhr kaufe, oder ob ich mir einen Rock kaufen werde oder derglei- 
chen. Die Konkretheit des Wirtschaftslebens hort auf gegeniiber der 
Abstraktheit des Geldes. Das kommt dann zum Vorschein in dem 
Augenblicke, wo Geld gegen Geld stent, wo man Geld kauft. Man 
kann das am besten sehen, wie sich, geradeso wie die Abstraktionen 
sich verbergen vor der Realitat des Denkens, wie sich die Ab- 
straktheit des Geldes verbirgt vor der Realitat. Sehen Sie, wer in den 
letzten Wochen die Zeitungen verfolgt hat in Deutschland, der 
konnte finden, dafi die Leute eine grofie Freude gehabt haben iiber 
das birchen Besserwerden der Valuta. Sie ist ja dann aber zuriickge- 



gangen. Und wer die tieferen Zusammenhange kennt, der wird sich 
nicht sehr imponieren lassen von zeitweiligem Besserwerden dieser 
Valuta. Nun, aber alien moglichen Ursachen wurde die Sache 
zugeschoben, wobei aber im Hintergrunde nichts anderes stand, als 
dafi in Spanien vorhandene deutsche Noten durch irgendeine beson- 
dere Konstellation, durch eine besondere Absicht von Amerikanern 
an der Borse gekauft worden sind, und dafi das das bifichen Hinauf- 
schnellen der deutschen Valuta bewirkt hat. Das entzog sich den 
Blicken aus dem einfachen Grunde, weil immer dann, wenn das 
Geld als solches im Handel umlauft, wenn Geld als solches gehan- 
delt wird, dann steht das feme dem konkreten Wirtschaftsleben, 
und man sieht nicht mehr die Zusammenhange. So wie wenn jemand 
eben abstrakt spricht, einem ein Miihlrad im Kopfe herumgeht und 
man nicht mehr eine Ahnung davon hat, was er eigentlich mit seiner 
Abstraktheit meint, so weifi man nicht mehr bei den Geldmanipula- 
tionen, was nun eigentlich im Wirtschaftsleben vor sich geht. 

Sehen Sie, in diesen Dingen liegt es im wesentlichen in einem 
Fremdwerden des Verkehrsmittels Geld im eigentlichen Wirt- 
schaftsleben; und das ist der Grund, dafi wir in eine so furchtbare 
Wirtschaftskrise hineingekommen sind. Denn diese Wirtschafts- 
krisis war eigentlich schon vor dem Kriege da, und der Krieg war 
nur der Ausdruck fur diese Wirtschaftskrise. [Lucke.] 

Sehen Sie, es konnte ja einer, sagen wir, im Jahre 1865, die 
grolkmoglichen Anlagen gehabt haben fur die Luftschiffahrt, - er 
konnte diese Anlagen nicht betatigen, weil es noch keine Luftschiff- 
fahrt gab! Es hilft nichts, auf irgendeinem Gebiete des Lebens blofi 
gescheit zu sein. Wenn einen die Verhaltnisse hinwegfuhren von 
dem unmittelbaren Erleben desjenigen, das erlebt werden soil, dann 
hilft einem jeglicher gescheite Gedanke gar nichts. Und dafi man 
gerade auf wirtschaftlichem Gebiete, wie auch auf anderen Gebie- 
ten, hinweggetrieben worden ist vom wirklichen Leben, das brachte 
die ganze modcrne Zivilisation dadurch hervor, daft man die drei 
Hauptgebiete des Lebens: Geistesleben, politisches oder Rechts- 
ieben und Wirtschaftsleben, immer mehr und mehr zu einem 
Einheitsstaat zusammengeschweiflt hat. 



Dem Zusammenschweiften in dem Einheitsstaat war die Geld- 
wirtschaft giinstig. Wie gesagt, ich bitte, mich durchaus nicht 
mifizuverstehen, dafi ich etwa gegen die Geldwirtschaft irgend 
etwas einwenden wolle. Ich will nur darauf hinweisen, wie dasjeni- 
ge, was nicht erfalk worden ist von der Geldwirtschaft, gerade zur 
Gesundung unseres wirtschaftlichen Lebens fiihren mufi! 

Es ist ja immer wieder und wiederum in den Gedanken der 
neueren Zeit dies geltend gemacht worden, daft der Einheitsstaat ein 
Allheilmittel ist. Dieses Allheilmittel, es hat vorgeleuchtet den bis 
jetzt fiihrenden Leuten, aber auch den Sozialisten; denn was wollen 
die Sozialisten? Den Rahmen, den ausgewalzten Rahmen des Staates 
beniitzen, urn ihre sozialistischen Trugschliisse [Liicke] hineinzu- 
bauen. Sogar Lenin und Trotzki taten nichts anderes als dasjenige, 
was ihnen der Krieg iibriggelassen hat von dem alten russischen 
Zarenstaat, zu iibergiefien mit ihren sozialistischen abstrakten Be- 
griffen. Dieser Gedanke des Einheitsstaates ist in den letzten drei bis 
vier Jahrzehnten - wer die Geschichte wirklich zu betrachten weifi, 
der weifi, daft es erst so lange her ist in Wirklichkeit - sozusagen erst 
der Gedanke all derjenigen geworden, die glauben, das Richtige aller 
offentlichen Verhaltnisse zu wollen, und die daniber versaumen, zu 
sehen, was in der Wirklichkeit der Menschheit heranreift: dafi 
heranreift in der Wirklichkeit der Menschheit der Drang, gegeniiber 
dem Geistesleben, der Drang, gegeniiber dem Rechts- oder Staats- 
leben und gegeniiber dem Wirtschaftsleben zu ganz anderen Kon- 
stellationen zu kommen, als man sie bisher gehabt hat. Ich will an 
einem Zipfel, mochte ich sagen, die Sache anfassen. 

In manchen Gebieten des europaischen Lebens ragt hervor aus 
alten Einrichtungen dasjenige, was wir das Erbrecht nennen. Erb- 
recht, es hangt zusammen mit den Verhaltnissen der Blutsbande der 
Menschen. Verfolgen Sie dasjenige, was von dem Erbrecht aus- 
strahlt in die ganzen offentlichen Verhaltnisse, auch in die Konfigu- 
ration der Staaten- und Gesellschaftszusammenhange, so werden 
Sie sehen, wie viel auch im wirtschaftlichen Leben an diesem 
Erbrecht hangt. Das Erbrecht wirkt bei gewissen Leuten in diese 
oder jene Wirtschaftszweige hinein, es bringt die Leute hinein, sie 



sind da drinnen, und aus ihren Fahigkeiten heraus werden einzelne 
Dinge. Aber schliefilich, aus diesen einzelnen Dingen setzt sich 
wiederum ein grofier Teil des Gesamtwirtschaftslebens zusammen. 
Kurz, wir haben das Erbrecht eng gebunden an Blutsbande, an 
dasjenige, was von der Natur in der Menschheit organisiert ist. 

Was ist denn geschehen gerade in denjenigen Staaten, die sich am 
allermustergultigsten betrachten in den letzten drei bis vier Jahrhun- 
derten? Man hat von der Natur das Organisieren gelernt. Man 
schreibt ja besonders den Deutschen das Organisieren zu. Sie haben 
es nur so gut gekonnt, dafi sie es bis zum Mechanisieren verzerrt 
haben. Aber es ist im wesentlichen iiber die ganze zivilisierte Welt 
ausgegossen. Man hat das Organisieren, das von der Natur aus der 
Menschheit eigentiimlich ist, auch in das soziale Leben hineinge- 
tragen. Und dieses Organisieren, das mit den Blutsbanden zusam- 
menhangt, dieses Organisieren, das ein sehr Symptomatisches - es 
gibt viele andere - im Erbrecht hat, dieses Organisieren, es kommt ja 
im Grunde genommen sehr deutlich auch in der Organisation des 
geistigen Lebens heraus. Und schliefilich - allerdings will die katho- 
lische Kirche eine demokratische Einrichtung sein, die denjenigen, 
der da unten aus dem alleruntersten Stande ist, auch unter Umstan- 
den heraufkommen lafit bis zu den hochsten Stellen der kirchlichen 
Hierarchien - hat sich in der Praxis aber auch da dasjenige, was 
zusamrnengeschweifk hat solche Dinge, wie die alten Organisa- 
tionen, die an den Blutsbanden hangen, auch in katholische Kir- 
chenorganisationen hineingeschlichen; denn schliefilich waren doch 
mehr Hochadlige Erzbischofe geworden als andere und so weiter. 
Kurz, wir sehen in vieler Beziehung, wie hereinragt in die moderne 
gesellschaftliche Ordnung, was aus den Blutsbanden kommt; und 
was in solchen Dingen, wie dem Erbrecht, besonders zum Aus- 
druck kommt, dariiber ist aber eigentlich das Menschengeschlecht 
mit seinem innersten Bewulksein hinausgewachsen. Wenn einer 
sagt: Mensch ist Mensch und weist auf ein siebenjahriges Kind und 
auf einen vierzigjahrigen erwachsenen Menschen, so werden Sie 
lachen. Sie werden nicht sagen, dafi der vierzigjahrige Mensch nur 
etwa die Folge des funfunddreifiigjahrigen, des dreifSigjahrigen und 



so weiter Menschen ist, sondern Sie werden so auf den Menschen 
hinschauen, wie aus seinen Tiefen heraus dasjenige sich entwickelt, 
was in seinem Wesen liegt. Nur in der Geschichte ist man zu der 
torichten Anschauung gekommen, dafi immer nur das Folgende die 
Wirkung des Vorhergehenden ist, wahrend seit langer Zeit das 
Menschengeschlecht so ist, dafi die aufeinanderfolgenden Phasen in 
seinem innersten Wesen sich so ergeben, wie etwa Zahnwechsel 
oder Geschlechtsreife in dem einzelnen Individuum. So hat sich 
einfach wahrend der letzten Zeit, wahrend als Erbteile im Geistes- 
leben, Wirtschafts- und Rechtsleben diejenigen Dinge geblieben 
sind, die aus den alten Blutsbanden und den dadurch bedingten 
Verhaltnissen hervorgegangen sind, wahrend die alten offentlichen 
Rechte geblieben sind, hat sich in dem Menschen unbewufit festge- 
setzt der Drang nach einer neuen Ordnung, nach dem, dafi etwas 
anderes eintreten soil. 

Da sehen Sie, wenn man versuchen will, zu erlauschen, was die 
Menschen wirklich wollen, dann erscheint eben so etwas wie in 
meinen «Kernpunkten der sozialen Frage». Man beachtet nur nicht, 
wie in der wahren Wirklichkeit und wahren Praxis, dem, was das 
Leben heute fordert, diese Dinge abgelauscht sind. Da haben wir das 
Erbrecht aus der alten Menschheitsentwickelung heraus. Man will 
es behalten so wie etwa seine zwolfjahrige oder vierzehnjahrige 
Entwickelungszeit ein Mensch behalten wollte, der nicht einsieht, 
dafi man mit zwanzig anders sein mufi als mit zwolf und vierzehn 
Jahren. Man wird naturlich im einzelnen solche Torheiten nicht 
wollen. Da haben wir das Erbrecht. Es ist zu etwas geworden, 
wohinein sich das Bewufitsein der Menschen nicht fiigen will. Der 
Mensch halt heute aus einem elementaren Gefiihl heraus zu viel von 
seiner Individuality, als dafi er, wenn er auch aufierlich aus Konven- 
tion festhalten will an dem konventionellen Mittel des Erbrechts 
[Lucke]. Ist man ehrlich und hort hin auf das, was die Menschheit 
eigentlich will, so kommt man auf das, was Sie ausgefiihrt finden in 
den «Kernpunkten der sozialen Frage», wo gezeigt ist, dafi die 
Menschheit hintendiert in einer sozialen Ordnung nach einem 
Verbundensein des Menschen, der gewisse Fahigkeiten hat, mit den 



Produktionsmitteln, oder sagen wir mit dem Kapital. Kann er diese 
Fahigkeiten damit nicht mehr verbinden, dann mufi die Summe der 
Produktionsmittel oder das Kapital von ihm ubergehen wiederum 
an einen Befahigten. Da zeigt sich, wie die alte Zeit in die neue Zeit 
hineinwachsen mufi. Die alte Zeit machte abhangig die wirtschaft- 
liche Konfiguration vom Blute. Die neue Zeit macht abhangig - im 
Bewufitsein der Menschen ist es schon vorhanden -, will abhangig 
machen die Konfiguration des Wirtschaftslebens von dem, was 
bewulk erlebt wird. So dafi in der neuen Ordnung nicht im gewohn- 
lichen Sinne vom Erbrecht gesprochen wird. Es wird aus diesem 
Grunde vielfach heute zum Beispiel das Erbrecht angezweifelt, es 
wird angezweifelt, dafi vom Erbrecht die Rede sein kann. Es soil nur 
davon die Rede sein, daft, wenn ich durch meine Fahigkeiten mir 
eine Summe von Produktionsmitteln erworben habe, durch die ich 
etwas erreichen kann, ein Kapital angesammelt habe, so habe ich die 
Verpflichtung, wenn ich selber nicht mehr der Verwalter sein kann, 
das an einen anderen zu iibertragen, der wiederum, seinen Fahig- 
keiten nach, damit verbunden sein mui Ersetzt werden mufi durch 
Vernunft und Menschenindividualitat das, was nur vom Blute 
abhangig war. 

Das klingt fiir manchen radikal, aber es ist ja nicht aus irgendei- 
nem Radikalismus gesprochen, sondern nur erlauscht aus dem, was 
unbewufit die Menschheit eigentlich will. 

Betrachtet man in dieser Weise dasjenige, was sich heute als 
Menschheitsentwickelung darstellt, dann kommt man darauf, dafi ja 
durch den Standpunkt, den die Menschen erreicht haben in der 
allgemeinen Wissenschaft des menschlichen Geschlechtes, im Gei- 
stesleben, Rechts- oder Staatsleben und Wirtschaftsleben heute 
eben so weit gekommen sind, dafi sie sich nicht mehr in den 
Einheitsstaat zusammenpressen lassen. 

Hier setzt der Impuls fiir die Dreigliederung des sozialen Orga- 
nismus ein, so ein, da& er verlangt fiir das Geistesleben ein vollstan- 
diges Auf-sich-seibst-Gestelltsein, da£ er verlangt dasjenige, was 
heute gerade vielleicht am meisten bekampft werden wird, well man 
es fiir besonders gescheit halt, den Staat zum Wachter liber das 



Geistesleben zu machen. Das aber mufi verlangt werden von dem, 
der heute erkennt, was die Menschheit unbewufk will, dafi das 
Geistesleben vollig auf sich selbst gestellt wird. 

Nehmen wir einen der wichtigsten Teile: das offentliche Schulwe- 
sen. Vom Lehrer der untersten Schulklasse bis hinauf zum hochsten 
Lehrer mufi alles Selbstverwaltung sein. 

Sehen Sie, liber jene padagogisch-didaktischen Prinzipien, die 
sich ergeben aus einer solchen Denkweise, war ich ja dazu berufen, 
in Stuttgart die Waldorfschule zu begriinden. Emil Molt, der dortige 
Fabrikant der Waldorf-Astoria-Fabrik, hat diese Waldorfschule 
eingerichtet. Mir oblag es, der Waldorfschule die geistige Grundlage 
zu geben, und bis heute ist mir - wenn auch zuweilen von auften 
nicht erkennbar - die eigentliche Leitung, die eigentliche Fiihrung 
der Schule iibertragen. Und da hatte ich wochenlang fur die Lehrer 
einen seminaristischen, padagogischen Kursus gegeben, um eben 
die Richtung anzugeben, in der diese Schule wirken soli. 

Ja, da war ich auch genotigt - zu sehen, wie weit wir es bis jetzt 
gebracht haben, wird Ihnen noch Gelegenheit geboten werden -, da 
war ich auch genotigt, sehen Sie, zu erkennen, auf welcher abschus- 
sigen Bahn gerade das Geistesleben an seinem wichtigsten Gebiete, 
dem Schulwesen, sich befindet. Ich mufite ja natiirlich auch Lehrpla- 
ne ausarbeiten, und mufite, um mich zu orientieren, einsehen, was 
da ist, um den gegenwartigen Schul-Lehrzielen und Lehrplanen 
gerecht zu werden. 

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich kann mich noch 
erinnern - es ist allerdings lange her, als ich selber in der Schule war, 
oder mit Lehrern verkehrt habe -, da war es so, dafi alles Schulpro- 
grammafiige, es war so etwas Gedrucktes, noch auf einer Seite stand; 
jetzt sind das dicke Biicher geworden, und alles ist bis ins einzelne 
hinein spezifiziert. Auf der einen Seite hat man dasjenige, was die 
padagogischen Kiinstler und padagogischen Wissenschafter in ihre 
Biicher hineinlegen, was sie ubermitteln dem Lehrenden. Da hat 
man dasjenige, was aus der Sachkenntnis und Fachkunde heraus 
kommt. Dann das Biirokratische, das vom Staate herkommt. Viel 
wich tiger als man denkt ist das! Es hat keine Berechtigung, dafi 



irgend etwas anderes hineinspricht als das sachlich Fachkundige in 
die Verwaltung des Geisteslebens. Gerade zum Beispiel auf dem 
Gebiete des Schulwesens zeigt sich das mit Deutlichkeit. Wie anders 
wiirden die Menschen erzogen und hineingestellt ins Wirtschafts- 
leben, wenn das Geistesleben vollig frei, nur aus seinen eigenen 
Grundlagen heraus sich verwalten konnte! Das kann nur derjenige 
ermessen, der wirklich sich ein gesundes Urteil iiber den Zusam- 
menhang des freien geistigen Lebens, des Entwickelns der menschli- 
chen Fahigkeiten aus dem freien geistigen Erleben heraus, auch in 
bezug auf die Bedeutung fur das Wirtschaftsleben und das Staats- 
leben erworben hat. - Da handelt es sich darum, dafi man endlich 
darauf kommt: Wie steht das Geistesleben in der ganzen mensch- 
lichen Entwickelung darinnen? 

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, das Geistesleben ist 
organisiert. Und das Geistesleben ist um so mehr organisiert, um so 
elementarer ein Gebiet ist. Betrachten Sie es an dem Beispiel der 
Familie. Sehen Sie sich an, wie der einzelne aus der Familie heraus- 
wachst, der eine Sohn ins Kunstlerische hereinwachst, heraus aus 
dem, was Vater oder Mutter ahnlich war, nicht nur aufierlich 
physisch, sondern geistig-seelisch. Man sieht gerade, je weiter man 
zuruckgeht in den Jahren, an dem, was aus den Familien heraus- 
wachst, wie da von Natur aus gerade das Geistesleben organisiert ist. 

Worin besteht denn dasjenige, was wir fur das Geistesleben zu 
leisten haben? In bezug auf die einzelnen Individuen besteht es 
darin, dafi wir das einzelne Individuum herauszubringen haben aus 
der Organisation: Wir mussen die Organisation iiberwinden, die 
Organisation, die von Natur gegeben ist; wir mussen den einzelnen 
in die Freiheit hinein erziehen. Die Freiheit mufi im Erdenleben erst 
erworben werden. Dann kann die Freiheit nur erworben werden, 
wenn wir wirklich imstande sein werden, als Lehrer, als Erzieher 
oder eben als Teilnehmer des Geisteslebens den Menschen zu 
verstehen, aus den individuellsten Fahigkeiten des Menschen heraus 
zu arbeiten, und den Menschen auch ins Wirtschaftsleben hinein zu 
stellen gema£ den Fahigkeiten, mit denen er impulsiert im Natur- 
zusammenhange sich tins offenbart. 



Das ist das eigentiimliche des Geisteslebens, dafi man sagen mufi: 
Gerade derjenige, der ehrlich iiber die Demokratie denkt, der denkt 
gerade so, wie im vierzehnten, sechzehnten Jahre iiber den Men- 
schen kommt die Geschlechtsreife. So ist iiber die Menschheit 
gekommen im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte die 
Tendenz nach der Demokratie. Gerade derjenige, der ehrlich denkt, 
verlangt, dafi alle diejenigen Angelegenheiten, die die Menschen 
entwickeln, wenn sie miindig geworden sind, so behandelt werden, 
dafi sie als gleiche unter gleichen die Dinge zu ordnen haben. Das 
wird sich ergeben in demjenigen, was Menschenbildung ist im 
Gebiete des Geisteslebens. Das hangt so sehr ab von der mensch- 
lichen einzelnen Fahigkeit und Sachkenntnis, so dafi das niemals 
Gegenstand der demokratischen Verwaltung oder Verfassung sein 
darf, so dafi das nur gestellt sein darf auf Selbstverwaltung dieses 
Geisteslebens. Das geistige Leben, es ist organisiert, und es mufi der 
Organisation entrissen werden. 

Und das Wirtschaftsleben? Das Wirtschaftsleben kann nicht 
organisiert werden [Liicke]. Ideologische, weltfremde Leute geben 
in alien moglichen utopistischen Idealen an, nach welchen Formen 
sich das Wirtschaftsleben organisieren soil, wodurch man das Wirt- 
schaftsleben in diese oder jene Struktur hineinbringen soil. Das ware 
der Tod des Wirtschaftslebens ! Diesen Unsinn hat man begonnen, 
als die sogenannte Deutsche Republik sich zuerst auf die Beine hat 
stellen wollen. Ebenso unsinnig ist es, wie der Planwirtschafter 
denkt: Das Wirtschaftsleben kann man organisieren! Wer etwas 
versteht von dem Wirtschaftsleben, der weifi aber: Das Wirtschafts- 
leben kann man nicht organisieren! Das Wirtschaftsleben kann nur 
in Assoziationen zu einem Ganzeri zusammenwachsen. Das heifit: 
Das Wirtschaftsleben kann nicht von oben oder von irgendeiner 
Richtung her, von irgendeiner Seite her organisiert werden, sondern 
das Wirtschaftsleben kann nur in Assoziationen, die herauswachsen 
aus den Berufsstanden, aus denjenigen, die zusammengehoren, auf 
einem gewissen Produktionsgebiete zusammengehoren, auf einem 
gewissen Konsumtionsgebiete, erfolgreich sein. 

Dasjenige, was gleichartige Interessen hat, gliedert sich an in den 



Assoziationen an dasjenige, was verwandte Interessen hat. Ver- 
wandte Interessen haben eine Verkettung. Eine Verkettung, eine 
Durchgliederung bildet sich aber nicht so, daft man sie von aufien 
her organisiert, sondern dadurch, dafi sich ein Glied durch andere 
Glieder an diese Assoziationen anhangt. Es handelt sich um eine 
Verkettung und Verschlingung von solchen Menschen, die darinnen 
stehen im Leben, die herauswachsen aus dem Leben, die Sach- 
kenntnis und Fahigkeit auf einem bestimmten Gebiete des Wirt- 
schaftslebens haben, die hineingewachsen sind in das Wirtschafts- 
leben in einer bestimmten Weise, die auch Vertrauen gewinnen 
konnen, weil sie drinnenstehen, weil sie in gewissem Sinne einem 
Zweige verwandt sind. Aber notwendig ist es, dafi dieser Zweig sich 
assoziativ angliedert an den nachsten, so dafi man nicht in einer 
zufalligen Weise gezwungen ist, von der Abstraktheit des Geld- 
erwerbes heraus zu kommen, zu suchen, sondern weil man weifi, 
dafi es, indem man in einer assoziationswirtschaftlichen Arbeit 
drinnensteht, man sich zu diesem Zwecke an den Vertreter 
einer anderen Assoziation wendet. Der weifl wiederum, wie es 
sich da verhalt. 

Ja, sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, da kommt es 
heraus, wenn man ein solches, auf Assoziation gebautes Wirtschafts- 
leben hat, dafi einem die Gescheitheit des wirtschaftlichen Denkens 
etwas hilft! Was hilft einem die Gescheitheit, wenn man dem 
undurchsichtigen Wirtschaftsleben gegeniibersteht? Das kann man 
sehen an dem Monometallismus, dem Freihandel. Sie haben gerade 
die Schutzzolle in ihrem Gefolge bewirkt. Man durchschaut das 
Wirtschaftsleben heute nicht. Es miissen erst die Lebensverhaltnisse 
herbeigefuhrt werden, durch die man Zusammenhange durch- 
schauen kann. Man wird die wirtschaftlichen Zusammenhange 
durchschauen, wenn sich derienige von einer Assoziation meinet- 
willen von einem anderen Kreuzpunkte aus mit dem, der in einer 
anderen Assoziation drinnensteht, verstandigt. Wenn sich der an 
diese oder irgendeine andere Assoziation unmittelbar wenden kann, 
dann hilft einem die Gescheitheit etwas, so wie sie durch die 
Assoziationen zusammenhangt, und diese Zusamnienhange 5 diese 



Mafiregeln mufi man irgendwie ergreifen, und selbst so weit konn- 
ten die Bogen gespannt werden, wie die Wirklichkeit durch die 
Kette der Assoziationen hindurch erlaubt. Das war ja die Eigentum- 
lichkeit in der bisherigen Wirtschaft, dafi einem die Moglichkeit 
fehlte, auf diese Weise fortzuschreiten und die Dinge auswachsen zu 
lassen. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist heute noch 
immer nicht durchschaut. 

Wahrhaftig nicht aus irgendeiner Selbstuberschatzung sage ich 
das, sondern ich sage es, weil ich glaube, dafi das heute jeder 
einsehen kann. Es ist nicht erkannt worden, dafi diese Dreigliede- 
rung des sozialen Organismus eintreten mufi fur die Selbstandigkeit 
des Geisteslebens, desjenigen Wirtschaftslebens, das auf Assozia- 
tionen und auf nichts anderem als auf Assoziationen gebaut ist, ganz 
und gar auf die aus dem wirtschaftlichen Untergrund selbst heraus- 
wachsenden Assoziationen, wahrend der Staat bleiben mufi fur das, 
was dazwischen ist, nichts zu tun haben darf mit dem Wirtschafts- 
leben, nichts zu tun haben darf mit dem freien Geistesleben. Das 
Geistesleben mufi auf die Erkenntnis des einzelnen Menschen und 
auf seine Tuchtigkeit aufgebaut sein. Dasjenige, was wirtschaftlich 
ist, mufi aufgebaut sein auf jene praktischen Erfahrungen und 
Handhabungen des Wirtschaftslebens, die erworben werden kon- 
nen in dem lebendigen Verkehr von Assoziation mit Assoziation. 
Mit beidem hat der Staat nichts zu tun. Der Staat hat etwas zu tun 
mit den Menschen, die auf diese Weise im Wirtschaftsleben stehen, 
auf der anderen Seite im Geistesleben stehen, die sich finden werden 
mit alien mundig gewordenen Menschen im demokratischen Staats- 
leben, wo das offentliche Recht festgesetzt ist, das dann ausstrahlt 
auf der einen Seite ins Geistesleben, auf der anderen Seite ins 
Wirtschaftsleben. Man braucht sich nicht zu furchten, dafi die drei 
Glieder des sozialen Organismus auseinanderfallen werden. Sie 
werden sich verbinden durch die Menschen. Der eine Mensch steht 
in dem einen Kreis drinnen, der andere in dem anderen. Die drei 
Organisationen sind nur zum Heile der Menschheit getrennt, weil 
die komplizierter gewordenen Verhaltnisse der neueren Zeit diese 
Gliederung des sozialen Organismus fordern. 



Das ist es, was wirklich gesundend eingreifen kann in das ganz 
und gar von Krisen erschiitterte Wirtschaftsleben. Ich sagte in 
meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage»: Der Dreiglie- 
derungsgedanke ist nicht irgendeine Utopie, der Dreigliederungs- 
gedanke kann iiberall an die unmittelbare Wirklichkeit ankniipfen. 
Diese unmittelbare Wirklichkeit soil genommen werden so, wie sie 
ist; aber sie soli wiederum in die Gesundung hineinwachsen durch 
staatsfreies, assoziatives Leben auf dem Gebiete des Wirtschaftli- 
chen. Herausgliedern das Wirtschaftsleben aus dem Organisieren 
des Staates und Stellen dieses Wirtschaftsleben auf seine eigenen 
Gesetze, die sich nur ergeben konnen von Assoziation zu Assozia- 
tion, das ist es, was notwendig ist. Das sieht abstrakt aus, aber meine 
sehr verehrten Anwesenden, es ist nicht abstrakt, es ist das allerkon- 
kreteste. 

Die Wirtschafter sind da, es handelt sich nur darum, dafi sie nach 
den verwandten Beziehungen, die da herrschen zwischen Produk- 
tion und Konsumtion, zwischen dem einen Berufszweig, zwischen 
dem einen Produktionszweig und dem anderen Produktionszweig 
entsprechende Assoziation, unbekummert um politische Grenzen, 
anstreben. Und es wiirde auf die Dauer tatsachlich einem solidari- 
schen Streben der international in das Wirtschaftsleben hineinge- 
stellten Menschen gelingen miissen, gegeniiber den Bestrebungen, 
die heute da oder dort zur Verbesserung der Valuta und so weiter 
auftreten, gegeniiber denen zurecht zu kommen. Man denke nur 
einmal, wie sich das blofte abstrakte Wirtschaften im Gelde von den 
realen Verhaltnissen loslosen kann. Nehmen Sie Deutschland vor 
dem Jahre 1914. Da wurde ungefahr in einem Jahre 5 bis 6 Milliar- 
den Kapital erspart und erarbeitet. Neue Emissionen auch unter 
Einbeziehung von Pfandobligationen, Grundbuchschulden und all- 
dem, was ausgegeben wurde fiir Luxusbauten, neue Wohnungen 
und dergleichen, das gab zusammen vor dem Jahre 1914 ungefahr 11 
Milliarden Mark. Erarbeitet, erspart wurde ein Kapital von 5 bis 6 
Milliarden, neue Emissionen beliefen sich auf 11 Milliarden, doppelt 
so viel! Was bedeutet das? Das bedeutet: man bewegt sich jenseits 
der wirkhchen Wirtschaft, denn die wirkhche Wirtschaft mufi 



erarbeitet werden: jenseits der wirklichen Wirtschaft steckt der 
Kapitalwert, um das doppelte dessen, was der reale Kapitalwert ist. 
Denn der erarbeitete Kapitalwert hatte blofi aus neuen Emissionen 
und Pfandrechtsobligationen in Hohe von 5 bis 6 Milliarden Mark 
erscheinen diirfen. Das war ja in Wirklichkeit da. Denken Sie sich, 
wohin das fiihrt, wenn in dieser Weise sich die abstrakte Geldwirt- 
schaft emanzipiert von der konkreten des Wirtschaftslebens ! 

Das ist nur zu heilen dadurch, dafi der Mensch wiederum mit den 
Erfahrungen des Wirtschaftslebens selbst zusammenkommt, das 
heifit, dafi der im Wirtschaftsleben in einem Gebiete stehende sich 
assoziiert mit dem System, in dem ein anderer drinnensteht, mit 
dem System auf einem anderen Gebiete. Dasjenige, was Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus zeigt, ist keine dilettantische Sache, 
ist nichts Utopistisches, ist etwas, was iiberall das praktische Leben 
unmittelbar angreift. Und die Leute finden sich heute mit dieser 
Dreigliederungsidee aus einem ganz bestimmten Grunde nicht 
zurecht: sie wollen noch nicht rechnen damit, dafi wir in einer 
grofien Verwirrung drinnenstehen, sie mochten immer mit kleinen 
Mixtiirchen und mit kleinen Mittelchen helfen. Das wird nicht 
gehen, meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn einer stark krank 
ist, dann muE er auch zu starken Arzneien greifen. Mit demjenigen, 
was man sonst empfiehlt an sozialen Heilmitteln, wird man nicht 
auskommen. Es ist allerdings zuzugeben, daft dasjenige, was unter 
dieser Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus auftritt, ein 
starkes Heilmittel sein will. Allein es gilt ja nicht blofi das Sprich- 
wort: Auf einen groben Klotz gehort ein grober Keil, sondern es gilt 
auch das andere Sprichwort: Auf eine schwere Krankheit gehort 
auch ein radikales Heilmittel. Und ich glaube, derjenige, der die 
immer grower und grower werdende Verwirrung des internationalen 
Wirtschaftslebens in Europa durchschauen kann, dieses Hinein- 
gehen in die Barbarei, der wird doch Ernst genug dazu haben, ein 
wenig sich anzuschauen dasjenige, was glaubt herausfuhren zu 
konnen aus diesem Niedergang zu einem neuen Aufstieg, was 
glaubt, gerade aus einem wirklichen Verfolgen der Verhaltnisse, 
nicht aus einem solchen, wie es die Monometallisten gemacht haben, 



sondern aus einem wirklichen Verfolgen der Verhaltnisse, so dafi 
man dasteht, wie der, der mit chemischem Mittel die Wasche 
behandelt und sie dann schwarz oder braun macht - gegeniiber der 
Wirklichkeit -, man wird, glaube ich, wenn man die Grofie der 
europaischen Gefahr einsieht, man wird dann doch im Ernste 
herantreten an das Studium des Heilmittels. Das ist dasjenige, 
worauf es ankommt, und worauf ich jetzt schon seit so langer Zeit in 
der verschiedensten Weise aufmerksam machen wollte, und worauf 
ich auch wiederum heute, meine sehr verehrten Anwesenden, mit 
diesen Worten in emsthaftester Art habe hindeuten wollen. 
Zunachst ist die Frage an mich gerichtet worden: 

Wird im dreigliedrigen sozialen Organismus der Kapitalbesitz aufgehoben? 

Sehen Sie, es handelt sich ja wirklich der Realitat gegeniiber um 
etwas anderes, als um den Kapitalbesitz. Es handelt sich darum, daft 
erstens moglich ist, kapitalmafiig zu arbeiten. Es ist nicht moglich, 
dafi in unserem komplizierten modernen Leben etwa das Kapital als 
solches, wie so viele unverstandigerweise fordern, abgeschafft wiir- 
de. Man braucht ja selbstverstandlich Kapital, wenn auch nur in 
Form der Produktionsmittel. Man braucht Kapital, um den moder- 
nen Wirtschaftsapparat in Wirksamkeit setzen zu konnen. Also das 
Kapital mufi da sein. 

Ich habe das genauer ausgefuhrt in meinem Buche «Die Kern- 
punkte der sozialen Frage ». Aber es handelt sich eben darum, iiber 
die Verwaltung des Kapitals von demjenigen, der durch seine 
Fahigkeiten in irgendeinem Gebiet dazu berufen ist, dieses Kapital 
zu verwalten, der es gewissermafien zusammengebracht hat, oder 
auf eine andere Weise erreicht hat, die Wege zu finden, wie sie in 
meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebens- 
notwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» iiber dieses Kapital 
angegeben sind, da$ der dieses Kapital nur solange verwaltet, 
beziehungsweise die Produktion, solange verwaket - Grund und 
Boden ist von diesem Gesichtspunkt aus auch ein Produktionsmit- 
tel — , als er selber dabei sein kann. Dann geht, sei es Grund und 
Boden, seien es andere Produktionsmittel, dann geht es wiederum 



iiber auf einen anderen in der Weise, wie der Betreffende selbst es 
noch regeln kann, der nun wiederum durch seine Fahigkeiten damit 
verkniipft ist. So wird allmahlich sich von selbst das herausbilden, 
dafi das Wirtschaftsleben um so fruchtbarer werden kann, je mehr 
fahige Leute da sind, weil wirklich auf die fahigen Leute die 
Kapitalverwaltung iibergehen kann. 

Sehen Sie, es kommt durchaus nicht darauf an, etwas anderes zu 
sein, als der Verwalter desjenigen, was als Kapital aufgefafit werden 
soil. Das konnen sich heute die Menschen noch nicht so vorstellen. 
Aber nehmen Sie nur so etwas, was, ich mochte sagen, schon in einer 
gewissen Weise vorbildlich dasteht, wie gerade das, was ich im 
Vortrag ofter erwahnen mulke, den Dornacher Bau. 

Es kann die Frage entstehen: Wem gehort denn der? Er gehort 
eigentlich nicht in dem alten Sinne irgend jemandem. Er hat nur 
dann Sinn, wenn er an denjenigen einmal iibergeht, der ihn in der 
entsprechenden Weise einmal leiten kann. Es mussen nur die Mittel 
und Wege gefunden werden, um ihn zu leiten. 

Das, was mit einem mehr oder weniger idealen Institut erreicht 
werden kann, es kann auch, gerade wenn man es im praktischen 
Geiste tut, mit jeder praktischen Einrichtung, mit jeder Fabrik 
geschehen. Und Sie konnen sich leicht eine soziale Struktur denken, 
durch die der alte, an die Blutsbande geknupfte Besitz ersetzt wird, 
durch die Verwaltung desjenigen, der iiber Kapital verfugt auf 
Grund von Fahigkeiten. 

Damit will ich dann gleich verkniipfen die Frage, die hier miind- 
lich vorhin von einem Herrn gestellt worden ist: 

Inwiefern werden diese Einrichtungen die sogenannte Ausbeutung beseitigen konnen? 

Da ist es ganz klar, daft diese Ausbeutung doch nur so lange da 
sein kann, so lange auch personliche Macht da ist im Wirtschaftli- 
chen. Sie finden in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen 
Frage» ausgefiihrt, wie der soziale Organismus in drei Gliedern 
auftritt, wie das Wirtschaftsleben ganz aus wirtschaftlichen Ge- 
sichtspunkten heraus gestaltet ist. Da stehen dann, sagen wir, in 
einem Betrieb drinnen, der Arbeitsleiter und die Arbeitsleister, 



vielleicht auch hierarchisch gegliedert oberste Arbeitsleiter, mittlere 
und so weiter bis zu dem eigentlichen Handarbeiter. Keiner steht zu 
einem anderen in einem wirtschaftlichen Machtverhaltnisse. Denn 
die Stellung des miindig gewordenen Menschen zum miindig ge- 
wordenen Menschen, die wird gar nicht im Wirtschaftsleben gere- 
gelt. Im Wirtschaftsleben hat man es zu tun mit Wirtschaft. Die 
Stellung aber des miindig gewordenen Menschen zum miindig 
gewordenen Menschen, das ist eben Gegenstand des Staats- oder 
Rechtslebens, das Maft, die Dauer der Arbeit, das ordnet sich 
irgendwie gegenseitig im staatlichen, politischen oder rechtlichen 
Gebiete. Diese Dreigliederung des sozialen Organismus, hat man 
mir eingewendet, ist ja dasjenige, was schon Plato vertreten hat, 
indem er die menschliche Gesellschaft in Nahrstand, Wehrstand, 
Lehrstand gegliedert hat, - so wurde mir gesagt. 

Nein, sehr verehrte Anwesende. Es ist das gerade Gegenteil von 
dem, wenn Plato gesagt hat, die menschliche Gesellschaft sei einge- 
teilt in Nahrstand, Wehrstand, Lehrstand; da gliederte er die Men- 
schen in diese drei Gruppen, und der einzelne gehorte zu einer der 
drei Gruppen. Heute handelt es sich darum, daft nicht die Menschen 
gegliedert werden, sondern dafi die Organisation als eine drei- 
gliedrige auftritt, und jeder Mensch mit seinen Interessen in alien 
drei Organisationen drinnensteht, der eine so, der andere so. 

Denken Sie sich, ein Mensch hat Kinder. Dadurch steht er in der 
geistigen Organisation durch das Schulwesen drinnen. Er steht von 
vornherein wie jeder Mensch als ein mundiggewordener Mensch als 
ein gleicher anderen gegemiber in der rechtlichen Organisation 
drinnen, gleichgultig, was er ist, ob er irgendeinen anderen Beruf 
oder irgendeine andere Betatigung hat als ein anderer. Und er steht 
in der wirtschaftlichen Organisation drinnen, denn der Lehrer, 
insoferne er essen und trinken mufi, gehort dem wirtschaftlichen 
Organismus an. Das ist dasjenige, was in Betracht kommt: Nicht die 
Menschen sind gegliedert, sondern der gesellschaftliche Organis- 
mus ist gegliedert. 

Dadurch aber ist alles dasjenige unrnoglich, was gerade im heuti- 
gen Sinne zur Ausbeutung fiihrt. Zur Ausbeutung fiihrt heute 



erstens : aufiere politische Macht, auch die des menschlichen Indivi- 
duums, also politische Macht, die politisch geregelt sind. Zweitens: 
wirtschaftliche Macht. Wirtschaftliche Macht zum Beispiel beim 
Lohnverhaltnis, das ist unmoglich. Denn es wird in der Zukunft, - 
also ich meine, wenn man daran denken konnte, dafl wirklich die 
Menschen in einer geniigend grofien Anzahl sich finden wiirden und 
dadurch den gesunden Verhaltnissen das aufgepragt wiirde durch 
den dreigliedrigen sozialen Organismus, wenn ihm Eingang ver- 
schafft wiirde - es wiirde in diesem dreigliedrigen sozialen Organis- 
mus gar nicht zu einer wirklichen Ausbeutung kommen konnen. 
Aber es wiirde allerdings eines erkannt werden: Sehen Sie, alle 
sozialen Ideale sind mehr oder weniger, wenn sie heute so umfas- 
send auftreten, mehr oder weniger Kurpfuscherei, aus dem einfa- 
chen Grunde, weil sie nicht unter Beriicksichtigung der wirklichen 
Verhaltnisse geschehen. Die Menschen denken namlich immer: Wie 
mufi der soziale Organismus eingerichtet werden, damit es alien 
Leuten gut geht? Natiirlich hat dariiber noch jeder seine subjektiven 
Ansichten. So fragt die Idee der Dreigliederung des sozialen Orga- 
nismus gar nicht! Denn selbstverstandlich, wenn Sie einen natiirli- 
chen Organismus betrachten, den Lowenorganismus oder so etwas, 
Sie konnen sich ideal etwas viel besser eingerichtetes denken als den 
Lowenorganismus. Man mufi nur aus seinen Bedingungen heraus an 
seine Moglichkeit denken. So denken auch die Ideen der Dreigliede- 
rung nicht an ein tausendjahriges Reich, glauben nicht an ein 
Paradies auf Erden, sondern die Idee der Dreigliederung fragt, 
welche gesellschaftiiche Gestaltung ist moglich, wenn die Menschen 
so sind, wie sie sind. Da bekommt sie heraus die gesellschaftiiche 
Gliederung, die im dreigliedrigen sozialen Organismus liegt. Gera- 
de aus der assoziativen Gestaltung des Wirtschaftslebens ersehen 
Sie, wie durchaus aus der Wirklichkeit heraus die Sachen gedacht 
sind. 

Ja, es ist im Grunde genommen recht leicht, soziale Programme 
aufzustellen, umfassende Programme! Oh, ich weift mich noch zu 
erinnern in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts: Ich war recht 
oft im Wiener sogenannten Cafe Griensteidl, das so beriihmt war, 



weil schon die alten Achtundvierziger dort verkehrt haben; wah- 
rend der Revolution ist es das Literaten-Cafe geworden. Karl Kraus, 
von dem man ja in der Schweiz schon gehort hat, hat iiber dieses 
recht beriihmte Cafe Griensteidl sein Biichelchen «Die demolierte 
Literatur» geschrieben. Es war in der Tat so; denn jeder, der ins Cafe 
Griensteidl ging, bildete sich ein, ein grofier Mann zu sein. So wurde 
also eigentlich an jedem Tische nachmittags, wenn man seinen 
Kaffee trank, an jedem Tische die soziale Frage dreimal gelost, 
zwischen zwei und vier Uhr, und von denselben Menschen in der 
Nacht, bis nach Mitternacht, wenn man nicht gerade auf das 
«Sperr-Sechserl» zu grofien Wert legte! 

Also programmafiige Losungen dieser sozialen Frage lassen sich 
sehr gut finden! 

Sehen Sie, wenn man iiberhaupt nicht auf die Wirklichkeit sieht, 
sondern aus Programmen und abstrakten Idealen heraus arbeitet, so 
lassen sich Organisationen ausdenken in Hulle und Fiille. 

Goethe hat so sehr schon das abstrakte Gestalten von Weltan- 
schauungen persifliert in seinem Gedichte: «Die Welt ist ein Sardel- 
lensalat!» Man kann ebensogut sagen, wie die Welt, statt dafi sie aus 
abstrakten Atomen besteht, wie man zum Beispiel bei den Monisten 
vorgeht, man kann ebensogut sagen, dafi die Welt ein Sardellensalat 
ist, und das beweisen; oder man kann so weit gehen wie Gustav 
Theodor Fecbner, der ganz exakt in einer sehr netten kleinen 
Broschiire, einer kleinen Schrift bewiesen hat, dafi der Mond aus 
Jodin besteht. Sie finden da einen sehr exakten Beweis. So kann man 
im Grunde genommen, wenn man abstrakt denkt, alles Mogliche 
beweisen. Das ist eben gerade das, wodurch die Leute so sehr in 
Irrtumer hineinkommen, dafi sie dem Abstrakten nachgehen, und 
nicht in die Wirklichkeit hineingehen. Aber es genugt nicht, dafi 
man loeisch ist. Man mufi aufierdem noch wirklichkeitseemaft sein. 
Ein zweifaches muE das wirkliche Denken haben: Logizitat und 

TTTT' 11*11 ' * * f) 1 * TT~\ * " 1 1 1 * 1 J _ 1 

wirKiicnKeitsgeniaimeit. uas eine ist onne aas anaere nicnt denn- 
bar. Aber vor alien Dingen: das Wirklichkeitsgemafie ist not wen dig. 

Und so ist es auch notwendig, dafi man sich nicht einen beiiebigen 
Zustand der Welt vorstellt und daraufhm Programme schmiedet, 



sondern es ist notwendig, daft man fragt: Was ist mdglich? Das ist 
die Grundfrage fiir die Dreigliederung des sozialen Organismus! 
Und es ist gar keine Moglichkeit vorhanden, dafi in dem heutigen 
Sinne eine Ausbeutung stattfindet. Sehen Sie, alle Sachen haben zwei 
Seiten! Von seinem Gesichtspunkte aus kann sogar der Kapitalist 
sagen: er wird ausgebeutet. Nicht wahr, es handelt sich darum, dafi 
man auf das Mogliche hinsieht. 

Dann ist noch eine interessante Frage da: 

Was hat durch die vorgetragenen Gedanken zur Abwendung der Gefahr des Bolsche- 
wismus zu geschehen? 

Sehen Sie, es muE immer wieder und wiederum das gesagt werden 
- und nicht umsonst wiederhole ich es immer wieder und wiederum 
in der Stuttgarter Dreigliederungszeitung, die jede Woche erscheint 
und ich habe den Gedanken schon auch ausgefuhrt in der Zeitung, 
die der Dreigliederung des sozialen Organismus gewidmet ist hier in 
der Schweiz: in der «Sozialen Zukunft», die von Dr. Boos hier 
redigiert wird und besonders ausgefuhrt wird fiir schweizerische 
Verhaltnisse, und in der vertreten wird die Dreigliederung hier in 
der Schweiz, dafi es notwendig ist vor alien Dingen, daft der 
Dreigliederungsgedanke in einer geniigend grofien Anzahl von 
Kopfen Platz greife. Man mufi ihn erst verstehen. Die Menschen 
miissen da sein und ihn verstehen, damit er Wurzel fassen kann. 
Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, dann ist er selber, dieser 
Dreigliederungsgedanke, beziehungsweise das, was aus ihm wird, 
die einzig wirkliche Abwendung gegenwartigen Ubels. 



GEISTESWISSENSCHAFT (ANTHROPOSOPHIE) 

IM VERHALTNIS ZU 
GEIST UND UNGEIST IN DER GEGENWART 

Erster Vortrag, Basel, 4. Mai 1920 

In diesen drei Vortragen mochte ich von einer gewissen Seite her 
eine Art zusammenfassenden Bildes geben von dem Wollen der 
geisteswissenschaftlichen Bewegung, von jenem Wollen, das her- 
vorgeht aus den klar ersichtlichen Aufgaben der Gegenwart selber 
und aus dem, was man erkennen kann an Menschheitsaufgaben fur 
die nachste Zukunft, 

Ich mochte heute in einer Art Einleitung Bemerkungen machen 
uber das Wesen der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft und iiber die Notwendigkeit einer geisteswissenschaftlichen 
Bewegung innerhalb des Zivilisationslebens der Gegenwart. Ich 
mochte dann morgen insbesondere zeigen, wie diese Geisteswissen- 
schaft zu einer tieferen Erkenntnis, einer lebensvoll erfafiten Er- 
kenntnis des menschlichen Seelen- und Geisteswesens, und von da 
aus dann zu einer Vertiefung des sittlichen, des moralischen Bewufit- 
seins fuhrt. Ich mochte dann auch zeigen, wie sich diese Geisteswis- 
senschaft zu den religiosen Bekenntnissen der Gegenwart stellen 
mu£, und ich mochte endlich im dritten Vortrage zeigen, wie die 
Kalamitat in der Gegenwart aus den psychologischen Eigentumlich- 
keiten der heute iiber die Erde verbreiteten Volker hervorgeht, wie 
sie hervorgegangen sind aus der geschichtlichen Entwickelung die- 
ser Volker. So dafi ich gewissermafien vorschreiten mochte von 
einer Charakteristik der Geisteswissenschaft zu einer Betrachtung 
iiber die gegenwartige Zivilisation, beleuchtet vom geisteswissen- 
schaftlichen Standounkte aus. 

Wenn man heute aufierlich, oberflachlich, wie es schon einmal 
dem Geschmacke sehr vieler Zeitgenossen entspricht, von so etwas 
hort, wie die Geistesbewegung ist, deren aufierer Reprasentant der 
Dornacher Bau ist, so hat man sofort das Gefiihl: So etwas kann ja 
eigentiich nur fiir den Sonntag sein, denn. an alien Wochentagen 



haben die Menschen ihre niitzlichen Beschaftigungen, die geregelt 
sind, die vielleicht einmal durch irgendwelche Ereignisse in vier 
oder fiinf Jahren grofie Unregelmafiigkeiten gezeigt haben, die aber 
wieder aufgebaut werden, insofern sie zerstort sind - aber man hat 
nicht das Gefiihl, dafi so etwas, das mit diesen Alltagsaufgaben der 
Menschheit zu tun habe, entstehen konne durch eine geistige Bewe- 
gung. So ist denn auch die Meinung entstanden, dafi alles dasjenige, 
fiir das der Dornacher Bau der aufiere Reprasentant ist, eben eine 
sektiererische Bewegung sei, eine Art neue Religionsbildung sein 
wolle, und iiberlalk es hochstens denjenigen, die mit einem gewis- 
sen, aus dem einen oder anderen Beweggrund hervorgehenden 
Fanatismus an dem Alten hangen, alle moglichen Kampfesarten 
gegen eine solche Bewegung zu suchen. 

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, neben allem anderen 
mochte ich gerade heute gleich beim Ausgangspunkte dieser Be- 
trachtung darauf hinweisen, dafi die Geistesbewegung, die hier 
gemeint ist als anthroposophisch orientierte, in den letzten Wochen 
daran gegangen ist, sehr praktische Tatigkeiten zu entfalten. So wie 
an anderen Orten, so ist auch hier eine ganz praktische Tatigkeit im 
Gange, indem versucht wird, durch eine - bitte, es kann sogar 
paradox klingen, wenn man im Namen einer geisteswissenschaft- 
lichen Bewegung spricht -, durch eine « Aktiengesellschaft zur 
Forderung wirtschaftlicher und geistiger Werte» dem niederge- 
henden gegenwartigen Leben einen Aufbau entgegenzusetzen. 
Ganz praktische Tatigkeiten sollen in der nachsten Zeit begonnen 
werden. Und da soil auch gezeigt werden, wie dasjenige, was 
gemeint ist mit der anthroposophisch orientierten geisteswissen- 
schaftlichen Bewegung, wirklich nicht eine Summe von Sonntag- 
nachmittags-Predigten ist, sondern etwas, was innig zusammen- 
hangt mit dem, was unsere Zeit an neuen Einschlagen auch des 
praktischen Lebens braucht. 

Lassen Sie mich deshalb auch ausgehen von einer charakteristi- 
schen Darstellung des praktischen Lebens nach einer bestimmten 
Richtung hin, um dann gerade von da aus intimer das Wollen 
anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft charakterisieren 



zu konnen. Es haben manche Leute, die heute aus mehr oder 
weniger Ideologic, aus Utopismus heraus das soziale Leben refor- 
mieren wollen, ja auch schon bemerkt, worauf ich jetzt hinweisen 
will; aber sie haben es nicht so bemerkt, dafi sie haben hinschauen 
konnen auf das Prinzipielle, auf das es ankommt. 

Man kann, wenn man verschiedene Bewegungen des 19. Jahrhun- 
derts verfolgt, die seit der Mitte des Jahrhunderts darauf ausgingen, 
an die Stelle der Gold- und Silberwahrung, der Doppelwahrung, die 
Goldwahrung als einheitliche Wahrung zu setzen, man kann bemer- 
ken, dafi diese Anhanger des, sagen wir, Monometallismus, unter 
einem ganz bestimmten Gesichtspunkte die Sache anfafiten. Sie 
sagten - und man kann das aus unzahligen Parlamentsberichten der 
europaischen Volksvertretungen konstatieren es miisse sich unter 
dem Einflusse der einheitlichen Goldwahrung iiber die ganze zivili- 
sierte Welt hin der Freihandel entwickeln, der Freihandel als der 
eigentliche Trager des ungehinderten Wirtschaftslebens, der nicht 
beeintrachtigt werde durch allerlei Zollschranken, Schutzzolle und 
so weiter. In alien moglichen Tonarten ist dieses von der Forderung 
des Freihandels durch den Monometallismus, durch die Gold- 
wahrung, besprochen worden. Aber was ist eingetreten unter dem 
Einflufi der Goldwahrung? Gerade dort, wo diese Goldwahrung in 
radikaler Weise eingedrungen ist, ist iiberall das Gegenteil von dem 
gekommen, was die gescheiten okonomischen Praktiker voraus- 
gesagt haben! Uberall hat sich die Notwendigkeit ergeben, zu 
Schutzzollen zu greifen, einschliefilich der amerikanischen Staaten. 
Das heifit, diejenigen, die iiber die Goldwahrung gesprochen haben 
aus ihrer praktischen Lebenskenntnis heraus oder aus nationaloko- 
nomischer Wissenschaft heraus, sie haben sich fast alle iiber dasjeni- 
ge geirrt, was in der Wirklichkeit wurzelte. 

Nun kann man saeen: Sind denn die Menschen alle dumm 
gewesen? Haben denn die Menschen wirklich keine Logik gehabt? 
Haben sie so wenig verstanden von dem Leben, da£ das Gegenteil 
von dem eingetreten ist, was sie vorausgesagt haben? Ich bin nicht 
der Ansicht, dafi die Leute etwa lauter Dummkopfe gewesen waren, 
die im I ante des 19. Jahrhunderts sich fur den Freihandel auseman- 



dergesetzt haben, ich finde sogar, dafi das sehr gescheite Leute 
gewesen sind, dafi sie mit scharfer Logik gesprochen haben und 
dennoch nichts getroffen haben von der Wirklichkeit! Dasjenige, 
was nicht eingesehen wird, wenn man heute eine solche Sache 
bespricht, ist eben, dafi man im Sinne derjenigen Denkungsweise, 
die sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte in der 
zivilisierten Welt herausgebildet hat, sehr gescheit sein kann und 
dennoch mit seinem Urteil wirklichkeitsfremd sein kann, dafi man 
sich fur einen grofien Praktiker halten und die unpraktischsten 
Ratschlage geben kann, die nur irgend moglich sind. Und im 
Grunde genommen waren es diese unpraktischen Ratschlage, die im 
Laufe der letzten Jahrzehnte die Menschheit in ihre furchtbare 
Katastrophe hineingetrieben haben. Man hat insbesondere in 
Deutschland sehen konnen, wie die wirkliche Beherrschung der 
Zustande allmahlich ubergegangen ist in das Urteil der grofien oder 
kleinen industriellen und kommerziellen Fiihrer des Staates. Andere 
Leute sind mehr oder weniger abhangig geworden von den indu- 
striellen und kommerziellen Fuhrern. Viel grofier war der Einflufi 
der kommerziellen und industriellen Fiihrer, als man eigentlich 
denken mochte. Erst wahrend des Krieges hat sich gezeigt, wie 
eigentlich alles auf die Urteile von diesen Seiten gehort hat, und wie 
verhangnisvoll die Urteile von diesen Seiten aus geworden sind. 

Und daran konnte man eben sehen, dafi sich das ganze offentliche 
Leben gewissermafien summiert aus dem Urteile solcher angebli- 
chen Praktiker heraus. Das aber hat die Summe gegeben, die als die 
verhangnisvolle Katastrophe iiber die zivilisierte Menschheit in den 
letzten fiinf bis sechs Jahren hereingebrochen ist und die noch lange 
nicht abgeschlossen ist. 

Was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft iiber- 
haupt veranlafit aufzutreten, das ist die Bemerkung dieser Tatsache. 
Das war der Grund, warum gerade von der Seite her, von der diese 
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geltend gemacht 
wird, immer wieder und wiederum auf die praktische Auslebung 
dieser Geisteswissenschaft hingewiesen werden mufi. Ich weifi, wie 
es einzelne Menschen, selbst die kleine Gruppe hier in Basel iiber- 



rascht hat, als ich vor vielen Jahren darauf hingewiesen habe, dafi wir 
ja mit einer sozusagen halbpraktischen Tatigkeit begonnen haben, 
namlich Mysterienspiele aufzufiihren. Das haben schon manche 
«Mystiker» fiir etwas gehalten, das man eigentlich nicht tun sollte; 
denn da verschwagert man sich schon in einer gewissen Richtung 
mit praktischen Mafinahmen, die man notig hat. Aber ich habe 
dazumal gesagt: Mein Ideal ware es, nicht etwa bloft Spiele aufzu- 
fiihren, sondern eine Banktatigkeit zu entfalten, um gerade das 
Praktischste des Lebens mit derjenigen Denkweise zu durchdrin- 
gen, welche notwendig ist, wenn man fruchtbare Geisteswissen- 
schaft treiben will. Indem ich immer davon iiberzeugt sein mufite, 
aus sachlichen Untergriinden heraus, daft man nicht durch ein 
ungesundes, kurzsinniges Denken zu den Ergebnissen kommt, zu 
denen Geisteswissenschaft kommen will, sondern gerade durch ein 
gesundes, umsichtiges und geistesgegenwartiges Denken, und dafi 
man lernen kann an Geisteswissenschaft das Denken so zu schulen, 
wie man es unter der materialistischen Betrachtungsweise der letz- 
ten Jahrhunderte eben nicht schulen konnte; daft man gerade prak- 
tisch werden kann fiir das Leben durch die gesunde Denkweise, die 
notwendig ist, wenn man Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie es 
hier gemeint ist, treibe. Ich mochte sagen: Es fallt gewissermafien als 
ein Nebenprodukt ab die gesunde Behandlung des Lebens. Man ist 
gedrangt, wenn man nicht blode, nebulose, sondern wahre Einsicht 
in das Weltwesen durch Geisteswissenschaft erwerben will, nicht 
ein schwafelndes, nebuloses Denken zu entfalten, sondern ein 
Denken von viel grofierer Klarheit, als man es heute gerade in der 
Wissenschaft gewohnt ist. Und entfaltet man dieses Denken, gibt 
man sich Miihe, das zu verstehen, was Geisteswissenschaft ver- 
standen wissen will, dann schult man das Denken nebenbei so, 
dafi man auch in praktischen Gebieten des Lebens richtig und 
sachgemafi denken kann und nicht mehr voraussagt, der Mono- 
metallismus werde den Freihandel entwickeln, wenn die Verhalt- 
nisse so liegen, dafi unter der Goldwahrung gerade die Schutzzolle 
kommen! 

Es entsteht gerade auf diese Art von Weltbetrachtung, die hier die 



Anthroposophie genannt wird, Lebenspraxis, wirkliches Untertau- 
chen in die Realitat im Gegensatze zum Materialismus, der iiberall 
nach dem Intellektuellen, nach dem blofi aufteren Betrachten der 
Welt hintendiert und unfruchtbar bleibt, mit Ausnahme des einzi- 
gen Gebietes, wo er fruchtbar sein konnte, wo er von Triumph zu 
Triumph gefiihrt hat: dem der aufieren Technik. Um aber nach 
dieser Richtung klar zu sehen, ist es notwendig, dafi dasjenige, was 
ich von den verschiedensten Gesichtspunkten im Laufe der Jahre 
hier \iber das Wesen anthroposophisch orientierter Geisteswissen- 
schaft entwickelt habe, wenigstens mit ein paar Worten heute noch 
einmal beriihrt wird. Anthroposophisch orientierte Geisteswissen- 
schaft geht im Grunde von der intimsten innersten menschlichen 
Seelentatigkeit aus. Sie macht geradezu diese menschliche Seelenta- 
tigkeit zur Methode geisteswissenschaftlicher Forschung. Aber in- 
dem dasjenige, was in den Tiefen der Menschennatur als Tatigkeit, 
als Wesen liegt, durch diese Geisteswissenschaft erkundet wird, 
wird der Mensch zu gleicher Zeit hingewiesen auf das ganze Univer- 
sum, auf das naturliche Universum und auf das soziale Universum. 
Der Mensch wird gerade dadurch in die Tiefen der Welt hinein- 
dringen, daft er lernt, in sachgemafier Weise in die Tiefen des eigenen 
Wesens hineinzuschauen. 

Von zwei Dingen im menschlichen Erleben mufi die Geisteswis- 
senschaft ausgehen: Erstens von einer Weiterentwickelung des 
Vorstellungslebens und zweitens von einer Weiterentwickelung des 
Willenslebens. Wir entwickeln in einem gewissen Sinne dasjenige, 
was Vorstellen, Denken ist, entweder fur die aufiere praktische Welt 
oder auch fur die landlaufige Wissenschaft. Und wir entwickeln 
unsern Willen, insoferne wir eingespannt sind, ich mochte sagen, in 
instinktiv heraufgetriebene soziale Zustande. Geisteswissenschaft 
aber fiihrt dazu, anzuerkennen, dafi ebenso, wie man die noch 
unentwickelten Krafte des Kindes so entwickeln kann, dafi es dann 
als erwachsener Mensch sich mit einem gewissen Vorstellen, mit 
einem gewissen Wollen in die Welt hineinstellen kann, dafi man 
ebenso dasjenige, was der Mensch heute aus einer gewissen Bequem- 
lichkeit heraus betatigt, weiter entwickeln kann als das alltagliche 



und auch das wissenschaftliche Vorstellen und Wollen. Dazu ist 
allerdings notwendig, dafi man sich zuerst in einem gewissen Sinne 
eine richtige Menschenerkenntnis erwirbt. Man mufi die Moglich- 
keit gewinnen, hinzuschauen auf den werdenden Menschen. Man 
wird ja ohnedies lernen mussen, auf den werdenden Menschen zu 
sehen, was sich als Notwendigkeit gerade fur eine Reform des 
Erziehungswesens ergibt. Dieses Erziehungswesen wird reformiert 
werden mussen. Man wird es tun, wenn man einsehen wird, dafi ein 
grofier Teil der sozialen Verwirrung der heutigen Tage von dem 
verfehlten Erziehungs- und Unterrichtswesen herruhrt. Aber man 
wird nicht friiher das Erziehungswesen reformieren konnen, bevor 
man nicht mit einer wirklichen Sachkenntnis den werdenden Men- 
schen betrachtet, diesen werdenden Menschen, der in jedem einzel- 
nen Exemplar ein Ratsel darstellt, das in einem gewissen Sinne gelost 
sein will. Wir betrachten das werdende Kind. Welche wunderbaren 
Ereignisse treten uns entgegen, wenn wir das Kind in den ersten 
Wochen, in den ersten Monaten, in den ersten Jahren seines Heran- 
wachsens betrachten, wenn wir wirklich nicht hinwegschauen liber 
dasjenige, was von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von 
Jahr zu Jahr geschieht, sondern uns vertiefen in diesen werdenden 
Menschen: was fur Wunder des Geschehens, des Weltgeschehens 
treten uns da entgegen! 

Gewohnlich sieht man zum Beispiel auf so etwas, wie es der 
Zahnwechsel ist, eben nur ganz aufierlich hin. Man betrachtet nicht 
dasjenige, was mit dem Zahnwechsel zugleich als eine vollige Um- 
wandlung der ganzen kindlichen Seelenverfassung vor sich geht. Bis 
zum Zahnwechsel lebt das Kind so, dafi es im Grunde genommen als 
innersten Instinkt Nachahmung desjenigen hat, was in seiner Um- 
gebung durch Menschen geschieht, namentlich durch diejenigen 
Menschen, mit denen es durch Blut oder Erziehune zusammenee- 
wachsen ist. Jede Handbewegimg, die das Kind macht, konnen wir 
Degreiren, wenn wir wissen, wie a as rvina hingegeoen ist an die 
Menschen seiner Umgebung; und im Grunde ist jede Handbewe- 
gung eine Nachahmung, wenn auch manchmal so, dafi sich das 
Nachahmewesen kaschiert, Aber wer beobacbten karm, merkt, daE 



zum Beispiel auch in der Sprachbildung eine Angliederung, eine 
nachahmende Angliederung an die Umgebung vorhanden ist. 

So sehen wir, wie das Kind in den ersten Lebensjahren ein 
Nachahmer ist. Und indem wir das Kind so betrachten und sehen, 
wie von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr 
aus den innersten Tiefen heraus dasjenige wachst, was sich dann 
iibertragt in Form, in Geste, in Bewegung und Handlung, in Laut, in 
Gedanken, wenn wir das beobachten bei dem Kinde, so werden wir 
bemerken - wenn man es nicht anders kann, so werden wir meinet- 
willen durch Hypothese zunachst zu der Vorstellung kommen -, 
wie das Seelisch-Geistige nun an dem Leiblichen arbeitet. Und 
vertieft man sich in eine solche Beobachtung, schaut man hin, wie 
das Seelisch-Geistige an dem Leiblichen arbeitet, dann kann man 
nicht anders, als diese Arbeit des Seelisch-Geistigen an dem Leibli- 
chen bis hinein in das Innerste zu verfolgen. Dann wird man sich 
sagen: Da geschieht etwas Bedeutsames durch den ganzen Organis- 
mus hindurch, was sich um das siebente Jahr herum auslebt in den 
zweiten Zahnen, die die Milchzahne ersetzen. Da ist gewissermafien 
in diesem Zahnwechsel ein Schlufipunkt. 

Und was tritt dann auf bei dem Kinde, wenn der Zahnwechsel 
abgeschlossen ist? Das tritt auf - jeder kann das, indem er sich an 
sein eigenes Leben zuriickerinnert, klar und deutlich bemerken -, 
da£ dann bei dem Kinde die Vorstellungen, die vorher in einer 
gewissen Weise fliichtige waren, die kamen und gingen, die chao- 
tisch waren, dafi diese Vorstellungen sich in strengere Konturen 
formen, daE sie sich so fest gestalten, dafi sie gewissermafien kristalli- 
sieren, um dann zu bleibenden Erinnerungen zu werden. 

Das Erinnerungsvermogen tritt allerdings bei manchen Men- 
schen schon friiher auf, aber die festumrissene Erinnerung, die zu 
Gedanken gestalteten Erinnerungen, die treten dann auf. Und wer 
dann diese Vorstellungsreihe verfolgt, der wird nicht umhin kon- 
nen, sich zu sagen: Ja, das ist ja dieselbe Tatigkeit; bis zum Zahn- 
wechsel hin war eine geistig-seelische Tatigkeit, um die Zahne 
herauszutreiben. Diese geistig-seelische Tatigkeit wirkte im Orga- 
nismus. Jetzt hat sie ihre Tatigkeit, ihr Feld abgeschlossen. Jetzt tritt 



sie als geistig-seelische Tatigkeit selber auf. Die festumrissenen 
Gedanken, die Gedanken, die der Erinnerung machtig sind, diese 
Gedanken treten jetzt auf. Was haben sie friiher getan? Sie waren es, 
die im Organismus gearbeitet haben, urn die Zahne herauszuarbei- 
ten; dieselbe Tatigkeit, die spater im Denken und im Erinnern lebt, 
lebte im Organismus, war dort tatig, um die Zahne herauszutreiben. 
Es ist gewissermafien eine organische Tatigkeit, metamorphosiert, 
umgewandelt zu einer geistig-seelischen Tatigkeit. Und als solche 
geistig-seelische Tatigkeit lebt sie nun weiter im Menschen. 

Sehen Sie, von diesen Dingen geht in streng methodischer Weise 
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft aus. Sie sagt sich: 
Man versuche nur einmal hinzuschauen, wie in starker Weise in den 
ersten sieben Lebensjahren dasjenige im Organismus tatig ist, was 
spater nur als Gedankenarbeit, als Erinnerungsarbeit wirkt. Nun 
sage man sich, man nahme diese verstarkte Tatigkeit des Denkens, 
des Vorstellens auf, man halte sich daran, nicht blofi die umgesetzte 
geistig-seelische Tatigkeit der spateren Jahre in seiner Seele arbeiten 
zu lassen, sondern die starkere Tatigkeit, die imstande war, nicht 
blofi Gedanken zu Erinnerungen zu formen, sondern die Zahne 
herauszutreiben. Das ist aber nur ein Teil der Tatigkeit, der grofiere, 
intensivere, bis zum siebenten Jahre. Diese starkere Tatigkeit wird 
in Angriff genommen durch dasjenige, was anthroposophisch orien- 
tierte Geisteswissenschaft das Meditieren nennt. Meditieren ist 
nichts anderes als ein verscharftes Denken, als ein intensiver gemach- 
tes Denken, als ein ausgebildetes Denken. Die Meditation besteht 
darin, dafi man einen Gedanken oder eine Gedankenreihe - fur den 
einen Menschen ist das gut, fur den anderen jenes, das Genauere 
findet man mitgeteilt in den Schriften: «Wie erlangt man Erkennt- 
nisse der hoheren Welten?», in «Die Geheimwissenschaft im Um- 
rifi», «Vom Menschenratsel» und «Von Seelenratseln» und so wei- 
ter -, diese Meditation, die hier gemeint ist, besteht darin, da£ man 
einen Gedanken oder eine Gedankenreihe intensiv in den Mittel- 
punkt des BewuEtseins stellt und dann so stark seelisch-geistig in 
dieser Gedankenreihe tatig ist, da$ man nun nicht blofi jene abstrak- 
te, intellektualistische Gedankentatigkeit entfaltet, die man in der 



gewohnlichen Wissenschaft oder im gewohnlichen Leben hat, son- 
dern jene intensive Gedankentatigkeit, die, waren wir noch Kinder 
unter sieben Jahren, in unseren Organismus eingreifen wiirde, im 
Organismus drinnen brodeln und kochen wiirde. So aber tragt sie 
uns, nachdem wir sie als seelisch-geistige Tatigkeit treiben, dahin, 
dafi wir lernen mit Gedanken zu leben wie mit Realitaten. Man sehe 
einmal nach, wie die Menschen im alltaglichen Leben oder in der 
gewohnlichen Wissenschaft dem Gedanken, dem Urteil gegeniiber 
leben; die regen sie nicht auf. Es regt einen Menschen auf, wenn er 
mit einem befreundet ist und der ihn schadigt oder er verliebt ist in 
einen anderen, oder Hunger oder Durst hat und so weiter. Die 
Dinge des Leibes regen den Menschen auf; die Gedanken nicht in 
der gleichen Weise. 

In dem Gedanken lernt man sich bewegen durch das Meditieren, 
wie man sich bewegt im Alltag. Und nach und nach wird es so, dafi 
man merkt, man macht ja innerlich durch dieses Meditieren einen 
Ruck durch. Wahrend man im gewohnlichen Leben eine Art Fiih- 
rung in seiner Gedankenwelt hat durch die Aufienwelt, wahrend 
man sich hingibt den Gedanken, die uns umgeben je nachdem sie 
kommen durch die ungeziigelten Erinnerungen, auftauchen, wieder 
verschwinden und so weiter, besteht das Meditieren darinnen, dafi 
man aus dem eigenen Willen heraus seine Gedanken in das Bewufit- 
sein hineinbringt, dafi man einen Gedanken so handhabt, wie man 
meinetwillen die Hand bewegt, wenn man mit der Hand irgend 
etwas ausfuhrt. Und man bekommt nach und nach tatsachlich das 
Gefiihl, dafi man denken lernt, wie man sonst greifen oder sonst 
gehen gelernt hat: dafi die Gedankentatigkeit sich als etwas vom 
Menschen Abgesondertes ergibt. Wenn man so vordringt zu einer 
solchen Gedankentatigkeit, die intensiver ist als die gewohnliche 
Gedankentatigkeit, zu einer Gedankentatigkeit, von der man inner- 
lich erlebt: Ware man noch Kind, wiirde dieses Denken, das man im 
Meditieren entwickelt, sogar in das Wachstum, in die Gestaltung 
des Leibes eingreifen - wenn man dieses Denken entwickelt, dann 
lernt man das kennen, was es heilk: im Denken selber, im Vorstellen 
leibfrei sich einer Tatigkeit hingeben. 



Es ist ja ganz richtig, dafi das gewohnliche Denken ganz an das 
Gehirn gebunden ist. Und das lernt man gerade dann erkennen, 
wenn man dieses leibfreie Denken, zu dem man sich nur durch 
meditative Entwickelung erheben kann, kennenlernt. Dieses Den- 
ken, das ebenso in die Willkiir gestellt ist wie die Handbewegungen, 
wie die Beinbewegungen, das man durch Anstrengung vollfiihren 
kann, unter dem man ermudet, das man nach einer bestimmten Zeit 
so unterlassen muli, wie man unterlassen mufi die Anstrengung des 
aulkren Leibes, wenn man dieses Denken so kennenlernt, so von 
innen kennengelernt hat, dann hat man uberhaupt erst ein Erlebnis 
von dem schaffenden Denken, von dem schaffenden Vorstellen. 
Dann ergreift man in dem Menschen ein Wesen, das atherisch-den- 
kerisch ist und das zugleich dasjenige ist, das durch die Geburt oder 
sagen wir durch die Empfangnis aus iibersinnlichen Welten herun- 
tergestiegen ist, und eben als Plastiker, als Architekt am menschli- 
chen Leibe mitgearbeitet hat. Wir haben dasjenige erfafit, was am 
menschlichen Leib arbeitet, und wir haben damit lebensvoll uns 
zuriickversetzt in das, was wir Menschen waren, bevor wir in diesen 
physischen Leib heruntergestiegen sind und den Leib angenommen 
haben, der uns gegeben worden ist durch die Vererbung von Vater, 
Mutter und so weiter. Wir haben ein Erlebnis von dem Vorgeburtli- 
chen oder von dem Leben vor der Empfangnis, ein Erlebnis von 
dem, was unser ubersinnliches Dasein war vor dem jetzigen phy- 
sischen Dasein. 

Durch die Ausbildung des Denkens erweitert sich unser Men- 
schenleben iiber Geburt und Empfangnis hinaus. Das, was ich 
Ihnen hier erzahle, ist geradeso sicheres Ergebnis einer strengen 
methodischen Untersuchung, die auf den Wegen wandelt, die ich 
Ihnen hier skizzierte, wie irgendein chemisches Resultat. Nicht 
sicherer ist dasjenige, was die Chemie im Laboratorium oder die 
Astronomic auf der Sternwarte zuwegebringt als dasjenige, was so 
aus der Intimitat des entwickelten menschlichen Gedankenlebens 
als Erkenntnis der iibersinnlichen Menschenwesenheit vor der Ge- 
burt hervorgeht; es ist einfach weiterentwickeltes Denken, welches 
die Methode hefert, in die iibersmnliche Welt einzudringen. Dieses 



Denken liefert allerdings dann die Moglichkeit, auch etwas zu sagen 
iiber dieses vorgeburtliche Leben. Darauf wollen wir morgen zu- 
riickkommen. Ich mochte aber jetzt hinweisen auf die andere Seite 
desjenigen, was im Menschen entwickelt werden mufi, damit er 
aufsteigt von der sinnlichen Erkenntnis zu der ubersinnlichen Er- 
kenntnis. Dieses andere ist der Wille. Und um die Bedeutung dieser 
Willensentwickelung einzusehen, brauchen Sie nur daran zu den- 
ken, wie weit entfernt dasjenige ist, was wir den Inhalt unserer 
sittlichen Ideale, der sittlichen Impulse nennen, von dem, was 
aufieres Naturgeschehen, was auch Naturgeschehen im Menschen 
ist. Das ist ja gerade die Sorge der philosophischen Weltanschauung, 
dafi die sogenannten Ideale nicht herangebracht werden konnen an 
das Naturdasein. Da beschreiben auf der einen Seite die Geologen 
und Astronomen, wie unsere Erde mit alledem, was zu unserem 
Planetensystem gehort, aus einem Urnebel nach ewigen, ehernen 
Gesetzen hervorgegangen ist, wie sie sich abgespalten hat, wie 
Pflanzen sich entwickelt, Tiere sich entwickelt haben bis herauf zum 
Menschen. Dann verfolgen sie das, um Hypothesen daniber aufzu- 
stellen, wie das alles wiederum zugrunde gehen wird. Aber beden- 
ken wir: In diese Welt stellt sich nicht hinein die Welt der Ideale, die 
Welt desjenigen, was wir uns vorsetzen mussen, wenn wir ein 
menschenwurdiges Dasein fuhren wollen, die Welt desjenigen, 
unter dessen Einflusse wir unsere Handlungen ausfuhren; alles 
dasjenige, was zu unserem Gewissen spricht, das stellt sich nicht 
hinein. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, was hat denn das 
fur eine Bedeutung fur alles das, was vor sich geht als rein natiirli- 
ches Dasein? Keine Briicke kann geschlagen werden in der heutigen 
Weltanschauung von dem sittlichen Ideal zu dem, was sich natiirlich 
entwickelt. Hin schaut der Astronom, der Geologe auf einen Endzu- 
stand der Erde, wenn alles entweder dem Warmetod verfallen wird, 
oder, wie andere beschreiben, vereist sein wird und so weiter, da 
wird dasjenige, was jetzt Erdenleben ist, ein grandioses Grab sein. 
Was wird geworden sein aus dem, was wir die sittlichen Ideale 
nennen? Sie sind gleichsam wie der menschliche Gedanke, Gedan- 
ken, die wie hinhuschen iiber dem natiirlichen Dasein fur eine 



solche materialistische Weltanschauung. Wer vom Gesichtspunkt 
der hier gemeinten Geisteswissenschaft ausgeht, theoretisiert nicht 
uber diese sittlichen Ideale, sondern sucht auf einem anderen Wege 
das Leben zu vertiefen. Er versucht vor alien Dingen, etwas in die 
menschliche Willkiir hereinzubekommen, was sonst nur so vom 
Menschen betrachtet wird, daft er sich ihm in passiver Weise 
iiberlafit. 

Und wiederum hilft uns, um das, was ich meine, zu begreifen, 
wenn wir die zweite Epoche des menschlichen Lebens, die Epoche 
vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife mit unbefangenem Auge 
betrachten. Wir sehen wiederum, wie sich in dem Kinde vom 7. bis 
14. Jahre nach und nach gewisse Krafte herausentwickeln, die ihre 
Kulmination erleben im 14., 15. Jahre. Wir sehen, wie da zunachst 
die individuelle Liebe auftaucht, wie alles dasjenige, was mit der 
Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes zusammenhangt, 
auftaucht. Aber gewohnlich verfolgen wir nicht, wie ein Geistig-See- 
lisches vom 7. bis zum 14., 15. Jahre wiederum so arbeitet wie in den 
ersten sieben Lebensjahren und einen Abschlufi findet, so daft es frei 
wird und gewissermafien erlost wird aus der organischen Tatigkeit 
mit dem 14., 15. Jahre. Wenn wir den Knaben in seiner Entwicke- 
lung betrachten, dann finden wir - in einer etwas anderen, hier nicht 
weiter zu erorternden Weise, mehr seelisch ist es beim weiblichen 
Geschlecht wir finden den Abschlufi dieser Lebensepoche in der 
Umanderung der Stimme, in dem anderen Timbre, den da die 
Stimme annimmt. Was ist das eigentlich, was da in die Sprache 
hineingeschossen ist? Beobachtet man unbefangen, so findet man: 
Es ist der Wille, wie es in den ersten sieben Lebensjahren das 
Vorstellungsleben war, das sich dann zu einem erinnerungsfabigen 
Gedanken formt, jetzt ist es der Wille, der in den Organismus 
hineinschiefk, der sich dem Oreanismus eineliedert und von ietzt ab 
als freier Wille die Sprache durchdringt, wahrend bis dahin das 
Kind bis zum 14., 15. jahre m seiner Sprache nicht frei war, sondern 
- man kann das xiachweisen - unter dem Einflusse der Umgebung 
gestanden hat. So dafi wir uns sagen konnen: In der zweiten 
Lebensepoche ist dasjenige, was sparer als Wille auftritt, das Organ- 



gestaltende. Und es tritt, im Jiinglingsalter dann, im 17., 18. Jahr bis 
in die Zwanzigerjahre hinein zutage, indem es den Jiingling durch- 
gliiht mit Ideal en. Es ist frei geworden dasjenige, was gearbeitet hat 
an dem, was dann als Geschlechtsliebe, als Menschenliebe iiber- 
haupt, erscheint. Was da frei geworden ist nach dem 14., 15. 
Lebensjahr in der Geschlechtsreife, es hat gearbeitet bis zum 7. Jahr; 
der Wille ist es - erst der Wille, der an das Organ gebunden ist, dann 
der frei werdende Wille. Nimmt man das wiederum auf, und zwar in 
der Weise, dafi man jetzt an den Willen sich wendet und das, was 
man gewohnlich eigentlich passiv als Mensch hinnimmt, ins Aktive 
verwandelt, dann wird man sehen, dafi sich eine zweite, besondere 
geistig-seelische Kraft in der menschlichen Innerlichkeit entwickelt. 
Man erreicht das dadurch, dafi man beobachtet, wie man sich sagen 
kann: Siehst du auf deinen Lebensweg zuriick, so bist du eigentlich 
von Jahr zu Jahr - das wird weniger bemerkt -, jedenfalls aber von 
Jahrzehnt zu Jahrzehnt ein anderer geworden. Das Leben, aufiere 
Verhaltnisse, Leiden, Freuden, alles mogliche greift in das Leben 
ein. Und jeder von Ihnen frage sich, ob er nicht im Laufe der 
Jahrzehnte ein anderer geworden ist? Das aber hat man nicht in 
seiner Gewalt. Das Leben schleift einen ab. Das Leben macht einen 
zu einem anderen. 

Geisteswissenschaftliche Methode besteht gerade darin, dafi man 
auf diesem Gebiete auch die Entwickelung selbst in die Hand 
nimmt, dafi man ernster, als man das sonst tut, zum Beispiel die 
sittlichen Lebensideale nimmt, diese sittlichen Lebensideale sich 
selber einverleibt, priift, wie man irgend etwas, das man sich 
vorsetzt, so gestalten kann, dafi man es will, wie man essen will, 
wenn man hungrig ist. Dazu kann man es bringen. Man kann es 
dazu bringen, dafi das, was sonst nur abstrakte moralische Ideale 
sind, Instinkt wird, dafi es innerlicher Trieb wird. Dann allerdings 
nahert sich dasjenige, was sonst, wie ich gesagt habe, iiber der Natur 
schwebt, von dem man nicht einsehen kann, was es eigentlich fur 
eine Bedeutung hat, es nahert sich das dem menschlichen inneren 
organischen Werden. J a, wenn das vielen auch paradox klingen 
wird, es tritt ein Zeitpunkt ein, wo auf einen moralische Impulse so 



wirken, wie sonst auf den Geschmack die Speisen wirken. Man hat 
nicht mehr nur das abstrakte Gefiihl gegeniiber irgend etwas, was 
man fur gut oder schlecht findet, sondern man bekommt eine 
innerliche Antipathie gegen etwas moralisch Ungeheuerliches oder 
Schlechtes oder auch nur Tadelnswertes, wie man eine Antipathie 
bekommt gegen das, was schlecht schmeckt. Was sonst in abstrak- 
ten Hohen schwebt, nahert sich intim dem, was sonst im Ge- 
schmack, im Geruche lebt. Man bekommt ein Gefiihl davon, wenn 
man nur einen Arm hebt, so ist dasjenige, was man sich vorsetzt, 
wirksam im Stoffwechsel des Armes. Man bekommt mit anderen 
Worten, wenn man also seine menschliche Entwickelung aktiv in 
die Hand nimmt, ein Gefiihl von dem Durchdringen des Geistig- 
Seelischen gegeniiber dem Physisch-Leiblichen. Wie man im Den- 
ken, wenn man es entwickelt, frei wird von dem Leiblichen, so wird 
man es durch die andere Entwickelung, die ich jetzt erorterte, die 
einfach dasjenige, was vom 7. bis 14. oder 15. Lebensjahr hin im 
Organismus wirkt, so intensiv aufnehmen, dafi da die Liebe nicht 
blofi so wirkt wie sonst im Leben, im sozialen oder im individuellen 
Leben, sondern dal5 die Liebe so wirkt, dafi sie organisch uns erst 
zum Leibe gestaltet. Wenn man nun jene Intensitat der Liebe auf die 
eigene Selbsterziehung anwendet, dann erlangt man in dem Willen 
dasjenige, was stark genug ist zu wirken, wenn auch dieser Leib der 
Erde oder den Elementen iibergeben wird. Hat man einmal eingese- 
hen, wie der Wille die Macht besitzt, auf den Leib zu wirken, wie der 
Wille nicht blofi sittliche Impulse in uns abstrakt veranlagt, sondern 
wie der Wille uns notigt, die sittlichen Impulse zu empfinden, wie 
sonst Speisen durch den Geschmack empfunden werden, dann hat 
man auch begriffen, wie dieser Wille eingreift in das eigene mensch- 
liche natiirliche Dasein, wie er eingreift in das gesamte natiirliche 
Dasein des Universums. Dann erlangt man durch diese andere Seite 
der Entwickelung die Moglichkeit, zu begreifen, was nach dem 
Tode ist. Wie man durch die Entwickelung des Vorstellungslebens 
das vorgeburtliche Leben als ein Ubersinnliches, als ein Ewiges 
begreift, so durch die Willensentwickelung das Leben nach dem 
Tode. Es erweitert sich dasjenige, was der Menscli hier erlebt in 



dieser physischen Welt durch dasjenige, was Geisteswissenschaft 
zutage fordert, eben iiber diese physische Welt hinaus, aber nicht so, 
dafi man nur spekuliert iiber die physische Welt hinaus, sondern dafi 
man tatsachlich, urn zu dem zu kommen, was ich jetzt geschildert 
habe, ein Gedanken- und Willensleben entwickeln mufi, das mit der 
Wirklichkeit verbunden ist. Man entwickelt das Gedankenleben so 
wirklich, dafi man es in den Kraften hat, in denen es uns selber 
gestaltet, indem wir ins Leben eintreten. Man ergreift das Willens- 
leben in einer so starken Wirklichkeit, dafi man es hat, wie es wirken 
wird noch, wenn unser Leib mit alien seinen Instinkten und natiir- 
lichen Trieben zerfallen sein wird. 

Dann, wenn dieses erreicht ist, hat man etwas, was so auftreten 
kann wie der Inhalt meiner «Geheimwissenschaft» etwa. So wie 
man von einer aufieren naturwissenschaftlichen Wissenschaft aus 
iiber die Aufienseite der Welt spricht, so kann man iiber die 
Innenseite der Welt sprechen. Es braucht nicht jeder ein Geisteswis- 
senschafter zu werden, um die Geisteswissenschaft einsehen zu 
konnen. Der unbeirrte Menschenverstand fiihrt dahin, diese Gei- 
steswissenschaft begreifen zu konnen. Wie viele Geistesforscher es 
geben wird in der Zukunft, dariiber brauchen wir uns ja gar nicht zu 
unterhalten. Es mag viele, es mag wenige geben. Aus meinem Buche 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» werden Sie 
ersehen, dafi jeder bis zu einem gewissen Punkte ein Geisteswissen- 
schafter werden kann, namlich selber hineinschauen kann, wenn er 
nur seine naturlichen Gaben entwickeln will, in das iibersinnliche 
Weltenwesen. Um in dem hier gemeinten Sinne Geistesforscher zu 
werden, ist vielleicht schon aus dem Grunde manchen nicht mog- 
lich, weil vieles notwendig ist, was der Mensch im gewohnlichen 
Leben ja nicht eigentlich anstreben kann. Denken Sie nur, wenn 
einer ein Chemiker wird, wieviel er dann abgesondert vom iibrigen 
Leben im Laboratorium zubringen mufi, wie er in einem gewissen 
Sinne auf manches verzichten mufi im anderen Leben. So ist es bei 
jeder einzelnen menschlichen Betatigung im Leben. Bedenken Sie 
nur, was es bedeutet, wenn jemand sich bekannt machen mufi mit 
einer Welt, die ganz verschieden ist von der, in der wir taglich vom 



Aufwachen bis zum Einschlafen leben, mit einer Welt, die ganz 
andere Gesetze hat, obwohl diese Gesetze hier wirksam sind, aber 
im Verborgenen. Das pragt dem Menschen etwas ein, was zu 
gleicher Zeit der Quell von Leid, von Schmerzen ist. Und jeder 
wirkliche Geistesforscher wird Ihnen sagen: Dasjenige, was ihm das 
Leben an Freuden gebracht hat, nimmt er dankbar hin und mochte 
den Weltenmachten immerzu in einem demiitigen Gebete danken 
fur das, was er an Freude erleben durfte. Aber seine Erkenntnis 
verdankt er nicht eigentlich seinen Freuden, die in einer gewissen 
Weise einschlafern iiber die eigentliche Wesenheit des Lebens - die 
Erkenntnisse verdanken wir dem Leid. Und vertiefte Leiden sind es 
geradezu, die durch unsere Seelen ziehen, wenn wir eine bestimmte 
Stufe erstiegen haben in dem Hinausgehen aus der sinnlich-wir- 
kenden Welt, wie ich es Ihnen heute geschildert habe. 

Dann kommt das andere. Denken Sie nur, ich habe es ja selbst 
gesagt, das Denken wird etwas, wie das Greifen oder Gehen: Es 
wird in die Willkiir des Menschen gestellt. Wir sind sonst gewohnt, 
unwillkiirlich zu denken, das Denken so automatisch fortlaufen zu 
lassen. Dieses Denken mufi sich so umgestalten - wenigstens fur die 
Zeit, in der man im Geistigen forscht -, wie wir sonst willkurlich 
Hande und Beine bewegen. Man mufi nun genau unterscheiden 
lernen - und das lernt man sorgfaltig, wenn man zum richtigen Weg 
im Geistesforschen angeleitet wird -, man mufi nun sorgfaltig lernen 
zu trennen das Leben, das man in der physischen Welt fiihren mufi 
und das Leben, das in die geistige Welt hineinfuhrt. Denn hier in der 
physischen Welt mufi man leben konnen wie ein anderer Mensch. 
Nicht diejenigen sind die wirklichen Geistesforscher, welche aus 
einem gewissen Hochmut oder aus einer Wollust der Seele heraus 
lebensfremd werden, die sich hingeben konnen mystisch und dabei 
das Leben verachten, die vielleicht von der iibrigen Menschheit sich 
absondern, sich allerlei absonderliche Kleider anziehen und derglei- 
chen oder sagen: Wir gehoren zu einer ganz anderen Menschensor- 
te. - Diejenigen sind vielmehr die wirklichen Geistesforscher, de- 
nen man das gar nicht anmerkt, weil sie im aufieren Leben geradeso 
drinnen stehen wie die anderen, ja noch praktischer, weil sie dasjeni- 



ge durchdringen mit den wirklichen Gesetzen des aufieren Lebens, 
die man gar nicht in der aufieren Welt kennenlernen kann, sondern 
nur aus der iibersinnlichen Welt; denn alles Sinnliche ist ganz 
abhangig von der iibersinnlichen Welt. Daher sagte ich schon ofter, 
am meisten wird diese Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, ihre 
Ideale erfullt sehen, wenn sie gerade in die verschiedenen prakti- 
schen Zweige des Lebens hineinwirken kann. So zum Beispiel sagte 
ich, wiirde es ganz besonders eine Erfiillung dieses anthroposophi- 
schen Ideales sein, wenn man mit einer Anzahl von Arzten sprechen 
konnte iiber dasjenige, was Geisteswissenschaft fur eine Erneu- 
erung der Medizin werden konnte. Das hat sich nun mittlerweile 
schon erfullt: In Dornach draufien ist ein Kursus vor Arzten und 
angehenden Medizinern gehalten worden iiber dasjenige, was der 
Arzneiwissenschaft zugefuhrt werden kann gerade von dieser an- 
throposophisch orientierten Geisteswissenschaft. 

Wahrhaftig, alles liegt naher dieser anthroposophisch orientierten 
Geisteswissenschaft, was fruchtbares Wirken auf die praktischen 
Lebenstatigkeiten ist, als das wesenlose Herumstreiten mit denjeni- 
gen, die ja aus einem blinden Fanatismus oder viel Schlimmerem 
heraus verleumderisch sich auftun, um als eine religiose Sekte diese 
Geisteswissenschaft hinzustellen, weil sie eine allgemeine Abnei- 
gung haben gegen jeden menschlichen Fortschritt. Denjenigen, 
denen es mit dieser Geisteswissenschaft ernst ist, kommt es nicht auf 
das Herumstreiten mit Bekenntnissen an, sondern ihnen kommt es 
auf ernsthafte Arbeit auf alien praktischen Gebieten des Lebens an. 

Das ist es, was vor alien Dingen von Dornach aus geleistet werden 
will und wogegen einfach, ich mochte sagen, all das Geschwafel, das 
sich jetzt erhebt von alien Seiten her, grotesk ist. Man versuche nur 
einmal, sich bekanntzumachen mit dem, was wirklich gewollt wird 
und man wird sehen, dafi das ganz anders aussieht als dasjenige, was 
jetzt durch einen grofien Teil der Presse geht. Das ist es, um was es 
sich handelt, dafi in der Tat durch die geschilderte Methode, durch 
die der Mensch in sein eigenes Wesen tiefer hineindringt, er auch 
tiefer in die Welt hineindringt. Man lernt erkennen auf der einen 
Seite die Wirklichkeit, die uns ins Dasein bringt; man lernt erkennen 



auf der anderen Seite die Wirklichkeit, die uns aus dem Dasein 
hinaustragt. Dadurch aber gewinnt man auch die Moglichkeiten, 
tiefer in das Leben selbst hineinzusehen. Heute gehen die Menschen 
aneinander vorbei, wissen gar nicht, wie der Einflufi des einen 
Menschen auf den anderen ist, nicht nur der, der durch die aufiere 
sinnliche Leiblichkeit vermittelt wird, sondern wie tatsachlich Seele 
auf Seele, Geist auf Geist wirkt. Es furchten sich die Menschen fast, 
an diese Wirkungen von Seele auf Seele, von Geist auf Geist zu 
denken. Aber ehe man nicht dahin gelangt, einzusehen, wie die 
Menschen als geistige Wesen aufeinander wirken, ehe wird man 
auch nicht eine richtige Vorstellung von dem gewinnen, was iiber- 
sinnliche Welt ist. 

Der Geistesforscher mufi durchaus sich angewohnen, unbefan- 
gen in die ubersinnliche Welt hineinzuschauen und dabei seinen 
Platz in der sinnlichen Welt auszufiillen. Diese Notwendigkeit, in 
einer ganz anderen, viel bewufiteren Weise das Leben in der Welt 
hier zu regeln, wenn man Geistesforscher ist, das gehort wiederum 
zu den Dingen, die vielleicht nicht jedermanns Sache ist, neben 
vielem anderen. Aber es geniigt ja, wenn dasjenige, was einzelne 
Geistesforscher als Ergebnisse mitteilen, einfach in den gesunden 
Menschenverstand aufgenommen wird. Die Geisteswissenschaft 
hat nicht Sorge, dafi sie nicht begriffen wird von unbefangenen 
Denkern. Nein, sie weifi, dafi, je unbefangener man ihr entgegen- 
tritt, je sachgemafier, je weniger dilettantisch, je wissenschaftHcher 
man ihr entgegentritt, sie um so mehr verstanden werden wird. Sie 
fordert geradezu heraus, sie so exakt und ernst zu nehmen wie 
moglich. Dann wird man schon sehen, dafi man nicht mehr in der 
Weise iiber sie sprechen kann, wie man iiber sie spricht, wenn es sich 
um blofi oberflachliche Bekanntschaft handelt. Der gesunde Men- 
schenverstand kann durchaus Ja sagen zu dem, was als geisteswissen- 
schaftliche Ergebnisse auftritt; aber es wird an den gesunden Men- 
schenverstand dann eine gewisse Anforderung gestellt, eine Anfor- 
derung, die man heute noch nicht liebt, aber weil man sie nicht liebt, 
hat man sich in die Katastrophe hineingebracht, die die Menschheit 
in den letzten fiinf bis sechs Tahren durchmachen mufke. 



Sehen Sie, wenn man meine «Geheimwissenschaft» nehmen und 
lesen wiirde mit derjenigen Gesinnung, die man heute besonders 
liebt, dann ist sie strohern, dann haben Sie auch ein Recht, daruber 
zu schimpfen. Sie ist nicht in der Lage, Ihnen so viel zu sagen, wie 
Ihnen gesagt wird, wenn Sie sich in ein Kino setzen und da Bilder 
vor Ihnen abrollen. Sie brauchen nicht viel zu arbeiten. Sie konnen 
da passiv sein. Wenn Sie einem Vortrag zuhoren, der mit Lichtbil- 
dern gemacht wird, konnen Sie auch schlafen. In den Zwischentei- 
len konnen Sie Ihre Aufmerksamkeit passiv den Lichtbildern hinge- 
ben. Anders schon ist es mit einem solchen Vortrag, wie ich ihn mir 
erlaube. Da mufi man in einer gewissen Weise selbst mitgehen, wenn 
er eine Bedeutung haben soil fur den Menschen. Aber erst in der 
Literatur - meine «Geheimwissenschaft» hat fur niemand einen 
Inhalt, der nicht darauf eingeht, sie selbst zu erarbeiten. Sie ist 
gewissermafien nur eine Partitur, und man mufi sich den Inhalt aus 
einer aktiven inneren Tatigkeit selbst erarbeiten; dann hat man ihn 
erst. Dadurch aber erwirbt man sich als Betrachter dessen, was der 
Geistesforscher erkundet hat, dann erwirbt man sich aktives Den- 
ken, jenes Denken, das untertaucht in die Wirklichkeit, das mit der 
Wirklichkeit sich verbindet. Man erwirbt sich ein Denken, das nicht 
mehr sagt: Wenn wir die Goldwahrung einfiihren, werden wir 
Freihandel begiinstigen. Dieses Denken, ganz aufierhalb der Wirk- 
lichkeit stehend, ist unreal gegeniiber der Wirklichkeit. Man schult 
sich an einem Denken, das mit der Wirklichkeit innig verbunden ist 
und das auch in praktischen Fallen sich orientieren kann an der 
Wirklichkeit. Das andere Denken ist ungeschult. Das geschulte 
Denken, das gewissermafien als ein Nebenprodukt der geisteswis- 
senschaftlichen Bestrebungen abfallt, bewirkt, dafi man gegeniiber 
den Forderungen, die heute das Leben stellt, ein praktischer Mensch 
wird. 

Deshalb darf auch diese Geisteswissenschaft geltend machen, die 
scheinbaren Praktiker, die illusionaren Praktiker, die - ja, wie soli 
ich sagen, grofimaulig darf ich wohl nicht sagen -, die grofimaulig 
alles gewufit haben, was da wird im Geschafts- und anderen Leben, 
und die das Leben so zerschlagen haben, wie es zerschlagen worden 



ist, die werden ersetzt werden mussen durch diejenigen Menschen, 
welche etwas zu sagen wissen iiber den wirklichen Gang des Lebens, 
weil sie gelernt haben, etwas zu sagen iiber das Leben, insofern es 
das Verhaltnis des Menschen zum Universum betrifft. 

Da darf ich immer wiederum auf die Tatsache hinweisen, die ja 
immerhin nachweisbar dasteht, es war im Friih-Friihling 1914, wo 
ich einer kleinen Gesellschaft in Wien, in jenem Orte, von dem der 
Weltenbrand ausgegangen ist, gesagt habe: Wir stehen in einer 
sozialen Entwickelung Europas drinnen, die uns zeigt, wie das 
offentliche Leben leidet wie an einem sozialen Karzinom, wie an 
einer sozialen Krebskrankheit, die in der nachsten Zeit zum furcht- 
baren Ausbruch kommen mufi. - Das im Friih-Friihling 1914. 
Etwas spater haben fast gleichlautend Manner, die sich ja auch fur 
Praktiker rechnen, zum Beispiel der deutsche Auswartige Minister, 
der osterreichische Auswartige Minister, ihren Parlamenten bezie- 
hungsweise Delegationen gesagt: Die allgemeine politische Ent- 
spannung macht grofiartige Fortschritte. Wir sind in freundnachbar- 
lichen Verhaltnissen zu Rutland, und wir werden dank dieser 
freundnachbarlichen Verhaltnisse demnachst in eine Epoche euro- 
paischen Friedens eingehen. - In Deutschland sagte man: Wir haben 
Verhandlungen mit England, die zwar noch nicht zum Abschlusse 
gekommen sind, die aber versprechen, in der nachsten Zeit zum 
Abschlusse zu kommen und ein langdauerndes Friedensverhaltnis 
zwischen Deutschland und England hervorrufen werden. - Das 
alles etwa im Mai 1914! Das haben die Praktiker gesagt. Der andere, 
der gesagt hat: Wir leiden an einem sozialen Karzinom, der war der 
Traumer, der Phantast, der verriickte Anthroposoph. Die Praktiker 
aber, auf die die Menschen gehort haben, die haben gesagt, was ich 
Ihnen erwahnt habe. Ihre Praktik hat sich so erfiillt, da£ in den 
nachsten Jahren zehn bis zwolf Millionen Menschen totgeschlagen 
worden sind und dreimal so viel zu Kriippeln! 

Wie sich aber hier die Voraussagen erfiillt haben, wie sich auf dem 
Gebiete des Monometallismus erfiillt hat, wie sich im Kleinen die 
Mafinahmen auswirkten dieser scheinbaren Praktiker, die dem 
wirklichen Leben doch fremd gegeniiberstehen, das hat sich alles in 



den letzten fiinf bis sechs Jahren gezeigt. Gegeniiber der Zivilisation 
der Menschheit macht Geisteswissenschaft heute geltend, indem sie 
sagt, wie man sich in den Inhalt der Geisteswissenschaft vertiefen 
mufi, um ein solches Denken anzuwenden, das nicht nur logisch ist, 
sondern wirklichkeitsgemafi. Ich sagte ausdriicklich, ich hake sie 
nicht fiir dumm, die Monometallisten, aber ich halte sie fur Leute, 
deren Denken nicht untertauchen kann in die Wirklichkeit, deren 
Denken wirklichkeitsfremd ist. Ich weifi, wie viele Menschen das 
heute nicht glauben, dafi man gerade durch geistige Vertiefung 
hineinkommt in das wirkliche Leben! 

So steht Geisteswissenschaft zum Geiste unserer Zeit; so steht sie 
zum Ungeiste unserer Zeit. Wie aufiert sich dieser Ungeist? Nun, 
die Menschheit hat eigentlich den Intellektualismus erst in den 
letzten drei bis vier Jahrhunderten erhalten. Sie hat sich entwickelt 
aus einer Urweisheit heraus, die allerdings mehr instinktiv, mehr 
traumhaft war, die daher abglimmen mufke. Die Intellektualitat 
mufite aufkommen. Wir sind an einem Punkte der intellektualisti- 
schen Entwickelung angekommen, von dem wir uns wieder entfer- 
nen miissen, um wiederum Geistiges zu erkennen, was der blofie 
Intellekt niemals kann. Alles, auch unsere Wissenschaft, Medizini- 
sches, Jurisprudenz, alle einzelnen Wissenschaften sind bei Wirk- 
lichkeitsfremdheit heute angelangt, mit Ausnahme allein der unor- 
ganischen Wissenschaften und der Technik mit ihrem Gefolge. So 
hat sich die Intellektualitat in den letzten Jahrhunderten entwickeln 
miissen. Es war fruher eine instinktive geistige Erkenntnis da, sie ist 
abgedammert eine Weile. Eine neue geistige Erkenntnis mufi sie 
wieder ersetzen. 

Aber wir haben die Erbschaft dieser alten geistigen Erkenntnis in 
uns, und eines der bedeutendsten Telle dieser Erbschaft, das ist 
unsere Sprache selbst, das sind alle unsere Zivilisationssprachen. 
Dasjenige, was in unserer Sprache lebt, ist nicht hervorgegangen aus 
einer solchen Weltbetrachtung, wie sie in den letzten drei bis vier 
Jahrhunderten geiibt wurde. Hatten die Menschen nicht schon die 
Sprachen gehabt, aus einer solchen Seelenbetatigung heraus, wie sie 
zum Intellektualismus gefiihrt hat, hatten die Menschen nimmer- 



mehr die Sprachen entwickelt. Die Sprachen sind altes Erbgut. Sie 
sind hervorgegangen aus einer Zeit, in der man, wenn auch instink- 
tiv, das Geistige erfafit hat. Was sind sie geworden in der Zeit des 
Intellektualismus? Sie sind zu dem geworden, was unser offentli- 
ches Leben allmahlich in den Zustand der Phrasenhaftigkeit ge- 
bracht hat. Wir leben, weil wir den alten geistigen substantiellen 
Inhalt verloren haben, der in dem Worte war, wir leben mit der 
Sprache in der Phrase und wir sind darauf angewiesen, durch 
geistige Vertiefung wiederum substantiellen Gehalt fur unsere Spra- 
chen zu finden. Die Phrase aber ist die Schwester der Luge. Und 
fragen Sie sich unbefangen, wie die Luge ihren Siegeszug in den 
letzten ftinf bis sechs Jahren durch die Welt getragen hat, wie wir in 
dem Zeitalter der Phrase leben! Unser geistiges Leben steht ganz im 
Zeichen der Phrase. Das ist der Ungeist im geistigen Leben der 
Gegenwart: die Phrasenhaftigkeit. Aus der Phrasenhaftigkeit, aus 
diesem Teil des Ungeistes kommen wir nur heraus, wenn wir uns 
wieder erfullen konnen mit der anthroposophischen Geisteswissen- 
schaft. Will man geistigen Inhalt mit geistiger Substanz, dann 
werden durch unsere Worte wiederum geistige Inhalte klingen. 
Heute redet der Mensch Worte und Worte, weil er den geistigen 
Inhalt verloren hat. Das ist der eine Punkt, worauf hingewiesen wird 
von geisteswissenschaftlicher Seite aus in dem Dreigliederungsge- 
danken fur den sozialen Organismus, dafi das Geistesleben von der 
Phrase beherrscht ist, dafi ein Weg gesucht werden mufi - wir 
werden iiber diesen Weg noch zu sprechen haben in den nachsten 
Tagen -, um von dem Geistesleben aus wiederum in unsere Worte 
hinein substantiellen Inhalt hineinzubringen. Das ist die erste Auf- 
gabe, die wir gegeniiber dem Ungeist unserer Zeit haben. 

Das zweite ist: Es hat sich deutlich ergeben, dafi diese neuere Zeit 
ganz unter dem Einflufi steht des Triebes, demokratisches, wahrhaf- 
tig demokratisches Leben entwickeln zu wollen. Das hat die Men- 
schen ergriffen, wie sonst den einzelnen Menschen die Geschlechts- 
reife erfafit oder andere Perioden des Lebens. Seit der Mitte des 15. 
Jahrhunderts macht sich immer rnehr und mehr geltend in der 
ganzen zivilisierten Welt der Ruf nach Demokratie, nach wahrer 



Demokratie. Und was ist wahre Demokratie? Ehrlich erf aft t ist 
Demokratie ein solches Zusammenleben der Menschen im sozialen 
Organismus, dafi jeder Miindiggewordene als Gleichberechtigter 
jedem anderen Miindiggewordenen gegeniibersteht. Das kann nicht 
entwickelt werden mit Bezug auf das Geistesleben; denn da kommt 
es auf die Fahigkeiten an. Das Geistesleben mufi auf seinem eigenen 
Boden abgesondert werden. Die Demokratie kann nur umfassen das 
politische Leben. Aber was ist das politische Leben geworden? Weil 
der Trieb zwar da ist, Demokratie zu bilden, aber dieser Trieb 
iiberall unterbrochen wird unter dem Einflufi des modernen materia- 
listischen Ungeistes - was ist dieses Leben geworden? Es ist gewor- 
den statt eines rechtlichen Zusammenlebens, statt des wirklichen, 
vom Inneren des Menschen heraus geborenen Rechtslebens, ein 
Leben der Konvention. Wie wir im Geistesleben in der Phrase 
leben, so im Rechtsleben in den Konventionen, in dem, was paragra- 
phenmafiig festgesetzt ist, dem der Mensch nicht mit seiner Seele 
angehort, sondern gehorcht, indem es von einer absoluten Macht 
oder zum Beispiel einer Demokratie konventionell festgesetzt wird. 
Das zweite, das Geisteswissenschaft mit Bezug auf die Dreigliede- 
rung des sozialen Organismus will, ist: Wirkliche Demokratie auf 
dem Gebiet, wo Demokratie sein kann, begriinden. So daft die 
Konvention ersetzt wird durch dasjenige, was sich vom Innersten 
der Menschennatur heraus unter gleichberechtigten miindiggewor- 
denen Menschen ergeben mufi. 

Und auf einem dritten Gebiet, dem Gebiet des Wirtschaftslebens, 
haben wir an die Stelle der wirtschaftlichen Einheit, des Errechnens 
der Verhaltnisse, ein wirkliches wirtschaftliches Urteilen zu setzen, 
das sich auf die Weise ergeben wird, wie ich es auch in den nachsten 
Tagen andeuten will, was Sie aber auch namentlich in meinen 
«Kernpunkten der sozialen Frage» finden werden. Dieses wirt- 
schaftliche Urteilen ist aufgetreten an dem Ungeiste der neueren 
Zeit. Der Mensch ist ein Routinier statt ein wirklicher wirtschaft- 
licher Praktiker geworden, ein Routinier, der einfach drinnensteht 
in dem Gewebe, in das ihn gerade Geburt oder sonstige Verhaltnisse 
des Lebens hineingestellt haben. Der Mensch ist nicht wirklicher 



Praktiker auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, sondern Routi- 
nier unter einem triebhaft gestalteten Ungeist. Wir leben unter dem 
Ungeist der Phrase, der Konvention, der Routiniertheit. Wir kom- 
men nicht heraus, wenn wir nicht erfullen sowohl das Rechtsleben, 
wie das Geistesleben, wie das Wirtschaftsleben mit demjenigen, was 
wir uns an Wirklichkeitssinn, an Geistsinn aneignen konnen aus 
dem Treiben der Geisteswissenschaft heraus. 

Nun, die Menschen sehen heute noch iiber solche Dinge hinweg. 
Mit Bezug auf das, daft man hinweisen kann auf Wichtigstes, was 
wirklich unmittelbar im praktischen Leben drinnensteht, bleiben 
die Menschen eben oftmals bei dem Urteil, das sei eben eine 
Traumerei, eine Phantastik und so weiter. Ja, die Menschen sind 
eben so. Hier in der Schweiz hat ein Mensch gelebt in den siebziger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts, Johannes Scherr. Er war in vieler 
Beziehung ein Polterer, er hat seine bissige Kritik iiber alles mogli- 
che ergossen, eben wie ein polternder Mensch. Aber in seinem Pol- 
tern liegt oftmals ein sehr gesundes Urteil. Dieser Johannes Scherr 
hat aus einer gewissen Einsicht in das, was er in seiner Zeit gesehen 
hat, gesagt: Wenn das so fortgeht, wenn die Menschen in der Er- 
kenntnis blofi dem Materialismus nachjagen werden, wenn sie im au- 
fieren politischen, sozialen Leben blo£ einer Finanzwirtschaft nach- 
jagen werden, wie sie jetzt entfacht wird, wo jeder nur seine finan- 
ziellen oder industriellen Interessen in Betracht zieht, seinem Egois- 
mus nachgeht, wenn dieses Treiben fortgeht, dann wird die Zeit kom- 
men, wo der Mensch wird sagen mussen: Unsinn, du hast gesiegt! 

Ich mochte wissen, wer mit unbefangenem Sinn sich nicht hinstel- 
len mufite in den letzten Jahren und noch jetzt, wenn er sieht, was da 
und dort in der Welt geschieht, wenn er sieht, wie entgegengehan- 
delt wird alledem, was der Menschheit nur forderlich sein konnte, 

VA. Wl Vll Vlll/ CCtl A i£j W Z_*JLVJLJLJLOiJLV-'i.U*_. V V *_-X Ik, Illll^i Cfc JL V, JL 1 ) fV Villi 111 c£l 1 Ji^ll 111 J U V- J V/ll 

dere wahrend des Ad-absurdum-Fiihrens der gegenwartigen Zivili- 
sation in diesem Knege hinemgestellt hat in diese Verhaltnisse, wie 
er nicht sich hat sagen miissen: Nun, die Zeit ist gekommen, wo man 
nicht sagen miifite: Unsinn, du hast gesiegt, wie Johannes Scherr; 

c iOi rii <rl ja r-- to T T im c 1 -p im s^ll Im ot o tf - i-Q/^V^ -i e*/A &in. ! 

ijvj'iiuwiii. w liJiliili Li ii.ci.3t, wiKj't/iLii/Uw/Li . 



Das weitere will ich in den nachsten Tagen entwickeln. Heute 
wollte ich einleitungsweise sagen, da£ anthroposophisch orientierte 
Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nicht sich beteiligen 
mochte an der Herbeifiihrung eines Zustandes, in welchem man 
immer mehr und mehr wird sagen miissen: Unsinn, du hast ent- 
schieden -, sondern an der Herbeifiihrung eines Zustandes, in dem 
aus innerster Menschentiichtigkeit, aus innerlichster wirklicher 
Menschenerkenntnis heraus man wird sagen miissen: Sinn konnen 
wir wiederum in das Leben bringen, aufbauenden Sinn. Daran 
mochte Geisteswissenschaft arbeiten. 

Und ihre Kraft schopft sie aus dem Glauben, der doch wohl mehr 
als ein blofier Glaube ist, aus der Uberzeugung, dafi die Zeit wird 
kommen miissen, in der der Ungeist der Phrase, der Ungeist der 
Konvention, der Ungeist der Routiniertheit wird besiegt werden 
miissen durch den Geist, der aus einer tieferen Erkenntnis heraus 
wiederum von dem Sinn des Lebens spricht. Denn Geisteswissen- 
schaft muE der Uberzeugung sein: Nicht der Ungeist wird die 
Menschen zu einer heilsamen Entwickelung ihres Lebens fiihren, 
sondern allein der Geist. Daher mochte Geisteswissenschaft, so 
stark sie es nur kann, gegeniiber den Bediirfnissen gerade der 
heutigen Gegenwart und der nachsten Zukunft den Ruf nach dem 
Geiste und nach seiner wahren Erkenntnis erheben. 



SEELENWESEN UND SITTLICHER MENSCHENWERT 
IM LICHTE DER GEISTESWISSENSCHAFT 
(ANTHROPOSOPHIE) 

Zweiter Vortrag, Basel, 5. Mai 1920 

Im gestrigen Vortrag habe ich schon darauf hingewiesen, wie unter 
dem Einflusse der neueren, von der Naturwissenschaft her bestimm- 
ten Weltanschauung eine gewisse Unsicherheit in die Menschheit 
kommen mufite in bezug auf die Frage: Wie stellt sich dasjenige 
Weltgeschehen, das die Naturwissenschaft als eben naturnotwendig 
darstellt, zu der Geltung, zu der Bedeutung der sittlichen Men- 
schenwerte? 

Die naturwissenschaftliche Weltanschauung ist ja immer mehr 
und mehr dazu gekommen, darauf hinzuweisen, dafi alles dasjenige, 
was in der Welt geschieht, naturgesetzlich notwendig geschieht. 
Und sie ist immer mehr und mehr dahin gekommen, in diese 
Naturgesetzlichkeit nur dasjenige einzuschliefien, was im Grunde 
genommen gar nichts zu tun hat mit dem sittlichen Menschen. Und 
so haben wir entstehen sehen, eigentlich so recht deutlich erst in der 
Mitte des 19. Jahrhunderts, ein naturwissenschaftliches Weltbild, 
zusammengefugt aus den verschiedenen Ergebnissen des naturwis- 
senschaftlichen Denkens, das ungefahr sagt zunachst fur unsere 
Erde und was zu ihr gehort: diese Erde sei ein Glied eines allge- 
meinen Systems, unseres Sonnensystems, und sie sei mit demselben 
hervorgegangen aus einer Art Urnebelzustand, habe sich da heraus- 
geballt, habe sich abgesondert im Laufe der Zeit. Dann seien ent- 
standen die Wesen des mineralischen, des pflanzlichen, des tieri- 
schen Reiches, durch die Vervollkommnung der tierischen Form 
auch der Mensch. Es werde, indem jene naturgesetzliche Notwen- 
digkeit des Kraftewirkens, welche den Weltengang bis zu diesem 
Zeitpunkt und bis zu dieser gegenwartigen Gestalt gefiihrt habe, wei- 
tergehe, einmal dasjenige, was jetzt von Menschen bewohnt ist als 
Erde, menschenleer sein, tierleer sein, pflanzenleer sein, es werde 
wiederum verschwmden in den allgemeinen We; ten pro 7. eft hinein. 



Gewifi, wer energisch dasjenige fiihlt, was Naturwissenschaft 
heute als Autoritat den Menschen bedeutet, wird kaum daran 
zweifeln, daft dieses Weltbild eine gewisse ausschlieftliche Bedeu- 
tung hat. Ja, es werden sehr viele gerade unter den gegenwartigen 
Gebildeten sein, welche strikte behaupten, dafi derjenige, der die 
Bedeutung dieses Weltbildes nicht anerkennen will, sich blamiere. 

Allerdings sind unter denjenigen, die sich so blamieren, Leute, 
deren Stimmen ganz gewichtig ins Feld zu stellen sind. Ich habe hier 
schon einmal bei friiheren Vortragen aufmerksam darauf gemacht, 
wie der geistvolle Kunstforscher Herman Grimm in seinem Goe- 
the-Buch darauf hinweist, wie wenig dem urspriinglichen, elemen- 
taren Empfinden des Menschen entsprechen kann dieses Weltbild. 
Er sagt geradezu: Der Anblick eines Knochens, um den herum ein 
hungriger Hund seine Kreise zieht, sei appetitlicher als dieses 
Weltbild. Es werde einer zukiinftigen Geschichtsschreibung der 
Menschheit einigermafien schwer werden, den Zeitwahnsinn zu 
erklaren, der zu dieser Kant-Laplaceschen Theorie gefuhrt habe. 

Gewifi, so etwas wird heute als Laienhaftigkeit, Dilettantismus 
und so weiter angesehen. Dasjenige, was naturwissenschaftlich 
festgestellt ist, bauscht sich gewissermafien als Weltanschauung zu 
einem ganzen Weltbild auf, und dann macht es sich in dieser Weise 
gel tend. Und wir stehen davor, zu fragen: Wie stellt sich nun 
gegeniiber einem solchen Weltbilde, das in gewisser Beziehung 
seine Ausschliefilichkeit in Anspruch nimmt, wie stellt sich einem 
solchen Weltbilde gegeniiber die ja doch im Innern des Menschen 
vernehmbare Stimme des sittlichen Ideales, des Gewissens, die 
Stimme, welche uns auffordert, dieses zu tun, jenes zu unterlassen, 
die Stimme, welche uns sagt, dieses sei gut, jenes bose? Wie stellt 
sich das ganze sittliche Leben in dieses Weltbild hinein? 

Ich habe viele Menschen kennengelernt, die dieses sittliche Leben 
wie eine Art verganglichen Rauch ansehen, der aufsteigt, eigentlich 
die Illusion eines Rauches, die aufsteige aus dem naturwissenschaft- 
lichen Geschehen, den Menschen illusionar eine Zeitlang erfulle, um 
dann fur immer zu verschwinden. Und wie sollte man denn eigent- 
lich anders denken, wenn man ganz ehrlich ist, als dafi dasjenige, 



was in dem Kopfe des Menschen entsteht, nachdem der Mensch im 
Laufe von Jahrmillionen aus niederen Tierformen sich herausge- 
bildet hat, wie sollte man anders denken, als dafi das, was da im 
Kopfe des Menschen als Ideale ersteht, auch wiederum spurlos 
verschwunden sein werde, wenn die Erde in den Zustand zuriick- 
fallt, in den sie sich in dem allgemeinen Weltenlauf auflost. Es ware 
eben eine Episode gewesen, dafi die Menschen sich sittliche Ideale 
vorgesetzt hatten. Die Menschen hatten unter dem Einflufi dieser 
sittlichen Ideale gehandelt. Alle diese sittlichen Ideale hatten eben 
nichts mehr zu bedeuten, als dafi sie illusionare Blasen seien, die 
aufgestiegen waren, nach welchen die Menschen ihr Leben einge- 
richtet hatten, und die weiter keine Folgen in der Weltenentwicke- 
lung hatten. 

Ich weift, wieviel von materialistischer Seite auch heute einge- 
wendet wird gegen eine solche voile Konsequenz dieses Weltbildes. 
Aber es gibt etwas, was auch einmal beruhrt werden mufi gegeniiber 
den Einwendungen, die heute Materialisten machen, wenn man 
ihnen sagt: Euer Weltbild, euer blofi aus Naturwissenschaft gehol- 
tes Weltbild lafit eigentlich den sittlichen Menschenwert doch zu 
nichts anderem werden als zu einer illusionaren Blase. 

Sehen wir uns einmal um in der Zeit, in der mit voller Frische und 
mit vollem Feuer das naturwissenschaftliche Weltbild heraufge- 
zogen ist in der zivilisierten Welt. Es war ungefahr in der Mitte des 
19. Jahrhunderts, wo, ich mochte sagen, nicht so schlafrig und 
inkonsequent wie heute, sondern aus vollem Feuer heraus die 
Materialisten die Nagel geschlagen haben dazu, wie man aus dem 
Gedanken heraus - alles ist nur so geordnet, wie Physik, Chemie, 
Biologie es wollen -, wie man aus dies em Gedanken heraus gedacht 
hat liber die sittlichen Werte; davon mochte ich doch einige Proben 
geben, die vielleicht heute nicht mehr geniigend bekannt sind. Sehen 
Sie, in der Zeit, in welcher der Materialismus, ich mochte sagen, in 
seiner Jugendfrische durch die europaische Zivilisation zog, da war 
ein Geschichtsschreiber Hellwald; er schrieb vom Standpunkte des 
naturwissenschaftlichen Weltbiides aus eine Kulturgeschichte. Er 
sagte sich, indem er die wirkliche, wahre Konsequenz dieses natur- 



wissenschaftlichen Weltbildes zog: Sittliche Ideale, iiberhaupt sittli- 
che Ideen des Menschen, das sind Illusionen. Wie soli man nach dem 
notwendigen Geschehen, wie es die Chemie annimmt, wie es die 
Physik annimmt, an irgendwelche objektive Berechtigung von sittli- 
chen Ideen denken? Aber die Menschen haben immer sittliche Ideen 
gehabt. Das mufi einfach naturwissenschaftlich erklart werden, sagt 
der Kulturhistoriker Friedrich von Hellwald. Vorerst aber dnickt er 
sich iiber die sittlichen Ideale vom rein wissenschaftlichen, das heifit 
damals naturwissenschaftlichen Standpunkte aus. Diese Art des 
Sich-Ausdriickens, die mochte ich doch einmal in einer Probe 
vorfuhren. Er sagt: «Aufgabe der Wissenschaft ist es, alle Ideale zu 
zerstoren, ihre Hohlheit, Nichtigkeit zu erweisen, zu zeigen, dafi 
Gottesglaube und Religion Trug, dafi Sittlichkeit, Liebe, Freiheit 
und Menschenrecht Liigen sind.» 

Sehen Sie, so hat man gesprochen, als man glaubte, naturwissen- 
schaftliche Kausalitat sei einzig hinzustellen als ein Weltbild, in der 
Zeit, in der das frisch in die Herzen einzog, in der man nicht 
inkonsequent und kalt diesen Dingen gegeniibertrat. 

Aber, sagt nun derselbe Historiker, warum haben sich die Men- 
schen nun diese sittlichen Ideale vorgemacht, die ja nichtig sind? Die 
Wissenschaft bezeugt ihre Nichtigkeit. Weil die Menschen, sagt er, 
sie brauchten; im Kampf urns Dasein brauchten sie diese. Hat man 
sittliche Illusionen, glaubt man an den Trug der sittlichen Ideale 
oder der Wahrheitsideale, so kommt man besser im Kampf urns 
Dasein vorwarts, als wenn man nicht an diese Trugbilder glaubt. 
Deshalb stiegen diese Blasen auf. Deshalb hat man sich dieser 
sittlichen Ideale bemachtigt. Sie sind die richtigen Mittel im Kampf 
urns Dasein gewesen. 

Das war Konsequenz vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ! 
Das ist etwas, was allerdings nocht murkst in den Seelen; aber die 
Seelen sind nicht mehr so konsequent, wie diejenigen der damaligen 
Leute waren, und daher gestehen sich die heutigen Seelen nicht die 
Konsequenz, die darinnen besteht: Entweder nehme ich das Kant- 
Laplacesche oder ein ahnliches Naturbild an, dann mufi ich die 
sittlichen Ideale als Trugbilder und Liigen erklaren, oder aber ich 



muE abreifien dasjenige, was blofi naturwissenschaftliches Welt- 
bild ist. 

Ja, die Menschen waren konsequenter. Ich mochte Ihnen noch 
eine Probe vorlesen. Eine Dame schrieb an einen der tonangebenden 
naturwissenschaftlichen Weltbildgestalter der damaligen Zeit, an 
Moleschott. Diese Dame schrieb dazumal iiber ihre Anschauung in 
bezug auf den sittlichen Menschenwert das Folgende: «Das sittliche 
Mafi fiir jeden Menschen liegt nur in seiner eigenen Natur, und ist 
darum fiir jeden ein anderes. Was sind Ausschweifungen und 
Leidenschaften an sich? Nichts anderes als ein grofteres oder kleine- 
res Ausmafi eines vollberechtigten Triebes.» Und weiter schreibt die 
Dame: «Die Menschheit habe ich lieb, wie sie ist, und selbst den 
Dieb und den Morder hat ihre Lehre» - sie meint Moleschotts Lehre 
- «mich achten und seine Menschenrechte anerkennen gelehrt. 
Vollberechtigt im Kreise menschlicher Anlagen ist alies, was den 
Dieb sowohl als den Kaufmann macht. List und Verschlagenheit, 
mit dem Erwerbstrieb verbunden, ist hier wie dort nur eine Zusam- 
menstellung mit anderen Geisteskraften, das belebende Prinzip. 
Alles, was ins Leben eintritt, hat mit diesem Eintritt auch sein Recht 
zu leben erworben. Darum mull ich es noch einmal aussprechen: 
Auch der zum Dieb gewordene Mensch brachte das Recht mit sich, 
seine Natur zu vollenden, und sie allseitig zu machen, und kann auf 
diese Weise nur eine kraftvolle, eine sittliche Natur sein. Und wie 
der Dieb, so jeder Lasterhafte, auch der zum Morder Gewordene. 
Dieser kann zur Vollendung seiner Menschheit nur gelangen, indem 
er seine Mordlust befriedigt.» 

Meine sehr verehrten Anwesenden, das ist nicht eine Revolutio- 
narin, das ist eine ganz brave, biirgerlich gesinnte Dame gewesen, 
die nur in der damaligen Zeit der Jungfraulichkeit jener Weltan- 
schauung, die heute im Grunde genommen auch vertreten, aber nur 
nicht ernst genommen wird, die diese Weltanschauung eben ernst 
genug genommen hat, die nur wufite: wenn man so denkt, wie auch 
heute noch in bezug auf das naturwissenschaftliche Weltbild die 
meisten Menschen denken, dann mujl man iiber den sittlichen 
Menschenwert so denken, wie sie denkt. Es war eine tiefinnerliche 



Verpflichtung, die da gefiihlt wurde von einer solchen Personlich- 
keit zu dem Bekenntnis, das ich hier anfuhrte, das ja im Grunde 
genommen zur Auflosung alles Wahrheitsstrebens, zur Auflosung 
aller Ideale fiihrt und durchaus keinen Anhaltspunkt hat, sittlichen 
Menschenwert in der Welt irgendwie verankert zu denken. 

Ich habe Ihnen diese Proben, die noch vermehrt werden konnten, 
vorgelesen, damit Sie sehen, wie es gekommen ist, dafi dasjenige, 
was heute iiber Europa geht, in den Menschenseelen Platz gegriffen 
hat. Braucht man sich zu wundern, dafi iiber Europa heute jene 
Stimmung geht, die Sie geniigend kennen, wenn diese Stimmung 
herausgeboren wurde gerade in den konsequent denkenden und 
empfindenden Menschen, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts 
und im Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts diese 
Weltanschauung vertreten haben? 

Es ist ja in der Tat so, dafi der heutige Mensch in der Halbheit 
seiner Seele sich nur nicht gesteht, dafi er eigentlich iiber sittlichen 
Menschenwert so denken rmilke, wenn er nicht sein Weltbild, wie es 
ihm die naturwissenschaftlich gesinnten Weltanschauungsgestalter 
vormachen, revidiert. Das ist der grofie Ernst all jener Fragen, die 
entstehen, wenn nach einem neuen Aufbau unseres Weltbildes 
gesehen wird. Das ist dasjenige, was so schwer lastend auf der Seele 
derjenigen liegt, die in der Geisteswissenschaft, von der ich Ihnen 
auch gestern wieder gesprochen habe, etwas sehen, was notwendig 
sich hineinstellen mufi in den gegenwartigen Gang der Menschheits- 
entwickelung und dem der nachsten Zukunft. Nur davon ist zu 
erwarten, dafi der sittliche Menschenwert Grund und Boden gewin- 
ne, wahrhaftig Grund und Boden gewinne, da£ die naturwissen- 
schaftliche Weltanschauung selbst durch Geisteswissenschaft, durch 
die Erkenntnis des Geistes befruchtet werde. 

Nun brauchen wir nur einige der Dinge zu bedenken, die hier 
gestern erwahnt worden sind, um so recht in alien Tiefen zu 
durchschauen, wie die Welt nicht erkannt werden kann von dem 
Menschen, wenn er nicht zuerst iiber sich selbst sich aufklaren kann. 
Die Prozesse draufien in der Welt, wir werden sie nur in ihrer 
wahren Wesenheit erkennen, wenn wir sie von der Seelenwesenheit 



aus erforschen konnen. Da erinnern wir uns, wie gestern geltend 
gemacht worden ist, wie die hier gemeinte Geisteswissenschaft 
durch innere Seelenentwickelung ihre Methoden, ihre geistigen 
Erkenntnisse sucht. Und noch einmal will ich kurz hinweisen auf 
dasjenige, was da im Innern der menschlichen Seele heranentwickelt 
wird, wie dieses menschliche Seelenwesen weiter gebracht wird, als 
im gewohnlichen Leben und in der gewohnlichen Wissenschaft, urn 
einzutreten in die Anschauungen der geistigen Welt. Ich habe darauf 
hingewiesen, wie das Haupt sich entwickelt, wie wir in dem Kinde 
sehen, indem es in die Welt hereintritt, wie von Tag zu Tag, von Jahr 
zu Jahr ein inneres Seelisch-Geistiges sich an die Oberflache drangt. 
Wir sehen, wie die Ziige des kindlichen Antlitzes immer seelischer, 
immer geistiger werden, wie da drinnen etwas arbeitet, das an die 
Oberflache heraus plastisch das Menschenwesen gestaltet. Wir 
ahnen vielleicht nur, aber ein unbefangenes Beobachten, das weiter 
in die Dinge eingeht, durchschaut es, dafi dasjenige, was sich so, ich 
mochte sagen, in den Ziigen des Antlitzes ausdriickt, sich weiter 
hinein erstreckt in die kindliche Organisation. Und ich habe gestern 
darauf aufmerksam gemacht, wie der intensivste Ausdruck desjeni- 
gen, was da geschieht durch dieses plastische Durchgestalten des 
Menschenleibes von dem Seelisch-Geistigen, der Zahnwechsel ist, 
das Herausdringen der zweiten Zahne ist, die an die Stelle der 
Milchzahne treten. Diese zweiten Zahne zeigen in ihrer Bildung am 
markantesten, am auffalligsten, wie in den ersten sieben Lebens- 
jahren der menschliche Organismus in seine Verhartung schiefit. 
Dann, wenn das Kind die Zahne bekommen hat, bekommen die 
Vorstellungen Gestalt, sie konnen bleibende Erinnerungen werden; 
sie bekommen Konturen. In dem Augenblicke des menschlichen 
Lebens, wo die Krafte, die im Innern des Organismus bis zum 
siebenten Lebensjahre gewirkt haben, ihre Aufgabe fur den Orga- 
nismus in einer gewissen Weise erfiillt haben, ist der Zahnwechsel 
da. Dann kommen diejenigen Krafte, die im Organismus gewirkt 
haben bis zum Zahnwechsel hin, in ihre Freiheit. Sie zeigen sich in 
ihrer geistig-seelischen Gestalt; sie wirken dann im menschlichen 
Ennnerungsvermogen, im menschlichen Denkvermogen. Dasselbe, 



womit wir denken, womit wir unsere Erinnerung bilden, das hat bis 
zu unserem siebenten Lebensjahre in unserem Organismus als der 
menschliche Plastiker gearbeitet; das hat es dahin gebracht, dafi aus 
der Ganzheit der menschlichen organischen Substanz die Zahnsub- 
stanz sich abgesondert hat, wenn ich es so aphoristisch andeuten 
darf, sonst mufite man, um die Sache ganz zu erklaren, viele 
Vortrage uber diesen Zahnwechsel halten. 

Sehen Sie, es ist nur eine kleine Probe, aber eben eine Probe 
davon, wie Geisteswissenschaft nicht im Wolkenkuckucksheim 
irgendwie sich ergehen will, wie sie nicht in mystischen Nebel 
aufsteigt, sondern wie sie gerade in die Erkenntnis der Wirklichkeit 
hineindeutet, wie sie zeigt, was als Geistig-Seelisches in den ersten 
sieben Jahren am menschlichen Organismus arbeitet. Diese Gei- 
steswissenschaft lehrt ja erst den menschlichen Organismus erken- 
nen! Das ist gerade das Schicksal des Materialismus, dafi er die 
Materie nicht erkennen kann, dafi er uns nichts sagt uber die 
Materie. Geisteswissenschaft sagt uns gerade uber die Materie 
solche Dinge, wie ich sie jetzt angedeutet habe in dem Arbeiten 
desjenigen, was spater Gedankenbewegung wird, an dem menschli- 
chen Organismus bis zum siebenten Jahre hin. Wiirde man eingehen 
konnen ins Einzelne, Konkrete, so wiirde man sehen, wie das 
Geistig-Seelische arbeitet an den menschlichen Organen, an Leber, 
Lunge, Niere und so weiter. Geisteswissenschaft wird die wirkliche 
Erkenntnis gerade der materiellen Vorgange bringen, weil sie diese 
materiellen Vorgange aus dem Geistigen heraus zu erklaren in der 
Lage ist. 

Wenn man als Geistesforscher weitergeht in der Heranbildung 
jener Methode, durch die man eintreten kann in die geistige Welt, 
dann muE man ja dasjenige, was sich da abgegliedert hat im sieben- 
ten Jahre als denkerische Tatigkeit, als Vorstellungstatigkeit, durch 
Meditation - wie ich es gestern angedeutet habe - weiter ausbilden. 
Dann mufi man so stark in Gedanken innerlich arbeiten, wie der 
Gedanke arbeitet in den ersten sieben Lebensjahren, wenn er nicht 
blofi Gedanken eben vor das Bewufitsein zu zaubern hat, sondern 
wenn die Gedankenkraft so stark im Organismus arbeitet, dafi sie es 



zuletzt dahin bringt, die Zahne herauszugestalten aus dem Organis- 
mus. Arbeitet man durch Meditation sich in eine solche verstarkte 
Gedanken- und Vorstellungstatigkeit hinein, dann merkt man aber 
auch den Unterschied zwischen diesem Denken, das einem dann 
unmittelbar in die Anschauung der geistigen Welt hinein bringt, das 
einen unmittelbar erkennen lafit, wie der Mensch aus einem Gei- 
stig-Seelischen heruntergestiegen ist durch die Geburt in sein physi- 
sches Dasein, und kann dann vergleichen dasjenige, was man sich so, 
ich mochte sagen, kunstlich durch Meditation errungen hat, mit 
dem, was das gewohnliche menschliche Denken ist. 

Nicht wahr, auf diese Weise hat man erfahren, woraus das 
gewohnliche menschliche Denken besteht, das der Mensch im 
taglichen Leben, in der gewohnlichen Wissenschaft ausiibt. Dieses 
Denken iiben die Menschen aus; aber sie konnen ja nicht wissen, 
worinnen dieses Denken eigentlich besteht. Man lernt erst erken- 
nen, worinnen dieses Denken besteht, wenn man daneben stellen 
kann das Denken, das leibfrei ist, das nicht an das Gehirn gebunden 
ist, das im rein Geistig-Seelischen, Atherischen verlauft, das man 
sich nur durch Meditation aneignen kann. Man hat dann erst die 
Vergleichsmoglichkeit, kann dann erst das gewohnliche Denken des 
Menschen vergleichen mit diesem ganz leibfreien Denken. Das ist 
wichtig, dafi man das kann, denn das gibt dann erst eine wirkliche 
Wissenschaft iiber die ganze Bedeutung des menschlichen Seelen- 
wesens. 

Sehen Sie, es ist eine aufierordentlich bedeutungsvolle Erfahrung, 
die man macht, wenn man einmal soweit ist, das Denken in seinem 
leibfreien Zustande zu erfassen, und damit zu vergleichen, wie das 
Denken ist, wenn es als gewohnliches Denken des Lebens an das 
Gehirn gebunden ist. Man sieht dann in bezug auf das Denken den 
Unterschied, der besteht zwischen dem Menschen und dem Tiere. 
Uber diesen Unterschied des Menschen vom Tiere ist ja viel gefabelt 
warden, namentlich viel von der modernen Wissenschaft gefabelt 
warden. Aber erkennen, worinnen dieser Unterschied besteht - 
man kann es erst durch solches Vergleichen, wie ich es eben 
angedeutet habe. 



Und wenn man sich fragt: Ja, wodurch entsteht denn das gewohn- 
liche Denken im Gegensatze zu dem leibfreien Denken, das unmit- 
telbar anknupft an das seelische Sein des Menschen, indem es nur im 
Geistig-Seelischen verlauft, worinnen besteht denn - so kann man 
jetzt fragen - vom Gesichtspunkte dieses leibfreien Denkens, das 
gewohnliche Denken? Dieses gewohnliche Denken ist durchaus an 
das Gehirn gebunden. Es mufi etwas da sein von organischer 
Organisation, wodurch dieses gewohnliche Denken verlauft. Das 
leibfreie Denken, das durch Meditation erworben wird, braucht 
dieses Nervenwerkzeug nicht. Das gewohnliche Denken braucht 
dieses Nervenwerkzeug. Dieses Nervenwerkzeug hat der Mensch 
nur dadurch, dafi bei ihm die Organisation nicht so weit getrieben 
wird wie beim Tiere. Das Tier schiefit gewissermafien mit seiner 
tierischen Organisation bis zu einem gewissen Punkte vor, verhartet 
sich bis zu einem gewissen Punkte. Der Mensch geht in der Verhar- 
tung, in der Verknocherung in das Sklerotisieren des Seelenlebens 
beim Beginne des Lebens nicht so weit, wie die Tiere am Beginne des 
Lebens. Aber wahrend des Lebens entwickelt der Mensch dieses 
Verharten. Denn dasjenige, was im Verharten des Organismus sich 
dadurch ausdriickt, dafi die zweiten Zahne als reine Verhartungs- 
produkte erscheinen, das setzt sich ja auch im gewohnlichen alltagli- 
chen Denken fort; es werden nur nicht Zahne, es werden viel 
gelindere Einschiebsel, mochte ich sagen, in den Organismus, die 
sich wiederum auflosen. Aber dieses Denken, dieses gewohnliche 
Denken besteht eben darinnen, dafi der Mensch im fortlaufenden 
Prozesse fortwahrend dasjenige, was entsteht in ihm, spriefiendes, 
sprossendes Leben ist, dafi er das fortwahrend ertotet. Dasjenige 
tritt zutage, dafi in uns fortwahrend voriibergehend der Gedanke, 
der friihere Wirklichkeit hat als die Zahne, als abgestorbene Teile 
aus dem Organismus herausschiefit und da& dieses Schiefien in die 
Sklerotisierung, Verknocherung sich wieder auflost. Das Denken 
besteht eben darinnen, dafi wir in bezug auf unser Kopfsystem, 
unser Nerven-Sinnessystem, fortwahrend den Tod in uns tragen. 

Das ist dasjenige, worauf ich in anderen Zusammenhangen auch 
hier an dieser Stelle schon aufmerksam gemacht habe. Unser Den- 



ken besteht darinnen, dafi wir im fortlaufenden Zeitprozesse durch 
unsere eigene innere Aktivitat dasjenige vollziehen, wozu das Tier 
von Anfang an angelegt ist: den Sklerotisierungs-, den Verknoche- 
rungsprozefi, den Todesprozefi, den wir hineintragen in unseren 
Organismus. Man blickt hin vom Gesichtspunkte des leibfreien 
Denkens, das man sich durch Meditation angeeignet hat, auf dieses 
fortwahrende Sterben, ohne das das gewohnliche Denken des Men- 
schen nicht vor sich gehen kann. Und dieses Sterben wird nur 
fortwahrend ausgeglichen dadurch, dafi wiederum aus der iibrigen 
Organisation, aus der Blut- und Herz-Organisation, in den zum 
fortwahrenden Sterben neigenden Kopf heraufschiefien die bele- 
benden Krafte. Im Menschen ist, gerade indem er ein Denker ist, ein 
fortwahrender Kampf zwischen Sterben und Leben. Und dasjenige, 
was am Ende des physischen Lebens auftritt, der einmalige Moment 
des Sterbens, ist eben nur die synthetische Zusammenfassung desje- 
nigen, was im kleinen immer geschieht. Wir sterben von unserer 
Sinnes-Nervenorganisation aus fortwahrend; nur wird dieses Ster- 
ben fortwahrend aufgehoben. Erst wenn der iibrige Organismus, 
nicht bloE der Organismus des Kopfes, nicht mehr die Fahigkeit 
hat, das Sterben aufzuheben, erst dann sterben wir wirklich. Der 
Tod ist nicht etwas, was eben nur einmal an den Menschen heran- 
tritt, der Tod ist ein dauernder Prozefi. Und diesem Tode verdanken 
wir das Denken. Dadurch, dafi wir durch das Denken den Tod in 
uns eingliedern, dadurch ist erstens dieses Denken uberhaupt nur in 
uns vorhanden, zweitens aber lernen wir erkennen, was das Tote 
eigentlich substantiell ist. 

Wenn man sich das leibfreie, durch Meditation herangepflegte 
Denken ausgebildet hat, so sieht man erstens auf das andere Denken 
hin, sieht, wie es fortwahrend mineralisiert, verknochert die mensch- 
liche Substanz, und man lernt den Mineralisierungsprozefi kennen. 
Indem man im Menschen ein Mineralisches rein als das Produkt des 
Denkens, ausfullend den Menschen, ausfiillend inn mit dem Tc-tcn, 
kenneniernt, lernt man in sich das Mineralreich kennen. Und indem 
man das Denken in sich erhebt iiber den Grad des Todes, in sich 
selber erweckt, indem man erlebt, dafi in uns etwas sterben rnufi, 



damit die Gedanken entstehen, indem man dieses erlebt, lernt man 
erkennen auch das Geheimnis des Weltenalls. Man lernt erkennen, 
was eigentlich dieses Mineralreich da draufien bedeutet. Dieses 
Mineralreich der aufiermenschlichen Welt, man lernt es eben nur 
dadurch erkennen, dafi man das an das Denken gebundene Mineral- 
reich im Menschen selbst erkennt. Die rechte Welterkenntnis wird 
einem nur durch die intime Menschenerkenntnis. Und indem man 
sieht, wie etwas erstirbt im Menschen, entgeht man dem Vorurteil, 
das als das scharfste, intensivste Vorurteil sich in das 19. Jahrhundert 
hereingeschlichen hat und geblieben ist bis in unsere Tage; so 
starrte, mochte ich sagen, unter einer infamen Suggestion befangen, 
starrte der Mensch hin auf die mineralische Welt mit ihrer Kausali- 
tat. Er kannte ja nichts in sich, was ihn die Wesenheit dieser 
mineralischen Welt kennen gelehrt hatte. Er konnte sich nichts 
anderes sagen, als: Diese Welt war einstmals Weltennebel, Kant-La- 
placescher Urnebel. Daraus ist hervorgegangen das Planetensystem, 
die Erde; daraus hat sich alles andere entwickelt, und das wird so 
fortgehen. Dieses Werden, dieses kausale Geschehen, das ist etwas 
Ewiges; darinnen sind die sittlichen Menschenwerte Blasen, die 
aufsteigen, noch dazu Blasen, die nur aus Illusionen bestehen. - 
Lernt man erkennen dieses mineralische Reich, indem man es in sich 
selber erkennen lernt, dann lernt man seine Wesenheit in der 
aufieren Welt durchschauen. Man sieht in sich, wie das mineralische 
Reich ein fortwahrendes Sterben ist. Und man konstruiert nicht 
mehr in der alten Weise das aufiere Weltbild, sondern man weifi 
jetzt, wie dieses aufiere Weltbild eigentlich konstruiert ist unter dem 
Vorurteil von Wissenschaft. Sehr geistvoll ist es konstruiert, darauf 
haben wir schon aufmerksam gemacht: Man konnte ja durch fiinf 
Jahre die Veranderung des menschlichen Herzens verfolgen und 
man wiirde finden, dafi heute das menschliche Herz etwas anderes 
ist als vor fiinf Jahren. Man konnte dann weiter verfolgen, wie es 
nach weiteren fiinf Jahren ist, konnte dann ausrechnen, wie es nach 
dreihundert Jahren ist, es ist nur nicht mehr da, aber die Ausrech- 
nung kann sehr starksinnig und richtig sein. So rechnen die Geo- 
logen, so rechnen die Astronomen, wie es ausschauen wiirde auf 



dieser Erde nach Jahrmillionen. Diese Erde ist nur dann ebenso 
wenig da, wie der Mensch als physischer Mensch nach dreihundert 
Jahren noch da ist. Und ebensowenig, wie das menschliche Herz vor 
dreihundert Jahren da war, ebensowenig war die Erde zu der Zeit 
da, wofiir die Geologen ihre Rechnung anstellen! 

Das lernt man eben erkennen, indem man die Natur des Mineral- 
reiches in der menschlichen Wesenheit selber auf dem Wege kennen- 
lernt, den ich Ihnen angegeben habe. Dann aber, wenn man kennen- 
gelernt hat auf diese Weise das Wesen des Miner alreiches, dann weifi 
man: Dieses Mineralreich versinkt ebenso von der Erde, ohne dafi 
die ganze Erde versinkt, wie beim Menschen aufhort dasjenige, was 
bei ihm verknochert ist, im Tode, ohne dafi der ganze Mensch 
seelisch-geistig aufhort. 

Und weiter: Man kann ebenso, wie man das Denken durch 
Meditation vorwarts bringt; ebenso kann man das menschliche 
Fiihlen vorwarts bringen; wie man das menschliche Denken in einer 
gewissen Weise hellsichtig machen kann, so kann man das mensch- 
liche Fiihlen hellfuhlig machen, so dafi man auch durch das mensch- 
liche Fiihlen in die geistige Welt eintritt. Und wie man durch das 
Denken in der Art wie ich es eben angedeutet habe, das mineralische 
Reich kennenlernt, so lernt man dadurch, dafi das Fiihlen leibfrei 
wird, und man zuriickschauen kann auf das alltagliche Fiihlen, wie 
es gebunden ist an das menschliche Drusensystem, man lernt erken- 
nen, wie dieses alltagliche Fiihlen an einen ahnlichen Prozefi im 
Organismus gebunden ist, wie es der Pflanzenprozefi in der aufteren 
Welt ist. 

Und wiederum lernt man das Wesen des Pflanzenprozesses in der 
aufieren Welt kennen. Und man lernt erkennen - was dem heutigen 
Menschen sehr paradox erscheint dafi das Pflanzenreich ein 
langeres Dasein hat als das mineralische Reich, da£ das Pflanzen- 
reich auch alter ist als das Mineralreich. Der heutige Mensch kann 
sich gar nichts anderes vorstellen, als dafi das pflanzliche Reich aus 
dem Boden des Mineralischen herauswachst. Er sollte sich lieber 
anschauen, wie aus dem pflanzlichen Reich ein deutlich Minerali- 
sches in der Steinkohle daraus wachst! Er wiirde von da ausgehend 



erschauen konnen, wie alles Mineralische, das heute existiert, eine 
Absonderung ist, ein Ergebnis eines urspriinglichen Pflanzlichen, 
und wie das Pflanzliche ein langeres Dasein haben wird als das 
Mineralische. 

Ebenso wie man leibfrei machen kann das Denken und Fiihlen, so 
auch den Willen. Und erlangt man diesen leibfreien Willen - ich 
habe auch davon gestern gesprochen, wodurch man diesen leibfrei- 
en Willen erlangt, durch eine besonders geeignete, intensive Selbst- 
erziehung, durch ein Sich-Selbsterfassen, durch Selbstzucht -, dann 
lernt man erkennen das besondere Wesen im Menschen, das nun 
verwandt ist dem tierischen Reiche. Dann lernt man auch erkennen 
das Wesen dieses tierischen Reiches. Aber auch wie das pflanzliche 
Reich wiederum eine Absonderung des tierischen Reiches ist, wie 
das tierische Reich alter ist als das pflanzliche, das pflanzliche aus 
sich herausgesondert hat, wie es langer bestehen wird, wie das 
pflanzliche Reich eher verschwinden wird als das tierische Reich. 
Allerdings naturlich nicht in den physischen Tierformen wie heute, 
aber in den Tierwesenheiten, die in diesem physischen Reiche 
verkorpert sind. 

Und dann bekommt man erst einen wahren Einblick in die 
Menschenwelt. Dann bekommt man einen solchen Einblick in diese 
Menschenwelt, dafi man sich sagt: Der Mensch ist es ja, der 
herausgewachsen ist iiber all diese Reiche, weil er gewissermafien so, 
wie das pflanzliche Reich das mineralische, das tierische Reich das 
pflanzliche abgesondert hat, so hat der Mensch wiederum das Tier 
aus sich herausgesondert; er ist alter als das tierische Reich und 
dauert langer als das tierische Reich. Zuerst geht das Mineralische 
zugrunde, dann das Pflanzliche, dann das Tierische. Dann wird 
dasjenige vom Menschen da sein, das man kennenlernte, indem man 
hinschaute auf dasjenige, was sich aus dem Tode des Mmeralischen 
erhob, was sich erhob auf dem Tode des Pflanzlichen, auf dem Tode 
des Tierischen, wenn die iibrigen drei Reiche verschwunden sein 
werden. - Was wird sich dann erheben aus unserer Erde, aus 
unserem Erdendasein? Derjenige, der den Menschen kennenlernt, 
lernt das schon jetzt erkennen. Er sieht, wie das Denken, wie die 



Gedanken - und die sittlichen Ideale sind Gedanken -, wie die sich 
erheben aus dem Grabe des verknochernden Teiles des Organismus 
in uns; so wird einstmals nur dasjenige da sein, was der Mensch 
hervorgebracht hat. Es wird sich, wenn verschwunden sein wird 
dasjenige, was im mineralischen Reich, was im pflanzlichen Reich, 
was im tierischen Reich ist, es wird sich das hervorheben aus allem 
diesem Untergegangenen, was gerade der Mensch hervorgezogen 
hat aus Uberwindung des toten Mineralreiches, aus der Uberwin- 
dung des Pfianzenreiches, aus der Uberwindung des Tierreiches. 
Und wir werden darauf hingewiesen, dafi dasjenige, was wir heute 
als sittliche Ideale ausbilden, in unseren keimhaften Gedanken 
weltbildend sein wird, wenn alles dasjenige verschwunden sein 
wird, was im heutigen mineralischen, pflanzlichen, tierischen Reich 
enthalten ist. Wir stellen uns zur Welt nunmehr so, wie wir uns 
stellen miissen, wenn wir im Bilde die Pflanze anschauen: Da wachst 
sie herauf, bildet Blatt fur Blatt; dann ist aber schon veranlagt der 
kleine Keim, der dann zur neuen Pflanze wird. Das alte Laub 
blattert von der Pflanze ab; die Bliitenblatter, all das hat keine 
Bedeutung fur den weiteren Fortgang. Wir stehen in der Welt als 
Mensch darinnen. Wir sehen, wie dasjenige in uns schon jetzt 
geschieht, was einmal Erdenprozefi sein wird. Wir sehen, wie in uns 
ein Mineralreich sich bildet, weil wir denken, wie in uns ein 
Pflanzenreich sich bildet, weil wir denken, wie in uns ein Tierreich 
sich bildet, weil wir denken. Uber all dieses triumphiert dasjenige, 
was sich in uns als Denken, Fiihlen und Wollen ausbildet. Damit ist 
der Keim gegeben. Wir miissen nur die Moglichkeit haben zu 
wissen, daE dasjenige, aus dem dieser Keim sich entwickelt, abfallt, 
wie die Bliitenblatter, die Stengelblatter abfallen, dafi das eben den 
Keim einer neuen Welt ergibt. 

Der Feind dieser Anerkennung hat sich im 19. Jahrhundert 
heraufentwickelt, indem man sich nichts anderes vorstellen konnte 
als: Das mineralische Geschehen schliefit in sich cine Substantiality, 
die konstant ist. Man redete von Konstanz der Materie, der Kraft. In 
dem Augenblick, wo man diese Dogmen hingesteiit hat, in diesem 
Augenblick ist dieses Mineralische etwas; in diesem Augenblick 



sieht man nicht ein, dafi dieses Mineralische dem Untergange geweiht 
ist, spater das Pflanzliche dem Untergange geweiht ist, spater das 
Tierische dem Untergange geweiht ist, und daft sich auf diesem 
ganzen Grabe nicht ein Nichts erheben wird, sondern dasjenige 
erheben wird, was wir Menschen heute in uns tragen. 

Ja, diese Erde mit allem, was in den drei Reichen auf ihr ist, wird 
zugrunde gehen. Aber dasjenige, was wir schon heute in uns 
ausbilden, und dem wir sittlichen Menschenwert zuschreiben, das 
ist der Keim einer neuen Erde, der Keim eines neuen Weltendaseins. 
Wir sehen nicht auf den sittlichen Menschenwert hin, indem wir 
sagen: Das ist eine illusionare Blase, die aufsteigt - weil wir einse- 
hen, wie alles dasjenige rings herum, wie die Blatter der Pflanze 
abfallen, ebenso alles iibrige von der Erde abfallt, aber als ein Keim 
sich entwickelt dasjenige, was wir als den sittlichen Menschenwert 
in uns tragen. Wir mussen nur solche Vorstellungen iiberwinden, 
wie das Vorurteil von der Konstanz der Materie, von der Konstanz 
der Kraft, diese furchtbaren Dogmen, welche die Naturwissen- 
schaft hereingepflanzt hat im 19. Jahrhundert, weil sie keine Ah- 
nung davon hatte, was der Mensch erkennen kann, wenn er sich zur 
Geist-Erkenntnis aufschwingt und das dann in sich selber erlebt, im 
Mikrokosmischen, im Menschlichen: den Tod des mineralischen 
Reiches, iiber den triumphiert der Gedanke, der sich nur entwickeln 
kann, indem wir fortwahrend sterben, geradeso wie sich der neue 
Pflanzenkeim nur entwickeln kann, indem die alten Pflanzenblatter 
absterben und der Keim iiber die alten Pflanzenblatter triumphiert. 
Unser sittliches Menschenwesen, unser sittlicher Menschenwert ist 
der Triumphator iiber dasjenige, was untergeht in den iibrigen 
Reichen, in demjenigen, was von uns selber auch diesen iibrigen 
Reichen angehort. 

Da sehen wir, wie die sittlichen Weltanschauungen hinein- 
schiefien in die naturwissenschaftlichen Weltanschauungen. Da 
sehen wir, wie die naturwissenschaftliche Weltanschauung es mit 
demjenigen zu tun hat, was abstirbt an der Welt, die sittliche 
Weltanschauung es zu tun hat mit demjenigen, was jetzt als Keim in 
diesem Absterbenden als eine neue Welt aufgeht. Da erwachst in uns 



das Bewufitsein, dafi wir, indem wir eine sittliche Welt mit Idealen 
aufbauen, arbeiten an dem Keime einer zukiinftigen Welt. Da wird 
der sittliche Menschenwert auf dieselbe Linie gestellt mit dem 
Naturgeschehen. Da wird aber das Naturgeschehen in seine Gren- 
zen zuriickgewiesen, dieses Naturbetrachten, das ja ohnedies zu 
seinen Ergebnissen kommt, indem es den Menschen hineinnimmt in 
die Kliniken und an dem Kadaver die Untersuchungen macht. Die 
Naturwissenschaft macht die Untersuchungen an dem Abster- 
benden. Sie gelangt auch nur zu Erkenntnissen iiber das Abster- 
bende. Dasjenige aber, was der Kliniker nicht in die Leichenkammer 
tragen kann, was nicht seziert werden kann, dasjenige was trium- 
phiert iiber das Seziert-zu-Werdende, das ist dasjenige, was schon 
jetzt als sittlicher Menschenwert aufbaut eine neue Welt. 

Sehen Sie, Geisteswissenschaft hat allerdings die Aufgabe, die 
Anmafiungen, wenn ich so sagen darf, der naturwissenschaftlichen 
Weltanschauung zu brechen. Denn Geisteswissenschaft sieht klar 
und deutlich ein: Ja, es ist so, entweder man lehnt diese naturwissen- 
schaftliche Weltanschauung - nicht die Naturwissenschaft mit ihren 
gesicherten Resultaten selbstverstandlich - man lehnt diese natur- 
wissenschaftliche Anschauung ab, oder aber man mufi den sittlichen 
Menschenwert ablehnen. Nur weil heute die Menschen so unkonse- 
quent und erhaben sind, sehen sie nicht ein, dafi sie sich entschliefien 
mussen, um den sittlichen Menschenwert zu retten, zu einer gei- 
steswissenschaftlichen Weltanschauung zu greifen. Die Menschheit 
sieht es nicht ein, weil sie diejenige Weltanschauung, die heute blofi 
auf Naturanschauung baut, behalten will. Dann aber miifite sie so 
sprechen, wie einstmals Mathilde Reichardt dem Moleschott, dem 
materialistischen Naturforscher geschrieben hat: «Darum mufi ich 
es noch einmal aussprechen: Auch der zum Dieb gewordene 
Mensch brachte das Recht mit sich, seine Natur zu vollenden und sie 
allseitig zu machen, und kann auf diese Weise nur eine kraftvolle, 
eine sittliche Natur sem. Und wie der Dieb, so jeder Lasterhaftc, 
auch der zum Morder Gewordene. Dieser kann zur A^ollendung 
seiner Menschheit nur gelangen, indem er seine Mordlust befrie- 
digt.» Entweder man spricht so, und gibt darnit der Naturwissen- 



schaft als Weltanschauung ihr Recht, spricht ihr jeden sittlichen 
Menschenwert ab, oder man greift zur Geisteswissenschaft. 

Es gibt noch ein Drittes. Man sagt: Alle Weltanschauung ist mir 
gleichgiiltig, ich will lieber das Weltendasein in instinktartiger 
Weise verschlafen. Gewifi, dieses Dritte ist auch moglich. Viele 
Menschen tun es heute. Wer ernstlich mit sich selbst und mit seinem 
Verhaltnis zur Welt ins klare kommen will, kann nur den einen der 
bezeichneten Wege gehen. So liegen heute die Dinge. Diese Ent- 
scheidung ist da. Die Naturwissenschaft hat sich zur Weltan- 
schauung ausgewachsen. Man predigt nicht theoretisch, so wie 
Mathilde Reichardt und der Kulturhistoriker Hellwald und andere 
getan haben, daft der Dieb, daft der Morder zum vollen Menschen 
nur werden kann, wenn er sich auslebt, weil in ihm die Naturkausa- 
litat in genau derselben Weise wirtschaftet wie in dem sogenannten 
ehrlichen Menschen. Man predigt das nicht theoretisch. Aber dasje- 
nige, was in dieser Gesinnung lebt, das geht durch Europa. Es hat 
die letzten fiinf bis sechs Jahre erzeugt. Es wird weiter wirken. 
Europa wird barbarisiert; oder Europa mufi einsehen, dafi es keine 
Weltanschauung auf der Grundlage der Naturwissenschaft allein 
aufbauen kann. 

Das scheint heute vielleicht fanatisch gesprochen, das scheint 
heute vielleicht radikal gesprochen. Jeder klopfe sich selber an seine 
Brust und frage, aber er frage ernst genug, und ich glaube nicht, dafi 
der Ernst eine andere Antwort geben konne. Und dann sehe man 
hin auf eine solche Weltanschauung, die so vom Seelenwesen aus 
den sittlichen Menschenwert wiederum erobern will, wie sie geno- 
tigt ist, eben vom Geiste aus den sittlichen Menschenwert wieder zu 
suchen, wie sie brechen mull mit demjenigen, was die mannigfal- 
tigsten Vorurteile unserer Zeit geworden sind: Konstanz der Ener- 
gie, Konstanz der Substanz und so weiter. Man sehe hin auf diese 
Geisteswissenschaft: sie mufi eine ganz andere Art des Vorstellens, 
eine ganz andere Art des Sich- zur- Welt-Stellens sich aneignen. Sie 
kommt dadurch dazu, so auf dasjenige hinzuschauen, was scheinbar 
nur Gedanke ist, was scheinbar ganz verdiinnter Gedanke nur ist, 
der dahinhuscht und verschwindet, sie kommt dazu, das als den 



Keim zu einer neuen Realitat, nachdem die ganze Erde ver- 
schwunden sein wird, zu halten. Diese Geisteswissenschaft wird 
von dem, der die Sache ernst meint, als eine Notwendigkeit unserer 
Zeit empfunden werden. Sie wird aber auch von dem Religiosen, 
von dem wahrhaft Religiosen unserer Zeit als eine Notwendigkeit 
empfunden werden miissen. Unsere Zeit braucht die Moglichkeit, 
begreifen zu konnen, wie etwas Geistiges sich hineinstellen kann in 
diese physische Welt. 

Nun sehe man sich dasjenige an, was der von der heutigen 
Bildung durchdrungene Mensch iiber das Ereignis von Golgatha 
sagen kann. Er kann nicht anders, als von dem Ereignis von 
Golgatha sagen: Nun ja, die ganze Zeit iiber, die vorangegangen ist 
diesem Ereignis von Golgatha, muE es sich vorbereitet haben im 
Geschehen der Erde, dann war es da. Dann hat es wieder seine 
Folgen gehabt. Es mufi in der Reihe der Ursachen und der Wirkun- 
gen drinnenstehen. Denn woher sollte derjenige, der in dieser 
heutigen Bildung steht, die auf Naturwissenschaft allein gebaut ist, 
worinnen sollte er die Moglichkeit sehen, dafi mit dem Ereignis von 
Golgatha etwas ganz Neues in die Erde sich hereinbegeben hat, um 
sich nunmehr mit dem Weiterentwickeln der Erde auch weiter zu 
gestalten! Einzig und allein dadurch, dafi man schon begreift, wie in 
dem menschlichen innersten Leben, der eigentlichen Gedankenwelt 
etwas enthalten ist, was dauert iiber diese Erde hinaus und all ihre 
Reiche, nur dadurch, dafi man dieses begreift, dafi etwas in der Erde 
ist, was sich nicht erschopft in dem verstandesmafiigen Aufieren, in 
dem sinnengemafien Aufieren, was triumphiert iiber diese Erde, was 
seiner Substanz nach iiber dieses Irdische hinausgeht, ist man auch 
befahigt, hinzuschauen auf diejenige Wesenheit, auf die Geist- 
wesenheit, die durch das Mysterium von Golgatha in die Erde her- 
ein^ezo^en ist und als der Chnstus Tesus der Erde ihren weiteren 
Sinn gibt. 

Heute ist es notwendig, daE man sich mit dern, was Geisteswissen- 
schaft entziindet im Menschen, dem IVIysterium von Golgatha, den 
Geheimnissen des Christentums nahert. Denn heute mufi das Chri- 
stentum geistig verstanden werden. Sehen wir bei den Materialisten 



nach: Geradeso, wie sie den sittlichen Menschenwert, wenn sie 
konsequent sind, ableugnen, so mufi ihnen das Christentum ein 
Unding sein. Auf dem Standpunkte der alten traditionellen Be- 
kenntnisse konnen die Menschen nicht bleiben, denn, sehen Sie 
einmal nach bei den Vertretern, sagen wir zum Beispiel der katholi- 
schen Kirche, da sehen Sie, wenn diese Vertreter gerade Wissen- 
schafter werden, wie sie die allermaterialistischste Wissenschaft 
pflegen! Sie konnen nachsehen bei denjenigen, die als katholische 
Priester Wissenschafter werden: Sie wollen nicht den Geist in die 
Wissenschaft hineintragen. Sie wollen gerade die Wissenschaft be- 
wahrt wissen vor dem Hineintragen des Geistes, denn sie wollen die 
alten traditionellen Formen im Geiste weiterbewahren. Sie fiirchten 
sich vor der neuen Entdeckung geistiger Substantiality, sie fliichten 
davor. Davon ist auch nichts zu holen. - Und sehen wir bei den 
protestantischen Formen der Christentums-Interpretation nach, da 
sehen wir, wie machtig auf diese protestantische neuere Theologie 
die naturwissenschaftliche Weltanschauung driickt: Sie konnen nicht 
in dasjenige, was in der Welt geschieht, das Ereignis von Golgatha 
einreihen! Deshalb sagen sie, man miisse den Christus Jesus blofi 
auffassen hinsichtlich seiner moralischen Qualitaten, hinsichtlich des- 
jenigen, was er als Ethos hereingebracht hat. - Aber dann steht 
wiederum dieses Ethos vollstandig in der Luft, wenn man es nicht 
verankert in einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. 

Wer die Gefahren, in denen das Christentum gerade heute 
schwebt, erkennt, der wird sich sagen miissen: Gerade das Chri- 
stentum ist darauf angewiesen, zur Erkenntnis seines Mittelpunk- 
tes, zur Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha selbst, zur Gei- 
steswissenschaft zu greifen. Denn wie Geisteswissenschaft hin- 
weist, wo der Keim ist zur zukiinftigen Erde, so weist Geisteswis- 
senschaft auch hin darauf, wo die Krafte sind, die sich mit der Erde 
verbunden haben, ohne daft sie unmittelbar in dem Vorchristlichen 
der Erde enthalten waren. Man kann die Geistigkeit des Mysteriums 
von Golgatha nur begreifen, wenn man sich durch Geisteswissen- 
schaft erst zu einem geistigen Begreifen iiberhaupt heraufgerungen 
hat. Gerade sollten diejenigen, die es mit dem Christentum ernst 



meinen, zur Rettung dieses Christentums an die Geisteswissen- 
schaft appellieren. Das werden auch diejenigen tun, die es mit dem 
Christentum, die es iiberhaupt mit dem Religiosen ernst nehmen. 

Warum haben denn die Menschen des rein naturwissenschaftli- 
chen Zeitalters noch sittliche Ideale? Das konnen uns wiederum 
solche Stimmen wie die von Hellwald und Mathilde Reichardt 
lehren, die aber durch zahlreiche andere vermehrt werden konnten. 
Sie lehren uns: Aufgabe der Wissenschaft ist, alle Ideale zu zersto- 
ren, ihre Hohlheit, ihre Nichtigkeit zu erweisen, zu zeigen, dafi 
Gottesglaube und Religion Trug seien, dafi Sittlichkeit Luge ist und 
so weiter. - So mulke man eigentlich aus einer blofi naturwissen- 
schaftlichen Weltanschauung heraus sagen, wenn man nicht zu feige 
dazu ware! 

Von einem solchen Standpunkte aus ist das Christentum nicht zu 
retten. Einzig und allein dadurch wird dem Christentum wiederum 
der Boden geschaffen, dafi durch Geisteswissenschaft die Moglich- 
keit erreicht wird, ins Geistige selber hineinzuschauen, so hin- 
einzuschauen, dafi dieses geistige Leben als Realitat erkannt wird 
und nicht als illusionare Blasen, denen man sich nur hingibt, weil 
man es im Kampfe urns Dasein braucht. Nein, nicht weil man das 
Geistige im Kampfe urns Dasein braucht, sondern weil es erzeugt 
wird mit einer Notwendigkeit aus unserer Welt, wie der Keim der 
neuen Pflanze aus der alten mit der Notwendigkeit erzeugt wird! 
Aber nur, wenn man einsieht, dafi das Alte nicht der Konstanz der 
Energie, der Unzerstorbarkeit des Stoffes unterliegt, sondern dafi 
abfallt alles Stoffliche wie die Pflanzenblatter abf alien, und dafi das 
Geistige der Keim desjenigen ist, was da kommt, wie der Pflanzen- 
keim die neue Pflanze hervorbringt. Nur wenn man diese geistgetra- 
gene Notwendigkeit einsieht, kommt man zu den Quellen im 

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zeugt wird, wo wiederum sittlicher Menschenwert lebt. Dasjenige, was 
Leuten vom Schlage der Mathilde Reichardt, des Hellwald und ande- 
ren als sittliche Ideale noch geblieben ist, ist das konventionsrnafiige 
Festhalten an den ererbten I dealer:. Hatten sich nicht solche Ideale ver- 
erbt aus den Anschauungen, die uns aus deni 19. in das 20. Jahrhundert 



hereingekommen sind, waren sie niemals zu gewinnen! Fruchtbarer 
Boden fiir sittliche Ideale wird allein wiederum dasjenige sein, was 
durch die Geisteswissenschaft als solcher Boden geliefert wird. 

Aus all diesen Griinden heraus glaubt Geisteswissenschaft wirk- 
lich nicht aus bloftem subjektivem Bediirfnisse ihrer Bekenner zu 
wirken, sondern glaubt zu wirken aus der Notwendigkeit der Zeit 
heraus. - Wie sie wirken mufi aus der Notwendigkeit des Charak- 
ters der heutigen Erdenvolker, wie diese Erdenvolker heute in 
bezug auf ihre Seele, in bezug auf ihre aufieren Kulturverhaltnisse 
beschaffen sind, davon mochte ich dann morgen sprechen: wie es 
sich auch durch die Betrachtung, ich mochte sagen, dieser geistigen 
Biographie und Geschichte der Erde als eine Notwendigkeit erweist 
- was ich heute durch die Natur des menschlichen Seelenwesens mit 
Bezug auf den sittlichen Menschenwert zu erweisen versuchte -, 
den Blick hinzuwenden zu dem Auf gang eines neuen Geisteslebens. 
Denn nur dann, wenn wir diesen Weg zum Geiste finden, finden wir 
auch wiederum die Quellen des sittlichen Menschenwertes, brau- 
chen wir nicht mehr zu verzweifeln dariiber, dafi einstmals die ganze 
Erde ein odes Grab sein werde, und nicht einmal eine Erinnerung 
zuriickgeblieben sein werde an dasjenige, was als sittliche Men- 
schenwerte im Seelenwesen gelebt hat. 

Geisteswissenschaft zeigt, dafi sittliche Menschenwerte mit Recht 
im Seelenwesen aufgehen, weil sich kiinftige Welten ihre Keime 
gerade in den Menschenseelen durch sittliche Menschenwerte schaf- 
fen. Sittliche Menschenwerte von heute sind Naturwerte zukiinf- 
tiger Welten. Wie wir heute in die Naturwerte hineinschauen und 
sehen die Ergebnisse vergangener Welten, so sehen wir in dem, was 
tief in unserer Brust entsteht, den Aufgang von neuen Welten. Nicht 
in abstrakter Form spricht Geisteswissenschaft von der Ewigkeit. 
Denn was so im ewigen Werden, im Wandel lebt, so dafi es als 
Naturliches aus Sittlichem hervorgeht und wieder Sittliches fiir 
kiinftige Welten in seinem Schofie tragt, was so im Wandel der 
Zeiten lebt, das hat das Leben der Ewigkeiten. Und damit hat, weil 
der Keim fiir Ewigkeiten in der Menschen-Seelenwesenheit ruht, 
die Menschenseele ihre wahre Ewigkeit. 



DIE GEISTIGEN UND SITTLICHEN KRAFTE 
DER GEGENWARTIGEN VOLKER IM LICHTE DER 
GEISTESWISSENSCHAFT (ANTHROPOSOPHIE) 

Dritter Vortrag, Basel, 6. Mai 1920 

Es war gestern meine Bemiihung, zu zeigen, wie mit dem Herauf- 
kommen einer Weltanschauung, die ganz beeinflufit ist von natur- 
wissenschaftlicher Grundlegung, die sittlichen Menschenwerte all- 
mahlich nicht mehr in Verbindung gebracht werden konnen im 
Bewufksein der Menschen mit dem, was in dieser Art als ein 
Weltbild vor der menschlichen Seele steht. Und es wurde darauf 
hingewiesen, wie aus den Quellen geisteswissenschaftlicher Er- 
kenntnis diese Festlegung des sittlichen M ens chenwertes wiederum 
gefunden werden miisse. Da war gewissermafien mein Bestreben 
gestern, zu zeigen, wie die Menschheit durch Aufnahme der Gei- 
steswissenschaft zu einem vollen Bewuiksein ihrer sittlichen Wiirde 
wiederum kommen konne. 

Man kann dieselbe Aufgabe von einer anderen Seite zu bewaltigen 
suchen dadurch, dafi man geisteswissenschaftlich untersucht die 
Wesenheiten der heute die Erde bewohnenden Volker, dasjenige 
untersucht, was in diesen Volkern zusammenwirkt an geistigen und 
sittlichen Kraften, um sich die Frage beantworten zu konnen: 
Inwiefern konnen die Menschen der Gegenwart aus den verschie- 
denen Volkskraften heraus nach dem hinstreben, was man eine 
soziale Gesundung auf Grundlage einer ethischen, einer sittlichen 
Gesundung nennen kann? 

Wir haben es als Menschheit erlebt, da£ die aufieren materiellen, 
namentlich die wirtschaftlichen Zusammenhange, sich nach und 
nach fast iiber die ganze bewohnte Erde hin erstreckt haben. Die 
Erde ist ein Wirtschaftsgebiet geworden. Und die Menschen waren 
gezwungen, nach den Erkenntnissen, die sie gehabt haben, sich 
dieses Wirtschaftsgebiet der Erde in einer gewissen Weise einzurich- 
ten: Die alten, aus ganz anderen Voraussetzungen heraus gegebenen 
Staatengebilde und Volksorganismen so zueinander in ein Yerhalt- 



nis zu bringen, dafi sie sich zusammengliedern konnten schlecht und 
recht zu diesem gemeinsamen Wirtschaftsgebiet, wozu es eben die 
neuere Zivilisation der Menschheit gebracht hat. 

Dafi dieses Zusammengliedern nicht moglich geworden ist, zeigt 
die Entwickelung der letzten fiinf bis sechs Jahre; das zeigt aber 
audi diejenige Entwickelung, in der wir noch drinnenstehen: das 
zeigt der Niedergang unseres offentlichen Lebens. Man denke an all 
das, was an Lobspriichen der neueren Zivilisation im Beginne des 
20. Jahrhunderts vorgebracht worden ist, dahingehend, wie mit 
Windeseile die Menschen gewissermafien iiber Landes- und Staaten- 
grenzen hin ihre Angelegenheiten besorgten, wie mit ungeheurer, 
friiher nie geahnter Schnelligkeit Telegraph, Telephon und so weiter 
wirkten, wie alle friiher als uniibersteiglich scheinenden Grenzen 
iiberwunden zu sein schienen. Und siehe da, so wenig fundiert war 
alles das, dafi wir heute vor Landesgrenzen stehen, so scharf abge- 
schlossen, wie sie vor langer Zeit nicht waren, seit langer Zeit nicht 
mehr abgeschlossen waren. Und was die Hauptsache ist, dasjenige, 
was vor wenigen Jahrhunderten, vielleicht noch bis ins 19. Jahrhun- 
dert herein als naturlich empfunden worden ist, die Abschliefiung 
der Landes- und Staatengrenzen, heute konnen wir es nur wie etwas 
Volkisch-Perverses, Menschheits-Perverses ansehen, wie etwas, das 
keine Begriindung haben kann in den wirklichen Verhaltnissen der 
Menschheitsentwickelung. Und die Frage muE entstehen: Was hat 
dieses bewirkt, dafi die Menschheit einen so furchtbaren Zug nach 
riickwarts angetreten hat? 

Man wird sehr bald, wenigstens aufierlich darauf kommen, was 
der Grund ist, wenn man sich fragt: Ist mit alledem, was in 
materieller Beziehung sich gestaltet hat iiber den ganzen Erdball 
hin, auch das seelisch-geistige Leben der Menschheit gleichen Schritt 
gegangen? Wir haben die gleiche Art des Eisenbahnverkehrs iiber 
die ganze zivilisierte Welt ausgebreitet und auch iiber die unzivili- 
sierte Welt; wir haben verstanden, die anderen Verkehrsmittel 
iiberallhin zu tragen, so gar die Art des Verkehrs uberallhin zu 
tragen. Man hat nicht verstanden, hinzutragen iiberall ein gegensei- 
tiges wirkliches Menschheits- und Weltenverstandnis. Wir haben 



gewissermafien den wirtschaftlich-materiellen Korper einer einheit- 
lichen Erdenkultur erlebt, und wir haben es nicht gebracht zu einer 
Beseelung, zu einer Durchgeistigung dieses materiell-wirtschaftli- 
chen Korpers einer einheitlichen Erdenkultur. Seelenlos ist dasjeni- 
ge geblieben, was sich als ein wirtschaftlich-materiell Einheitliches 
iiber die Erde hin gestaltet hat. Da mufi denn gefragt werden: Wie 
kommt man zur Seele der nach Gemeinsamkeit hinstrebenden 
Erdenrnenschheit? Man wird nicht anders dahin kommen, als wenn 
man sich dazu entschliefit, hinzusehen auf die wirkliche Wesenheit 
der die Erde heute bewohnenden Volker. 

Nun, selbstverstandlich, man kann nicht in einem kurzen Vortra- 
ge auf alle Einzelheiten verschiedener Volker eingehen; aber das ist 
vielleicht moglich, dafi aus gewissen typischen Eigentiimlichkeiten 
heraus ein Bild entworfen werde, wie die Menschen iiber die Erde 
hin ihrer Wesenheit nach, ihrer Seelenwesenheit nach leben. Und da 
darf man sagen: Wenn man mit dem Blick, den die Geisteswissen- 
schaft heranerzieht, die Erdenrnenschheit ansieht, dann sieht man in 
orientalischen Gegenden einen Menschentypus, welcher eine alte 
Kultur - allerdings in der neueren Zeit im Niedergang befindliche - 
bis heute bewahrt, einen Menschentypus, der in alten Zeiten Vorfah- 
ren hatte, von einer ungeheuer hohen Kultur und Zivilisation, 
allerdings einer solchen, die sehr verschieden von der unsrigen ist. 
Verschiedene Volker konnen wir sich herausdifferenzieren sehen 
aus diesem orientalischen Typus. Auf diese Differenzierung wird 
nicht eingegangen werden konnen; aber der Typus wird in einer 
gewissen Weise charakterisiert werden konnen. 

Dann sehen wir einen zweiten Menschentypus. Ich mochte ihn 
den mittleren Menschentypus nennen, denjenigen, der namentlich 
den Grundstock der europaischen Kultur, der mitteleuropaischen 
Kultur gebildet hat, der zuriickgeht bis zum Griechenvolk, und der 
in einer gewissen Beziehung seine Fortsetzung gefunden hat in der 
Gegenwart in den mitteleuropaischen Volkern. 

Und wir sehen einen dritten Menschentypus, den Typus der 
Westvolker, der dann seine radikalste Ausgestaltung in den ameri- 
kamschen Volkern gefunden hat. 



Von diesen drei Typen aus wird man versuchen konnen, ein 
Verstandnis der Volkerwesenheiten der Erde zu finden. 

Sehen wir hinuber nach dem Oriente. Heute macht sich aus der 
orientalischen Zivilisation heraus solches geltend, wie Rabindra- 
nath Tagore, dessen Worte uns so eigentiimlich klingen, zum Teil so 
verwandt, weil sie innerste Seiten unserer Seele beriihren, zum Teil 
so fremd, weil sie aus ganz anderen Unterlagen wiederum herausge- 
sprochen sind, als dasjenige gesprochen werden kann, was aus 
mittel- und westeuropaischer Kultur gesprochen werden mufi. Man 
bekommt vor dieser orientalischen Zivilisation, ich mochte sagen, 
einen demiitigen Respekt, wenn man sich vertieft in das, was sie 
hervorgebracht hat fur den Orientalen mit seiner vollen Menschen- 
wesenheit. Man braucht nur Einzelnes vorzunehmen, die Veden, 
dasjenige, was in der Vedanta- Weltanschauung die indische Kultur 
hervorgebracht hat; man kann sich vertiefen in dasjenige, was das 
Persertum hervorgebracht hat; man kann sich vertiefen in dasjenige, 
was die babylonisch-assyrische Welt hervorgebracht hat, iiberall 
darf man sagen: Gewifi, derjenige, der in der neueren Zeit mit der 
neueren wissenschaftlichen Erkenntnisart diese Dinge betrachtet, 
wird sie so betrachten, daft ihm vielleicht nicht das Herz aufgeht, 
sondern dafi er nur allerlei seltsame, fremdartige Dinge entziffert 
aus dem Sanskrit, aus den heiligen Schriften. Derjenige aber, der mit 
vollem Herzen und mit gesundem, offenem freiem Sinn sich diesen 
orientalischen Kulturen nahert, der wird finden, wie wunderbar es 
ist, dafi sie zuriickweisen in eine Urzeit der Menschheit, wo aller- 
dings die ganze Art des Menschen, sich zur Welt zu stellen, eine 
andere war, als sie heute bei uns und bei den Westvolkern geworden 
ist. Aber diese instinktive Art, diese intuitive Art, sich zur Welt zu 
stellen, dieses Traumen iiber die Welt, wenn wir es recht verstehen, 
gibt tiefe, ungeheuer tiefe Einblicke in das Weltenwesen des Men- 
schen, Einblicke, zu denen wir trotz aller unserer wissenschaftli- 
chen und sonstigen Bemuhungen eben heute in der mittleren und 
westlichen Welt noch nicht gekommen sind. 

Wenn wir fragen: Worauf beruhen solche Dinge? - mufi ich Sie 
auf etwas verweisen, was ich hier schon erwahnt habe, da mufi ich 



Sie verweisen, urn uberhaupt eine Leitlinie zu gewinnen durch die 
Wesenheit der Erdenvolker hindurch, auf dasjenige, was ich in 
meinem Buche «Von Seelenratseln» geltend gemacht habe iiber die 
dreifache Wesenheit des Menschen. 

Ich habe hier schon einmal erwahnt, wie es bei mir auf einem 
dreifiigjahrigen Studium beruht, was ich da geltend gemacht habe 
iiber die Dreigliederung des einzelnen Menschen, wie dieser ein- 
zelne Mensch tatsachlich aus drei voneinander verschieden organi- 
sierten Gliedern besteht: dem, was man nennen kann den Nerven- 
Sinnesmenschen, dem, was man nennen kann den rhythmischen 
Menschen und dem, was man nennen kann den Stoffwechsel- 
menschen. 

Diese drei Glieder der menschlichen Natur sind nicht etwa so 
voneinander verschieden, dafi man sagen kann: Da mache ich eine 
Grenze, da hort der Nerven-Sinnesmensch auf, da fangt der rhyth- 
mische Mensch an. Diese drei Glieder sind ineinander verwoben. 
Aber sie sind fur den, der sie unterscheiden will, voneinander zu 
unterscheiden; denn auch das Seelische weist zuriick auf diesen 
dreigliedrigen Menschen. Alles dasjenige, was in unseren Sinnes- 
wahrnehmungen und in unserem Vorstellen sich in uns vollzieht, 
weist auf den Nerven-Sinnesmenschen als auf sein Werkzeug hin. 
Alles dasjenige, was sich auf unser Fiihlen bezieht, was in unserem 
Fiihlen erlebt wird, weist zuriick auf den rhythmischen Menschen. 
Und es ist ein grofier Irrtum - auf den man noch kommen wird, 
wenn unsere abstrakte Naturwissenschaft gesunden wird -, zu 
glauben, dafi des Menschen Gefiihls- und Gemiitsleben mit dem 
Nervensystem direkt zusammenhangt. Es hangt nur indirekt mit 
dem Nervensystem zusammen. So wie das Gedankenleben mit dem 
Nervensystem unmittelbar zusammenhangt, so hangt das Gemiits-, 
das Gefuhlsleben unmittelbar mit Atmung, mit Herzrhythmus, 
kurz, mit dem rhythmischen Menschen zusammen; und mit dem 
Nervensystem nur dadurch, dafi wir den Rhythmus und damit die 
Gefiihlswelt wahrnehmen. Blo$ die Vorsteilungen, die Wahrneh- 
mungen von unseren Gefiihlen, die werden durch das Nervensy- 
stem vermittelt. Die Gefiihle selbst hangen unmittelbar mit dem 



rhythmischen Menschen zusammen. Und so hangen unmittelbar 
mit dem Stoffwechselmenschen zusammen die Willensimpulse, das 
Wollen. Und wiederum die Gedanken vom Willen, die Gedanken 
von unseren Willensimpulsen, sie sind es, die mit dem Nervensy- 
stem zusammenhangen, nicht der Wille selbst, der unmittelbar mit 
dem Stoffwechselsystem zusammenhangt. Das kann ich jetzt hier 
nur anfuhren. 

Etwas, was ich heute als ein gesichertes wissenschaftliches Le- 
bensgut betrachten darf, trotzdem die ganze aufiere Wissenschaft 
heute noch dem widerstrebt - sie wird, durch die Tatsachen selber 
gezwungen, dieses annehmen miissen -, ist, dafi dasjenige, was so 
beim einzelnen Menschen als drei Glieder seiner Wesenheit er- 
scheint, nicht in der gleichen Art verteilt ist auf die Menschen, 
insofern sie den einzelnen Volkern angehoren, die wir heute eben 
nur nach ihren Typen betrachten wollen. Denn das merkwiirdige 
ist, gerade wenn wir hinuberschauen nach diesen orientalischen 
Volkern, namentlich nach jener Gestaltung der orientalischen V6l- 
ker in alten Zeiten, in denen sie ihre wunderbare Kultur entwickelt 
haben, da finden wir, dafi diese orientalischen Volker merkwiirdig 
gerade in der Zeit, in der sie die geistigste Kultur entwickelt haben, 
ganz und gar hinorganisiert waren auf den Stoffwechsel. Das war 
das vorherrschende bei den orientalischen Urvolkern: der in ihnen 
wirkende Stoffwechsel. Zuriick traten hinter den Stoffwechsel die 
rhythmische Tatigkeit und namentlich die Nerven-Sinnestatigkeit. 

Es iiberrascht den geisteswissenschaftlichen Forscher, wenn er 
zuriickgeht in die orientalische Urzeit und die merkwiirdig hochsin- 
nige, feine Vedanta- und Vedenkultur findet und alles dasjenige, was 
sonst aus orientaiischer Weisheit und orientalischer Weltauffassung 
hervorgegangen ist, es iiberrascht ihn, dafi das gerade zusammen- 
hangt mit einer besonderen Verfeinerung des Stoffwechsels und mit 
einem Zuriicktreten der anderen Glieder der Menschennatur. 

Man mufi sagen, gerade durch diese Verfeinerung des Stoff- 
wechsels erreichte aber der Orientale das, was ich hier als seine feine, 
als seine hochsinnige Kultur meine. So wie die Pflanze mit ihren 
Wurzeln im Boden eingesenkt ist, unmittelbar in aller Ursprung- 



lichkeit die Bodensafte in sich einzieht, wie sie mit ihren Bliiten 
anzieht dasjenige, was in ihrer Umgebung ist, wie sie mit ihrem 
ganzen Stoffwechsel zusammenhangt mit ihrer natiirlichen Umge- 
bung, mit dem allem, was sie wie spiegelnd widergibt, so ist es mit 
der orientalischen Wesenheit des Menschen in jenen Zeiten der 
asiatischen Urkultur. Da nimmt der Mensch nicht blofi so, wie jetzt 
bei uns, die Stoffe der Umgebung auf, da saugt er nicht so unbewu£t 
wie wir, die umgebende Luft ein, da nimmt er alles dasjenige, was in 
ihm den Stoffwechsel bewirkt, mit urspriinglicher, elementarer 
Kraft auf. Da lebt er in dem, was er im Stoffwechsel in sich 
aufnimmt. Und man kann sagen: Dasjenige, was im Menschen dann 
weiter lebt aus dem Stoffwechsel heraus, was in ihm Empfindung, 
was in ihm Gedanke wird, das ist geradeso ein naturlicher Ausdruck 
seines Wesens aus dem Stoffwechsel- Verhaltnis heraus mit seiner 
Umgebung, wie die Baumblute und die Baumfrucht, die man am 
Baume sieht, die unmittelbar widerspiegeln das Verhaltnis zur 
Umgebung; der Baum spiegelt in seiner Bliite, in seiner Frucht 
dasjenige, was in seiner Umgebung klimatisch, den Stoffen, den 
Substanzen nach lebt. Der Mensch des Orients hat allerdings zu 
hoher Bliite und hoher Frucht dasjenige getrieben, was er von aufien 
aufnahm. Aber dasjenige, was nun auftritt in der alteren orientali- 
schen Urkultur, erscheint uns so, wie wenn es von der Natur selbst 
geboren ware, wie wenn da in Menschenwissen und Menschensin- 
nigkeit die Natur selber ihre Bliite getrieben hatte, und der Mensch 
nur das Durchgangsorgan fur dasjenige hatte werden sollen, was die 
Natur selber herstellen will an weisem, an sinnigem Vorstellen iiber 
die Welt. 

Das ist das eigentiimliche dieser orientalischen Urkultur, dafi sie 
formlich den Beweis liefert: wenn die Natur selber sprechen darf, 
wenn sie sich im Menschen ein Organ machen darf, dann spricht sie 
in hochster Geistigkeit. Und diese orientalische Urkultur ist hoch- 
ste Geistigkeit gerade deshalb geworden, weil sie nur durch den 
Menschen durchgehend dasjenige ist, was die Natur selber spricht. 
Diese orientalische Urkultur, sie hob hinauf bis zu den B liken jene 
Weisheit, die von der Natur selber getrieben werden kann, sie hob 



sie hinauf zu einer neuen Sinneswesenheit. Die Natur offenbart sich 
in ubersinnlicher Anschauung. Die Natur offenbart sich nicht - das 
wird unmittelbar dadurch bewiesen - durch materialistische An- 
schauung, durch materialistische Gesinnung; die Natur offenbart 
sich durch geistige Anschauung, durch geistige Gesinnung. Die 
Natur spricht nicht von Materie, wenn sie ihr Wesen durch den 
Menschen ausspricht, die Natur spricht von Geist, wenn ihr der 
Mensch nur nicht entgegenhalt aus sich heraus die Anschauung von 
der blofien groben Materie. 

Das ist die wunderbare Lehre, welche aus der alten orientalischen 
Urkultur herauftont. Sie lebte einstmals im Oriente. Sie wirkte im 
Oriente auch in das aufiere Leben hinein die Theokratie. Die 
Menschen, welche die von der Natur selber gepflegten Kinder der 
Natur waren, nicht die Schuler der Natur, welche ihre Weisheit 
entwickelten wie die Baume ihre Friichte, diese Menschen sprachen, 
indem sie sprachen von der Welt, nur vom Gottlichen, vom Uber- 
menschlichen. Sie sprachen von dem, was iibersinnlich ist. Sie 
verwendeten auch in das soziale Leben hinein diese Anschauung des 
Ubersinnlichen: sie griindeten ihre Theokratien. Es ist dasjenige in 
diesem Menschentypus herausgekommen in der Urkultur Asiens, 
was wir nennen konnen die Anschauung des Gottlichen durch die 
Menschen. Es ist die Anschauung des Gottlichen als eines Geistigen 
eine Erbschaft dieser alten orientalischen Zeiten. 

Das Christentum beruht auf einer Tatsache. Derjenige, der den 
Ursprung des Christentums nicht in der Tatsache von Golgatha 
sieht, versteht das Christentum nicht richtig. Etwas anderes ist es 
aber mit den Anschauungen iiber dieses Christentum, mit dem, 
wodurch wir das Christentum verstehen. Diejenigen Anschauun- 
gen, die es uns ermoglichen, das Christentum zu verstehen, wenn 
wir nur auf das Historische sehen, ohne neue geisteswissenschaft- 
liche Vertiefung, sind die aus orientalischen Erbschaften. Denn da ge- 
langte man hinauf zu dem Ubermenschlichen, da gelangte man hin- 
auf zu dem Ubersinnlich- Geistigen. Daher ist im Grunde genom- 
men selbst das Christentum nach den mittleren Gegenden der Erde 
und nach den Westgegenden der Erde vom Oriente ausgezogen. 



Als ein Ideal betrachten kann der Mensch immer dasjenige Glied, 
welches gewissermafien iiber dem liegt, das ihm elementar von der 
Natur eingepflanzt ist. Der Orientale hat eingepflanzt dasjenige 
Glied, das scheinbar das niedrigste der Menschennatur ist, das aber, 
wenn es eingegliedert ist in den jungfraulich-elementaren Naturzu- 
sammenhang, in die hochste geistige Hohe hinauffiihrt, der Orienta- 
le hat eingegliedert das Stoffwechselsystem als sein Elementares. 
Das dariiber liegende ist das rhythmische System. In dem sucht er 
daher sein Ideal. Er sucht sich aufzuschwingen aus dem, was ihm die 
Natur gibt, zu dem, was er sich selbst in bewufiter menschlicher 
Tatigkeit erobern kann. Daher wird angestrebt bei dem orientali- 
schen Volkstypus, bei denjenigen, die nach einem Ideal hin streben, 
das Hinstreben nach dem rhythmischen Menschen. Und wir sehen, 
wie diejenigen, die wie eine Naturblute die Veden, die Vedantaweis- 
heit, die wunderbarste Naturanschauung heraufgebracht haben in 
die menschliche Kultur, wie diese als ihr Ideal betrachten eine 
besondere Art und Weise, durch den rhythmischen Menschen in 
geistige Welten sich zu erheben mit Bewuiksein. Unbewufit erhe- 
ben sie sich zu derjenigen Geistigkeit, von der ich eben jetzt 
gesprochen habe. Mit Bewulksein erheben sie es zu einem Ideal, 
durch den rhythmischen Menschen sich zu erheben. Das ist: das 
Atmen in einer Weise zu regeln, Jogaphilosophie, Jogapraktik zu 
iiben, dasjenige, was im rhythmischen Menschen ist, in einer be- 
stimmten Art zu trainieren, zu schulen. Aus dem rhythmischen 
Menschen soil ihnen werden das Ideal. Dasjenige, was, ich mochte 
sagen, eine Stufe iiber dem Stoffwechselmenschen liegt, das wird 
diesen Menschen zum Ideal. 

Und so sehen wir, wie eine Priesterschaft, eine Lehrerschaft oder 
eigentlich eine Menschheit, die beides zugleich ist, sich aus dem 
orientalischen V olkstypus herauskristallisiert, welche in dieser Joga- 
trainierung das Ideal sieht, den rhythmischen Menschen besonders 
zu organisieren, um etwas Hoheres zu eriangen ais dasjenige, was 
man durch die elementar eingepflanzten Krafte erreicht. 

Wenn wir nun in all das, wovor wir stehen konnen gegeniiber 
dieser orientalischen Urkultur, hineinschauen und finden, wie da 



Aufschwung ist zu dem reinsten, feinsten Geistigen, wie da wirklich 
aus dem Geistigen eine wuriderbare konkrete Fiille herausquillt - 
denn voll Inhalt, mag man ihn auch im Abendlande als phantastisch 
empfinden, voll Inhalt ist diese Geistigkeit miissen wir sagen: Was 
diese Menschen sich niemals erwerben konnten, die so grofi waren 
in dem angedeuteten Gebiete und in der Trainierung des rhythmi- 
schen Menschen ihr Ideal gesucht haben, was dort fehlt, das ist ein 
gewisses Leben im Rechte, eine gewisse Gliederung in eine Rechts- 
gemeinschaft. Das irgendwie hineinzudenken in die Kultur, die die 
Veden, die Vedanta hervorgebracht hat, die die anderen orientali- 
schen geistigen Gebilde hervorgebracht hat - unmoglich! Man mag 
dasjenige, was sich von der Art findet, noch so sehr verkennen, 
indem man abendlandische Begriffe hineintragt, ein unbefangenes 
Urteil mufi sagen: Da lebt geistiges Leben. Das rechtliche, das 
wirtschaftliche Leben, das ist instinktiv; das bleibt instinktiv. Es 
erhebt sich aus der Grundlage, in der das wirtschaftliche, in der das 
rechtliche oder staatliche Leben besteht, aus der hebt sich heraus 
zum hochsten Bewufitsein das geistige Leben. Und im Grunde 
genommen leben die abendlandischen Menschen durchaus zu ihrem 
grofiten Teil von den Erbschaften des Orientalismus im geistigen 
Leben. 

Haben wir ja sogar gesehen, wie in einer gewissen Richtung, die 
man die theosophische nennt, mit der boser Wille oder Unverstand 
unsere Bewegung oftmals verwechselt, wie da durch diese theoso- 
phische Richtung nun, ich mochte sagen, zuletzt aus voller Deka- 
denz heraus die Menschen wiederum suchen eine neue Geistigkeit 
aus dem Oriente nach dem Westen heriiber zu tragen, immer dieser 
Zug, das Geistige vom Oriente nach dem Westen heriiber zu tragen. 
Heute bedeutet er eine aufterste Dekadenz. Zur Zeit, als der Orient 
dem Christentum die notige geistige Vertiefung geben konnte, war 
das eine Selbstverstandlichkeit. 

Anderes bietet sich unserem Blicke, wenn wir denjenigen Volks- 
typus betrachten, der, ich mochte sagen, am sympathischsten er- 
scheint im alten Griechenvolke, der dann seine Fortsetzung aber 
uberhaupt in Mitteleuropa erfahren hat. Da haben wir das andere 



Glied der Menschennatur gewissermafien mit elementarer Notwen- 
digkeit entwickelt. Das wissen ja gewohnlich die Menschen nicht, 
was als selbstverstandliche Wesenheit in ihnen vorhanden ist. Das 
wissen die Menschen Mitteleuropas nicht, daft in ihnen als Haupt- 
sache vorhanden ist, gegeniiber welcher die anderen Glieder der 
Menschenwesenheit zuriicktreten, dafi in ihnen als Hauptsache 
vorhanden ist der rhythmische Mensch. Alle Tugenden und alle 
Laster des mitteleuropaischen Menschen und derjenigen, die von 
ihm angesteckt sind, beruhen auf diesem Vorherrschen des rhyth- 
mischen Systems. 

Das rhythmische System hangt seelisch mit dem zusammen, was 
das menschliche Fiihlen ist. Im menschlichen Fiihlen ist alles dasje- 
nige beschlossen, was die Tugenden des Starkmuts, was die Leiden- 
schaften des Mutes sind und so weiter. All das, was zum Beispiel 
Tacitus von den alten Germanen schildert, ist im Grunde genom- 
men ein solches Seelisches, das begriindet ist auf dem rhythmischen 
Menschen, geradeso wie orientalische Weisheit und orientalische 
Sinnigkeit auf dem Stoffwechsel begriindet ist. Und dasjenige, was 
den Griechen zu einer solchen einheitlichen Menschenwesenheit 
macht, was wir am Griechen so bewundern, wenn wir ihn wirklich 
verstehen, dieses Gleichmafi, es beruht zuletzt auf einem der 
menschlichen Natur vollig angepafiten Gleichmafi des Einatmens, 
des Ausatmens und aller anderen Rhythmen. Griechisches Eben- 
mafi ist zum Schlusse eine Folge menschlichen ebenmafiigen rhyth- 
mischen Systems. 

Dasjenige, was wir aufdammern sehen in der griechischen Kunst, 
was uns als griechische Plastik entgegentritt, ist nichts dem Modell 
Nachgeahmtes. Das, was der Grieche formt, ist so gebildet, dafi er in 
sich selber, wie einen zweiten Menschen, den rhythmisch-ebenma- 
fiigen Menschen in Tatigkeit fiihlte und den ausgestaltete. Oder 
wenn er sich aufloste, ihn so darstellt, wie den Laokoon in der 
bekannten Gruppe. All das, was dem Griechen als plastische Men- 
schengestalt aufgegangen ist, beruht auf seinem Sich-in-sich-Fiihlen 
aus dem Ebenniaft des rhythmischen Systems heraus. 

Und wenn wir zum Beispiel hinsehen auf die griechischen Trago- 



dien - man konnte auf alles mogliche sehen, was Ausdruck griechi- 
schen Wesens ist -: Leidenschaften sollen sich entwickeln durch die 
Tragodie, Furcht und Mitleid. Und wiederum soli durch dieselbe 
Tragodie, die Furcht und Mitleid erregt, diese Leidenschaft beruhigt 
werden, abreagiert werden. Das ist die Katharsis. Das ist dasjenige, 
was der Grieche als die Selbstregulierung, als das rhythmische in der 
Dramatik suchte, wie als Abbild seines eigenen Wesens. Und 
Aristoteles horen wir sagen, dafi die wirkliche Tugend darinnen 
besteht, dafi man nicht nach dem einen und nicht nach dem anderen 
Extrem, nicht nach dem zu Geistigen oder zu Materiellen, nicht 
nach dem zu Hoch oder zu Niedrig geht, sondern dafi man die 
Mittellage einhalt. Alles dasjenige, was der Grieche wie von selbst 
darlebt, das ist der ebenmafiige Mensch, der durch seinen Lebens- 
rhytmus ebenmafiig ist. 

Und wir sehen bis herein in die Fortsetzung des Griechentums, 
im Goetheanismus, in demjenigen, was als ein neuerer Aufschwung 
geistigen Lebens in Mitteleuropa stattgefunden hat, wir sehen insbe- 
sondere in der Gestalt Goethes dieses Spiel des rhythmischen 
Systems. 

Geradeso wie der Orientale dadurch, dafi die Natur in ihm das 
Stoffwechselsystem sprechen liefi, gewissermafien vor sich die hoch- 
ste Geistigkeit hinstellte, so stellte das rhythmische System, das in 
dem Menschen das eigentliche Ebenmafi bewirkt, den Menschen 
selber vor sich hin. Und man kann sich nicht eigentlich einen 
schoneren Ausdruck vorstellen fur dieses Bediirfnis, den Menschen 
in seinem Ebenmafi aus seiner Lebensrhythmik vor sich hinzustel- 
len, als das Buch Goethes iiber Winckelmann, wo Goethe alles 
mogliche, was er iiber den ebenmafiigen Menschen zu sagen hat, in 
dieses Buch hineingeheimniftt. In diesem Buche finden sich die 
schonen Ausdriicke, wie: Wenn die Natur an ihrem Gipfel im 
Menschen gelangt ist, und der Mensch alles dasjenige, was in seiner 
Umgebung ist, Ordnung, Harmonie, Mafi und Bedeutung zusam- 
mennimmt, so fiihlt er sich wieder in sich selber als eine ganze Natur 
und erhebt sich zur Schopfung des Kunstwerkes. Oder: Wenn im 
Menschen die Natur auf ihren Gipfel gelangt ist, so wiirde sie, wenn 



sie sich selbst verstehen konnten, aufjauchzen und diesen Gipfel 
ihres Werdens und Wesens bewundern. 

Und man kann sagen, wenn solch reife Worte, Worte, die so 
vollig siifi vor Kulturreife sind, gesprochen werden, dann sind sie 
der Ausdruck fiir das ganze Wesen, das da volkisch zugrunde liegt. 

Und wenn Schiller jenen Brief im Anfange der neunziger Jahre an 
Goethe schrieb: Ich habe lange dem Gang Ihres Wesens zugesehen. 
Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um aus ihren einzelnen 
Bestandteilen den Menschen aufzubauen. Aus einer Intuition her- 
aus konstruieren Sie den Menschen. Das hatten Sie eigentlich voll- 
kommen nur tun konnen, wenn Sie als ein Grieche, oder wenig- 
stens als ein Italiener geboren waren. - Diese Schilderung des Menschen 
aus den Tiefen der Menschennatur heraus, dieses Hinstellen des 
Menschen vor den Menschen, so wie der Orientale das Gottliche 
vor die Welt hinstellt, gewissermafien die Natur selbst ihr Wesentli- 
ches vor die Welt hinstellt - dieses Hinstellen des Menschen vor 
den Menschen, das ist das Wesentliche des mittellandischen Ty- 
pus Mensch. Fiir ihn wird nun das Nachstdariiberstehende das Ideal. 

Dasjenige, was der Nerven-Sinnesmensch ist, das wird fiir ihn das 
Ideal. Daher sehen wir aus diesen Mittellandern heraus mit einer 
gewissen Unbewulkheit, geradeso wie der Orientale seine Geistig- 
keit aus seinem Stoffwechsel heraus unbewufit geltend macht, so 
sehen wir aus dem Rhythmus heraus dasjenige, was selbstverstand- 
liche Kultur ist, sich geltend machen. Dafur aber sehen wir als das 
Ideal auftreten das Hinarbeiten zur Idee, das Hinarbeiten zum 
Idealismus. Und aufkeimt im Griechentum schon dasjenige, was der 
Idealismus der Gedanken ist in Plato und Aristoteles. 

Wiederum ersteht das in dem deutschen Idealismus der Weltan- 
schauungen: in dem ganzen mitteleuropaischen Idealismus der 
Weltanschauuneen ersteht das Ideal der Geistiekeit aus dem Ner- 
ven-Sinnesmenschen heraus, gerade so wie das Jogaideal im Oriente 
entsteht. Una da sehen wir, wie noch immer instinktiv bleibt, 
wirklich instinktiv bleibt dasjenige, was wirtschaftliche Organisa- 
tion ist, wie aber ein Zweites auftritt, was im Morgenlande noch 
instinktiv war. was ietzt in die Rewulkheit emtritt: das ist das 



Nachdenken, das Nachsinnen iiber die Rechtsnatur des menschli- 
chen sozialen Zusammenlebens. 

Und so sehen wir die Rechtsnatur des sozialen Zusammenlebens 
gerade in den mittleren Gegenden aus dem Typus der mittleren 
Volker heraus sich entwickeln. Die orientalischen Volker haben in 
alten Zeiten eine Geistigkeit entwickelt. Sie ist dann herunterge- 
kommen. Und selbst, wenn wir heute Rabindranath Tagore spre- 
chen hdren, so ist es wie der Klang aus ferner, vergangener Zeit: 
Schon, fein, aber wir konnen nicht glauben, dafi das noch da ist. Und 
es ist auch wirklich nicht da. Es ist, ich mochte sagen, gemiitliche 
Verabstrahierung. Es ist tief zu uns sprechend, aber es spricht nicht 
eigentlich von einer gegenwartigen Wirklichkeit. Indem im Oriente 
auch diese Geistigkeit in die Dekadenz gekommen ist, bewahrt die 
Menschheit gewissermafien auf die Hinneigung zum geistigen Le- 
ben eine Erbschaft der orientalischen Urkultur. 

Dazu ist gekommen dasjenige, was der Mensch iiber den Menschen 
zu sagen hat, was der Mensch iiber den Menschen auch anzuschauen 
hat. Und das ist gekommen durch die mittlere Bevol- 
kerung. Da steht der Mensch vor sich selber. Im Oriente steht 
der Mensch vor dem Ubermenschen, und aus der Welt des Uber- 
menschlichen heraus quellen die sittlichen Ideen. 

Es ist gerade immer wieder und wiederum von Rabindranath 
Tagore auch heute betont, dafi die Kultur des Orients vor allem auf 
Sittlichkeit gebaut ist, auf alle die sittlichen Qualitaten, wahrend er 
der abendlandischen und der amerikanischen Kultur vorwirft, dafi 
sie auf Mechanismus, auf technischem Mechanismus, auf politi- 
schem Staatsmechanismus gebaut ist, dafi sie entleert ist der sittli- 
chen Ideen. Und es ist so, dafi im Oriente aus der Anschauung - die 
auf die Art, wie wir sie geschildert haben, iiber die geistige Welt 
entsteht - eine Fiille von sittlichen Ideen herausquillt. Und im 
Grunde genommen leben wir heute eigentlich noch immer von 
diesen sittlichen Ideen. Denn der Materialismus des Abendlandes 
hat, das ist wohl aus dem gestrigen Vortrage zur Geniige hervorge- 
gangen, keine sittlichen Ideen als solche erzeugt. Die sittlichen 
Ideen sind eine alte Erbschaft, denn sie quillen in diese Menschen- 



seele nur hinein, wenn diese Menschenseele den Zusammenhang mit 
der geistigen Welt hat. 

In der mittellandischen Kultur: der Mensch stent vor sich selber; 
er bekommt als eine Erbschaft die sittlichen Ideen. Rechtsideen 
treten auf, Regelung des menschlichen Verhaltnisses so, daft der 
einzelne Mensch dem einzelnen Menschen im sozialen Zusammen- 
leben entgegensteht. Man mochte sagen: Dadurch, dafi der Mensch 
auf seine eigene Wesenheit kommt, kommt er dazu, zu fragen: Wie 
befolge ich dasjenige, was sittliche Idee ist? Ein Bediirfnis tritt im 
Menschen auf, das der Orientale nicht hatte, gerade damals nicht 
hatte, als seine geistige, seine spirituelle Kultur am reinsten einflofi 
in seine Wesenheit. Innerhalb dieser ganzen Kultur des Orientes, 
gerade je weiter wir zuriickgehen in altere Zeiten, hat das Wort und 
die Wesenheit der Freiheit keine Bedeutung. Der Mensch ist ein 
Glied der Weltenordnung; er ist eingegliedert in die Weltenord- 
nung. Freiheit ist etwas, was im Grunde genommen keinen Sinn hat. 
Man kann nicht davon sprechen. Denn die Gebote des sittlichen 
Lebens, die verkniipft sind mit der Anschauung des Gottlich-Gei- 
stigen, wirken so auf den Menschen, indem er sie anschaut aus seiner 
Geistigkeit heraus, dafi sie selbstverstandlich von ihm verwirklicht 
werden. Er fuhlt kein menschliches Verhaltnis zu ihnen. Ebenso wie 
er essen mufi, so fuhlt er, dafi er die Gebote befolgen mufi, wenn er 
sie nur erkennt. 

Das, was so wie selbstverstandlich verbunden mit der geistigen 
Welt in der orientalischen Urweisheit quillt - allerdings in der 
orientalischen Niedergangskultur nicht mehr quillt -, das wird eine 
Frage in dem Augenblicke weltgeschichtlicher Entwickelung, wo 
der Mensch dem Menschen gegeniibersteht, wo die mittellandische 
Kultur eintritt. Und das wird ganz besonders eine Frage dann, wenn 
die Kultur, die eigentliche Kulturrichtung der Westvolker auftritt. 
Das ist der dritte Typus. 

Geradeso wie der Orientale urspriinglich veranlagt war fur den 
Stoffwechsel, der Mittellander fur den rhythmischen Menschen, so 
ist der Westmensch veranlagt fur den Nerven-Sinnesrnenschen. 
Und wer verfolgen kann auch das Hochste, was sich entwickelt hat 



an geistiger und an materieller, an innerer und an aufterer Zivilisa- 
tion im Westen Europas und in Amerika - abgesehen von den 
romanischen Volkern, die einen ganz anderen Weg gegangen sind, 
die Erbschaften iibernommen haben von den alten lateinischen 
Volkern, die nicht in dieser Reinheit das darstellen, was Westeuro- 
paisches, was Westlandisches uberhaupt ist -, wenn wir auf die 
andere westlandische Bevolkerung sehen, so ist das diejenige Bevol- 
kerung, bei der vorherrscht der Nerven-Sinnesmensch: Dieser Ner- 
ven-Sinnesmensch, der da hervorgebracht hat den Typus, mit Be- 
griffen, mit Vorstellungen, mit Ideen verstandig alles zu iiber- 
schauen, der insbesondere auf das Abstrakte geht, der auf dasjenige 
geht, was nun nicht den Menschen vor den Menschen stellt wie beim 
mitteleuropaischen Menschen, was nicht stellt den Ubermenschen 
vor den Menschen wie beim Orientalen, sondern was die Natur vor 
den Menschen stellt. 

Das ist das Eigentiimliche : riickt man hinauf mit der naturlichen 
Organisation bis zum Nerven-Sinnesmenschen, dann steht die 
aufiere Natur vor dem Menschen. Man denke sich nur, welche 
Absurditat es ware fur den Orientalen, zu fragen, ob er irgendwie 
nur zusammenhinge materialistisch mit der Tierheit. Er schaut, 
gerade weil er der Stoffwechselmensch ist, die geistige Welt, die 
iibersinnliche Welt unmittelbar an. Der Westmensch hat diese 
Anschauung der geistigen Welt nicht. Er hat das Nachdenken iiber 
die geistige Welt, er hat die Abstraktion. Fur ihn wird dasjenige, was 
sich vor ihn hinstellt, auch wenn es der Mensch selber ist, fur ihn 
wird das die aufiermenschliche Natur. Fur Goethe steht Mensch 
gegen Mensch, und er will den Menschen begreifen. Schiller sagt: Sie 
sind es, der aus alien Einzelheiten der Natur den ganzen Menschen 
aufbauen will. - Aber der Mensch ist es, den Goethe aufbauen will; 
und im Grunde genommen will er die Natur nur begreifen, um 
zuletzt den Menschen in der Natur iiberall zu erblicken. 

Unter den Westmenschen, unter den Nerven-Sinnesmenschen 
entsteht der Darwinismus in derjenigen Form, wie ihn das 19. 
Jahrhundert erlebt hat. Da ist der Mensch nicht dasjenige, was in 
erster Linie dasteht; da dammert gewissermaften die Idee des Men- 



schen ab, da weifi man nichts mehr von dem Menschen als solchem, 
da wird der Mensch das hochststehende Tier. Da wird die Tierreihe 
studiert, da wird alles das an Kraften studiert, was in dieser Tierreihe 
spielt. Nicht der Mensch wird begriffen, sondern das hochste Tier 
wird begriffen. Und der Mensch gilt nur als das hochste Tier. Das 
Menschliche tritt zuriick. Dafiir aber der ausgesprochenste Sinn fur 
Naturerkenntnis, dafiir jene wunderbare Vertiefung in die Einzel- 
heiten alles desjenigen, was Entwickelungsanschauung ist zum 
Beispiel im Darwinismus. 

Niemals selbstverstandlich hatte aus orientalischer Anschau- 
ungsweise auch nur annahernd so etwas hervorgehen konnen wie 
Darwins Entstehung der Arten. Niemals auch hatte Goethe so 
etwas verfassen konnen. Was er verfafit hat, ich habe es immer 
wieder darzustellen versucht: es ist ganz anders geartet. Es ist nicht 
Darwinismus im spateren Sinne, es ist etwas, was sich davon 
unterscheidet. 

Dadurch aber, dafi dieser westliche Menschentypus der Nerven- 
Sinnesmensch ist, dadurch entsteht, ich mochte sagen, in riicklau- 
figer Entwickelung nun das Ideal der Naturerkenntnis, das Ideal der 
materiellen Erkenntnis, das Einleben in das Materieile. 

Und im Grunde genommen ist es die Denkweise der westlichen 
Welt, welche eingezogen ist in Mittel- und Osteuropa seit langen 
Zeiten. Denn dasjenige, was auf dem Grunde von Mitteleuropa 
selber erwachsen ist, das ist Fortsetzung des Griechentums. Was in 
Rufiland aus eigenem russischem Wesen erwachsen ist, das ist sogar 
in Fortsetzung des alten Orientalismus; dasjenige aber, was mo- 
derne Kultur des 19. Jahrhunderts immer mehr und mehr gewor- 
den ist, das ist dasjenige, was aus dem Nerven-Sinnesmenschen des 
Westens ist. 

So mufi man die drei Menschentypen, aus denen sich wiederum 

die Volker herausdifferenzieren, anschauen. So mufi man gewahr 
werden, wie allerdmgs die geistigste Geistigkeit instinktiv m der 
orientalischen Urmenschheit vorhanden war; wie das gemiitvolle 
Auffassen des Menschen im Griechentum vorhanden war und nur 
noch einen Nacliklang gezeigt hat am Ende des 18. und am Anfange 



des 19. Jahrhunderts in der mitteleuropaischen Kultur, die im 
Goetheanismus zutage getreten ist, und wie wir stehen unter dem 
Einflusse der Nerven-Sinneskultur, wie wir aus dieser heraus den- 
ken miissen. Sie bringt als solche ganz gewifi unmittelbar keine 
sittlichen Ideale hervor. Hat sie deshalb keinen sittlichen Wert? Ich 
habe gestern von sittlicher Weltanschauung naturalistisch denken- 
der Menschen Ihnen Proben vorgefiihrt, aus denen heraus man 
glauben konnte, dafi dieser neuere Naturalismus allerdings gar 
keinen sittlichen Wert hatte. Das ist nicht der Fall. Gewifi, er hat 
keinen sittlichen Inhalt. Sein sittlicher Inhalt ist alte Erbschaft und 
muE alte Erbschaft sein. Aber er hat einen sittlichen Wert. Welchen 
sittlichen Wert hat er? Er hat den sittlichen Wert, dafi der Mensch 
ein Naturbild als Weltbild sich bildet, das eben gerade ihm keine 
sittlichen Ideen gibt. Indem der Orientale sich vertiefte in seine 
Umwelt, bekam er die sittlichen Ideen mit seinem Naturbild mit. 
Und so, wie er der Natur folgte als Naturmensch, folgte er als 
sittlicher Mensch der sittlichen und der geistigen Welt. 

Der mittellandische Mensch stellt den Menschen vor sich selber 
hin. Er bekam das Bild des Menschen, indem er in die Welt 
hineinblickte. Aber damit zugleich, mochte ich sagen, verabstra- 
hierte sich die sittliche Idee. Sie muftte als eine Erbschaft sich geltend 
machen. Aber der Mensch fiihlte noch das Erwarmende dieser 
sittlichen Idee. Und im wesentlichen war vieles vom religiosen 
Leben derjenigen Zeit, in welcher die mittellandischen Volker 
tonangebend waren, dieses warme Fiihlen der sittlichen Weltenord- 
nung. Verlassen, einsam gegeniiber seinen sittlichen Empfindungen 
fiihlt sich der Mensch erst, indem er allerdings um sich das sitten- 
freie Naturbild hat. Da sieht der Mensch hinaus in die Welt, in der er 
als Naturwesen steht, der er angehort als Naturwesen. Sie gibt ihm 
nichts Sittliches. Will er Sittliches, so mufi er es aus dem Quell seines 
innersten Wesens hervorbringen. Er steht da vor der Welt, die ihm 
keine Direktive gibt. Er mufi die Direktive suchen. Freiheit hat 
keinen Sinn in der orientalischen spirituellen Urkultur. Freiheit 
bekommt ihren Sinn aus dem Naturalismus heraus. Sittliche Bedeu- 
tung hat dieser Materialismus, der hervorgeht aus dem Nerven- 



Sinnesmenschen der westlichen Volker. Diese Kultur verlangt vom 
Menschen, sich seiner Freiheit bewufk zu werden, sein Sittliches aus 
sich heraus zu gebaren. Wiirde man beim blofien Naturalismus 
bleiben - das war schon das Ergebnis der gestrigen Betrachtungen 
hier so wiirde man so wie diejenigen Personlichkeiten, deren 
Ausspriiche ich gestern angefiihrt habe, Sittlichkeit in Grund und 
Boden treten. Wiirde man aber nicht durch diesen gefahrlichen 
Zustand der Menschenentwickelung durchgegangen sein, wo Sitt- 
lichkeit in Frage stent, wo Sittlichkeit in die Freiheit des menschli- 
chen Entschlusses gegeben wird - die Menschheit konnte sich nicht 
zur Freiheit entwickeln! Das ist der Sinn der Menschheitsentwik- 
kelung, von einer spirituellen Urkultur bis zu der materiellen Kultur 
des Westens, die insbesondere fur das Wirtschaftsleben veranlagt 
ist, die eine Utilitatsethik im Grunde genommen an die Oberflache 
gebracht hat, die aber den Menschen in bezug auf den eigentlichen 
sittlichen Impuls das Bewufitsein der Freiheit geben mufi. 

Wir bekommen eine Grundlage fur die Betrachtung der Differen- 
zierungen der Volker, wenn wir von diesen drei Menschentypen 
ausgehen. Aber wir erlangen nimmermehr eine Charakteristik der 
vollen Menschheit, die wir heute brauchen fur den Menschen, wenn 
wir dasjenige nehmen, was aus diesen Einseitigkeiten hervorgeht. 

Lernen kann man gerade aus einer solchen Betrachtung, dafi 
dann, wenn der Mensch aus irgendeiner Lokalkultur, und ware das 
Lokal noch so grofi, herausgestaltet dasjenige, was in ihm veranlagt 
ist, so ist es eine Einseitigkeit. Die wunderbare Urkultur - eine 
Einseitigkeit, die Westkultur mit ihrem Materialismus - eine Ein- 
seitigkeit. 

Das alles gibt eine Vorstellung, wie einseitig dasjenige ist, was in 
den einzelnen Volkern lebt. Daher mufi der moderne Mensch, der 
nun einsieht, da£ iiber die ganze Erde hin eine gleichmafiige, nicht 

nur mateneli-wirtschaftiiche, sondern Seelenkultur wachsen mu$, 
der muS aus anderen Untergriinden heraus als dem Volkischen 
geistig-sittliche Ideen entwickeln. Die Menschheit ist dazu veran- 
lagt, denn in ihren verschiedenen Volkern bringt sie die einseitigen 
Begabungen, Aber iiber das Volkische mud der Einzelmensch 



hinauswachsen. Er wachst nur hinaus iiber das Volkische, wenn er 
nicht aus irgendeinem Volkstum anderes begriindet, als was zu 
diesem seinem Volkstum gehort, sondern wenn er aus diesem 
Volkstum heraus das allgemeine Menschentum zu gestalten vermag. 

Fur die ethische Grundlegung der Weltanschauung habe ich das 
versucht in meinem Buche, das Anfang der neunziger Jahre zum 
ersten Male erschienen ist, in meiner «Philosophie der Freiheit». Da 
ist versucht worden, den Menschen den Weg zu Freiheit und 
zugleich zur Sittlichkeit zu zeigen, so dafi in diesem Buche aber auch 
gar nichts gefunden werden kann, was nur aus einer einseitigen, 
volkischen Richtung heraus geboren ware. Da ist alles so gedacht, 
dafi es der Orientale so denken kann wie der Westmensch und wie 
der mittellandische Mensch. Da ist iiberhaupt von einer Volksdiffe- 
renzierung nichts darin. 

Da ist wie eine selbstverstandliche Note durch das ganze Buch 
durchgehend, dafi der Mensch noch nicht Vollmensch ist, wenn er 
sich als Angehoriger einer menschlichen Differenzierung fiihlt, 
einer Nation, eines Volkes fiihlt, dafi er Vollmensch ist erst, wenn er 
herauswachst aus dieser Differenzierung. Gewifi, der Mensch ist 
Russe, der Mensch ist Englander, der Mensch ist Franzose; aber der 
Franzose, der Russe, der Englander ist als solcher nicht Mensch, 
sondern der Mensch mufi aus seinem Volkstum heraus wachsen. Das 
zeigt gerade ein wirkliches verstandnisvolles Betrachten dieses 
Volkstums. 

Dann aber kommt man dazu, die Sittlichkeit auf die menschliche 
Individualist zu bauen. Und baut man sie auf die menschliche 
Individuality, dann kommt man darauf, worauf im sozialen Zu- 
sammenleben die Sittlichkeit beruhen mufi: Die Sittlichkeit mufi im 
sozialen Zusammenleben beruhen auf dem Vertrauen, das der 
einzelne Mensch zum einzelnen Menschen haben kann. Dieses 
Vertrauen mufi da sein konnen. Dahin mufi die Erziehung wirken, 
jene Erziehung, welche uns allein eine Besserung unserer sozialen 
Verhaltnisse bringen kann. 

Man erwahnt in gewissen Kreisen immer wieder und wiederum, 
daft nur der Zwang, dafi nur die Macht, nur die Organisation 



dasjenige sein konne, was innerhalb des menschlichen sozialen 
Organismus Ordnung macht. Nein, nimmermehr wird die Organi- 
sation Ordnung machen; sondern der soziale Organismus kann nur 
gedeihen, insoweit als ein Mensch zu anderen Menschen Vertrauen 
haben kann, als die Sittlichkeit in der menschlichen Individualitat 
verankert wird. 

«Ethischer Individualismus» wurde genannt dasjenige, was ich in 
meiner «Philosophie der Freiheit» zu begriinden versuchte, «Ethi- 
scher Individualismus» aus dem Grunde, weil in der Tat dasjenige, 
was als Ethik, was als sittliche Idee auftritt, aus der Individualitat des 
einzelnen Menschen heraus auftreten mull. 

Aber nun kommt das Bedeutsame. Ich habe Ihnen gestern eine 
Stelle vorgelesen von einer Persdnlichkeit, die mit dem Materialisten 
Moleschott korrespondierte. Da wird gesagt: Die sittlichen Impulse 
sind in jedem Menschen, deshalb in jedem Menschen anders. - 
Sehen Sie, das ist Materialismus. Die wirkliche Einsicht ist die genau 
entgegengesetzte. Wahr ist es: die ethische Grundlegung ist in jedem 
menschlichen Individuum. Aber im hochsten Sinne tritt uns das 
wunderbar entgegen, dafi sie in jedem menschlichen Individuum 
dieselbe ist; nicht eine irgendwie vorherbestimmte Gleichheit, nicht 
eine organisierte Gleichheit, sondern eine gegebene Gleichheit ist 
es, die unter den Menschen auftritt. Und immer wieder von neuem 
treten wir vor jeden Menschen hin, um mit jedem Menschen 
zusammen vertrauensvoll sittliche Impulse zu begriinden. 

Das ist dasjenige, was den ethischen Individualismus, wenn er 
richtig erfafit wird, wenn er begriffen wird als der wahre Akt der 
menschlichen Freiheit, zu gleicher Zeit zur universellen Ethik 
macht, und was uns hoffen lafit, dafi wir dahin kommen als sittliche 
Menschen, dafi wir ebensowenig, wie, wenn wir einander auf der 
Strafie begegnen, es richtig finden, daf? der eine den anderen, indem 
er an ihm vorbeigeht, anrempelt - man weicht sich seibstverstand- 
lich aus -, so wird, wenn jenes Menschenbewulksein, von dem ich 
Ihnen gestern und vorgestern gesprochen habe, aus geisteswissen- 
schaftlichen Untergriinden die Menschen ergreift, so wird sie sol- 
ches Empfinden, seiches Der. ken in den Menschen erzeugen, dafi 



dasjenige, was sittlich unter ihnen lebt, so selbstverstandlich wird, 
wie das, daf$ man sich nicht anrempelt gegenseitig, wenn man 
aneinander vorbeigeht. Wir konnen, wenn wir so als Menschen 
nebeneinander leben, dafi wir den Menschen, begegnend in welcher 
Lage immer im Leben, verstehen werden; wir konnen Sittlichkeit 
aus der Menschennatur selbst heraus bringen. Das zeigt, wie, 
ausgehend von geistig-orientalischen Urzeiten, zum Menschen- 
fiihlen in der Erdenmitte, zur menschlichen Abstrahiemng, zum 
menschlichen Verstehen der Welt, zum Verstehen sowohl der Welt 
als der Natur, wie das der Weg ist, um endlich den Menschen 
wirklich zum Erfassen der Freiheit zu bringen. 

Aber nur dann, wenn er aus geisteswissenschaftlichen Unter- 
griinden heraus die Sittlichkeit wieder findet. Im Oriente war sie 
gegeben durch den Inhalt der sittlichen Ideen, die aber noch wie mit 
einer Naturnotwendigkeit durch den Menschen hindurch wirken. 
Aus dieser Naturnotwendigkeit wurde herausgeworfen der Inhalt 
des Sittlichen. Der Mensch stand gewissermafien sittlich nackt vor 
der Natur, sittlich blofi vor der Natur. Er soli in sich, in seiner 
Individualist, die Sittlichkeit wieder gebaren. Er wird sie nur 
wieder gebaren, wenn er sie aus dem wiedergefundenen Geistigen 
seines innersten Wesens heraus gebaren kann. 

Das ist dasjenige, was Geisteswissenschaft, Geisteserkenntnis 
will: ein sittliches Wollen zu gebaren, das wirklich unseren sozialen 
Aufstieg bewirken kann. Geisteswissenschaft mochte das, weil sie 
glaubt, einsehen zu miissen, dafi der Menschheit der Gegenwart und 
Menschheit der nachsten Zukunft insbesondere das notwendig sei, 
dafi soziale Gesundung nur hervorgehen konne aus geistiger Gesun- 
dung. 

Sie haben in den gestrigen und vorgestrigen Bemerkungen viel 
davon gehort, wie schmahlich oftmals die Angriffe sind, die sich 
gegen diese Geisteswissenschaft heute geltend machen. Ich konnte 
Ihnen davon noch vieles erzahlen, doch will ich es nicht in diesem 
Augenblicke tun. Aber sagen mochte ich dies heute zum Schlusse: 
wie auch die Angriffe sich geltend machen, wenn sie selbst in der 
Lage waren, diejenigen Bestrebungen, die heute auf geisteswissen- 



schaftlichem Gebiete gemacht werden, fiir diesen weltgeschichtli- 
chen Augenblick zu zerstoren: Geisteswissenschaft miifite doch 
wiederum von neuem entstehen! Denn ihre Hoffnung ist nicht 
begriindet auf ein subjektives Wollen eines einzelnen oder einiger 
weniger oder auch einer Sekte, nein, ihre Hoffnung ist begriindet 
darauf, dafi die Menschheit mit Bezug auf ihre seelischsten, wich- 
tigsten Angelegenheiten der Gegenwart und nachsten Zukunft diese 
Geisteswissenschaft und alles, was lebensvoll mit ihr zusammen- 
hangt, braucht. Darauf wird gerechnet in den Hoffnungen der 
Geisteswissenschaft, dafi diese Geisteswissenschaft gedeihen wird, 
weil die Menschheit sie braucht, was die Menschheit so verlangt, wie 
sie eine Erneuerung des Geisteslebens verlangt. Das kann vielleicht 
fiir den Augenblick durch Boswilligkeiten, durch Unverstand nie- 
dergetreten werden. Fiir die Dauer aber kann es nicht uberwunden 
werden. Denn was die Menschheit brauchen wird, das wird ihr 
werden, mogen die Gegner noch so greulich, noch so boswillig oder 
mifiverstehend sein, es wird dasjenige, was zum Besten der Mensch- 
heit geschehen soil, geschehen, weil es aus inneren, aus geistig-gott- 
lichen Griinden heraus geschehen muli. 



HINWEISE 



Innerhalb der in diesem Band vereinigten elf offentlichen Vortrage aus dem Jahre 1920 greift 
Rudolf Steiner erneut die Grundfragen einer Neugestaltung des sozialen Lebens auf, die er 
bereits im Jahre 1919 in zahlreichen Vortragen zunachst in der Schweiz (siehe: «Die soziale 
Frage», GA Bibl.-Nr. 328, und «Soziale Zukunft», GA Bibl.-Nr. 332a) und dann auch in 
Deutschland (siehe: «Neugestaltung des sozialen Organismus», GA Bibl.-Nr. 330/331, und 
«Gedankenfreiheit und soziale Krafte», GA Bibl.-Nr. 333) ausfiihrlich behandelt hat. 

Mit der Veroffentlichung seiner Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage» (GA 
Bibl.-Nr. 23) im April 1919 und dem in mehreren groften Tageszeitungen publizierten 
Aufruf « An das deutsche Volk und an die Kulturwelt» war durch Rudolf Steiner die geistige 
Grundlage gegeben, die zur Griindung des «Bundes fur Dreigliederung des sozialen 
Organismus» und zu zahlreichen Aktivitaten auf sozialem Felde fiihrte. So setzte Rudolf 
Steiner auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens in zahlreichen Vortragen und Besprechungen 
Akzente, die die Begriindung von Betriebsraten in mehreren Stuttgarter Betrieben zur Folge 
hatten. Urn die Befreiung des Geisteslebens aus staatlicher Bevormundung ging es ihm bei 
seiner Aufforderung zur Griindung von Kulturraten und der Begriindung der ersten 
Waldorfschule in Stuttgart im Herbst 1919, die Ausgangspunkt fur eine heute weltweite 
Schulbewegung wurde. 

Die schwierigen aufieren Bedingungen und die mangelnde Bereitschaft der Menschen, 
wirklich neue Wege auf sozialem Gebiete zu beschreiten, liefien eine Realisierung der Ideen 
Rudolf Steiners zunachst nicht zu. Es mag daher nicht verwundern, dafi er im Jahre 1920 - 
und dies wird in den in diesem Band vorliegenden Vortragen besonders deutlich - in den 
Mittelpunkt seiner Vortrage wesentliche Aspekte der geisteswissenschaftlichen Forschung 
(Anthroposophie) stellte. Hinzu kommt, dafi durch das Hereinwirken anthroposophischen 
Gedankengutes in das offentlich-praktische Leben auch die Kritiker und Gegner immer 
starker auf den Plan gerufen wurden. So ist zum Beispiel die Sprechweise Rudolf Steiners 
innerhalb der Basler Vortrage vom Mai 1920, die er zeitlich parallel zu dem sogenannten 
«Basler Lehrerkurs» (siehe: «Die Erneuerung der padagogisch-didaktischen Kunst durch 
Geisteswissenschaft», GA Bibl.-Nr. 301) gehalten hat, stark mitbestimmt von der sich in der 
Schweiz zusehends ausbreitenden Verleumdungskampagne gegen Rudolf Steiner und die 
Anthroposophie. Angesichts dieser Situation sah er sich auch in diesen Vortragen immer 
wieder zu grundlegenden Darstellungen der Geisteswissenschaft veranlalk. 

Der vorliegende Band enthalt drei in sich geschlossene Vortragsreihen (Basel 5.-7. Januar, 
Zurich 17./18. Marz, Basel 4.-6. Mai 1920), sowie drei Einzelvortrage, die alle innerhalb 
eines recht kurzen Zeitraumes an verschiedenen Orten gehalten wurden, wodurch aus der 
Sache heraus manche Wiederholungen auftreten. Dennoch meinen die Herausgeber es 
vertreten zu konnen, alle elf Vortrage der Offentlichkeit zuganglich zu machen, da im 
Hinblick auf das recht unterschiedliche Publikum (Mitglieder des Schweizer Staatsbiirger- 
Vereins, Besucher der Mustermesse in Basel u. a.) der Gesamtduktus der einzelnen Vortrage 
immer wieder von neuen Gesichtspunkten bestimmt ist. 



Textgrundlagen: Die Vortrage wurden von der Stenographin Helene Finckh mitstenogra- 
phiert und in Klartext iibertragen. Fiir den Druck wurden die Originalstenogramme neu 
iiberpriift. An einigen Stellen weisen diese Liicken auf, die im hier gedruckten Vortragstext 
durch eine eckige Klammer [. . .] gekennzeichnet sind. Dieses Kennzeichen stent auch dann, 
wenn vom Herausgeber einzelne Worte oder kurzere Textpassagen fortgelassen wurden, die 
aufgrund von Schwierigkeiten beim Mitstenographieren bzw. bei der Ubertragung in 
Klartext eine sachgemafie Rekonstruktion des Wortlautes oder auch des Sinnzusammen- 
hanges nicht mehr zulassen. Gegebenenfalls sind die «Hinweise» zu beachten. Die Vortrage 
waren unter den in diesem Band verwendeten Titeln offentlich angekiindigt worden. 

Einzelausgaben 

Basel, 5., 6., 7. Januar 1920 in: Schriftenreihe «Geisteswissenschaftund die Lebensforde- 
rungen der Gegenwart», Heft I, Dornach 1920 
Zurich, 19. Marz 1920 in: Schriftenreihe wie oben, Heft IV, Dornach 1950 

Veroffentlichungen in Zeitschriften 

Zurich, 17. Marz 1920 in franzosischer Sprache in: «La Science spirituelle«, 1928, Nr. 203 
Zurich, 18. Marz 1920 in: «Das Goetheanum», 13. Jg. 1934, Nr. 31 (ohne Schlufiwort); das 

Schlufiwort erschien (unvollstandig) in: «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft 

vorgeht», 1 1. Jg. 1934, Nr. 39/40; desgl. Vortrag ohne Schlufiwort in: «Die Menschenschu- 

le», 32. Jg. 1958, Heft 6 
Basel, 4., 5., 6. Mai 1920 in: «Die Menschenschule», 32. Jg. 1958, in den Heften 7/8, 9 und 

10/11. 

Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit 
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes. 

zu Seite 

1 1 Goetbeanum: Zentrum der Anthroposophischen Bewegung in Dornach bei Basel, 
Hochschule fur Geisteswissenschaft; kiinstlerisch in Holz gestalteter Doppelkup- 
pelbau, erbaut 1913-1922 unter der kiinstlerischen Leitung Rudolf Steiners. Der im 
Innern noch nicht ganz fertiggestellte, aber seit 1920 in Betrieb genommene Bau 
wurde in der Silvesternacht 1922/23 durch Brand vernichtet. Fiir einen zweiten Bau 
schuf Rudolf Steiner das Aufienmodell; er wurde 1928/29 fertiggestellt. Vgl. Rudolf 
Steiner, «Wege zu einem neuen Baustil», GA Bibl.-Nr. 286. 

1 8 in der dltesten Griecbenzeit, die Friedrich Nietzsche genannt hat das tragische Zeitalter 
der Griechen: Seinen «Versuch», die Geschichte der alteren griechischen Philosophen 
«zu erzahlen», iiberschrieb Nietzsche mit den Worten «Die Philosophic im tragischen 
Zeitalter der Griechen». Siehe auch: Friedrich Nietzsche, «Wissenschaft und Weisheit 

im Kampfe», Gesamtausgabe hg. v. K, Schlechta, Miinchen 1956, Bd. Ill, S. 338. 

20 die Erde arbeitet so, wie wenn sie nicht blojl von 1500 Mdlionen Menschen, sondern 
von 2200 Millionen Menschen bewohnt ware: Siehe Rudolf Steiners Vortrag vom 27. 
Dezernber 1919 m «Gedankenfreiheit und soziale Krafte», GA Bibl.-Nr. 333, Dor- 
nach 1971, S. 131 ff. 



21 Homunkulus: Siehe j. W. v. Goethe, «Faust», ZweiterTeil, I.aborarormm. 



25 Im einzelnen habe ich beschrieben: Die Ubungswege sind ausfiihrlich in den folgen- 
den Schriften Rudolf Steiners dargestellt: 

«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Weiten?» (1904), GA Bibl.-Nr. 10; «Die 
Geheimwissenschaft im UmrilS» (1910), GA Bibl.-Nr. 13; «Ein Weg zur Selbster- 
kenntnis des Menschen» (1912), GA Bibl.-Nr. 16; «Die Schwelle der geistigen Welt» 
(1913), GA Bibl.-Nr. 17. 

28 Da sagt ein Mann, der, nun, «Universitdtsprofessor» ist: Gemeint ist Friedrich Traub, 
Verfasser der Schrift «Rudolf Steiner als Philosoph und Theosoph», Tubingen 1919. 
Steiner behandelt diese Broschiire ausfuhrlich in seinem Vortrag vom 16. November 
1919 in «Die geistigen Hintergriinde der sozialen Frage», IV. Band, Dornach 1951. 

30 Nikolaus Kopernikus, 1473-1543, Astronom. 
Galileo Galilei, 1564-1642, Physiker und Astronom. 
Giordano Bruno, 1548-1600, Philosoph. 

Wilhelm Conrad Rontgen, 1845-1923, Physiker. 
Antoine Cesar Becquerel, 1788-1878, Physiker. 

31 ein Buch uber den Sozialismus . . . v on Robert Wilbrandt: Dieses Buch mit dem Titel 
«Sozialismus», Jena 1919, endet mit den Worten: «Und der Sozialismus wird, wenn 
jemals verwirklicht, als Gesellschaftsbediirfnis pflegen, was heute gepredigt, doch in 
der Welt fremd ist: das Christentum.» (S. 338) 

32 Ein Mann . . . hat nun auch seine Kriegserinnerungen geschrieben: Ottokar Graf von 
Czernin (1872-1932); 1916 osterreichischer Aufienminister, mulke 1918 zuriicktre- 
ten; er setzte sich fur eine rasche Beendigung des Krieges ein. Das von Steiner 
angefiihrte Zitat beschliefit das von Czernin im Jahre 1919 verfafite Werk «Im 
Weltkrieg», Berlin/Wien 1919, S. 372/373. 

33 Ich habe noch in diesen Tagen einen merkwiirdigen Vortrag gelesen: Der Name des 
Redners und das Thema des Vortrages konnten bisher noch nicht festgestellt werden. 

42 Kindererziehung — Volkserziehung - Volksleben: Siehe auch Rudolf Steiner, «Drei 
Vortrage iiber Volkspadagogik» (1919), in «Geisteswissenschaftliche Behandlung 
sozialer und padagogischer Fragen», GA Bibl.-Nr. 192 

48 den vielverkannten Naturforscher, nicht den Dichter Goethe: Vgl. Rudolf Steiner, 
«Goethes Naturwissenschaftliche Schriften. Samtliche Einleitungen zur Herausgabe 
in Kiirschners 'Deutsche National-Litteratur>», GA Bibl.-Nr. 1. 

49 die Metamorphose: V^l. Rudolt Steiner, «Die Metamorphosenlehre», in «Goethes 
Weltanschauung* (1897), GA Bibl.-Nr. 6, Dornach 1963, S. 101 ff. 

50 um mitzuarbeiten am Goethe- und Schiller- Archiv: Siehe Rudolf Steiner, «Mein 
Lebensgang» (1923-25), IX. Kap., GA Bibl.-Nr. 28. 

51 in meinem vor zwei Jahren erschienenen Buch «Von Seelenratseln»: Siehe hier 
besonders das Kapitel «Die physischen und die geistigen Abhangigkeiten der Men- 
schen-Wesenheit» (1917), GA Bibl.-Nr. 21. 



52 Erkenntnismethoden . . . , welche cbarakterisiert sind in meinem Buche: Siehe Hin- 
weis zu S. 25. 

57 so hat Schopenhauer ein treffliches Wort gesprochen: Wortlich heifit es: «Da ergibt 
sich, dafi Moral-Predigen leicht, Moral-Begriinden schwer ist.» Siehe Arthur Scho- 
penhauer, Samtliche Werke in 12 Banden mit Einleitung von Dr. Rudolf Steiner, J. G. 
Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin 1894, 6. Band, S. 361. 

58 daft zum Beispiel Kant den Ansspruch tun konnte: Wortlich heifit es bei Kant: «Zwei 
Dinge erfullen das Gemiit mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und 
Ehrfurcht, . . .: Der gestirnte Himmel iiber mir, und das moralische Gesetz in mir.» 
In: «Kritik der praktischen Vernunft», 2. Teil, «Methodenlehre der reinen praktischen 
Vernunft», Beschlufi S. 221, Ehemalige Kehrbachsche Ausgabe, herausgegeben von 
Dr. Raymund Schmidt, Leipzig o.J. Siehe auch Rudolf Steiner, «Luzifer-Gnosis. 
Grundlegende Aufsatze zur Anthroposophie», GA Bibl.-Nr. 34, Dornach 1960, S. 
103, und «Die Ratsel der Philosophies GA Bibl.-Nr. 18, Dornach 1968, S. 156. 

Immanuel Kant, 1724-1804, «Kritik der reinen Vernunft», Riga 1781; «Kritik der 
praktischen Vernunft», Riga 1788. 

64 ah kategorischen Imperativ: «Handle so, dafi die Maxime deines Willens jederzeit 
zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten konnte», in: I. Kant, 
«Kritik der praktischen Vernunft», a.a.O., I. Teil, § 7. 

68 in meiner «Philosophie der Freiheit»: «Die Philosophic der Freiheit. Grundziige einer 
modernen Weltanschauung* (1894), GA Bibl.-Nr. 4. 

69 Kant sprach einstmals von der zwingenden Pflicht: Wortlich heifit es in seiner «Kritik 
der praktischen Vernunft», a.a.O., S. 212: «Pflicht! Du erhabener, grofier Name, der 
du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich fuhrt, in dir fassest, sondern 
Unterwerfung verlangst.». 

Friedrich Schiller, 1 759-1 805, «Uber die asthetische Erziehung des Menschen, in einer 
Reihe von Briefen» (1793-95). 

70 «Gern dien' ich den Freunden»: Siehe Fr. Schiller, Gedichte, «Die Philosophen. 
G ewissensskrupel » . 

was Goethe . . . sagt: Siehe «Spriiche in Prosa», 6. Abt. «Ethisches», in «Goethes 
Naturwissenschaftlichen Schriften», herausgegeben und kommentiert von Rudolf 
Steiner in Kiirschners «Deutsche National-Litteratur» (1883-97), 5 Bande, Nach- 
druck Dornach 1975, GA Bibl.-Nr. la-e. 

73 in meinem Buch: «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten 
der Gegenwart und Zukunft» (1919), GA Bibl.-Nr. 23. 

75 Erich Wasmann, 1859-1931, Jesuit, Insektenforscher; insbesondere erforschte er das 
Leben der Ameisen. Er schrieb u.a. «Mensch- und Tierseele», Koln 1904. 

77 Ein Mann . . . versuchte in einem Vortrag vor kurzem eine Widerlegung: Gememt ist 
der Tiibinger Professor Friedrich Traub, der in Reutlingen gegen Steiner sprach. 
Walter Johannes Stein, Lehrer an der Waidorfschuie in Stuttgart, berichtete am 14. 
Dezember 1919 in Dornach: «Ich meldete mich zur Diskussion. Ich stellte Traub hin 
als cn^n pewissenlosen, der Matene, die er behandelt, sanzhch unkundigen Men- 



schen. Sein Schlufiwort brachte er nur noch stammelnd hervor. Der Stadtpfarrer, der 
eroffnete, wurde durch Bibeltexte in die Enge getrieben, so dafi er in bezug auf die 
Stelle, wo Christus von der Reinkarnation spricht, sagte: <Hier irrt Christus!»> 

77 ein Domkapitular: Es handelt sich um den katholischen Domkapitular Laun, iiber den 
Rudolf Stein er in seiner Einleitung zum Vortrag vom 28. November 1919, GA 
Bibl.-Nr, 194, Dornach 1977, S. 239, folgendes ausfiihrte: 

«Eine kleine Einleitung mufi ich dem Vortrag vorausschicken, weil ich Sie doch 
gewissermafien informieren muU, besonders in der jetzigen Zeit, iiber verschiedene 
Dinge, die vorgehen. Da mochte ich Ihnen nur eine kleine Notiz vorlesen, die unser 
Freund Dr. Stein in der letzten Nummer der <Dreigliederung des sozialen Organis- 
mus> geschrieben hat -, ein kleiner Artikel, der heifit <Neue Wahlverwandschaften>: 
< Am 1 1 . November hielt im Sieglehaus in Stuttgart Domkapitular Laun einen ganzlich 
unbedeutenden Vortrag iiber das Thema <Theosophie und Christentum>, von dem wir 
keinerlei Notiz nehmen wiirden, wenn er nicht nach einer sogleich zu charakterisie- 
renden Richtung symptomatisch gewesen ware. Der Vortragende folgte namlich in 
seinem Gedanken - genauer miifste man sagen: in seiner Satzeanordnung - den 
Ausfuhrungen der Broschiire des Professors Traub, die den Titel tragt: <Steiner als 
Philosoph unhd Theosoph>. Natiirlich blieb Traub unerwahnt, aber es war symptoma- 
tisch-interessant zu sehen, wie ein katholischer Domkapitular gemeinsame Sache 
machte mit dem evangelischen Professor - hinter den Kulissen. Katholische und 
evangelische Partei (denn Religionen sind das doch nicht mehr) kampfen gemeinsam 
gegen Steiner. Was sich vor aller Augen bekampft - hinter den Kulissen versteht es 
einander. Welcher Art die Kampfmittel des Vortragenden waren, geht wohl zur 
Geniige hervor, wenn ich erwahne, dafi nach dem Vortrag keiner Diskussion stattge- 
geben wurde und dafi der Vortragende darauf hinwies, dafi, wer sich iiber Steiner 
orientieren wolle, dies bei Gegnern Steiners, die er aufzahlte, tun konne, nicht aber 
durch Steiners Schriften selbst, da dies der Papst verboten haben. Dr. J. W. Stein.» 
(Nr. 21 der Zeitschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus», Stuttgart.) 

80 John Maynard Keynes, 1883-1946; englischer Nationalokonom, Professor an der 
Universitat Cambridge. Wahrend des Krieges trat er in das englische Schatzamt ein. Er 
hat in dieser Eigenschaft an den mit der Finanzierung des Krieges verkniipften Fragen 
an einflufSreicher Stelle mitgearbeitet und schliefilich als britischer Finanzvertreter 
und als Vertreter des englischen Schatzkanzlers beim Obersten Wirtschaftsrat an der 
Pariser Konferenz teilgenommen. Am 7. Juni 1919 legte er seine Amter nieder, 
nachdem er erkannt hatte, dafi wesentliche Anderungen der Friedensbedingungen 
nicht zu erreichen sein wiirden. Siehe hierzu auch seine Schrift «Die wirtschaftlichen 
Folgen des Friedensvertrages», deutsch von M. J. Bonn und C. Brinkmann, Miinchen 
und Leipzig 1920. 

Thomas Woodrow Wilson, 1856-1924, President der Vereinigten Staaten von Amerika 
von 1913-1921. Er verkiindet am 8. Januar 1918 als Haupt der Entente die auf das 
Selbstbestimmungsrecht der Volker aufgebauten «Vierzehn Punkte» fur die Neuge- 
staltung der Welt nach dem Ersten Weltkrieg. 

die inhaltsleeren und abstrakten Auseinandersetzungen Woodrow Wilsons: Wortlich 
heifk es in der von Keynes 1920 verfafiten Schrift a.a.O., S. 32: «Zu Beginn der Pariser 
Konferenz glaubte man allgemein, der President habe mit Hilfe eines grofien Stabes 
von Beratern einen Plan nicht nur fur den Volkerbund, sondern auch zur Verkorpe- 
rung der 14 Punkte in einem ausfuhrlichen Friedensvertrag entworfen. In Wirklich- 



keit hatte der President nichts entworfen. . . Als man zur Ausftihrung seiner Gedan- 
ken schritt, waren sie nebelhaft und unvollstandig. Er hatte keinen Plan, keinen 
Entwurf, keinen aufbauenden Gedanken irgendwelcher Art, um die Gebote, die er 
vom Weifien Hause mit Donnerstimme verkiindet hatte, mit dem Blute des Lebens zu 
erfiillen. Er hatte iiber jedes einzelne dieser Gebote eine Predigt halten oder ein 
majestatisches Gebet an den Allmachtigen um ihre Erfullung richten konnen; ihre 
konkrete Anwendung auf den augenblicklichen Zustand Europas konnte er nicht 
gestalten.» 

81 Georges Clemenceau, 1841-1929, franzosischer Ministerprasident 1917-1920; siehe 
J. M. Keynes, a.a.O., S. 23 ff. 

David Lloyd George, 1863-1945, englischer Premierminister 1916-1922, siehe J. M. 
Keynes, a.a.O., S. 30 ff. 

83 Er sagt, man konne nur erhoffen: Wortlich heifit es dort auf S. 242: «Der Bankerott 
und Verfall Europas wird, wenn wir ihn weiter fortschreiten lassen, auf die Dauer 
einen jeden erreichen, nur vielleicht nicht in auffallender und unmittelbarer Weise. 
Das hat sein Gutes. Wir konnen immer noch Zeit haben, unsere Politik zu iiberpriifen 
und die Welt mit neuen Augen anzusehen. Denn in der unmittelbaren Zukunft liegt 
das Schicksal Europas nicht mehr in der Hand eines einzelnen. Die Ereignisse des 
kommenden Jahres werden nicht von den planvollen Handlungen der Staatsmanner, 
sondern von den verborgenen Stromungen gestaltet werden, die standig unter der 
Oberflache der politischen Geschichte dahinfliefien und deren Ergebnisse niemand 
voraussagen kann. Nur in einer Weise konnen wir sie beeinflussen, dadurch, dafi wir 
die Krafte der Bildung und der Phantasie in Bewegung setzten, die die offentliche 
Meinung andern. Die Wahrheit aussprechen, Trugbilder blofilegen, Hafi zerstreuen, 
Herz und Geist der Menschen weiten und bilden, das mussen die Mittel sein.» 

In friiheren Vortragen: Vgl. die in Zurich gehaltenen Vortrage «Die soziale Frage», 
GA Bibl.-Nr. 328, und «Soziale Zukunft», GA Bibl.-Nr. 332a. 

86 Deshalb sagte Goethe: Vgl. «Naturwissenschaftliche Schriften», Hinweis zu S. 70, 4. 
Bd., 2. Abt., Spriiche in Prosa, 1. Abt. Das Erkennen, S. 353. 

88 Dornacher Ban: Siehe Hinweise zu S. 11 

89 in meinem Buche: Siehe Hinweis zu S. 25 

93 Johannes Scherr, 1817-1886; Kultur- und Literaturhistoriker; zuletzt Professor am 
Polytechnikum in Zurich. 

94 Richard Avenarius, 1 843-1 896, Philosoph; er lebte zuletzt in Zurich. Mit seiner Lehre 
des «Empiriokritizismus» versuchte er, ahnlich wie Ernst Mach, eine von dogmati- 
scher Metaphysik unabhangige Wirklichkeitslehre zu schaffen. Lenin hat den Begriff 

«Empiriokritizismus» wieder aufgenommen, polemisierte aber gegen eine empiriokri- 
tische Auslegung der marxistischen Lehre. Bedeutende Werke von Avenarius : «Philo- 
sophie als Denken der Welt gemaft dem Prinzip des kleinsten Kraftmafies» (1876), 
«Kritik der reinen Erfahrung», 2 Bde., Leipzig, 1888/90, «Der menschliche Weltbe- 
griff- (1891). 

Ernst Mach, 1838-1916; osterreichischer Physiker und Philosoph, einer der Begriin- 
der des «Empiriokritizismus»; in der Erkenntnistheorie erneuerte er die Anschau- 



ungen Berkeleys und Humes. Seine erkenntnistheoretischen Ansichten waren von 
grofiem Einflufi auf die theoretische Physik (Machsche Zahl) und wurden vom 
«Wiener Kreis» ausgebaut. Werke: «Die Mechanik in ihrer Entwicklung» (1883), 
«Die Analyse der Empfindungen und das Verhaltnis des Physischen zum Psychi- 
schen» (1886), «Erkenntnis und Irrtum» (1905), «Die Leitgedanken meiner naturwis- 
senschaftlichen Erkenntnislehre» (1919). 

94 einen Schiiler [von Ernst Much]: Es handelt sich um Friedrich Adler (1879-1960), 
einem fiihrenden Theoretiker des Austromarxismus und Anhanger des Empiriokriti- 
zismus; er versuchte, den Marxismus durch die «machistische Philosophie» zu 
erganzen. Am 21. Oktober 1916 erschofi er den osterreichischen Ministerprasidenten 
Graf Stiirgkh, wurde zum Tode verurteilt, 1918 freigelassen. Spater war er einer der 
Fiihrer der «Sozialistischen Arbeiterinternationale». 

95 Welches ist die Staatspbilosophie der Bolschewisten ?: Rudolf Steiner stiitzt sich hier auf 
einen Aufsatz von Nicolay A. Berdjajev iiber «Die politische und die philosophische 
Wahrheit», der in der von Elias Hurwicz herausgegebenen Schrift «Rufilands politi- 
sche Seele» 1918 in Berlin veroffentlicht wurde. In Rufiland erschien dieser Aufsatz 
bereits im Jahre 1909 in der Sammelschrift «Wjechi» (d.h. «Grenzpfahle»). Auf S. 93 
der deutschen Ausgabe heifit es u.a.: «Dann ging sie (die russische Intelligenz, Anm. 
d. Hg.) sogar zu dem schwer verdaulichen Avenarius iiber, weil die abstrakteste, 
<reinste> Philosophie von Avenarius ohne dessen Wissen und Schuld plotzlich als eine 
Philosophic des <Bolschewismus> hingestellt wurde. » Vgl. auch Rudolf Steiner, «Die 
soziale Grundforderung unserer Zeit. In geanderter Zeitlage», GA Bibl.-Nr. 186, 9. 
und 10. Vortrag, und den 3. Vortrag in «Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer 
und padagogischer Fragen», GA Bibl.-Nr. 192, und «Die soziale Frage», GA 
Bibl.-Nr. 328, Vortrag vom 25. Februar 1919. 

101 In der Ausspr ache referierte zunachst ein Zuhorer den Stand der Erorterungen um die 
Einfuhrung einer einheitlichen internationalen Sprache, Esperanto. In einem sich 
daran anschliefienden Votum eines weiteren Zuhorers wurde die Frage gestellt, 
welche Aussichten es fur Rudolf Steiner gebe, um aus dem geschilderten Chaos 
herauszukommen. 

114 Waldorfschule: Auf Anregung Emil Molts, des Direktors der Waldorf- Astoria-Ziga- 
rettenfabrik, wurde im Herbst 1919 in Stuttgart unter der Leitung Rudolf Steiners die 
erste Freie Waldorfschule als einheitliche Volks- und Hohere Schule gegriindet. 

Diese Waldorfschule will nicht eine Weltanschauungsschule sein: Siehe hierzu auch 
Rudolf Steiner, «Die Erneuerung der padagogisch-didaktischen Kunst durch Geistes- 
wissenschaft», 11. Vortrag, GA Bibl.-Nr. 301. 

115 gewisse Epochen . . . in dem werdenden Menschen: Vgl. Rudolf Steiner, «Die Erzie- 
hung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» (1907) (Einzelaus- 
gabe), in «Luzifer-Gnosis. Grundlegende Aufsatze zur Anthroposophie», (1903-08), 
GA Bibl.-Nr. 34. 

120 Als ich fur die Lehrer der Waldorfschule den pddagogischen Kursus ahgehalten hahe: 
Der gesamte Kursus aus dem Jahre 1919 liegt innerhalb der Gesamtausgabe in den 
folgenden drei Banden vor: « Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Padago- 
gik», GA Bibl.-Nr. 293; «Erziehungskunst. Methodisch-Didaktisches», GA 
Bibl.-Nr. 294; «Erziehungskunst. Serminarbesprechungen und Lehrplanvortrage», 
GA Bibl.-Nr. 295. 



125 Lenin und Trotzki . . . sie werden nur den Egoismus organisieren: Siehe hierzu Lenins 
Schrift «Staat und Revolution*, Belp/Bern 1918, und Trotzkis Vortrag vom 28. Marz 
1918 «Arbeit, Disziplin und Ordnung werden die sozialistische Sowjet-Republik 
retten», S. 17 f., Basel 1918. 

128 was Goethe vorschwebte: Vgl. J. W. v. Goethe, «Winckelmann», Sophien-Ausgabe 
Weimar 1891, Band 46, S. 29 u. 22. 

130 In der Aussprache erortern ein Zuhorer und Emil Molt Probleme des Epochenunter- 
richtes, des Verhaltnisses von Waldorfschule und Lebenspraxis und des Verhaltnisses 
Unternehmer- Arbeiter . 

133 Ick babe gerade . . . einen Artikel geschrieben: Der genannte Artikel erschien 
erstmalig in der vom «Bund fur Dreigliederung des sozialen Organismus» herausgege- 
benen Zeitschrift « Dreigliederung des sozialen Organismus», Nr. 37, Marz 1920. 
Innerhalb der Gesamtausgabe befindet sich der Aufsatz in dem Band «Aufsatze iiber 
die Dreigliederung des sozialen Organisumus und zur Zeitlage 1915-1921 », GA 
Bibl.-Nr. 24. 

134 Ftirst Peter Krapotkin (auch: Kropotkin), 1842-1921; Vertreter des «Kommunisti- 
schen Anarchismus». Krapotkin strebte die Abschaffung des Privateigentums und des 
Staates an und wollte die Gesellschaft auf dem Prinzip «gegensei tiger Hilfe» in 
freiwilligen Assoziationen aufbauen. Er verfalke u. a. das Buch «Gegenseitige Hilfe in 
der Entwickelung», Leipzig 1904, und «Ethik», 1922, deutsch 1923. 

144 was im alien Griecbenland Nabrstand, Webrstand, Lebrstand umfajit hat: Diese 
Formulierung stammt von Erasmus Alberus (1500-1553), ahnlich auch Luther; sie 
fafit das von Plato in der «Politeia» iiber die Stande Gesagte zusammen; siehe den 
«phonikischen Mythos», wonach Gott den Herrschenden (Weisen) bei der Geburt 
Gold, ihren Beihelfern, den Wachtern, Silber, den Bauern und Handwerkern aber 
Eisen und Erz beigemischt habe (Politeia, III. Buch, 414, Stephanus-Numerierung). 

1 50 Paul Nicolajewitsch Miljukow, 1859-1943, russischer Historiker und liberaler Politi- 
ker; leitete nach dem Sturz des Zarentums von Marz bis Mai 1917 das Aufienministe- 
rium der provisorischen Regierung. 

Alexander F. Kerenski, 1881-1970; trat 1917andie Spitze einerneuen sozialrevolutio- 
naren Regierung. Diese wurde jedoch nach der mifigliickten Sommeroffensive gegen 
die Mittelmachte, welche die vollige Auflosung der russischen Front zur Folge hatte, 
im November durch die von Lenin und Trotzki gefiihrten Bolschewiki gestiirzt. 

163 anklingendan die Klopstocksche «Gelehrtenrepublik»: In seiner Schrift «Gelehrtenre- 
publik» vom Jahre 1774 vertrat Klopstock im Bilde eines Druidenstaates die Idee einer 
Vereinigung aller deutschen Schriftsteller, deren «Gesetzbuch» in einer von Klop- 
stock entwickelten Poetik bestehen sollte. 

169 Wichard von M Ollendorff, 1881-1937; Unterstaatssekretar im Reichswirtschaftsamt. 
Er entwickelte den Plan einer nationalen Gemeinwirtschaft, der ]edoch von der 
Nationalversammlung abgelehnt wurde. Seine Ideen legte er nieder in: «Konservati- 
ver Sozialismus», gesammelte Aufsatze aus den Jahren 1913-1922, Hamburg 1932. 

171 Und wer, wie ich, gewirkt bat in einer Arbeiter-Bildungsschule: Rudolf Steiner lehrte 
von 1899-1904 an der von dem Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht (1826-1900) 
begrundeten Arbeiterbildungsschule in Berlin (ab 1902 auch in Spandau) Geschichte, 



Redekunst und Naturwissenschaften. Siehe auch: Rudolf Steiner, «Mein Lebens- 
gang», Kap. XXVIII, GA Bibl.-Nr. 28; «Briefe II- 1892-1902*, Dornach 1953, S. 30; 
Johanna Miicke/Alwin Rudolph, «Erinnerungen an Rudolf Steiner und seine Wirk- 
samkeit an der Arbeiterbildungsschule in Berlin 1 899-1 904», Basel 1979; «Beitrage 
zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», Heft Nr. 36, Dornach 1971/72, S. 21/22. 

173 da hielt ich vor einem kleineren Kreis in Wien . . . eine Reihe von Vortrdgen: Vgl. 
Rudolf Steiner, «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer 
Geburt», GA Bibl.-Nr. 153. Im 6. Vortrag spricht er tiber die soziale Krebskrankheit: 
«Es wird also heute fur den Markt ohne Riicksicht auf den Konsum produziert, nicht 
im Sinne dessen, was in meinem Aufsatz <Geisteswissenschaft und soziale Frage> [in: 
<Luzifer- Gnosis 1903— 1908>. S. 191; Anm. d. Herausg.] ausgefuhrt worden ist, 
sondern man stapelt in den Lagerhausern und durch die Geldmarkte alles zusammen, 
was produziert wird, und dann wartet man, wieviel gekauf t wird. Diese Tendenz wird 
immer grofier werden, bis sie sich ... in sich selber vernichten wird. Es entsteht 
dadurch, dafi diese Art von Produktion im sozialen Leben eintritt, im sozialen 
Zusammenhang der Menschen auf der Erde genau dasselbe, was im Organismus 
entsteht, wenn so ein Karzinom entsteht. Ganz genau dasselbe, eine Krebsbildung, 
eine Karzinombildung, Kulturkrebs, Kulturkarzinom! So eine Krebsbildung schaut 
derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt; er schaut, wie iiberall furchtbare 
Anlagen zu sozialen Geschwiirbildungen aufsprossen. Das ist die grofk Kultursorge, 
die auftritt fur den, der das Dasein durchschaut. Das ist das Furchtbare, was so 
bedriickend wirkt, und was selbst dann, wenn man sonst alien Enthusiasmus fur 
Geisteswissenschaft unterdriicken konnte, wenn man unterdriicken konnte das, was 
den Mund offnen kann fiir die Geisteswissenschaft, einen dahin bringt, das Heilmittel 
der Welt gleichsam entgegenzuschreien fiir das, was so stark schon im Anzug ist und 
was immer starker und starker werden wird. Was auf seinem Felde in dem Verbreiten 
geistiger Wahrheiten in einer Sphare sein mufi, die wie die Natur schafft, das wird zur 
Krebsbildung, wenn es in der geschilderten Weise in die Kultur eintritt. » 

180 Zentrums-Partei: Im Jahre 1870 auf Anregung von Peter Reichensperger als katholi- 
sche Partei gegriindet, bildete sich die Opposition gegen die kleindeutsch-preufiische 
Reichsgriindung. Nach 1914 gab sie sich den Namen «Deutsche Zentrumspartei». 
Wahrend des Ersten Weltkrieges verband sie sich unter dem Einflufi Erzbergers mit 
den «Fortschrittlern» und Sozialdemokraten zur Reichstagsmehrheit der Friedensre- 
solution (1917). 

182 es ist das Wort «Ideologie»: Zum Verhaltnis Ideologic - materialistische Weltan- 
schauung vgl. Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte der sozialen Frage», GA Bibl.-Nr. 23, 
S. 44 ff. 

183 die Schilderung von Herman Grimm: Vgl. «Goethe», Vorlesungen, gehalten an der 
Koniglichen Universtitat in Berlin; erschienen in zwei Banden 1877, 8. Auflage 
Stuttgart und Berlin 1903; hier: 2. Band, 23. Vorlesung, S. 171. Wortlich heifit es dort: 
«Langst hatte, in seinen Jugendzeiten schon, die grofie Laplace- Kantsche Phantasie 
von der Entstehung und dem einstigen Untergange der Erdkugel Platz gegriffen. Aus 
dem in sich rotierenden Weltnebel - die Kinder bringen es bereits aus der Schule mit- 
formt sich der zentrale Gastropfen, aus dem hernach die Welt wird, und macht, als 
erstarrende Kugel, in unfafibaren Zeitraumen alle Phasen, die Episode der Bewoh- 
nung durch das Menschengeschlecht mit einbegriffen, durch, um endlich als ausge- 
brannte Schlacke in die Sonne zuriickzustiirzen: ein langer, aber dem heutigen 
Publikum vollig begreiflicher Prozefi, fiir dessen Zustandkomme es nun weiter keines 



aufieren Eingreifens mehr bediirfe, als die Bemiihung irgendeiner aufienstehenden 
Kraft, die Sonne in gleicher Heiztemperatur zu erhalten. 

Es kann keine fruchtlosere Perspektive fur die Zukunft gedacht werden als die, 
welche uns in dieser Erwartung als wissenschaftlich notwendig heute aufgedrangt 
werden soil. Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte, 
ware ein erfrischendes appetitliches Stuck im Vergleiche zu diesem letzten Schop- 
fungsexkrement, als welches unsere Erde schliefilich der Sonne wieder anheimfiele, 
und es ist die Wifibegier, mit der unsere Generation dergleichen aufnimmt und zu 
gkuben vermeint, ein Zeichen kranker Phantasie, die als ein historisches Zeit- 
phanomen zu erklaren die Gelehrten zukiinftiger Epochen einmal viel Scharfsinn auf- 
wenden werden. 

Niemals hat Goethe solchen Trostlosigkeiten Einlafi gewahrt.» 

183 Kant-Laplacesche Idee: Sie ist hervorgegangen aus Kants «Nebularhypothese» in 
seiner «Naturgeschichte und Theorie des Himmels» (1755), wonach sich die Erde aus 
einem Urnebel heraus gebildet hat und - unabhangig von Kant (und in vielem 
abweichend) - aus den Theorien in «Exposition du systeme du monde» (1796) von 
dem Mathematiker und Astronom Laplace. 

Johannes Scherr: Siehe Hinweis zu S. 93. 

1 84 Sie konnen das in meinem Buche nachlesen: Vgl. Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte der 
sozialen Frage», GA Bibl.-Nr. 23, Dornach 1976, S. 8 ff. und S. 80 ff. 

185 einen padagogischen Kursus gehalten: Siehe Hinweis zu S. 120. 

1 86 zum Beispiel 1907: Gemeint ist hier die Wirtschaftskrise in Amerika. In dem Buch 
«Volkswirtschaftslehre» (4. Aufl., Leipzig 1918) von Carl Jentsch, das sich in Rudolf 
Steiners Bibliothek befindet und zahlreiche Anstreichungen von ihm aufweist, heifit 
es hierzu auf S. 189: «Die amerikanische Krisis von 1907, die in den Vereinigten 
Staaten hunderttausende von Arbeitern aufs Pflaster warf, hat zwar, weil Amerika aus 
England und Deutschland viel Gold an sich zog, in Europa Goldknappheit, aber bei 
uns wenigstens keine Absatzstockung, keine Arbeitslosigkeit zu Folge gehabt.» 

diese charakteristischen Erscheinungen: Rudolf Steiner schildert nun den Kauf und 
Verkauf von Wertpapieren durch eine grofie Finanzgruppe in Amerika. Vermutlich 
handelt es sich um das Finanzimperium J. P. Morgan & Co.. An dieser Stelle des 
Vortrages weist die stenographische Mitschrift erhebliche Ungenauigkeiten auf, so 
dafi eine exakte Wiedergabe des Wortlautes nicht moglich ist. Um Mifiverstandnisse 
zu vermeiden, wurde die entsprechende Passage aus dem laufenden Vortragstext 
herausgenommen. Der liickenhafte Text lautet in der wortlichen Ubertragung des 
vorliegenden Stenogrammtextes wie folgt: «Diese charakteristischen Erscheinungen 
sind zum Beispiel die gewesen, dafi eine gewisse Finanzgruppe in Amerika dazumal 
Papiere zusammengekauft hat, dann, nachdem sie eine gewisse Sorte von Papieren 
zusammengekauft hatte, Anweisungen herausgaben, um diese Papiere weiter zu 
kauf en. Nun batten europaische Firmen diese Papiere; nicht wahr, es war ein grofies 
Angebot auf diese Papiere da. So verlockte, sie zu verkaufen. Man machte Geschafte 
im Spiegelbild, wie man sagt. Man verkaufte diese und suchte sie nachtraglich zu 
bekommen. Aber alle hatten die Amerikaner. Sie waren nur durch sie selbst zu 
beziehen. So beherrschte eine einzelne Finma das Industriewesen iiber ein grofies 
Territorium heriiber. Eines Tages sperrten sie das Ganze una sagten: Wegen Mangel 
am Geldmarkt gibt sie keine weiteren Papiere mehr heraus. Nun konnen Sie sich 
denken, wie der Diskont gewachsen ist. » 



191 in einem Blatte, das in Basel erscheint: Vgl. «Basler Nachrichten» vom 2. April 1920, 
76. Jg., Nr. 142. Es handelt sich um einen «Brief aus Hamburg, den ein freundlicher 
Leser zur Verfugung stellt» (anonym). 

192 Diese beiden praktischen Herren: Einer von ihnen ist Gottlieb von Jagow 
(1863-1935), der von 1913 bis 1916 Staatssekretar im Auswartigen Atnt und von 1914 
an preufiischer Staatsminister war. Uber die «freundnachbarlichen Beziehungen» 
berichtet ausfiihrlich Th. von Bethmann Hollweg in seinen «Betrachtungen zum 
Weltkriege», Teil 1, Berlin 1919, S. 62. Siehe auch Gottlieb von Jagow «Ursachen und 
Ausbruch des Weltkrieges», Berlin 1919. 

1 93 Soziale Zukunft: Monatsschrift, herausgegeben vom «Schweizer Bund fur Dreigliede- 
rung des sozialen Organismus», unter der Schriftleitung von Roman Boos; 1.-4. Heft 
Zurich 1919; 5.-7. Heft Dornach 1920, 8.-10. Heft Stuttgart 1921. 

Dem Vortrag schlofi sich folgendes Schlnftwort des Veranstalters an: 

Meine Damen und Herrn! Ich bitte Sie noch, sich einen Augenblick zu gedulden. 
Wir konnen vom Staatsbiirgerkurs aus danken Herrn Dr. Steiner, aber meine Damen 
und Herren, so darf es nicht sein, dafi man es bewenden lafit mit dem heutigen 
Vortrag. Der Staatsbiirgerkurs ist nicht fertig; nach dem heutigen Vortrage erst recht 
nicht fertig. Wir miissen nun hinausgehen, und das, was wir hier so schon und so tief 
begriindet haben sagen horen, iiberdenken, uberarbeiten, mit heimnehmen, miissen 
nachlesen, was uns anempfohlen worden ist. Und dann hort der Staatsbiirgerkurs 
iiberhaupt nie auf ! Und das ist sein Zweck, wenn Sie hier Anregungen bekommen 
haben, die Sie forttragen, hinaustragen ins tagliche Leben, in die Welt. Nun zu Herrn 
Dr. Steiners Worten. Ich wei$ nicht, ob Sie ihn alle verstanden haben, ob alle bis auf 
den Grund seines reifen Gedankenganges gekommen sind, ich weifi nicht. Ich habe so 
das Gefiihl: Er ist uns alien um ein halbes oder ein ganzes Jahrhundert voraus. Er kann 
uns Fuhrer, Leiter sein, nicht Verfuhrer, denn er meint es mit der Menschheit gut. Das 
haben Sie alles aus seinen Worten herausholen konnen: Er will das Beste der 
Menschheit, und das danken wir ihm. 

Meine Damen und Herren, als ich letzte Woche von . . . daher fuhr, sagte mir 
jemand- wir kamen auch auf das Goetheanum zu sprechen- ja, der Geistesgasometer! 
Das Wort ist typisch! Gasometer, Gas, Auftrieb. - Der Geistesgasometer will die 
Menschheit inspirieren, emporheben aus dem Sumpf des Alltags, der taglichen 
Kummernisse und Sorgen. Lassen wir diesem Bau diesen Namen, denn hier soil 
emporgetrieben werden, soli zu hoheren Gedankenformen begeistert werden. Und 
das hat uns Herr Dr. Steiner heute gelehrt. Ich sage ihm herzlichen Dank. 

Und noch etwas. Wahrscheinlich wissen es manche, aber nicht alle: Der 10. 
Staatsbiirgerkurs schliefit also aufierlich aber nicht innerlich, damit die Kursleiter-Ta- 
tigkeit iiberhaupt, ab. Wir hatten viele freudige Stunden in diesem Winter und viele 
gliickliche Stunden, in denen wir lernen konnten, und am meisten hat wohl der 
Sprecher in diesem Staatsbiirgerkursus gelernt. Meinen Dank also all denen, die 
geholfen haben, sei es durch Finanzmittel, durch Vortrage, sei es den Sangerinnen, 
und den andern, alien herzlichen Dank. 

194 Aktiengesellschaft: Am 13. Marz 1920 wurde in Stuttgart, inspiriert vom Dreigliede- 
rungsgedanken, das Unternehmen «Der Kommende Tag. Aktiengesellschaft zur 
Forderung wirtschaftlicher und geistiger Werte» gegriindet. Vorsitzender des Auf- 
sichtsrates war bis 1923 Rudolf Steiner. Das Unternehmen, dem laut Geschaftsbericht 
von 1921 die Absicht zugrunde lag, «einen Keim zu einem neuen, auf assoziativer 



Grundlage sich entwickelnden Wirtschaftsleben zu bilden», muftte infolge der allge- 
meinen Wirtschaftskrise (Inflation) Jiquidiert werden. In der Schweiz wurde auf 
derselben ideellen Grundlage am 16. Juni 1920 die «Futurum AG, Okonomische 
Gesellschaft zur internationalen Forderung wirtschaftlicher und geistiger Werte» 
gegriindet. Bis Marz 1922 war Rudolf Steiner President des Verwaltungsrates. Infolge 
der Wirtschaftskrise mufke auch dieses Unternehmen 1924 liquidiert werden. Siehe 
auch: Rudolf Steiner, «Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Ge- 
sellschaft und der Freien Hochschule fur Geisteswissenschaft», GA Bibl.-Nr. 260a 
Dornach 1966, S. 441/2, 472-474, 515 ff., 573 ff., 719 f. Siehe auch: Emil Leinhas, «Die 
Idee des <Kommenden Tages»>, Stuttgart 1921, und Hans Kuhn, «Dreigliederungs- 
zeit. Rudolf Steiners Kampf fur die Gesellschaftsordnung der Zukunft», Dornach 
1978, S. 101 ff. 

1 96 Freibandelsbewegung: Sie vertrat den unbeschrankten zwischenstaatlichen Giiteraus- 
tausch und richtete sich gegen Aufsenhandelsbeschrankungen wie Schutzzolle, Ein- 
und Ausfuhrbeschrankungen. Theoretisch entwickelt wurde die Freihandelslehre von 
den englischen Klassikern der Nationalokonomie, vor allem von David Ricardo. In 
Deutschland wurde der Freihandel durch den «Freihandelsverein» (1858) und den 
«Deutschen Handelstag» (1861) gefordert. Im Zolltarif von 1879 siegte endgultig der 
Schutzzollgedanke . 

199 Lebreran einer Arbeiter-Bildungsschule: Siehe Hinweis zu S. 171. 

204 John Maynard Keynes: Siehe Hinweis zu 80. 

205 hat ein deutscher General die Worte gepragt: Gemeint ist Karl von Clausewitz 
(1780-1831); preuftischer General und Militarschriftsteller. Das von Rudolf Steiner 
angefiihrte Zitat ist aus der Schrift «Vom Kriege. Erstes Buch: Uber die Natur des 
Krieges», Berlin 1832, S. 16. Wortlich heiflt es dort: «Der Krieg ist eine blofse 
Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.» 

206 Ein englischer okonomischer Zeitungsmann: Vermutlich handelt es sich um den 
englischen Finanztheoretiker Hartley Withers, aus dessen Schrift «The meaning of 
money», deutsch: «Geld und Kredit in England*, Jena 1911, Rudolf Steiner ofters 
zitiert. In seinem fur die Zeitschrift «Soziale Zukunft» verfafiten Aufsatz vom Januar 
1 920 unter dem Thema «Dreigliederung und soziales Vertrauen - Kapital und Kredit» 
heifit es: «Es ist von verschiedenen Seiten, zum Beispiel von dem englischen Finanz- 
theoretiker Hartley Withers (in seinen Ausfuhrungen iiber <Money and Credit>), 
gesagt worden, dafi alle Fragen, die das Geld betreffen, so verwickelt seien, dafs ihre 
scharfe Fassung in bestimmte Gedanken aufserordentlichen Schwierigkeiten be- 
gegne.» Der Aufsatz befindet sich innerhalb der Gesamtausgabe in dem Band «Auf- 
satze iiber die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915-1921 »> 
GA Bibl.-Nr. 24. 

212 Waldorfscbnle . . . padagogiscber Kursus: Siehe Hinweis zu S. 114 und S. 120. 

214 Assoziationen: Siehe auch den Vortrag vom 17. Marz m diesem Band. Vgl. Rudolf 
Steiner, «National6konomischer Kurs», GA Bibl.-Nr. 340, besonders 5., 6., 10. und 
12. Vortrag. 



219 Ich babe das genauer ausgefiihrt: Vgl. Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte der sozialen 
Frage», GA Bibl.-Nr. 23, Kap. HI, «Kapitalismus und soziale Ideen». 



221 Plato: Siehe Hinweis zu S. 144. 



222 Cafe Griensteidl: Das beruhmte Wiener Cafe (Ecke Herren- und Schaufergasse) 
wurde im Jahre 1847 eroffnet und 1897 geschlossen. Hier hat Rudolf Steiner - nach 
einer personlichen Aufierung - seine «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der 
Goetheschen Weltanschauung*, GA Bibl.-Nr. 2, geschrieben. Siehe auch: Rudolf 
Steiner, «Aus dem mitteleuropaischen Geistesleben», GA Bibl.-Nr. 65, Dornach 
1962, S. 330. 

223 Karl Kraus, 1874—1936; er veroffentlichte nach dem Abrifi des beriihmten Cafe 
Griensteidl im Januarheft 1897 der «Wiener Rundschau* unter dem Titel «Die 
demolierte Literatur» eine Satire auf das damalige literarische Jung-Wien; noch im 
gleichen Jahr erschien der Artikel als Broschiire. 

Goethe . . . in seinem Gedichte: Rudolf Steiner zitiert hier die erste Zeile des Gedichtes 
«Eins wie's andere», in: 4. Band der Sophienausgabe, Weimar 1891, S. 150. 

Gustav Theodor Fechner, 1801-1887; Naturwissenschafter und Philosoph. Unter 
dem Namen Dr. Mises verfafite er mehrere satirische Schriften, u.a. den «Beweis, dafi 
der Mond aus Jodine bestehe», Leipzig 1832. 

224 in der Stuttgarter Dreigliedemngszeitung: Wochenschrift «Dreigliederung des sozia- 
len Organismus», herausgegeben vom «Bund fur Dreigliederung des sozialen Orga- 
nismus». Sie erschien zunachst in drei Jahrgangen von Juli 1919 bis Juni 1922 unter der 
Schriftleitung von Ernst Uehli. Ab Juli 1922 erschien sie unter dem Namen «Anthro- 
posophie, Wochenschrift fur freies Geistesleben, friiher Dreigliederung des sozialen 
Organismus». Im April 1923 iibernahm die Schriftleitung Jiirgen von Grone, im Juli 
1923 Dr. Kurt Piper. Ab August 1923 zeichnete der Vorstand der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft in Deutschland als Herausgeber. Im Jahre 1924 erfolgte erneut eine 
Namensanderung. Die Zeitschrift hiefi nun »Anthroposophie und Das Goetheanum — 
Wochenschrift fur freies Geistesleben». Im Juli 1924 wurde nochmals eine Namensan- 
derung vorgenommen in «Anthroposophie. Wochenschrift fiir freies Geistesleben». 
Im Oktober 1931 wird die Zeitschrift vereinigt mit der Zeitschrift «Die Drei» und 
erscheint nun als Monatsschrift unter dem Titel «Anthroposophie. Monatsschrift fiir 
Freies Geistesleben». Samtliche in der Wochenschrift « Dreigliederung des sozialen 
Organismus» von Rudolf Steiner veroffentlichten Aufsatze sind enthalten in dem 
Band «Aufsatze uber die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 
1915-1921 », GA Bibl.-Nr. 24. 

226 «Aktiengesellscbaft zur Fordemng wirtschaftlicher und geistiger Werte»: Siehe Hin- 
weis zu S. 194. 

227 Monometallismus: Wahrungssystem, bei dem im Unterschied zum Bimetallismus die 
Geldeinheit nur an ein Metall (Gold oder Silber) gebunden ist. 

Freibandel: Siehe Hinweis zu S. 196. 

229 Mysterienspiele: Vgl. Rudolf Steiner, «Vier Mysteriendramen» (1910-13), GA Bibl.- 
Nr. 14, und «Entwurfe, Fragmente und Paralipomena zu den vier Mysteriendramen», 
GA Bibl.-Nr. 44. 

233 in den Schriften: Siehe Hinweis zu S. 25. 



242 ein Kursus vorArzten: Vom 21. Marz bis 9. April 1920 hielt Rudolf Stein er zwanzig 
Vortrage vor Arzten und Medizinstudierenden. Siehe «Geisteswissenschaft und 
Medizin», GA Bibl.-Nr. 312. 

245 wo ich einer kleinen Gesellschaft in Wien: Siehe Hinweis zu S. 173. 

252 Herman Grimm in seinem Goethe-Buch: Siehe Hinweis zu S. 183. 

253 Friedrich von Hellwald, 1842-1892; Kulturhistoriker. Er schrieb u. a. «Kulturge- 
schichte in ihrer natiirlichen Entwicklung bis zur Gegenwart», Augsburg 1875. 

255 Eine Dame schrieb an . , . Moleschott: Siehe hierzu «Philosophische Zeitfragen», von 
Jiirgen Bona Meyer, Bonn 1874, Kap. 9, «Das Gewissen und die sittliche Weltord- 
nung», S. 323 ff.; dort heifit es: «Eine Dame, Mathilde Reichardt, die im Jahre 1856 in 
Briefen an Moleschott ein Buch iiber Wissenschaft und Sittenlehre herausgab, hat sich 
unstreitig das wenig beneidenswerte Vorrecht erworben, unter denen, welche alle 
sittlichen Begriffe auf den Kopf stellen, in erster Linie und an erster Stelle genannt zu 
werden. Nach der Meinung dieser Dame hat die Sittenlehre nur darnach zu fragen, ob 
eine Menschennatur die in sie gelegten Elemente harmonisch entwickelt. Die Natur 
aber - meint sie - spreche durch jeden Menschen einen anderen Willen aus. Sie stehet 
daher nicht an zu behaupten, <dafi, so es Menschen gibt, denen eine Neigung, ein 
vorherrschender Trieb zum Betriigen und zum Stehlen innewohnt, diese Menschen 
nur als Betriiger, nur als Diebe durch und durch sittliche Menschen sein konnen>. - 
<Auch der zum Diebe geborene Mensch brachte wie jeder andere das Recht mit sich ins 
Leben, seine Natur zu vollenden und allseitig zu entwickeln und kann nur auf diese 
Weise eine kraftvolle, eine sittliche Natur sein. Und wie der Dieb, so jeder andere 
Lasterhafte, so auch der zum Morder Geborene. »> 

Der wortliche Inhalt dieses Briefes findet sich bei Moritz Carriere in: «Die sittliche 
Weltordnung», Leipzig 1877, 1. Kap. Die mechanische Naturordnung und die 
Materialisten, S. 24. 

Jakob Moleschott, 1822-1893; Physiologe. Hauptwerk: «Der Kreislauf des Lebens», 
o.J. 

276 Rabindranath Tagore, 1861-1945, indischer Dichter, Philosoph und Freiheitskamp- 
fer; Hauptwerk: «Nationalismus», deutsch von H. Meyer-Franck, Leipzig o.J. 

277 Ich habe hier schon einmal erwdhnt: Siehe den Vortrag vom 6. Januar 1920, S. 35 in 
diesem Band, und Hinweis zu S. 51. 

283 Publics Cornelius Tacitus, um 55-120, romischer Geschichtsschreiber; er verfafite 
u.a. «De origine, situ, moribus ac populis Germanorum». 

Laokoon-Gruppe: Marmorplastik, die den Tod Laokoons und seiner Sonne darstellt; 
entstanden um 50/25 v. Chr. 

284 Aristotelcs, 384-322 v. Chr.; wortlich heifk es in seiner «Nikomachischen Ethik» in 
der Ubersetzung von J. Rieckher, Stuttgart 1856, S. 47: «. . . die Selbstbeherrschung 
und der Mut gehen am Zuviel und am Zuwenig zugrunde, erhalten aber werden sie 
durch das Rechte Ma£.» S. 54 heifk es: «So meidet nun jeder Kundige das Zuviel und 
das Zuwenig, die Mitte dagegen sucht und wahlt er, aber nicht die Mitte in bezug auf 
den Gegenstand, sondern die m bezug auf sich selbst.» 

284 das Buch Goethes iiber Winckelmann: Siehe Hinweis zu S. 128. 



285 Undwenn Schiller jenen Brief. . . an Goethe schrieb: Siehe Schillers Brief an Goethe 
vom 23. August 1794, in: «Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in den Jahren 
1794— 1805», Stuttgart und Tubingen, Cottasche Buchhandlung 1828, S. 13 ff. Wort- 
lich heifit es dort: «Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Feme, dem Gang 
Ihres Geistes zugesehen, und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer 
erneuter Bewunderung bemerkt. Sie suchen das Nothwendige der Natur, aber Sie 
suchen es auf dem schwersten Wege, vor welchem jede schwachere Kraft sich wohl 
hiiten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, ura iiber das Einzelne Licht zu 
bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erkiarungsgrad fur 
das Individuum auf. . . Eine grofie und wahrhaft heldenmafiige Idee, die zur Geniige 
zeigt, wie sehr Ihr Geist das reiche Ganze seiner Vorstellungen in einer schonen 
Einheit zusammenhalt. . . Waren Sie als ein Grieche, ja nur als ein Italiener geboren 
worden, und hatte schon von der Wiege an eine auserlesene Natur und eine idealisi- 
rende Kunst Sie umgeben, so ware Ihr Weg unendlich verkiirzt, vielleicht ganz 
iiberflussig gemacht worden. » 

288 Darwinismus: Begriff fur die Entwicklungslehre des englischen Forschers Charles 
Darwin (1 809-1 882), die gleich einer neuen Religion das Bild der modernen Naturwis- 
senschaft pragte. Hauptwerk: «Die Entstehung der Arten durch naturliche Zuchtwahl 
oder die Erhaltung der bevorzugten Rassen im Kampfe urns Dasein» (1859), aus dem 
Englischen von David Haek. Univ.-Bibl. Leipzig o.J. 

293 Ethischer Individualismus: In seiner im Jahre 1894 erschienenen Schrift «Die Philoso- 
phic der Freiheit. Grundziige einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobach- 
tungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode», GA Bibl.-Nr. 4, entwickelt 
Rudolf Steiner ein dem Kantschen Sittlichkeitsprinzip (Kategorischer Imperativ) 
entgegengesetztes. Im Kapitel IX heifit es u.a.: «. . . Die Menschen sind dem 
Intuitionsvermogen nach verschieden. . . Wie ein Mensch handelt, wird also abhangen 
von der Art, wie sein Intuitionsvermogen einer bestimmten Situation gegeniiber 
wirkt. Die Summe der in uns wirksamen Ideen, den realen Inhalt unserer Intuitionen, 
macht das aus, was bei aller Allgemeinheit der Ideenwelt in jedem Menschen 
individuell geartet ist. Insofern dieser intuitive Inhalt auf das Handeln geht, ist er der 
Sittlichkeitsgehalt des Individuums. Das Auslebenlassen dieses Gehalts ist die hochste 
moralische Triebfeder und zugleich das hochste Motiv dessen, der einsieht, daft alle 
anderen Moralprinzipien sich letzten Endes in diesem Gehalte vereinigen. Man kann 
diesen Standpunkt den ethischen Individualismus nennen». 

Ich habe Ihnen gestern: Siehe Vortrag vom 5. Mai, S. 251, und den entsprechenden 
Hinweis zu S. 255.